Dr. Michaela Dudley im Interview: Die Diva in Diversity baut Brücken und durchbricht Mauern.

 

„Ich kam in dem Jahre auf die Welt, in dem die Berliner Mauer gebaut wurde. Und zeitlebens muss ich mit dem Kopf Mauern durchbrechen.“Dr. Michaela Dudley ist Kolumnistin, Kabarettistin und Keynote-Rednerin. Sie setzt sich für die Würdigung der Vielfalt ein: als Referentin, auf journalistischer Ebene, im Rahmen der Kleinkunst. Nina Gruber hat sich mit ihr unterhalten: Über Diversity als Herausforderung und Teil der Lösung auf dem Weg hin zu einem gleichberechtigten und diskriminierungsfreien Leben für alle. Über individuelle und kollektive Verantwortung. Über ihre ganzheitliche Anschauung des Veganismus. Und auch darüber, was sie sich hinsichtlich Diversity von der Buchbranche erwartet.

 

Liebe Michaela, du bist u. a. Referentin und Impulsgeberin für Unternehmen und Organisationen, teils für richtig große Auftraggebende wie die Deutsche Bahn AG, die Führungsakademie der Bundesagentur für Arbeit oder den Mitteldeutschen Rundfunk. Du bringst u. a. die Themen Diversity-Management und Integration näher, erklärst, was hinter Begriffen wie „FLINTA“, „Pink-Washing“ und „Cis“ steckt. Was würdest du aus deiner Erfahrung sagen: Hat sich in den letzten Jahren tatsächlich – also strukturell – etwas verändert?

In ebenjenen Firmen wird die Thematik Vielfalt meines Erachtens großgeschrieben und auch tatkräftig umgesetzt. Die Bahn zum Beispiel ist diesbezüglich nicht etwa auf einen bereits fahrenden Zug aufgesprungen, sondern hat schon von alleine sehr viel ins Rollen gebracht. Weichenstellungen gemacht. Auch die anderen, die BafA und der MDR haben begriffen, dass Diversity nichts für das Abstellgleis ist. Im Rahmen meiner Zusammenarbeit mit ihnen erkenne ich, dass sie die Bedeutung struktureller Änderungen durchaus verstehen. Was nutzt es, eine Diversity-Managerin einzusetzen, wenn man die bisherigen Kommunikationsebenen nicht entsprechend ergänzt und ausweitet? Natürlich geht nichts von heute auf gestern. Aber gerade deshalb ist es wichtig, zu handeln, anstatt zu hadern. Diversity ist eh kein Selbstläufer. Das Konzept muss ständig implementiert und verfeinert werden. Aber diese Notwendigkeit dürfte nicht als Problem angesehen, sondern als Teil der Lösung betrachtet werden. Die tagtägliche Beschäftigung mit dem Thema kann dazu beitragen, die Sensibilisierung zu erhöhen.

 

Dr. Michaela Dudley, eine Berliner trans* Frau mit afroamerikanischen Wurzeln, ist Kolumnistin, Kabarettistin und Keynoterin. Sie schreibt für die taz, den Tagesspiegel, für die Siegessäule sowie für Missy und Rosa Mag. Als „Diva in Diversity“ berät sie große Unternehmen und Organisationen in puncto Gleichberechtigung. – Foto: Carolin Windel

Die Chefetagen des öffentlichen Dienstes, von Organisationen und Unternehmen sind das eine. Auf der anderen Seite stehen wir da als Individuen mit unseren täglichen Entscheidungsmöglichkeiten: Wie spreche ich? Wie handle ich? – Aus deiner Perspektive als Diva of Diversity: Was können wir persönlich im Alltag tun, um für alle Menschen ein selbstbestimmtes, diskriminierungsfreies und würdevolles Leben zu erreichen?

Zuerst einmal ist es wohl Chefsache, dafür Sorge zu tragen, dass das, was in der Chefetage beschlossen wird, auch in der Montagehalle praktiziert wird. Die designierte Diversity-Managerin bzw. Gleichstellungsbeauftragte muss mit Befugnissen und Verantwortung betraut werden. Sie muss aber auch zur Verantwortung gezogen werden können.
Was das Personal anbelangt, da ist die Verantwortung auch angesagt. Individuell und kollektiv. Im Alltag ist die Sprache überdies sehr entscheidend. Wer die Kolleginnen und die sogenannten „Untergebenen“ auf eine inklusive Weise anspricht, kann auch mehr von ihnen erwarten. Menschen, die von Diskriminierung direkt betroffen sind, wollen eigentlich keine Sonderrechte, sondern Rechte und Respekt. Keinen Tokenismus, sondern Teilhabe und ja Verantwortung. Wenn man das realisiert, dann kann ein harmonisches, vertrauensvolles Arbeitsklima entstehen.

