„Manchmal steht der Tod vorzeitig an der Schwelle“ – Zur Erinnerung an Georg Paulmichl 18.4.1960–18.3.2020

Am 18. März 2020 verstarb der Maler und Schriftsteller Georg Paulmichl in seinem 60. Lebensjahr. Er zählte zu den bekanntesten Künstlern Südtirols. Mit seiner poetischen und stets unkonventionellen Kurzprosa ist Paulmichl zu großer Bekanntheit gelangt. Sein literarisches und bildnerisches Werk wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt, zuletzt wurde ihm 2007 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen.

 

Mit einem Nachruf von Johannes Gruntz-Stoll möchten wir uns von ihm verabschieden:

Skurrile Wortschöpfungen, oft demaskierend verwendete Floskeln und ein zweideutiges Spiel mit altvertrauten Klischees machen Georg Paulmichls Texte zu literarischen Schätzen. – Foto: Johannes Gruntz-Stoll

In den letzten Jahren ist es ruhig geworden um den Maler und Schriftsteller Georg Paulmichl aus Prad: Altersbedingt musste er auf den täglichen Besuch der Werkstatt für Menschen mit Behinderung verzichten, und krankheitsbedingt verkleinerte sich der Radius seiner Begegnungen, der gelegentlichen Ausflüge und gewonnenen Eindrücke. Und am 18. März 2020 ist Georg Paulmichl gestorben, hat sich von dieser Welt verabschiedet – leise, ohne Aufhebens. Auch wenn seine Bilder kraftvoll und teils mit leuchtenden Farben gemalt und seine Texte nicht weniger dicht und wortmächtig verfasst sind, so war Georg Zeit seines Lebens ein Künstler der leisen Töne: Ohne seinen langjährigen Betreuer in der Prader Werkstatt, Dietmar Raffeiner, der sich einmal als „Mitspieler“ (10, S. 115) und „Mitmischer“ (ebd.) bei der Entstehung der Bilder und Texte bezeichnet hat, hätte sich Georg Paulmichl kaum Gehör verschafft – weder in seiner Heimat Vinschgau noch im deutschsprachigen Ausland. Eher wäre er im Einerlei des Arbeitsalltags der Werkstatt zwischen Webstuhl und Basteltisch gestrandet, hätte sich immer wieder nach Mittagspause und Feierabend erkundigt und nach Fluchtwegen aus fremdbestimmten Tätigkeiten Ausschau gehalten.

Doch es kam anders: Statt ihn zum Schweigen zu drängen, ermunterte Dietmar Raffeiner Anfang der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts den jungen Mann zum Erzählen und hielt seine Sätze fest, las sie vor, fragte nach und – staunte wohl selber, welche Sprachspiele und Wortschöpfungen dabei zum Vorschein kamen. Es kamen mehr und mehr Texte zusammen, die geheftet und aufgelegt wurden und wie die Bilder das Interesse von Besucherinnen und Besuchern weckten. Auf eine erste Veröffentlichung im Jahre 1987 folgte eine eindrückliche Reihe von Buchpublikationen im Innsbrucker Haymon Verlag: Das Echo war groß, es gab Preise und Auszeichnungen, Lesungen und Ausstellungen. Georg Paulmichl freute sich über die Anerkennung nicht weniger als über Besuche und Begegnungen, Vernissagen und Autorenlesungen: Dass er mit seinen Bildern und Texten Menschen erreichte und berührte, dass er seine LeserInnen und ZuhörerInnen zum Lachen bringen konnte, bereitete ihm Freude. In der Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung eigener Bilder im österreichischen Wörgl gibt er seinen Erfahrungen beredten Ausdruck: „Ich bin ein einmaliges Ereignis … seit Jahren übe ich mich in der Pinselführung und in den Wortsprüchen. Ich bin ein Lesevergnügen im höchsten Grad.“ (4, S. 58)

Auch ich habe dieses hochgradige Lesevergnügen entdeckt – zunächst auf den Blättern der 2003 erschienenen, bibliophil gestalteten Mappe „Der Mensch“ (5) mit Bildern und Texten des Künstlers. Der Titel der Mappe nimmt Bezug auf den gleichnamigen Text, der erstmals im Band „Vom Augenmass überwältigt“ (4) aus dem Jahre 2001 veröffentlicht worden ist. Der Text ist sowohl von der Form wie vom Inhalt her betrachtet charakteristisch für Georg Paulmichls Schreiben: Jeweils etwa ein Dutzend mehrheitlich kurzer Sätze folgen aufeinander und umkreisen assoziativ das im Titel genannte Thema; sowohl die einzelnen Sätze wie auch deren Folge wirken zunächst eindeutig, schlicht und unbeschwert und – hinterlassen einen Stachel, der zum Innehalten, Nachdenken und Wiederlesen zwingt. In und zwischen den Sätzen sorgen unerwartete Wendungen und überraschende Wortschöpfungen beim Publikum für Verwunderung, schaffen erstaunliche Verbindungen, ermöglichen gedankliche Purzelbäume und immer wieder befreiendes Lachen.

