Vom Mut, historische Romane zu schreiben – Gastbeitrag von Thomas Buchner

Mit seinem zweiten Krimi „Donaudämmerung“ nimmt Autor und Historiker Thomas Buchner seine LeserInnen erneut mit auf eine spannende Zeitreise – dieses Mal nach Linz ins Jahr 1939. Mit viel Fingerspitzengefühl schildert er die damaligen Verhältnisse und zeigt, dass er ein Mann vom Fach ist.
Doch so naheliegend es auch scheinen mag, als Historiker historische Romane zu schreiben, so birgt es auch Tücken. Passiert der kleinste Recherchefehler, so sei das, als würde ein(e) LehrerIn bei einer simplen Frage in der Millionenshow ausscheiden, meint Thomas Buchner. Warum er sich trotzdem erneut auf diesem literarischen Terrain bewegt hat, erzählt er uns hier.

Ein Gastbeitrag

Hätte ich Norbert nicht erst vor ein paar Monaten, sondern bereits vor Jahren getroffen, wäre ich vielleicht kein Krimiautor geworden. Norbert ist Historiker, lehrt an einer Universität und schreibt Fachbücher. Er hatte erfahren, dass ich Krimis schreibe und fragte mich erstaunt: „Und du schreibst unter Klarnamen?“

Im ersten Moment wusste ich nicht, worauf Norbert damit abzielte. Erst später wurde mir klar, welche Frage er eigentlich gestellt hatte: Tust du dir das wirklich an?

Ich habe viel Zeit damit verbracht, daran zu denken, wie das ist, wenn man Krimis schreibt. Vielleicht hätte ich mehr Zeit mit der Frage verbringen sollen, ob das gescheit ist, als Historiker historische Krimis zu schreiben. Jemand, der sich beruflich mit Geschichte beschäftigt, kann dabei nur verlieren. Wenn das Projekt klappt, heißt es: Eh klar, Startvorteil. Geht die Geschichte schief, wird es unangenehm. Die Sache liegt auf der Hand: Recherchefehler beispielsweise sind in etwa so peinlich wie das Versagen von LehrerInnen bei einer simplen Frage in der Millionenshow. Hätte mich Norbert ein paar Jahre früher gefragt, hätte ich mir zumindest ein schönes Pseudonym ausgedacht.

Schon ein paar Monate vor dem schicksalhaften Zusammentreffen mit Norbert bin ich über einen anderen Fallstrick gestolpert: Wenn man eine Krimiserie beginnt, deren erster Teil im Österreich des Jahres 1935 spielt, kann man sich ausrechnen, dass man recht rasch im Nationalsozialismus ankommt. Man sollte sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, wie man die damit verbundenen Probleme angeht: Welche Sprache verwende ich? Welche Wortwahl ist in Dialogen angemessen und zugleich plausibel? Dabei geht es gar nicht so sehr um die Frage, wie man eine politisch korrekte Fiktion des Nationalsozialismus schreibt. Es geht eher um eine Angemessenheit des Schreibens, um die Plausibilität der gewählten Perspektive.

 

Das Schlechte im Menschen

Bis vor Kurzem hatte ich nicht lange über derlei Probleme gebrütet. Wer denkt vor der Veröffentlichung des ersten Buchs über das zweite nach? Heute weiß ich: viele. Ich überraschenderweise nicht. Überraschend deshalb, weil ich meinen Charakter schon hinreichend lange kenne, um die Notwendigkeit zu sehen, meinem ersten Schreibimpuls Fesseln anzulegen.

Ich bin nämlich Zyniker, Gelegenheitszyniker zumindest. Ich glaube nicht an das Gute im Menschen, vor allem nicht an das Gute zwischen den Menschen. Die Welt ist für mich voll niederer Beweggründe und niedriger Hemmschwellen, und überhaupt bin ich davon überzeugt, dass alles schlecht enden wird. Vielleicht können Sie sich vorstellen, dass das beim Schreiben gewisse Herausforderungen bereithält.

Viele Krimis, die während des Nationalsozialismus spielen, bieten, trotz aller Schrecklichkeiten, Gemeinheiten und Verbrechen, etwas Tröstliches: Menschen, die wissen, was gut und richtig wäre. Damit diese Perspektive zu tragen kommt, kann natürlich nicht irgendeine Nebenfigur mit diesem Wissen ausgestattet werden, sondern idealerweise der ermittelnde Kommissar. Der Mann mag zwar saufen und böse Menschen schlagen (vermutlich aufgrund einer schlecht verdauten Scheidung), ist aber im Grunde genommen von edlen Motiven beseelt und natürlich klüger als seine Zeitgenossen.

