O. P. ZIER über Ludwig Laher
Laudatio im Rahmen der Preisverleihung BUCH.PREIS 2001


"Will er also wirklich ernsthaft nach Salzburg übersiedeln", heißt es da in Ludwig Lahers Buch, in dem er dem Leben von Mozarts Sohn nachspürt, "als Kapellmeister ins oberösterreichische Salzburg zu gehen?"
Ludwig Laher, 1955 in Linz geboren, übersiedelte nach dem Schulbesuch 1974 in das mittlerweile auf neue Weise zu einem oberösterreichisch gewordenen Salzburg. Wie zahllose andere Oberösterreicher und Oberösterreicherinnen auch, die in der Mozartstadt studieren und im Bundesland Salzburg dann nicht Kapellmeister, sondern politische Dirigenten werden, also Landeshauptmann oder Landeshauptmannstellvertreterin.
Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und der Klassischen Philologie unterrichtet Laher lange Zeit als Lehrer an einer AHS, hat Lehraufträge an der Universität in Salzburg. Und er beginnt eine vielfältige, medien- und sprachenübergreifende literarisch-publizistische Tätigkeit. Unter dem Titel "Im Windschatten der Geschichte" hat er später eine Reihe dieser lesenswerten Arbeiten in Buchform gesammelt. Parallel dazu beweist er auch stets ein waches politisches und kulturpolitisches Bewußtsein, engagiert sich in berufspolitischen Belangen für und mit Autorinnen und Autoren.
Und er weiß eben diese Fähigkeit, politische Zusammenhänge auch dort zu erkennen, wo sie nicht offenkundig ins Auge springen bzw. sie zu benennen, wo man mit Schweigsamkeit bekanntlich besser fährt, für seine literarischen Arbeiten fruchtbar zu nutzen. Denn auch wer die Fährte von "Wolfgang Amadeus junior", Mozarts Sohn, aufnimmt, muß darin die politische Situtation der Restauration mit zu lesen verstehen, soll das (Lebens)Bild, das er gibt, die nötige Tiefenschärfe erhalten.

Im ersten, schmalen Band seiner dann mit Mozarts Sohn fortgesetzten und mit einem Buch über Ferdinand Sauter zu beenden geplanten Trilogie über heute nur noch wenig bekannte Künstlerpersönlichkeiten des frühen 19. Jahrhunderts, in diesem ersten Band mit dem Titel "Selbstakt vor der Staffelei" geht Laher dem Wenigen nach, was von dem 1845 verstorbenen Hamburger Maler Victor Emil Janssen geblieben ist. Er tut dies mit einem Nachdenken über Janssen und einigen seiner Zeitgenossen. Und es ist auch ein Nachdenken über das Selbstporträt und die Sicht auf sich selbst. Folgerichtig bietet Ludwig Laher auch kleine Einschübe in Form von Rückblicken auf seine eigene Lebensgeschichte. Am Schluß kommt der Autor noch einmal auf sich selbst zu sprechen. Und er läßt in dieses kleine persönliche Resümee sozusagen auch eine programmatische Unterströmung einfließen: "Die wiklichen Verhältnisse, sie sollen, sie müssen verschleiert werden vor uns, weiß ich als junger Mann. Ich wähle aus dem breiten Angebot von Antworten auf meine Fragen und von Antworten auf Fragen anderer, von Antworten auf Fragen, die nie gestellt worden sind, und von Lügen, die sich als Antworten auf Fragen ausgeben. Alle Informationen parat haben und keinen wirklichen Schritt weiterkommen. Ich weiß nun, Antworten allein helfen nicht, Schleier zu lüften, ich lehne mich häufiger zurück, schaue dafür genau. Und immer wieder, wird mir bewußt, steht da etwas für sich, erstaunt und lädt ein zum Weiterspinnen, nicht zum Beantworten."
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Erzählung lebt Ludwig Laher wieder in Oberösterreich. 1993 ist er ins salzburgnahe St. Pantaleon übersiedelt. Und er ist damit an den Schauplatz jenes Buches gezogen, von dem Sie bis jetzt noch nicht gewußt haben, daß es uns hier und heute zusammengeführt hat.

In Ludwig Lahers Lyrikband "unerhörte gedichte" findet sich ein "Epitaph" übertitelter epigrammatischer Text, und der lautet so: "Nie mehr / wieder / wie / nie je / zuvor". Mit ihm lassen sich sowohl die Intention als auch das Thema jener Arbeit auf knappste Weise literarisch umschreiben, die heute ausgezeichnet werden soll.
"Herzfleischentartung" heißt das Werk.
"Herzfleischentartung", ein Wortungetüm, in dessen Monstrosität sich schon offengelegt findet, was sein damaliger Erfinder an gleichermaßen absurder wie abstoßender Brutalität damit einerseits wohl zu verhüllen vermeinte, während er andererseits gleichzeitig mit ihm seine rückhaltlose Zustimmung zum Wahnwitz der herrschenden Ideologie gewiß auf das treffendste ausgedrückt fand.
Der Klappentext umreißt die Geschichte so:
"Im Jahr 1940 errichtet die SA im Innviertler Dorf St. Pantaleon ein ‘Arbeitserziehungslager’ und nach dessen überhasteter Schließung 1941 ein ‘Zigeuneranhaltelager’. Hunderte willkürlich Inhaftierte werden dort gequält, etliche umgebracht. Lagerarzt ist der dazu genötigte Gemeindedoktor. Lange Zeit konstatiert er irgendwelche harmlose Todesursachen (die ‘Herzfleischentartung’ bei einer Zigeunerin ist allerdings nicht seine Erfindung). Eines Tages schaltet er die Staatsanwaltschaft ein.
Die Aktenbestände der damit ausgelösten Untersuchung - den Prozeß hat schließlich der Führer höchstpersönlich niedergeschlagen - sind erhalten. Sie waren für Ludwig Laher die Grundlage seiner literarischen Arbeit."
Und der virtuose literarische Umgang mit dem Aktenmaterial, den Ludwig Laher in diesem Text beweist, ist bestechend.