Der Mensch
Der Mensch entstammt der Wiege.
Zwischendurch lebt der Mensch in der Arbeit.
Wenn das Menschengeschlecht nicht arbeitet, kippt es in die Abgründe.
Arbeit hält die Sinne steif.
Der Mensch braucht Wasser, Flut, Feuer, Licht und Finanzspritzen.
Der Mensch behaust überall, wo er hinkommt, das Erdreich.
Auf der Welt hat er seinen Ansitz.
Im Beichtstuhl tilgt der Mensch den Sündenfall.
Die Feuerwehr schützt die Leute vor der Brandursache.
Der Mensch futtert den Fresssack voll.
Eine wichtige Menschenerfindung ist das Erdbeben.
In der Not trinkt der Mensch aus dem Strohhalm.
Mit der Bahre sagt der Mensch dem Ableben adieu.
Nach dem Sterben kommt der Tod.
(4, S. 76)

Der Tod kommt in Georg Paulmichls Texten mehr als einmal zur Sprache: Er schreibt über den „Friedhof“ (2, 78) ebenso wie über eine „Beerdigung“ (3, S. 14), und unter dem Titel „Tod“ (3, S. 13) finden sich die Zeilen: „Der Tod schreitet mit schnittigem Gebein. Das Leben zerrinnt wie im Buche. Überall sucht der Tod seine Einflussnahme zu bevollmächtigen.“ (Ebd.) Das in der Pfarrkirche zelebrierte Requiem und die anschließende Bestattung auf dem Gottesacker sind Teil des Dorflebens, genauso wie das Sterben und der Tod zum Leben überhaupt gehören, auch wenn der noch nicht dreißigjährige Künstler von sich behauptet: „Ich werde nie sterben“ (2, S. 11), um gleich mit der Feststellung fortzufahren: „Einmal müssen alle sterben.“ (Ebd.) Ist nicht ebendies die paradoxe Erfahrung von uns Menschen: Es sind stets die andern, die sterben müssen, während wir dem Tod ausweichen, ihm ein Schnippchen schlagen oder gar von der Schippe springen – oder mit Georg Paulmichls Worten: „Die Lebensabscheidung steht bei mir noch nicht auf dem Plansockel.“ Nur gilt auch für den Maler und Schriftsteller aus Prad, was er über die Bewohnerinnen und Bewohner des Altersheims schreibt: „Manchmal steht der Tod vorzeitig an der Schwelle.“ (3, S. 12)

Ich bin Georg Paulmichl erstmals im Frühsommer 2009 begegnet: Es war ein gleichermaßen heiteres wie herzliches Treffen, bei dem sich Georgs Schalk ebenso zeigte wie seine Zugewandtheit im Gespräch. Denn obwohl ihm das Sprechen bereits schwer fiel, ging er auf jede Frage, jede Bemerkung des Gastes ein – oft zeitverzögert, wenn das Gespräch bereits eine andere Richtung genommen hatte, kam seine Antwort, sein Beitrag. Seine Interessen galten der Schweizer Volksmusik genauso wie den Süßigkeiten, und groß war seine Freude, wenn wir auf dem Rundgang durch Prad dem Dorfpolizisten begegneten und für einen kleinen Schwatz stehen blieben. „Ich habe Glück gehabt, dass es mich gibt“ (4, S. 73), schrieb Georg Paulmichl in einem Brief an den Karikaturisten Peppi Tischler, und ich denke: Ja, wir alle haben Glück gehabt, dass es ihn gegeben hat, dass er gelebt, gedichtet und gemalt hat, der Dichter und Maler Georg Paulmichl aus Prad.

 

Buchveröffentlichungen von und über Georg Paulmichl
(1) Paulmichl, Georg (1987) strammgefegt. Bozen (O.A.).
(2) Paulmichl, Georg (1990, 20037) Verkürzte Landschaft. Texte und Bilder. Innsbruck (Haymon).
(3) Paulmichl, Georg (1994, 20033) Ins Leben gestemmt. Neue Texte und Bilder. Innsbruck (Haymon).
(4) Paulmichl, Georg (2001, 20032) Vom Augenmass überwältigt. Briefe, Glossen und Bilder. Innsbruck (Haymon).
(5) Paulmichl, Georg (2003) Der Mensch. Innsbruck (Haymon).
(6) Paulmichl, Georg (2008) Der Georg. Texte und Bilder. Innsbruck (Haymon).
(7) Paulmichl, Georg & Tischler Peppi (2006) Auf den Punkt genau. Lana (Tappeiner).
(8) Paulmichl, Georg (2011) In nessun luogo. Nirgendwo. Selezione e traduzione di / Ausgewählt und übersetzt von Roberta Dapunt. Wien (FolioVerlag).
(9) Paulmichl, Georg (2014) Bis die Ohren und Augen aufgehen. Frühe Texte und Bilder. Innsbruck (Haymon).
(10) Gruntz-Stoll, Johannes (Hrsg.)(2010) Ich habe Glück gehabt, dass es mich gibt. Georg Paulmichls Weg zum Wort. Innsbruck (Studienverlag).

14.4.2020