„Ich mag das Schreiben, weil es einsam ist.“ – Sven-Eric Bechtolf im Interview

Leben, Lieben und Leiden in der Theaterwelt – in seinem Roman „Nichts bleibt so, wie es wird“ schöpft Autor, Regisseur und Schauspieler Sven-Eric Bechtolf aus dem Vollen: Pointiert und gewitzt inszeniert er den zweiten Frühling des alternden Regisseurs Herwig Burchard, der nach einer bühnenreifen Auseinandersetzung mit einem Journalisten seine Anstellung verliert. Nachdem für Burchard zum letzten Mal der Vorhang gefallen ist, folgen trübe Tage des Selbstmitleids – bis sich ein Hoffnungsschimmer ankündigt: eine neue, späte Liebe und die Verwirklichung eines langgehegten Traums in Apulien. Über seinen aneckenden Protagonisten, die Magie der Bühne und den Reiz am Leben als Schriftsteller erzählt Sven-Eric Bechtolf im Interview.

Zu reif für die Bühne? Herwig Burchards Protagonist steht kurz vor der Opernpremiere seines „Figaro“ – und benimmt sich wie ein Idiot. Aber nicht mehr lange!

 

Im Zentrum Ihres Romans steht die Figur des Herwig Burchard: 63, ledig, Regisseur, Kunstsammler und nicht gerade beliebt im Kulturbetrieb. Herwig Burchard – was ist das für einer?


Ein Schwieriger, Verletzter, Wütender, Rücksichtsloser. Und dabei ein Romantiker, der die entzauberte Gegenwart nicht mehr begreift. Er hat mit viel Energie nach vorne gelebt, bis er plötzlich den Weg verliert.
Oder besser: bis es keinen Weg mehr für ihn gibt. Nur eine kleine verwinkelte Seitengasse, die sich ihm überraschenderweise auftut. Er ist in einem Alter, in dem er noch kein Greis ist, aber doch älter, als es ihm behagt. Die Vergangenheit macht vergessene Schulden geltend und die Zukunft scheint verstellt. Schön wäre es für ihn, er könnte an Gott glauben, aber er ist Skeptiker von Natur. Mit der Liebe war es in seinem Leben nicht weit her. Aber er hofft, ohne es zu wissen, auf ein „Happy End“. Hofft, dass es die Vorsehung am Ende gut mit ihm meint.
Die Vorsehung war in seinem Fall ich. Und ich habe es natürlich mit ihm gut gemeint, schon deshalb, weil wir beide sentimental sind.

 

Auf den Bühnen in Ihrem Buch wird gesungen, geträumt, geliebt, gelitten, intrigiert. Hinter dem Vorhang scheint es noch weitaus turbulenter zuzugehen. Findet das wahre Drama in der Theaterwelt etwa abseits der Bühne statt?

Shakespeares wusste schon: „Totus mundus agit histrionem“ oder „All the world’s a stage“.
Die Bühne ist bei ihm ein Gleichnis. Wir alle spielen die uns zugewiesenen Rollen. In „King Lear“ heißt es: „Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir die große Narrenbühne Welt betreten müssen.“
Das „wahre Leben“ gibt es nicht. (Außer man hat Zahnschmerzen.) Und das sogenannte „Leben“ in meinem Roman ist natürlich frei erfunden. Genauso wie die Theaterinszenierungen, die darin vorkommen.

 

Im Roman trifft Burchard, der alte Mann und Regisseur am absteigenden Ast, auf Leonie, die junge, aufstrebende Schauspielerin. Die beiden haben etwas füreinander übrig, eine Romanze bahnt sich an. Vor welchen Herausforderungen stehen die beiden?

Alt und jung, das ist schon nicht leicht. Noch dazu sind die beiden in nahezu allen Themen unterschiedlicher Ansicht. Aber Tomaten mit Brot und etwas Wein überbrücken das womöglich.

 

Sven-Eric Bechtolf kennt die Theaterwelt in- und auswendig: Der 1957 in Darmstadt geborene Schauspieler, Theater- und Opernregisseur ist an zahlreichen renommierten Häusern tätig, 2015 und 2016 hatte er die künstlerische Leitung der Salzburger Festspiele inne. – Foto: Anett Fritsch

Sie sind Schauspieler, Theater- und Opernregisseur, sind auf der Bühne zuhause. Das Dasein als Schriftsteller wirkt im Gegensatz dazu geradezu einsam, Rampenlicht bietet es nur wenig. Was reizt Sie am Schreiben und an der Arbeit als Schriftsteller?

Das meine ich wirklich nicht kokett, aber ich bin nirgendwo „zuhause“. Ich habe am Theater verschiedenste Tätigkeiten ausgeübt. Diese Tätigkeiten hatten mit Erzählen zu tun. Mit Illusion. Mit Verwandlung. Mit Bildern und Worten. Aber Theater ist ein Mannschaftssport.
Ich mag das Schreiben, weil es einsam ist. Man braucht dazu nichts außer Papier und Stift. Man betritt – oder erschafft erst – den Raum, in dem sich Imagination ereignet, die ja etwas völlig Seltsames ist. Man schreibt zum Beispiel den Satz „Er streute das körnige Salz darüber“ und spürt die kristalline Struktur zwischen den Fingern. Eine Welt kann man erfinden und verschwinden lassen. Und das erst einmal nur für sich alleine. Das ist schön.

 

Wie beeinflusst Ihre Arbeit am Theater und an der Oper Ihr Schreiben?

Ich habe als Schauspieler die Aufgabe, eine Figur zu spielen, das heißt, sie zu erfinden, zu erfühlen, zu erahnen, sie zu wissen, zu „channeln“, oder wie man das sonst noch macht oder nennt. Dieser Vorgang ist auch eine Art Autorenschaft.
Als Regisseur sollte man ein Gefühl für die dramaturgischen Bögen, die Dynamiken des Stückes haben.
Als Theaterschaffender weiß man auch, dass wesentliche Anteile der Erschaffung einer Realität auf der Bühne beim Publikum liegen und liegen müssen: Die Zuseher brauchen Raum für ihre eigenen Bilder, ihre eigene Fantasie. Diese Ökonomie der Auslassung und Genauigkeit ist enorm wichtig.
Ich bilde mir ein, dass diese Erfahrungen mir beim Schreiben helfen.

Sven-Eric Bechtolf: Nichts bleibt so, wie es wird. Roman

 

Hochmut und Einsamkeit, Neustart und späte Liebe, eine Explosion der Eitelkeiten und illustres Personal: vom angepassten Intendanten, von singenden Diven, hinterhältigen Dirigenten und wilden Jungregisseuren, von der trockenen Chefsekretärin mit dem großen Herz bis zu skurrilen VertreterInnen der Kulturpolitik – mit feinem Humor, kluger Schreibkunst und dem Sinn für das ganz große Drama legt Sven-Eric Bechtolf einen grandios amüsanten Roman vor. Hier geht’s zum Buch!