Wo nun wird die - keineswegs gering zu schätzende - Arbeit des Historikers zur literarischen Leistung? Wo ist, im Umgang mit dem toten bürokratischen Material, um im Bild zu bleiben, der künstlerische Zugewinn zu verbuchen?
Dort, wo der Aktenfund vom Relikt der Bürokratie zurückgeführt wird auf jene lebendigen Menschen, welche die Vorgänge einstmals ausgelöst haben. Dort also, wo das genuin Schöpferische der schriftstellerischen Arbeit des Sich-Einfühlens, der Anverwandlung auch, zum Tragen kommt. Wo die künstlerische Imagination, in Verbindung mit politischer Wachheit im Denken, erst den Blick in die banalen menschlichen Abgründe erschließt. Weil sie es ermöglicht, die Verstecke aufzusuchen, die sich Täter (er)finden, um nicht zuletzt auch den Regungen des eigenen Gewissens, den Restbeständen der menschlichen Fähigkeit, mit dem Gequälten mit zu leiden, zu entkommen, und sei es nur als Flucht vor dem Reflex, sich einen Moment lang selber im Gefolterten zu sehen, und nicht nur ausschließlich Folterer zu sein.
Es ist das gedanken- und bedenkenlose Agieren im Schutz der bequemen vorgeblichen Rechtmäßigkeit inmitten des schreienden Unrechts, das dem Wahnwitz ermöglicht, die Akzeptanz des Alltäglichen zu erlangen. Mechanismen, die später erneut wirksam werden, wenn es für die Täter darum geht, möglichst wenig von den Folgen ihrer Untaten behelligt zu werden. Und auch hier, wie so oft, sind es immer wiederkehrende negative menschliche Eigenschaften wie Berechnung, Neid, Haß, Lüge, Gewinnsucht, Eitelkeit, Machtgier usw., aus denen seit Menschengedenken schon so viele Katastrophen unterschiedlichen Ausmaßes ihre Triebkraft bezogen.

Naheliegendes vermag verblüffende Wirkung zu entfalten: Ludwig Lahers Einfall beispielsweise, den Zynismus, ein Lager als ‘Arbeitserziehungslager’ zu bezeichnen, beim Wort zu nehmen und die Folterknechte somit konsequent als Erzieher zu titulieren - wie viel des Irrsinns offenbart sich allein über diese Idee. Auch wenn das Verfahren das Risiko birgt, bei oberflächlicher Beschäftigung mit dem Text Gefahr zu laufen, die Opfer von damals sozusagen postum noch einmal vom Zynismus der Täter überschattet zu wähnen, wenn Laher sich diesen Täter-Zynismus als Stilmittel seiner Darstellung streckenweise zu eigen macht.
Nicht nur unausweichliche Analogien zum heutigen Österreich, in dem Parteipolitiker bekanntlich wieder die "ordentliche Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches" loben - im Lager Weyer in St. Pantaleon wurde diese auch betrieben! -, bescheren dem historischen Geschehen eine bestürzende Aktualität, vor allem ist es einmal mehr der - dokumentarisch belegte - drastische Sturz der aus praktischen Gründen inthronisierten Stunde-Null-Fama von 1945. Dieser Umstand führt als Hauptschlagader mitten in das scheinbar vergangene Unrecht dieser "Herzfleischentartung", deren Pulsschlag wir noch in unserer Gegenwart fühlen können. Alle Grausamkeiten, von denen berichtet wird, erfahren nämlich ihre beklemmende Potenzierung in der Rekonstruktion des skandalösen Umgangs mit den Verbrechen und den Verbrechern bzw. ihren Opfern in der Zweiten Republik.

Der Lebenserfahrung, der Menschenkenntnis und eines scharfen politischen Verstandes bedarf es, tausende Seiten Aktenmaterials in eine aufregende literarische Form zu bringen, sprachlicher Virtuosität und ästhetischen Empfindens, um das Ergebnis künstlerisch ergiebig ausfallen zu lassen.
Es ist in höchstem Maße erfreulich, daß meine Jurykolleginnen und
-kollegen und ich in Ludwig Lahers Werk "Herzfleischentartung" all das finden durften, und dieser Fund hier und jetzt mit der Verleihung des "Buch.Preises.2001" mit Ihnen gebührend gefeiert werden kann!
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.



O.P. Zier ist Autor und Kulturkritiker in Salzburg