Leseprobe: Wiener Intrigen, Skandale und Geheimnisse

Reinhardt Badegruber erzählt in seinem neuen Buch „Wiener Intrigen, Skandale und Geheimnisse“ aus dem Nähkästchen und zeigt die Donaumetropole von einer ganz anderen Seite. In seinen Anekdoten über bekannte und weniger bekannte Schauplätze Wiens spricht er über die Stadtgeschichte und die Menschen, die diese Stadt so einzigartig machen.

In der folgenden Leseprobe gibt Reinhardt Badegruber Einblicke in bisher unbekannte Details aus dem Leben des Kaisers Franz Joseph und löst das Rätsel, warum der Kaiser erst 1957 ein Denkmal bekam (Standortprobleme inklusive!).

 

Leseprobe aus Wiener Intrigen, Skandale und Geheimnisse:

 

Das Denkmal für Kaiserin Elisabeth befindet sich seit 1907 im Volksgarten. Foto: lukasspawek.

In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind das Kaiser-Ehepaar Sissi („Sissi“ im Film, sonst häufiger „Sisi“) und Franz Joseph die Stars des österreichischen Kinos. Romy Schneider spielt die junge Kaiserin Elisabeth und Karlheinz Böhm den „Franzl“. Es werden 25 Millionen ZuschauerInnen gezählt. Während Elisabeth seit 1907 im Volksgarten auf einem steinernen Denkmalsockel sitzt, sucht man Jahrzehnte lang vergeblich nach einem Standbild ihres Gatten.

Die Franz-Joseph-Fans müssen auf das Wiener Kaiserdenkmal bis zum Jahr 1957 warten. Einstweilen liest sich die Biografie des Film-Habsburgers geradewegs so, als hätte sie ein Drehbuchautor aus der österreichischen Heimatfilmepoche geschrieben: Der Kaiser in spe durchlebt eine eher traurige Kindheit, getaktet durch eiserne Lerndisziplin und militärische „Dressur“, ein „Nährboden für Neurosen“. Er beherrscht das Exerzieren vor dem ABC. 1848 kommt er mit 18 Jahren nach einer blutigen Revolution an die Macht. „Dreinschlagen galt ihm bis ins hohe Alter als probates Mittel für die Lösung von Problemen“ (Leidinger/Moritz/Schippler: Schwarzbuch der Habsburger, Innsbruck/Wien 2010, S. 203). Dann heiratet er 1854 ein pubertierendes Mädchen: seine 16-jährige Cousine, Prinzessin Elisabeth aus Bayern. Dieser „geliebte Engel“ entwickelt in den Augen des Hofes aber zu viel an Eigeninitiative. Franz Joseph leidet immer öfter unter dem unangepassten Verhalten dieser kostspieligen, magersüchtigen Individualistin, die Unsummen für Kuraufenthalte ausgibt und ihr Schicksal in Gedichten beklagt. 1853 entgeht der Kaiser nur knapp einem Anschlag. Der Attentäter, ein ungarischer Schneider namens Janos Libenyi, wird hingerichtet. Die militärischen Unternehmungen Franz Josephs gehen weniger glücklich aus. Sie enden mit den furchtbaren Niederlagen bei Solferino (20.000 Gefallene) und Königsgrätz (gegen Preußen; 40.000 Tote). Diese Schmach bedingt einen Aggressionsstau, den der Kaiser ungehemmt mit Jagen kompensiert. In seinem Leben bringt er immerhin 50.000 Tiere zur Strecke. Nach außen hin gibt sich der Monarch pflichtbewusst bürokratisch, fromm und bieder. Privat benimmt er sich keineswegs mustergültig. Er beginnt eine Beziehung zur 15-jährigen Anna Nahowski. Damit nichts auffällt, wird die Kleine schnell mit einem Eisenbahner verheiratet. Nach 14 Liebesjahren wird der Monarch dieses „Schattengewächses“ überdrüssig und fertigt es mit umgerechnet 1,6 Mio. Euro ab. Das ist wenig im Vergleich zu den Einnahmen der Burgschauspielerin Katharina Schratt. Das Verhältnis des Kaisers zu dieser Dame mit Spielschulden währt immerhin über 30 Jahre und wird mit einer Abschlagszahlung von 14,5 Mio. beendet. Aber auch ohne amouröse Intermezzi gestaltet sich das Leben des „Pedanten auf dem Thron“ ereignisreich. Es folgt ein Schicksalsschlag auf den anderen, Storys, die von den Regisseuren mehrerer Generationen in zahlreichen Filmen ausgeschlachtet werden. 1867 wird sein Bruder Maximilian, Kaiser von Mexiko, durch ein Exekutionskommando hingerichtet. Sohn Rudolf begeht 1889 Selbstmord und erschießt zuvor noch seine Geliebte Mary Vetsera. 1898 ersticht in Genf der italienische Anarchist Lucheni Kaiserin Elisabeth, und 1914 erfolgt dann das Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo. Aber den hält der Kaiser ohnedies für einen „gefährlichen Narren“.

