Jetzt reinlesen: Kaschmirgefühl

Gottliebs Tage sind nicht gerade von Leidenschaft erfüllt. Als Krankenpfleger im Hospiz ist er täglich mit dem Tod konfrontiert, Romantik im Privatleben: Fehlanzeige. Zu lange schon ist er Single, lebte bis vor Kurzem mit seiner Mutter zusammen. 

Von Einsamkeit getrieben ruft Gottlieb eines Nachts bei einer Sexhotline an. Ein Knistern in der Leitung, dann hört er zum ersten Mal Maries Stimme – und mit einem Schlag verändert sich alles.

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Leseprobe

– Hörst du mich?
– Ja.
– Ich bin Yvonne. Und ich werde mich jetzt um dich
kümmern. Ich werde dafür sorgen, dass du diesen
Anruf nie wieder vergisst.
– Ich habe das hier noch nie gemacht.
– Das macht gar nichts. Du sagst mir, worauf du stehst,
und dann machen wir alles, was du dir vorgestellt
hast.
– Ich habe mir nichts vorgestellt.
– Ach, komm schon, Süßer.
– Wirklich nicht. Ich weiß nicht, wie das hier funktioniert.
Ob ich das überhaupt kann. Fühlt sich irgendwie
komisch an.
– Jetzt mal ganz langsam. Du bist doch scharf, oder?
Sonst hättest du kaum hier angerufen. Also hör auf
nachzudenken und entspann dich. Es gibt hier keine
Regeln, kein richtig oder falsch. Es geht nur darum,
dass wir beide ein bisschen Spaß miteinander haben.
– Ich bin mir nicht sicher.
– Mach dir keine Sorgen, gemeinsam bekommen wir
das hin. Kannst mir vertrauen, ich bin richtig gut in
meinem Job. Ich verspreche dir, dass du gleich den
Orgasmus deines Lebens haben wirst.
– Danke.
– Du bedankst dich?
– Ja.
– Aber wofür denn?
– Dafür, dass Sie mich nicht auslachen.
– Sie? Du bist ja süß. So schüchtern, das mag ich. So
einer wie du ist mir tausendmal lieber als all diese
Typen, die nach vier Minuten auflegen und sich nicht
mal verabschieden, geschweige denn sich für irgendwas
bedanken. Freut mich wirklich sehr, dass du so
höflich bist. Und dass du unter all den Frauen da
draußen gerade mich angerufen hast.
– Das war Zufall.
– Das denke ich nicht. Ich weiß, das klingt verrückt,
aber seit ich heute Morgen aufgewacht bin, warte
ich insgeheim darauf.
– Worauf?
– Auf einen Anruf, der mein Leben verändern wird.
Auf einen Mann, den ich glücklich machen kann. Auf
einen, der vielleicht auch mich glücklich machen
wird.
– Sagen Sie das zu jedem?
– Ja.
– Funktioniert es?
– Meistens. Aber jetzt mach erst mal deine Augen zu.
– Was soll ich?
– Du sollst deine Augen zumachen.
– Und wozu soll das gut sein?
– Ich bin dir näher, wenn sie zu sind. Also mach einfach,