Sie ahnen schon, mich ärgert das. Und zwar, weil das viel zu einfach ist: Auf der einen Seite die Wenigen, die gut sind, weil sie klug sind, und auf der anderen Seite die Vielen, die böse sind, weil sie nicht nachdenken (oder von Haus aus böse sind). Mich ärgert die Langeweile, die ich unweigerlich beim Lesen einer derartigen Geschichte empfinde. Noch mehr aber ärgert mich, dass mir die Figuren in diesen Büchern überhaupt nicht plausibel erscheinen. Sie scheinen mir allesamt aus einer Stanzmaschine für historische Figuren zu stammen. Mein erster Schreibimpuls wäre, das genaue Gegenteil zu schreiben: Geschichten, in denen es nur so wimmelt von Figuren, die von Grund auf böse sind. Auf Dauer wäre das aber natürlich auch nicht sonderlich interessant. Einen Ausweg sehe ich darin, mir vorzustellen, wie Menschen vor 80, 90 oder 100 Jahren gedacht und gelebt haben könnten.

 

Die Fallstricke der Geschichte

Damit will ich nicht sagen, ich wüsste, wie Menschen in den 1930ern genau tickten. Niemand weiß das, auch Historiker nicht (ja, Norbert, ich weiß, es ist nicht recht klug, das zuzugeben). Aber ich denke, wenn man über die Vergangenheit schreibt, kann man die Geschichte mit ambitionierter Fantasie angehen, aber man sollte doch versuchen, realistische Menschen zu entwerfen.

Ein Textbeispiel: Nehmen wir an, wir sind in Linz im Jahre 1938: „Nach dem Duschen schaltete Robert die Waschmaschine ein, trank ein Glas Orangensaft – wie stets eiskalt aus dem Kühlschrank, gab Sabrina einen Kuss und stieg in den Wagen.“

Dass hier ein paar Dinge nicht passen, ist so weit klar, oder? Waschmaschine, Kühlschrank, Wagen – diese Dinge gab es zwar damals schon, waren aber noch nicht sehr weit verbreitet. Eher unwahrscheinlich, dass Robert und Sabrina die besessen haben. Ebenfalls nicht sehr wahrscheinlich ist der Saft, schließlich waren Orangen teuer und selten. Und natürlich: Namen. Dass wir in den 1930ern in Linz einer Sabrina begegnen, ist nicht wahrscheinlich, aber auch sehr viele Roberts wird es damals nicht gegeben haben.

Also, probieren wir es noch einmal: „Nach dem Duschen trank Josef ein Glas Bier, gab Maria einen Kuss und ging zur Waschküche.“ Schon besser, aber immer noch nicht befriedigend, weil Josef nicht sehr plausibel agiert. Ein Mann in der Waschküche? Wohl kaum in den 1930ern. Eine Frau, die zuließ, dass ihr Mann Wäsche wusch? Nur unter ganz speziellen Umständen. Außerdem: war denn Waschtag? Und wieso würde man duschen, bevor man Wäsche wusch und einem bei der anstrengenden Arbeit in Hitze und Dampf der Schweiß ausbrach? Wer hatte damals überhaupt eine Dusche? Wohl nur jene, die ganz gewiss nie eine Waschküche von innen sahen.

Also, Sie wissen, was ich meine? Es genügt nicht, eine Geschichte rund um Fakten zu stricken, ein paar historische Details zu recherchieren. Damit wird die Sache nicht unbedingt plausibel. Um auf die Sache mit Norbert und dem Klarnamen zurückzukommen: Ich behaupte nicht, meine Geschichten seien realistischer als andere, auch wenn ich das in einzelnen Momenten zumindest hoffe. Ich kann Ihnen aber versichern, ich bemühe mich: Schließlich habe ich genauso viel zu verlieren wie LehrerInnen in der Millionenshow.

„Donaudämmerung“ von Thomas Buchner

 

In „Donaudämmerung“ von Thomas Buchner ermittelt Kommissar Josef Steininger in einem politisch höchst brisanten Fall und hat dabei die Gestapo im Nacken. Schleunigst muss er den vermeintlichen Mörder von Hermann Görings Tante finden – und wird mit zahlreichen Verdächtigen und menschlichen Abgründen konfrontiert.