Michael Köhlmeier: Vom Rätselhaften im Märchen

Von frühester Kindheit kennen, hören, lesen und erzählen wir sie, spinnen sie weiter und lassen uns von ihnen bannen: Wo wir auch hingehen, wir sind umgeben von Märchen.

Sie sind zeitlos und begleiten viele von uns ein Leben lang, zählen zu jenen unauslöschlichen Erinnerungen, die wir nicht aus dem Kopf kriegen und die uns Rätsel aufgeben, wenn wir ihnen auf den Grund gehen wollen. Worin liegt ihre unheimliche und zeitlose Anziehungskraft? Kann man ihr Geheimnis lüften? Haben uns Märchen heute noch etwas zu sagen? Sollen sie das überhaupt?

Michael Köhlmeier hat seiner Faszination für die geheimnisvolle Gattung ein Buch gewidmet, „Von den Märchen“ ist ein intimes, reichhaltiges und beglückendes Porträt eines Geschichtenerzählers und seiner Leidenschaft. Im Interview mit dem Schriftsteller haben wir versucht, zum rätselhaften, dunklen Kern der bestrickenden Erzählungen vorzudringen:

Was ist es denn, das dich bei Märchen zum Schwärmen bringt?

Ich habe relativ früh, glaube ich, festgestellt, als man mir Märchen erzählt hat, was mich begeistert an den Märchen. Und das ist, dass sie rätselhaft sind, im Kern eines Märchens drinnen ist irgendetwas.

Als  Kind, wenn man zugehört hat, gibt man sich darüber keine Rechenschaft, man fragt auch nicht nach. Aber instinktiv habe ich gewusst, im Kern eines Märchens ist ein Rätsel und dieses Rätsel muss man bewahren, oder das muss bewahrt werden, ansonsten zerfällt das Märchen. Und dieses Rätsel im Kern drinnen ist etwas, was uns daran hindert, oder hindern soll, ein Märchen zu gebrauchen. Das ist es ja immer, wie bei der Literatur sonst auch meinetwegen, aber das Märchen gerade, weil es so ohne jeden Anspruch auftritt, außer mit einem einzigen Anspruch und das ist der, schön zu sein.

Wir sind heute gewöhnt, dass Schönheit alleine nicht genügt, es muss noch ein Zweck erfüllt werden. Das heißt, wir haben diese ganze Verwertbarkeit von allem auch auf Literatur übertragen, und das funktioniert auch bei vieler Literatur ohne Weiteres, und bei Märchen eigentlich nicht. Ich habe manchmal das Gefühl, dass all jene, die das Märchen dann verwenden, vor allen Dingen Pädagogen, dass es denen wichtig ist, Kindern Märchen zu erzählen, dass sie einen Rachefeldzug führen gegen dieses Rätsel im Märchen drinnen, sagen: „Passt auf, euch werden wir schon noch dahin kriegen, euch Märchen, uns irgendwie dienlich zu sein“. Deshalb geht jeder, fast jeder, wenn er heute Märchen hört, hin und sagt, was bedeutet das? Und dann will man es rauskriegen. Das heißt aber natürlich auch, wenn ich dann rausgekriegt habe, was dieses Märchen bedeutet, kann ich es beiseitelegen. Dann habe ich ihm jedes Rätsel genommen. In Wirklichkeit gemahnt uns das Märchen, dass wir mit Kunst eigentlich falsch umgehen. Dass Kunst immer die Bewahrerin des Feuers ist, das im Zentrum ist, und das Feuer ist rätselhaft. Wir schauen Feuer an, es brennt und brennt und brennt, es ist nichts Neues und wir können den Blick dennoch nicht lösen. Märchen haben auf eine ganz unvergleichliche Art und Weise dieses Rätsel im Zentrum.

Dann ist das Märchen gewissermaßen der Rebell unter den Textgattungen?

Das ist richtig, ich glaube, dass das Märchen ein Rebell ist, aber eine Gattung, die nicht mit Worten oder sowas oder mit Absicht rebelliert, sondern durch das bloße Dasein. Das ist ja schon fast eine ungeheure Provokation, das schaut dich einfach nur an.

Ich habe das in dem Essay genannt, dass es die Primzahlen der Literatur sind. Wenn sich jemand ein bisschen nur am Rand mit Mathematik beschäftigt hat,  erkennt er/sie,  Mathematik und Märchen, finde ich, haben sehr viel zu tun miteinander, sie sind sehr schematisch und gleichzeitig absolut rätselhaft. Und die Primzahlen sind der innerste Kern der Zahlentheorie. Die Mathematik ist ja wohl das Logischste, was es gibt, aber das Auftreten der Primzahlen auf dem Zahlenstrahl ist unmöglich zu berechnen, ist unmöglich zu berechnen, ist ein ewiges Rätsel. Also im Kern der Mathematik, des Klarsten, was wir überhaupt kennen, ist ein nicht auflösbares Rätsel und so erscheint mir das mit den Märchen. Ich glaube, ich bin ja der Überzeugung, dass im Kern von jeder guten Geschichte, jeder guten Geschichte, ob es ein Roman ist, ob es eine historische Geschichte ist – jede historische Geschichte wird uns aufbereitet, die Geschichte ist erst dann Geschichte, wenn sie erzählt wird – im Kern einer jeden Geschichte sitzt ein Märchen. Davon bin ich überzeugt.

Hat uns das Märchen auch heute noch etwas zu sagen?

Wenn ich nicht mir befehle, bei der Kunst, bei der Musik, bei der Literatur, primär die Schönheit gelten zu lassen und sie als gut an sich zu sehen, dann brauche ich mich der Kunst, der Literatur, der Musik gar nicht zu nähern. Also wenn ich das Gefühl habe, die Schönheit hat über sich noch einen Zweck zu erfüllen, dann bin ich schon verloren für die Kunst. Und es gibt, glaube ich, vielleicht neben der Mathematik und neben der Musik, keine Kunstgattung, die einem das deutlicher macht als das Märchen.

Michael Köhlmeier: Von den Märchen. Eine lebenslange Liebe

Michael Köhlmeier: Von den Märchen. Eine lebenslange Liebe

Lieben Sie Märchen? Dann lieben Sie dieses Buch. 
In seiner unverwechselbaren Tonart lässt Michael Köhlmeier uns teilhaben an seiner Faszination für diese rätselhafte Gattung. 
Ein intimes, reichhaltiges und wunderbar beglückendes Porträt eines Geschichtenerzählers und seiner Leidenschaft. 

In bibliophiler Ausstattung  erscheint „Von den Märchen“ in der neuen Reihe HAYMONschwärmt