Neu- und Wiederentdeckung zum 20. Todestag: Franz Tumler, einer der großen, vergessenen Autoren der Nachkriegsmoderne

„Literarischer Außenseiter, moderner Erzähler, erzählender Skeptiker“ – so beschrieb Daniel Dell’Agli den Schriftsteller Franz Tumler in der ZEIT am 15.1.1982. Der 1912 in Südtirol geborene und in Oberösterreich aufgewachsene Autor verbrachte die zweite Hälfte seines Lebens in Berlin. Dort teilte er den Kneipentisch mit Gottfried Benn, kam später mit Autoren wie Uwe Johnson, Günter Grass oder Peter Härtling zusammen. Seine Romane standen in einer Reihe mit den ihren. Nachdem er 1973 einen Schlaganfall erleiden musste, verfasste er bis zu seinem Tod 1998 nur mehr kürzere Prosastücke und Gedichte und zog sich zunehmend aus dem literarischen Leben in Berlin zurück. Das zum einen und zum anderen Tumlers Verstrickung in den Nationalsozialismus zu Beginn seiner Karriere sind wohl die Gründe, warum er heute so gut wie vergessen ist. Sein Werk ab den 1950ern jedoch reiht sich ein in die erste Riege deutschsprachiger Nachkriegsliteratur.


Seit dem Tumler-Jubiläumsjahr 2012, in dem der Autor seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, erscheinen bei Haymon in unregelmäßigen Abständen die wichtigsten Werke von Franz Tumler in sorgfältig gestalteten Ausgaben, jeweils versehen mit einem kurzen, aber prägnanten aktuellen Nachwort. Zum Start erschien der Roman „Nachprüfung eines Abschieds“, in dem Tumler eine dieser zeitlosen Thematiken, die sein Werk prägen, behandelt: Liebe, oder besser gesagt Nähe und Distanz in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Er beschreibt auf einmalige Weise, wie ein Mann innerhalb dieses Beziehungsgefüges Nähe finden will und gleichzeitig Distanz sucht und auf Abstand geht. Alexander Kluy schrieb zu der Neuausgabe im Standard: „Das ist hochreflektiert, sinnlich und eine Meditation über das Verfehlte namens Leben. Und ist unbedingt im gesamteuropäischen Literaturkontext der Nachkriegshochmoderne zu sehen. Und wieder zu entdecken.“
Aus diesem Grund und aus Anlass des 20. Todestages von Franz Tumler am 20.10.2018 stellen wir euch hier Auszüge aus dem Nachwort zu Tumlers Roman „Nachprüfung eines Abschieds“ von Johann Holzner zur Verfügung – ein vergessener Autor der deutschsprachigen Moderne ist wiederzuentdecken!