 

Du arbeitest zudem als Übersetzerin und Kommunikationsberaterin. Dein Motto ist „Mit Sprachen Brücken bauen und Mauern durchbrechen“. Mich als Verlagsarbeiterin interessiert da besonders: Was erwartest du dir hinsichtlich Diversity von der Buchbranche?

Auch hier ist eine inklusive Denkweise vonnöten. Das bedeutet, dass die Redaktion eher bunt als eintönig sein sollte. Das bedeutet nicht, weiße, heterosexuelle Mitarbeitende auf die Straße zu versetzen, sondern in sich zu gehen, was die Wahrnehmung und die Würdigung der Vielfalt betrifft, um dann eine Art Outreach zu betreiben. Die Outreach-Initiative soll aber ernst gemeint sein.
Vor einiger Zeit wollte die weiße Lektorin eines deutschen Buchverlages mich damit beauftragen, den Essayband einer afroamerikanischen Autorin ins Deutsche zu übersetzen. Die Anfrage kam übrigens gerade während der Debatte und des Debakels um die Übersetzung des Amanda-Gorman-Gedichtes. So war ich schon sehr neugierig. Das zu übersetzende Buch befasste sich mit Unconscious Bias. Leider hat die deutsche Lektorin ihn offenbar selbst nicht gelesen, sondern nur „erfolgreich eingekauft“. Wir kamen miteinander allerdings nicht ins Geschäft. Nein, sie war eher auf einen schnellen als auf einen sensibilisierten Umgang mit dem Originaltext bedacht. Die Hinweise, die ich ihr auf einige zu berücksichtigende kulturelle und linguistische Nuancen bereitwillig gab, ignorierte sie. Denn sie verstünde Black Literature „genauso gut“ wie ich. Absolut überheblich.
Ein weiterer Aspekt ist das Gendern. Ich bin für eine gendergerechte Sprache. Freilich nicht als linguistischen Endzweck, sondern als Mittel, um Gerechtigkeitsansätze gesellschaftlich zu verankern. Zugegebenermaßen muss eine Sprache einerseits organisch wachsen dürfen. Aber andererseits muss sie imstande sein, bereits vonstattengehende Entwicklungen rechtzeitig aufzugreifen, um überhaupt wachsen zu können. Die Sprachästhetik liegt mir am Herzen. Infolgedessen sind mir die Optik und die Orthographie sehr wichtig. Meines Erachtens können wir gegen die Strenge der binären Sprechweise sein, ohne über die Stränge zu hauen. Schau mal, wenn Sternchen, Schrägstriche und Majuskel-Buchstaben den Lesefluss dergestalt stören, dass wir dadurch ein stilistisches Problem haben, dann ist niemandem geholfen.

 

Ich habe bisher nur von Menschen gesprochen. Lass uns auch die anderen Tiere hinzuziehen: Du bist „eingefleischte Veganerin“, setzt dich für Tierrechte ein und beschäftigst dich aus einer intersektionalen (sprich: Du denkst Wechselbeziehungen unterschiedlicher Unterdrückungsformen mit.) Perspektive mit Lebensmitteln und deren Herstellung auseinander. Was haben Ernährung und Rassismus miteinander zu tun?

Um es klarzustellen: Der Veganismus ist für mich weitaus mehr als eine Angelegenheit der Ernährung. Ich trete auch als Fashionmodel auf, wie neulich in der wunderbaren Pride-Kampagne von GAP und Zalando. Da trage ich ausschließlich Veganes, und meine Wünsche werden bereitwillig respektiert. Mein Kabarettprogramm lautet zudem „Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“. Es handelt sich um eine gleichsam „sado-maßlose“ Satire. Aber darin agiere ich, eine schwarze trans* Frau, als Engelin der Gerechtigkeit. Ich zerfleische das weiße, misogyne, queerfeindliche und ja, xenophobe Patriarchat. Mit der Peitsche, die ich als erhobenen Zeigefinger einsetze, weise ich auf diskriminierende soziale Strukturen hin. Schlussendlich will ich aber nicht indoktrinieren, sondern einprägsam informieren. Dabei möchte ich allerdings keine falschen Äquivalenzen zwischen der Versklavung respektive der Vernichtung menschlicher Lebewesen einerseits und der Tierkörperbewertung bzw. dem Schlachten andererseits ziehen. Solche Gleichstellungen darf man nicht leichtsinnig oder übereifrig machen. Doch ich verweise gerne auf die kolonialistisch geprägten Ansprüche, die es auch heute in der Fleischindustrie gibt, und überhaupt in der Tendenz, afrikanische Länder als Zulieferer für den mitteleuropäischen Tisch zu betrachten.
Ein von mir komponiertes Lied und ein demnächst erscheinendes Literaturstück haben den Titel „Veganismus über den Tellerrand hinaus“. Schon damit verkünde ich einen holistischen Ansatz, eine ganzheitliche Anschauungsweise, was den Veganismus betrifft.

 

 

 

 

 


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