Autor, Radiomoderator und selbsternannter „Universaldilettant“: Reinhardt Badegruber. Foto: Bubu Dujmic.

Dem dienstältesten Monarchen Europas (Queen Victoria war von 1837 bis 1901, also 64 Jahre, Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland und stirbt „schon“ 1901. Kaiser Franz Joseph regiert 68 Jahre, von 1848 bis 1916) bleibt eben nichts erspart. Nicht einmal ein Denkmal wird ihm vorerst gegönnt, obgleich die Diskussion darüber gleich nach seinem Tod einsetzt. Es ist ausgerechnet der Architektur-Rebell Otto Wagner, der 1916 die Errichtung eines Franz-Joseph-Standbilds einfordert, und zwar ein Denkmal, das „sich selbst dem Maria-Theresia-Denkmal nicht unterordnen dürfe“ (Kapner, Gerhart: Ringstraßendenkmäler, Wiesbaden 1973, S. 245). Die Inszenierung müsse also groß und pompös sein. Als Standort käme daher nur ein Platz am Ring in Frage, ein Ort, der dem Theresia-Denkmal gegenüberliege. Und das um jeden Preis, selbst wenn man das Burgtor versetzen müsse. Eine Planskizze Wagners zeigt Franz Joseph als Reiter, der gebieterisch die Hand ausstreckt. Auf dem Haupt trägt er die Hauskrone der Habsburger und als Rossbändiger fungieren zwei schlanke Mädchen (schlank! Die Mode hat sich geändert), die durchsichtige Überwürfe tragen. Ähnlich spärlich bekleidet sind die Jungfrauen, die einen Ringelreihe-Tanz um den Denkmalsockel vollführen. Aber aus diesem imperial-lasziven Entwurf wird nichts, weil den Kritikern die Versetzung des Burgtors nicht passt. Schließlich und endlich erinnere dieses Triumphbogentor auch an die Niederwerfung der Revolution von 1848, und am Gesamtbild dieses Sieges dürfe nicht gerüttelt werden. Also diskutiert man, Kaiser Franz Joseph im Burghof reiten zu lassen. Dafür müsse man aber die Denkmäler von Erzherzog Carl und Prinz Eugen auseinanderrücken, weil sonst die Ensemblewirkung einer Kavallerieattacke entstünde. „Nein“, wenden nun die Gegner ein, das gehe nicht: Die Reiterdenkmaldichte sei dennoch zu groß. Der Betrachter würde von der Wirkung erschlagen. Nun kommt ein anderer Aufstellungsort ins Gespräch. Favorit ist der Platz vor der Votivkirche, wobei man in einem Aufwasch neben dem Portal gleich ein Habsburg-Museum bauen könne. Mit der Unmäßigkeit dieses Vorschlags ufert die Kaiser-Franz-Josefs-Denkmal-Diskussion endgültig aus und mündet in einer typisch österreichischen Lösung: Es geschieht vorerst einmal nichts.

Zuletzt darf die Fremdenverkehrswerbung aber doch noch triumphieren. Sie bekommt am 18. August 1957, am Geburtstag des Kaisers, ihr Franz-Joseph-Denkmal. Initiator dieser Reinthronisierung ist der Präsident der Industriellenvereinigung, Hans Lauda. Er lässt die Kopie einer alten Franz-Josephs-Statue von Viktor Hammer reparieren und im Burggarten aufstellen. Das Original dieser Skulptur ist 1904 vom Bildhauer Johannes Benk in Stein gehauen und in der k.k. Infanterie-Kadettenschule (heute: Kommandogebäude Theodor Körner) aufgestellt worden. Benks Schüler, Josef Tuch, hat nach dieser Vorlage eine Kopie aus Bronze gegossen und in den Stadtpark von Wiener Neustadt verfrachtet. Wenn es nach dem Willen der Nazis gegangen wäre, hätte diese Erinnerung an den verhassten Habsburger während des Zweiten Weltkrieges verschrottet werden müssen. Aber, wie man im Burggarten sehen kann, der eherne Franz Joseph hat auch den Hitler überlebt.

 

Lust auf mehr von diesem spannenden und unterhaltsamen Wien? Dann kommt mit auf eine Stadtrundfahrt der etwas anderen Art – in „Wiener Intrigen, Skandale und Geheimnisse“ erzählt euch Reinhardt Badegruber Geschichten und Anekdoten, die euch zum Staunen bringen!