„Die Gestaltung einer geschlechtergerechten Welt ist die Aufgabe aller, nicht nur von Mädchen* und Frauen*.“ – Ein Interview mit Angelika Atzinger vom Verein Amazone

 

Von Gleichstellung kann keine Rede sein: Noch immer sind Frauen* und weiblich gelesene Personen auf Führungsebenen, in der Wirtschaft und Politik marginal vertreten, tragen die Hauptlast unbezahlter Arbeit, verdienen weniger als Männer* und männlich gelesene Personen und sind nach wie vor häufiger von Armut und Gewalt betroffen. Und all das ist kein Resultat freier Entscheidungen von Frauen*, sondern von struktureller Diskriminierung. Der Verein Amazone ist eine zentrale Einrichtung für Genderarbeit aus Mädchen*- und Frauen*perspektive in Vorarlberg und wirkt lokal und über die Landesgrenzen hinaus. Nadine Rendl hat sich mit der Geschäftsführerin Angelika Atzinger über feministische Bildung unterhalten.

 

Bildung wird als „Schlüssel zur Gleichstellung“ angesehen. Aber auch Bildungseinrichtungen sind keine diskriminierungsfreien Räume. Worin siehst du den größten Handlungsbedarf in Hinblick auf unser Bildungssystem?

Nein, auch Bildungseinrichtungen sind keine diskriminierungsfreien Räume. Wichtig finde ich, dass sie zu diskriminierungssensiblen Räumen werden. Dafür braucht es – sowohl in formalen als auch in non-formalen Bildungskontexten – Räume der Auseinandersetzung mit Ungerechtigkeiten und strukturell bedingter Benachteiligung, nicht nur in Hinblick auf Geschlecht und Gender, sondern auch in Hinblick auf andere Kategorien, etwa race und Klasse. Es braucht dahingehend vor allem auch Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten für Lernende sowie Reflexion und Begleitung für Lehrende. Zudem müssen vielfältige Lebens- und Beziehungskonzepte im Lernalltag präsent sein, etwa in der Sprache oder in Schulbüchern. Der Verein Amazone versucht in Projekten und mit Workshopangeboten solche Möglichkeiten zu eröffnen, aber es wäre wichtig, dass diese institutionalisiert und im System verankert werden.

 

Die Amazone versteht sich als Verein, der sich dafür einsetzt, Mädchen* und Frauen* auch in gemischtgeschlechtlichen Kontexten zu stärken und Mädchenarbeit mit weiteren genderpädagogischen Ansätzen zusammenzuführen. Kannst du etwas genauer erklären, wie diese Arbeit bei euch im Verein ausschaut?

Der Verein Amazone setzt einerseits Aktivitäten ausschließlich für FLINT* (Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans*) Personen von 10 bis 25 Jahren, etwa Freizeit- und Experimentierräume im Mädchenzentrum oder parteiliche Beratungsangebote in der Mädchenberatung. Andererseits werden in der Fachstelle Gender Projekte, Qualifizierungs- und Vernetzungsangebote geschaffen, die Perspektiven und Anliegen von Mädchen* und jungen Frauen* in gemischtgeschlechtliche Kontexte tragen und in Angeboten für alle Geschlechter aller Altersgruppen sichtbar und bearbeitbar machen. Der Verein Amazone bietet hier zum Beispiel Workshops und Seminare für Schulen, Jugendzentren oder für mit Jugendlichen Arbeitenden aus Bildung, Sozialarbeit, Wirtschaft und Gesundheit. Diese Angebote beschäftigen sich mit ganz unterschiedlichen Themen, zum Beispiel Sexualität, Soziale Medien oder Körper- und Schönheitsbilder. Der Verein Amazone erstellt auch Materialien für die Öffentlichkeit – zum Beispiel Broschüren, Videoclips oder interaktive Ausstellungen – zu ganz verschiedenen relevanten Themen, etwa Mädchen* und MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), geschlechtsspezifische Gewalt oder Partizipation. In verschiedenen Projekten arbeiten wir in ganz unterschiedlichen Kontexten, etwa begleiten wir Betriebe in Vorarlberg dabei, gleichmäßige Zugänge zu technischen Lehrberufen für Mädchen* und Jungen* zu schaffen und einen Kulturwandel im Unternehmen zu gestalten.

Angelika ist seit 2018 für die Geschäftsführung im Verein Amazone zuständig. Sie hat Politikwissenschaften studiert und ist seit Jahren in frauen- und mädchenspezifischen Kontexten tätig. Foto: Verein Amazone

 

Nach wie vor ist Diskriminierung aufgrund des Geschlechts in unserer Gesellschaft strukturell verankert. In der Fachstelle Gender des Vereins geht es daher um Maßnahmen zur Dekonstruktion von Geschlechterrollenbildern. Was ist deine Beobachtung: Wie gelingt es Menschen, den Zugang zu (queer-)feministischen Themen zu finden, und wie wichtig ist es für dich, mit den verschiedensten Zielgruppen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit zu arbeiten?