was ich dir sage, und alles wird gut.
– Sie sind jetzt zu.
– Sehr gut. Und jetzt möchte ich wissen, für wen ich
mich ausziehe. Wie heißt du, mein Süßer?
– Joe.
– Echt jetzt?
– Ja.
– Du heißt doch nie im Leben Joe.
– Warum denn nicht?
– Weil du schüchtern bist. Und schüchterne Männer
heißen nicht Joe. Außerdem hast du deine Augen
offen.
– Woher wollen Sie das wissen?
– Ich mach das hier schon ziemlich lange.
– Ich fühle mich unwohl, wenn die Augen zu sind.
Wie gesagt, es ist das erste Mal, dass ich so etwas
mache.
– Dann lass sie offen. Aber bitte lüg mich nicht mehr
an, Joe.
– Ich lüge nicht.
– Alle lügen, glaube mir. Das fängt beim Namen an
und hört beim Aussehen auf. Du erzählst mir doch
sicher gleich, dass du eins neunzig groß bist, schlank
und muskulös, und dass du es eigentlich gar nicht
nötig hättest, hier anzurufen. Stimmt’s?
– Nötig habe ich das tatsächlich nicht.
– Wusste ich’s doch.
– Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt auflege.
– Aber warum denn?
– Weil ich mir das anders vorgestellt habe.
– Wie denn? Sag es mir.
– Nicht so.
– Rede ich dir zu viel?
– Nein. Ich dachte einfach, dass es anders abläuft. Entschuldigen
Sie bitte. Ich wollte Sie nicht kränken
oder zurückweisen.
– Du willst mich nicht zurückweisen? Du hast das
Konzept wohl nicht verstanden. Du bist es, der hier
anruft. Du willst etwas von mir, und nicht ich von
dir.
– Ich wollte Sie wirklich nicht verärgern.
– Hör endlich auf mich zu siezen. Sag mir lieber, was
ich für dich tun kann. Wie du es gerne hättest. Ent13
täusch mich jetzt nicht, Joe. Auf welche Schweinereien
stehst du?
– Sie sind seltsam.
– Was bin ich?
– Seltsam.
– Weil ich dir nicht sage, dass du der Größte bist, oder
was? Weil ich nicht stöhne? Ich bin dir zu wenig
Nutte, richtig?
– Nein, das ist es nicht.
– Soll ich dir sagen, dass ich nackt bin? Dich einfach
nur geil machen?
– Nein.
– Du willst dir ganz gemütlich einen runterholen,
genau so ist es doch, oder?
– Nein, so ist es nicht.
– Wie ist es dann, verdammt noch mal? Denkst du,
du kannst hier anrufen und mich beleidigen? Willst
du mich erniedrigen, dich abreagieren, deinen Frust
an mir abarbeiten?
– Es gibt keinen Grund, mich so anzufahren. Ich habe
Ihnen nichts getan.
– Dir. Ich habe dir nichts getan.
– Ich dachte, das hier ist eine Sexhotline.
– Ist es auch. Aber wir spielen hier nach meinen
Regeln.
– Ich glaube nicht, dass ich das will.
– Du willst. Sonst hättest du bereits aufgelegt.


