„Ich bin erwacht in einem Kerker, und Fesseln sind an meiner Hand.“ Die fliehende Kaiserin Sisi

Wer an Sisi denkt, denkt meist an die Idylle, die die Filme zeichnen. Sisi und ihr Franzl bei Hofe, Sisi und ihr Franzl inkognito auf einer Almhütte, Sisi, die als „Mama“ die Herzen der Italiener erobert. Die Realität sah anders aus: Elisabeth, aufgewachsen im bayerischen Landadel, war mit dem Leben bei Hofe überfordert und entzog sich immer mehr dem Volk – und wurde so zum Mythos. Jeannine Meighörners Roman „Das fliehende Herz“ erzählt von der Entstehung der berühmtesten Kunstfigur unserer Zeit.

 

 

Eine unbeschwerte Kindheit endet mit Franzl

Ein wildes Kind wächst in Possenhofen am Starnberger See auf, ein wildes Kind mit fliegenden Haaren und fröhlichem Wesen genießt – fern von Zwängen – das Leben und die Freiheit. Der Vater, Max Joseph in Bayern, genannt Herzog Max, gibt nicht viel aufs Protokoll, nimmt die Kinder mit auf Jahrmärkte und zu den Tieren in die Stallungen, und er gibt ihnen Bücher zu lesen. Sie ahnen es: Das wilde Kind ist Sisi.

Wenige Jahre später, im Alter von 16 Jahren, hält Sisi Hochzeit. Ihr Mann ist Kaiser Franz Joseph I., Herrscher über das zu dieser Zeit riesige Habsburgerreich. Die beiden haben sich in der kaiserlichen Sommerresidenz im Salzkammergut kennengelernt, wo „Franzl“ eigentlich mit Sisis Schwester Helene verlobt werden sollte – doch er verliebte sich in das unbändige Naturkind.

Mit ihrer Eheschließung beginnt für Elisabeth ein völlig anderer Lebensabschnitt: das Leben bei Hof.

 

 

Das Kreuz mit der Etikette

In die Etikette kann Sisi sich niemals völlig einfinden, auch wenn man sich alle Mühe gibt, ihr die Tugenden und Umgangsformen einer Frau des Hochadels beizubringen. Die strenge Etikette ist ihr zuwider, sie fühlt sich eingesperrt und beginnt bald, gesellschaftlichen Anlässen nach Möglichkeit fernzubleiben.

Gleichzeitig bedient sie sich verschwenderisch an den Möglichkeiten, die ihr Status ihr bietet: Sie reist viel, mit großer Entourage und ihren eigenen Kühen, lässt diverse Schlösser, die sie auf ihrem Weg kurz besucht, für teures Geld aufwändig umbauen. Ein Aufbäumen gegen den höfischen Zwang, ein Versuch, sich einem selbstbestimmten Leben anzunähern? Vermutlich. Und: Sisi macht sich zwar wenig aus Prunk – gegen Luxus hat sie aber durchaus nichts einzuwenden.

 

 

Kult um eine Kunstfigur

Das Volk verehrt die schöne Kaiserin, auch wenn sie stets fern bleibt, fliehend. Es entsteht ein Kult um diese mythisch-schöne Frau, der in Produkten wie Zigarren und Halstüchlein mit dem Konterfei der Kaiserin gipfelt . Sisi erregt eine Aufmerksamkeit, die wohl mit der Begeisterung für heutige Hollywood-Stars zu vergleichen ist.

Die traurige Kaiserin trägt stark zum Mythos um ihre Person bei, indem sie maßgeblich mitbestimmt, wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen wird: nämlich als elfenhafte junge Frau.

Sie hat gelernt, dass ihre Schönheit ein Kapital ist, und setzt alles daran, sie zu erhalten. Sie kasteit sich, verbringt selbst für eine höfische Frau überdurchschnittlich viel Zeit mit Schönheits- und Haarpflege, isst tagelang nichts, trinkt stattdessen Kuhmilch, treibt Sport. Friseurin Fanny Angerer wird zu ihrer engsten Vertrauten.

Das Volk liebt die feenhafte Gestalt, die die schönste Frau Europas sein soll, wie man sich erzählt. Es hält ihr auch dann die Treue, als man ihr Gesicht eigentlich nur noch von Werbeartikeln und alten Bildnissen kennt, weil sie sich kaum noch im Lande aufhält – und wenn sie es tut, verbirgt sie die Spuren des Alters hinter einem Fächer oder einem Schirm. So ahnt es auch kaum jemand, dass sich die Kaiserin 1888 zum Entsetzen des Kaisers einen Anker auf die Schulter tätowieren lässt.

 

 

Wer die Krone hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen

Der Hof spottet über die Kaiserin, die lieber mit ihren Pferden Zirkusnummern übt oder Gedichte von Heinrich Heine liest, als sich um die Belange des Reichs zu sorgen – und überdies raucht sie! Einzig in der Ungarn-Frage nimmt sie politischen Einfluss und trägt schließlich auch maßgeblich dazu bei, dass Ungarn und Österreich sich als Doppelmonarchie verbinden. Ein Grund mehr, sich regelmäßig in Ungarn aufzuhalten, was vom Adel misstrauisch beobachtet wird.

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Die inländische Presse hält sich zur Reiselust der Kaiserin zurück, weil der Zensur unterworfen. „Die Auslandspresse ist da weniger kulant und außerdem unzensiert“, erklärt Jeannine Meighörner. „So gratulierte die englische Times Österreich zu seiner ‚Reise-Kaiserin und Botschafterin der neuen Lust an der Fremde‘, und der Berliner Anzeiger schrieb: ‚Die Kaiserin von Österreich agiert wohl auch international als Gesandte. Aber wofür?‘“

 

Wenig überraschend ist es, dass Sisi auf Reisen ist, als sie ihr Ende findet. Die ihr so verhasste Monarchie in Österreich stirbt zwanzig Jahre später.

 

Historikerin Jeannine Meighörner hat sich über Jahre mit der scheuen Kaiserin beschäftigt. In ihrem Roman „Das fliehende Herz“ gewährt sie Blicke auf eine traurige Frau, die sich selbst nicht entfliehen konnte – und damit viel zu oft andere vor den Kopf stieß. Entdecken Sie Österreichs berühmteste Monarchin neu!