Unsere Beobachtung im Verein Amazone ist, dass diese Zugänge sehr einfach zu finden sind: Alle Menschen sind in ihrem Alltag bewusst oder unbewusst mit Geschlechterthemen konfrontiert und machen Erfahrungen, die mit Genderrollen verknüpft sind. Wir versuchen mit Methoden und Aktivitäten, die Spaß machen, diese Erfahrungen aufzugreifen, Unbewusstes bewusst zu machen und gemeinsam zu reflektieren. Wir glauben, dass es ganz wichtig ist, mit allen Menschen aller Altersgruppen zu Geschlechtergerechtigkeit zu arbeiten und dabei Gestaltungsspielräume und Partizipationsmöglichkeiten aufzuzeigen – ich glaube, die Gestaltung einer geschlechtergerechten Welt ist die Aufgabe aller, nicht nur von Mädchen* und Frauen*.

 

„We Should All Be Feminists“, so lautet der Titel des sehr erfolgreichen Ted-Talks von Chimamanda Ngozi Adichie aus dem Jahr 2012, der heute noch hochaktuell ist. Aber: Wenige Männer* oder männlich gelesene Personen würden sich als „Feministen“ bezeichnen. Vor diesem Hintergrund: Wie könnte eine feministische Bildung insbesondere für (junge) Männer* aussehen?

Tatsächlich setzen sich immer noch wenige Männer* tiefergehend mit Feminismus auseinander – das Bedürfnis danach ist klarerweise ein anderes, wenn man nicht von Diskriminierung in diesem Hinblick betroffen ist. Wir machen in unserer Arbeit aber auch die Erfahrung, dass viele Jungen* und Männer* Probleme damit haben, nicht in Bilder und Entwürfe hegemonialer Männlichkeit zu passen. Für Jungen* und junge Männer* fehlen aber oft noch die Räume, in denen sie Möglichkeiten dazu vorfinden. Gerade cis-männliche Personen müssen Perspektivenwechsel erleben, die strukturelle Verankerung von Geschlechterungerechtigkeiten begreifen und eigene Privilegien reflektieren. Genau da muss queer-feministische Bildung für Männer* meiner Meinung nach ansetzen.

 

Diskriminierung ist nicht nur ein Problem der „anderen“. Wie kann ich mir als betroffene Person helfen lassen?

Am besten Unterstützung von Vertrauenspersonen suchen, eine Beratungsstelle aufsuchen, zum Beispiel die Mädchenberatung des Vereins Amazone, und Diskriminierungen melden, zum Beispiel bei ZARA Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit oder bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft.

 

Euren Verein gibt es seit 1998 – damals noch unter dem Namen „Kecke Quecke“. Wie hat sich eure Arbeit im Laufe dieser Zeit verändert?

Die „Kecke Quecke“ war 1998 eine ehrenamtliche Initiative von Frauen* und Mädchen*, die einen Raum nur für Mädchen* in Bregenz einforderten. So ist das Mädchenzentrum entstanden und das Anliegen ist heute immer noch aktuell, weil öffentlicher Raum nach wie vor männlich dominiert ist. Das Mädchenzentrum setzt heute verstärkt Angebote im öffentlichen Raum und unterstützt Mädchen* in Raumaneignungsprozessen. Die Mädchenberatung und die Angebote der Fachstelle Gender sind nach und nach dazu gekommen, immer, weil es das Bedürfnis danach gab. Heute arbeiten wir mit vielen Zielgruppen und machen Mädchen*expertisen und -anliegen auch nach außen sichtbar und hörbar.

 

Wie kann man den Verein Amazone unterstützen? Wie kann man mitmachen und Teil davon werden?

Jede*r kann den Verein Amazone unterstützen und mitgestalten, indem er*sie AmazoneMember wird. Wir sind auch immer auf der Suche nach engagierten Personen: Mitarbeitende, Praktikant*innen, Peers oder Ehrenamtliche – Infos dazu gibt’s auf unserer Website, oder einfach eine Bewerbung an [email protected] schicken. Außerdem freuen wir uns immer über Ideen, Rückmeldungen und Impulse.

 

Du möchtest dazu beitragen, dass sich endlich etwas verändert? Dann ist ein Ehrenamt vielleicht genau das richtige für dich! Ob in deinem Kiez oder international: Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie du ganz einfach sinnvolle Arbeit mit deinen Interessen und Hobbies verbinden kannst. Hier ein paar Seiten, die dir bei der Orientierung helfen:

Was ist eigentlich eine ehrenamtliche Tätigkeit? – GoVolunteer Blog
Helfende Hände herzlich willkommen (caritas.de)
Freiwilliges soziales Engagement (oesterreich.gv.at)
Das Ehrenamt – Informationen & Tipps | DEUTSCHES EHRENAMT (deutsches-ehrenamt.de)

 


 

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