Von Hitzköpfen und Geheimagenten – Mord im Balkanexpress

Der packende historische Hintergrund macht die Fahrt im Balkanexpress (Morde im Service inbegriffen) zu einem Erlebnis der besonderen Art. Und wie jede Geschichte braucht auch diese ihre Helden – und ihre Schurken!

 

 

DIE HELDEN:

Der Traum vom Ruhm: Die geheimnisvolle Schauspielerin Christine verliebt sich in einen Mann aus den höchsten Kreisen.

Christine Mayberger – Schauspieldiva aus dem Volk

Christine ist der aufgehende Stern auf den Bühnen Wiens, nicht umsonst wird sie bereits mit der legendären Schauspieldiva Eleonora Duse verglichen. Doch obwohl sie sich mittlerweile mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem Parkett der High Society Wiens bewegt, stammt sie ursprünglich vom Lande. In der grünen Steiermark kam sie als jüngste Tochter eines Lampenfabrikanten zur Welt, womit ihr zwar nicht die große, weite Welt, aber doch ein sorgenfreies Leben in Wohlstand bestimmt war. Doch es sollte alles anders kommen. Berauscht von den technischen Neuerungen der Zeit, investierte ihr Vater, Valentin Mayberger, sein gesamtes Vermögen in die Produktion neuartiger Gaslampen. Wie so oft im Falle zukunftsträchtiger Investments, folgte auf die Euphorie bald der Bankrott. Die Zeit der rauschenden Bälle war damit vorbei, die Familie fristete auf dem Landgut der Mutter fortan ein wenn nicht armes, so doch bäuerliches Leben mit all dessen Strapazen.

Christine verfolgt dennoch beharrlich ihren großen Traum, Schauspielerin zu werden. Schließlich erlaubt ihr die Familie, vor allem dank der Unterstützung des Vaters, diesen „schändlichen“ Beruf, der im Volk nach wie vor als anrüchig gilt, zu erlernen. Der Preis dafür ist der endgültige Bruch mit ihren Geschwistern, die die Entscheidung Christines nicht goutieren. Nach einigen Jahren am Theater in Linz, verglichen mit dem mondänen Wien immer noch Provinz, schafft sie den Sprung in die Hauptstadt der Donaumonarchie und wird rasch zur gefeierten Aktrice. In den höchsten Kreisen angekommen, verliebt sich Christine in Albrecht von Schwarzburg-Rudolstadt, der aus einer völlig anderen Welt kommt. Ihre bescheidene Herkunft ist ihr insofern von Vorteil, als sie mit ihrem rücksichtsvollen Auftreten frei von allen Starallüren schnell die Herzen aller Menschen erobert. Doch die bezaubernde Christine verbirgt ein Geheimnis, das an dieser Stelle noch nicht verraten wird …

 

Albrecht von Schwarzburg-Rudolstadt – Geheimagent und Lebemann

Albrecht Prinz von Schwarzburg-Rudolstadt entstammt dem deutschen Hochadel und nennt sogar Kaiser Wilhelm II. seinen Cousin. Dank seines Stammbaumes kommt er mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt, ein Leben voller Privilegien liegt vor ihm. Das bedeutet: Eliteschulen, Empfänge und Diners, Zigarren und Cognac in vornehmen Herrenclubs, Mätressen nach Belieben, Reisen in die glanzvollen Metropolen Europas. Ein Mann seines Standes könnte ohne Anstrengungen das luxuriöse Dasein eines idle rich genießen. Prinz Albrecht ist jedoch aus anderem Holz geschnitzt und kann mit adeligem Müßiggang wenig anfangen. Obwohl er sich seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen mitnichten entzieht und die rauschenden Feste feiert, wie sie fallen, treibt Albrecht die Sorge um die Sicherheit seines Landes und die Zukunft Europas um. Als preußischer Geheimagent im Dienste Seiner Majestät ist er am Puls der Zeit, weiß um all die Gefahren, die das scheinbar friedliche Europa in den Abgrund reißen können. Albrecht ist entsetzt ob des spürbar stärker werdenden Militarismus im Deutschen Reich und kann nicht verstehen, warum einflussreiche Militärs einen großen Krieg regelrecht herbeizusehnen scheinen.

Noch etwas unterscheidet ihn vom typischen Adeligen seiner Zeit: Anstatt eine standesgemäße Ehe samt Affären außerhalb dieser anzustreben, folgt er seinem Herzen. Christine ist für ihn keine Mätresse, sondern eine Partnerin auf Augenhöhe. Über eine Standeskonvention vermögen die beiden sich dennoch nicht hinwegzusetzen: Es wäre undenkbar, dass der Cousin des deutschen Kaisers eine Schauspielerin ehelicht. In der Öffentlichkeit verhehlen die beiden ihre Beziehung jedoch nicht.

 

DIE SCHURKEN:

Der Zorn auf Kaiser und Könige und deren Prunk schlägt um in Terror und Gewalt.