Im Bündel der Rezensionen, die nach der Veröffentlichung der Suhrkamp-Ausgabe der Nachprüfung eines Abschieds (1964) erschienen sind, findet sich ein kleiner Essay, der einerseits eine gründliche Beschäftigung mit Tumlers Werk verrät und andererseits schon eine vorläufige Einordnung dieses Werkes in den Kontext seiner Zeit riskiert: Heinz Ohff, lange Jahre Feuilletonchef des Berliner Tagesspiegels und Präsident der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes Association Internationale des Critiques d’Art, stellt in dieser Besprechung Tumler direkt neben Uwe Johnson und Günter Grass. Es gebe keinen Zweifel mehr, ergänzt Ohff, die große Nachprüfung, die eines Tages kommen und schließlich bestimmen werde, was bleibt, was also aus dem unüberschaubaren Belletristik-Angebot der deutschen Verlagshäuser einmal in den Kanon der deutschsprachigen Literatur aufzunehmen wäre, diese Nachprüfung werde sich auch mit Tumlers Werk befassen und ihm einen Platz in der Mittelloge zuweisen müssen. Denn Tumler hat, so begründet Ohff seine Darlegung, wohnhaft in einem Zwischenreich zwischen Adalbert Stifter und Hans Magnus Enzensberger, im deutschen Sprachraum als einer der ersten, wenn nicht als erster einen literarischen Ausdruck entwickelt, der sich mit der dominanten Tonart des technischen Zeitalters getroffen und unter der schlichten Genrebezeichnung Text rasch eingebürgert habe.
Die Geschichten, die Tumler in seiner Nachprüfung erzählt, sind tatsächlich nicht nur Bausteine einer Erzählung, sondern zugleich Reflexionen über die Kunst des Erzählens, besser gesagt: über die Strategien des Erzählens nach dem Ende aller großen Erzählungen.
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Ganz anders, nämlich nicht selten scharf – und keineswegs unbegründet scharf – ist hingegen das Urteil der Nachwelt über die politische Dimension der von Tumler angewandten Strategien des Umgangs mit Erinnerungen ausgefallen. Dass dieser Autor – der 1938 den „Anschluss“ unverhohlen begrüßt, zahlreiche Beiträge in Anthologien und Zeitschriften des Dritten Reichs veröffentlicht und darüber hinaus sich auch mit Büchern wie Der Soldateneid oder Österreich ist ein Land des Deutschen Reiches vor der NS-Propaganda verbeugt hat – noch in den sechziger Jahren, in seiner Schrift über den Jahrgang 1912 seine deutsch-völkische Vergangenheit als „Protest gegen eine Art Erstickung“ (in Österreich) deutet und sogar als „Jahrgangsbedürfnis“ nach einer „Öffnung im Geistigen“ charakterisiert, ist ihm vielfach angekreidet, von vielen nie verziehen worden. Tumler spricht zwar wohl explizit von seiner „Blindheit“ und von seinem „Versagen“ unterm Hakenkreuz, aber auf jede weitere Konkretisierung, die in eine öffentlichen Selbstbezichtigung hätte münden können, hat er, aus welchen Gründen auch immer, doch verzichtet.
Viel spricht allerdings dafür, dass er aus seiner Sicht deutlich genug seine Einträge in den Verbund des nationalsozialistischen Schrifttums aufgelöst und (wenngleich nicht unmittelbar, so doch, durch die neue Schreibweise, ganz unmissverständlich) auch gebrandmarkt hat. Mitten in der NS-Ära verlässt er die früh eroberte und schon gut abgesicherte Position in diesem literarischen Sumpfgebiet, 1941 meldet er sich freiwillig zum Kriegsdienst. Nach dem Krieg prüft und korrigiert er dann unablässig die von ihm verwendeten Erzählstrategien; sogar eine so ehrenvolle Auszeichnung wie der Charles-Veillon-Preis, den er für seinen Roman Der Schritt hinüber 1956 erhält, kann ihn nicht davon abhalten, das Erreichte permanent weiter kritisch zu revidieren.
