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Parnia Kavakebi, geboren in Österreich, verbrachte ihre ersten vier Jahre im Iran, bevor ihre Familie Kriegs bedingt zurück nach Österreich geflohen ist. Heute studiert sie in Wien Architektur, engagiert sich in feministischen Projekten und genießt nach einem Umzug von Innsbruck nach Wien das Großstadtleben.

Würdest du sagen, dass du erwachsen bist? Welche Schritte in deinem Leben waren besonders große in Richtung Selbständigkeit? Und inwiefern haben sie bedeutet, dich von der Familie und ihren Werten zu lösen und sich eigene zu erkämpfen?

Ich würde mich als bedingt erwachsen bezeichnen, den der jugendliche Idealismus kommt noch ganz schön oft durch. Der größte Teil meiner frühen Selbstständigkeit liegt wohl daran dass ich schon als frühes Schulkind viel alleine Zuhause war daher meine Eltern sozusagen rund um die Uhr gearbeitet haben, arbeiten mussten. Ich musste mich schon früh verteidigen gegen Anfeindungen von Erwachsenen, auch diese Umstände führten zu einer frühen Selbstständigkeit in gewisser Hinsicht denke ich. Von manchen Werten in meiner Familie habe ich mich bis heute noch nicht gelöst, nicht weil ich nicht kann sondern weil ich mit zwei Kulturen aufgewachsen bin und es schön finde mir von beiden Kulturen „Dinge“ raus zu picken.

Deine Familie stammt aus dem Iran, denkst du, dass daraus, als du Teenager warst, andere Reibungsflächen entstanden sind als mit Eltern, die hier aufgewachsen sind? Wenn ja, welche waren das?

Als Teenager war das manchmal schon eine harte Nummer, ich wollte angepasst sein wie nie zuvor oder danach in meinem Leben, auf keinen Fall anders sein, wurde aber fast schon in einer Alleinstellung als Ausländerin wahrgenommen, daher es in meinem Freundeskreis sonst keine „Migrantenkinder“ gab und in der gesamten Schule vielleicht vier Kinder. Die Reibungsflächen mit meinen Eltern waren nicht mühsamer als die meiner Freunde. Der zusätzliche Druck mich gegen die Schubladen, in die mich meine Umgebung drücken wollte, zu wehren war anders. Meine Rebellion fand vor allem dadurch statt dass ich das Gefühl hatte ich müsste mich entscheiden zwischen zwei Kulturen, und somit aufgehört habe zB Farsi zu sprechen, keine persische Jause mitnahm in die Schule, nicht in die Sonne ging um nicht brauner zu werden. Ich schämte mich eine zweite Sprache zu sprechen. Ich dachte ich müsste alles wissen um möglichst schlau zu sein um nicht das „dumme Ausländerkind“ zu sein für das mich erwachsene ÖsterreicherInnen gerne hielten. Struktureller Rassismus von Lehrerinnen hat mir die Schulzeit erschwert und mir das Gefühl vermittelt ich müsste dreimal mehr für gute Noten arbeiten. Gegen meine Eltern musste ich nicht viel rebellieren, ich musste mich eher sehr anstrengen mich in die Gesellschaft zu assimilieren um die Eltern meiner Freunde nicht zu verärgern. Auch wenn meine Eltern Ausgehzeiten strenger hielten und das Komasaufen nicht so locker nahmen, bleiben mir eher die Ablehnung der anderen Erwachsenen aufgrund meiner Herkunft in Erinnerung.

Gibt es etwas, das dir deine Eltern vermittelt haben, das für dich als Jugendliche besonders wichtig war – und das du auch Jugendlichen von heute wünschen würdest?

Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben ich wäre sehr schlau, und dass sie mir zutrauen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sie haben mir sehr früh verständlich gemacht was Rassismus ist und daher konnte ich den Antrieb gewisser Menschen verstehen ohne an meiner Person zu zweifeln, ohne gebrochen zu werden, dadurch konnte ich stabil wachsen. Solidarität war ein wichtiges Thema meiner Eltern, und Mitgefühl sowie nicht nachtragend zu sein und Geduld. Ich wünsche Jugendlichen mit ähnlichem Herkunftshintergrund dass sie die Vorzüge mehrerer Kulturen annehmen und geniessen können und sich Gleichzeit nicht unterkriegen lassen, ihre Identität bewusst wahren und trotzdem das Gefühl vollständige wertvolle Mitglieder der Österreichischen Gesellschaft zu sein haben zu können. Ich glaube immer noch dass Multi Kulti funktioniert und ich wünsche vor Allem den jungen Mädchen mit Migrationshintergrund viel Energie und Leidenschaft.