Miloš Ćosić – hitzköpfiger Dynamitardenführer

Ćosić stammt aus Belgrad, der Hauptstadt des Königreiches Serbien, und ist der Anführer einer bunt zusammengewürfelten Truppe von Dynamitarden, zu denen auch seine Geliebte Ica Szabó gehört. Heute würde man sie wohl als Terroristen bezeichnen. Nichts stößt ihn mehr ab, als der hohle Prunk und die dekadente Welt des Adels und des Großbürgertums. Selbst die eleganten Wiener Kaffeehäuser sind ihm verhasst. Sein Traum ist der Sturz des alten Europas, eine Zerstörung des Europas der Monarchien, der Kaiser und Imperien, dieser „Völkerkerker“. Der ehemalige Student glaubt fest daran, dass Gewalt das einzige Mittel zu diesem Zweck ist.

Woher kommt der Zorn dieses Mannes? Gewissermaßen wurde ihm der Hass auf die Obrigkeit schon in die Wiege gelegt, sein Vater war wegen Beteiligung an einem Aufstand gegen den serbischen König verhaftet und gefoltert worden. So wurde dann auch Miloš dazu erzogen, jene zu hassen, die das Volk unterdrücken: den König, den Adel, das Militär, die Kirche. Seine Erfahrungen spiegeln die Widersprüchlichkeiten und Gegensätze des Fin de Siècle wider: auf der einen Seite rasante technologische und wirtschaftliche Entwicklung, Frieden (weitgehend), das Blühen von Kunst und Kultur. Dem stehen die Verelendung weiter Teile der Bevölkerung, die immer stärker werdenden gesellschaftlichen Spannungen und das Erstarken des Nationalismus gegenüber.

Die Logik der Anarchisten ist einfach: Mit Anschlägen sollen die Staaten zu noch repressiverer Politik verleitet werden, die die Unzufriedenheit der Bevölkerung weiter anstachelt. Gemäß dem Motto „Probieren geht über Studieren“ hält er sich nicht zu lange mit Überlegungen und Plänen auf – Besonnenheit ist unter Terroristen eher selten anzutreffen. Einerseits ist Ćosić ein Idealist mit hehren Zielen, dazu noch ein durchaus charismatischer Anführer mit Talent zur Rekrutierung neuer Mitglieder. Auf der anderen Seite trägt seine Rücksichtslosigkeit grausame Züge, die auch vor den eigenen Gefährten nicht halt macht – der Zweck heiligt eben die Mittel.

 

Revolution aus Liebe: Ica Szabó kommt durch ihren Geliebten in Kontakt mit den Anarchisten und träumt selbst den Traum einer gerechteren Welt.

Ica Szabó – Femme fatale mit feuerroter Mähne

Ähnlich wie Christine stammt auch Ica vom Lande, allerdings aus wesentlich ärmeren Verhältnissen. Als Tochter ungarischer Gemüsebauern in der Nähe von Budapest geboren, lernt sie von Anfang an ein entbehrungsreiches Leben kennen, das hauptsächlich aus Arbeit besteht. Bereits als Kind muss Ica am Markt Gemüse verkaufen, um ihrer Familie dabei zu helfen, über die Runden zu kommen. Doch auch sie trifft eine Entscheidung: Sie zieht in die Großstadt. Budapest ist nach Wien die zweitgrößte Metropole des Habsburgerreiches und in gewisser Weise dessen Schwesterstadt. Dort lernt sie den Studenten Miloš Ćosić kennen, der ihr mit seiner leidenschaftlichen Art imponiert. Der junge Anarchist wiederum ist von der selbstbewussten Ungarin mit den leuchtend grünen Augen und den wallenden roten Haaren sofort fasziniert. Durch ihn kommt sie mit der Bewegung des Anarchismus in Berührung, mit dem Traum einer gerechteren Welt ohne Kaiser, Könige und Kirche, die auf Kosten der elenden Bevölkerung in Saus und Braus leben.

Trotz dieser revolutionären politischen Ansichten kann sich Ica nicht völlig von ihrer bäuerlichen Kindheit lösen und bleibt in privaten Dingen, etwa was die Sexualität betrifft, konservativ. Gleichzeitig verkörpert auch sie einen durchaus modernen Typ Frau, ist sie doch in vielerlei Hinsicht der eigentlich planende Kopf der Dynamitardenbande, da ihr Geliebter Miloš als Hitzkopf oft nicht die erforderliche Geduld aufbringt. Zudem schreckt Ica nicht davor zurück, selbst in Aktion zu treten.

 

„Mord im Balkanexpress“

Furiose Reise in die Zeit der Jahrhundertwende.
Matthias Wittekindt und Rainer Wittkamp
 lassen in ihrem fulminanten Kriminalroman die prachtvolle und spannungsgeladene Welt des Fin de Siècle zwischen Berlin, Wien und Belgrad lebendig werden. Lassen Sie sich in eine Epoche zwischen Glanz und Elend, Monarchen und Anarchisten, Militärs und Geheimbünden entführen.

Hier geht’s zum Buch.