Die Übersiedlung nach Deutschland fördert diese Bemühungen. In den frühen fünfziger Jahren lebt Tumler noch in Altmünster am Traunsee. Mitte der fünfziger Jahre aber verlegt er seinen Hauptwohnsitz nach Berlin. Er lernt Heinrich Böll kennen und Walter Höllerer, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, sein wichtigster Mentor und Freund, neben Joachim Moras, dem Herausgeber der Zeitschrift Merkur, wird Gottfried Benn. Er kommt mit Rundfunkanstalten in Kontakt, mit dem Suhrkamp-Verlag, mit literarischen Strömungen, die er in ausführlichen Briefen an den (konservativen) Salzburger Verleger Hermann Stuppäck vorsichtig als „modern“, als „links“, als „intellektuell“ klassifiziert, indessen ganz offensichtlich mehr und mehr faszinierend findet. Er beschäftigt sich mit Leo Tolstoi und Simone de Beauvoir, entdeckt in Hans Erich Nossacks Erzählungen und Romanen eine „Eigenschaft“, die ihn ganz besonders berührt, nämlich „Unabhängigkeit“, er liest schließlich auch Stifter mit neuen Augen: Seine Figuren gehören, schreibt Tumler in einem FAZ-Artikel, „nicht einer bestimmten Heimat, auch wenn es so aussieht; sie gehören ebensowenig einer Romanwelt im üblichen Fontaneschen oder Kellerschen Sinn; sie lassen sich auf dem Feld der Historie, der man irrtümlich einen direkten Bezug zur Dichtung einräumt, nicht festsetzen.“
Was sich im Reich der Literatur festsetzen lässt – die Folgerung ist evident – kann leicht, weil eben nicht-mehrdeutig, seine Unabhängigkeit verlieren: in stabile Konstruktionen eingebracht, ideologisch vereinnahmt werden. In allen Prosatexten, die dem Roman Der Schritt hinüber nachfolgen, achtet Tumler deshalb mit der denkbar größten Sorgfalt darauf, nur mehr unsichere Erzähler zu Wort kommen zu lassen. Erzähler, die sich anstrengen, die Wahrheit herauszufinden, durch gnadenlose Nachprüfung und präzise Aufschreibung, dabei aber nie mehr daran denken, ihren Standpunkt zu verabsolutieren.
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Die Unsicherheit ist an seine Biographie geknüpft: Franz Tumler, Jahrgang 1912, geboren in Gries bei Bozen, hat in Südtirol nur sein erstes Lebensjahr verbracht. Seine Mutter übersiedelt nämlich nach dem frühen Tod des Vaters von Bozen nach Linz, wo Tumler also zur Schule geht. Erst mit 14 Jahren besucht er das erste Mal die Verwandten in Laas, Schlanders und Bozen. Südtirol beeindruckt ihn schließlich nachhaltig, was sich schon in seiner Erzählung Das Tal von Lausa und Duron (1935) und viel später noch auch in dem Roman Aufschreibung aus Trient (1965) sowie in dem Sachbuch Das Land Südtirol (1971) niederschlägt.
1941 meldet sich Tumler, wie erwähnt, freiwillig zum Kriegsdienst. Nach der Rückkehr aus Krieg und Gefangenschaft, die er in seinem Roman Heimfahrt aufarbeitet, lebt er, ein amtlich „belasteter“ NS-Autor auf der Suche nach Auswegen, in Oberösterreich, zunächst in Hagenberg, später in Altmünster. Erst mit dem Roman Der alte Herr Lorenz (1949) kann er langsam literarisch wieder Fuß fassen. Wichtig für seine weitere Karriere werden die Romane Ein Schloß in Österreich (1953) und Der Schritt hinüber (1956) sowie insbesondere (Tumler hat sich inzwischen entschieden, in Berlin zu bleiben) die Erzählungen Der Mantel (1959) und Nachprüfung eines Abschieds (1961); wenig später kommt erstmals Volterra auf den Markt, in der ersten Ausgabe unter dem Titel Der Engel geht durch den Stein.
1962 wird Tumler zum Treffen der Gruppe 47 eingeladen, in der er freilich nur eine Randfigur bleiben sollte, noch in den sechziger Jahren wird er schließlich Mitglied und zeitweise sogar Direktor der Abteilung Literatur der Berliner Akademie der Künste. Die Liste der Auszeichnungen und Preise wird länger und länger. Tumler aber zieht sich dessen ungeachtet (auch krankheitsbedingt) mehr und mehr aus dem Literaturbetrieb zurück. Und um seine Bücher wird es ruhig, obwohl sie noch eine Zeitlang greifbar sind – und obwohl sie schon seit den späten fünfziger Jahren manches durchspielen, was erst wesentlich später zum Programm einer neuen Epoche gehören sollte: Im Jahr 1968 verkündet der amerikanische Literaturkritiker Leslie Fiedler auf einer Tagung an der Universität Freiburg, in seinem Vortrag Cross the Border – Close the Gap, das Ende einer langen Epoche, der Arroganz der Moderne, und er benennt zugleich Schlüsselkategorien der Postmoderne; darunter neue Vereinbarungen, wie die Verbindung von Mythos und Wirklichkeit oder auch die Verbindung der Welt des Wunders und der Welt der Technologie, vor allem aber: Misstrauen „gegen Ironie als Selbstschutz und allzu große Bewusstheit von sich selbst“. Derartige Kategorien hätten schon aus Büchern wie Nachprüfung eines Abschieds oder Volterra ohne weiteres gezogen werden können.

 

Hier geht’s zu den Büchern von Franz Tumler im Haymon Verlag.