– Ich wollte dir wirklich nicht zu nahe treten.
– Du bist wirklich süß. So einen wie dich habe ich
selten.
– Das alles hier ist ein großes Missverständnis. Ich
wollte dich nicht erniedrigen. Tut mir wirklich leid.
– Bleib locker, Joe. Ich hab doch nur Spaß gemacht.
Wollte sehen, wie du reagierst, wenn man dich
anpflaumt. Quasi ein Belastungstest gleich zu
Beginn. Ich würde sagen, du hast ihn bestanden.


– Warum tust du das?
– Damit das Ganze ein bisschen spannender wird.
Wir beide wollen uns ja nicht langweilen, oder?
Außerdem weiß ich jetzt, mit wem ich es zu tun
habe. Du scheinst ein sensibler Mann zu sein. Ein
Frauenversteher. Ist selten heutzutage. Gefällt mir,
Joe. Und deshalb darfst du dir jetzt auch etwas wünschen.
Egal was, ich mache es.
– Ich muss jetzt auflegen.
– Aber warum denn?
– Das ist mir zu schräg hier. Du bist mir zu schräg.
– Ach, komm schon, Joe. Jetzt wird es doch richtig
gemütlich. Wir lernen uns gerade erst kennen. Ich
denke, dass das Ganze auch für mich spannend werden
könnte. Wenn ich mir vorstelle, was du gleich
mit mir machen wirst, werde ich ganz feucht.
– Es tut mir leid.
– Was tut dir jetzt schon wieder leid?
– Ich muss meine Mutter ins Bett bringen.
– Du musst deine Mutter ins Bett bringen? Habe ich
das gerade richtig verstanden?
– Sie schläft. Tief und fest neben mir auf der Couch.
Wenn sie die ganze Nacht hier liegt, jammert sie
morgen wieder, dass sie Kreuzschmerzen hat.
– Was um Himmels willen redest du da?
– Sie ist vor dem Fernseher eingeschlafen, ich wollte
sie nicht wecken.
– Spinnst du?
– Sie hat nur mich. Ich kümmere mich um sie.
– Du rufst bei einer Sexhotline an, während deine
Mutter neben dir schläft?
– Ja.
– Das glaub ich jetzt nicht.
– Ist aber so.
– Da habe ich mich wohl getäuscht in dir. Schade. Du
bist auch nur einer dieser Spinner, die mir mein
Leben schwermachen.
– Aber es kann dir doch egal sein, ob sie da ist oder
nicht.
– Glaubst du wirklich, dass ich es mit dir mache, während
deine Mutter neben dir sitzt? Ich mag es zwar,
wenn nicht immer alles ganz nach Plan läuft, aber
das geht zu weit.
– Wenn man der Statistik glaubt, erledigst du ohnehin
deine Hausarbeit, während du mit mir telefonierst.
Wahrscheinlich bügelst du gerade.
– Drehst du jetzt völlig durch?
– Ich habe ein bisschen im Internet recherchiert, bevor
ich diese Nummer gewählt habe. Es heißt, dass diese
Frauen etwas ganz anderes machen, während sie
telefonieren.
– Diese Frauen?
– Ja. Außerdem habe ich gelesen, dass es darum geht,
die Anrufer so lange wie möglich in der Leitung zu
halten.
– Du bist ja ein ganz Schlauer.
– Ich würde sagen, du bist außerordentlich gut. Auch
wenn es ziemlich ungewöhnlich sein dürfte, wie du
es machst. Wahrscheinlich kann nicht jeder damit
umgehen, dass du so durchgeknallt bist, oder?


– Weißt du was, Joe?
– Was denn?
– Du kannst mich mal.

– Hörst du mich?
– Ja.
– Ich bin Yvonne. Und ich werde mich jetzt um dich
kümmern. Ich werde dafür sorgen, dass du diesen
Anruf nie wieder vergisst.
– Fängst du immer so an?
– Du schon wieder?
– Ja.
– Was soll das? Mit Perversen will ich nichts zu tun
haben, ich denke, das habe ich klargemacht. Weck
deine Mama auf und geh mit ihr ins Bett, wenn du
willst. Aber mich lässt du bitte in Ruhe.
– Es gibt keine Mama auf der Couch. Die habe ich
erfunden. Wollte nur sehen, wie du reagierst. Quasi
ein Belastungstest gleich zu Beginn. Ich würde sagen,
du bist durchgefallen.


– Du hast mich verarscht?
– Ja. So wie du mich vorhin. Ist nur fair, finde ich.
– Respekt. Hätte ich dir gar nicht zugetraut.
– Das freut mich, Yvonne.
– Das war ziemlich abgefahren, Joe.
– Danke.
– Ich muss zugeben, ich habe wirklich gedacht, dass
du völlig humorlos und verklemmt bist.
– Bin ich das nicht?
– Schaut nicht so aus. Deshalb schlage ich vor, dass
wir noch mal von vorne anfangen. Wir gehen die
ganze Sache langsam und behutsam an. Wie du nämlich
schon richtig gesagt hast, geht es hier darum,
den Anrufer so lange wie möglich in der Leitung zu
halten. Damit ich so viel Geld wie möglich verdiene.
– Du bist witzig.
– Ja, das bin ich wohl.
– Und sehr ehrlich.
– Da muss ich dich leider enttäuschen.
– Du heißt also nicht Yvonne?
– Natürlich nicht.
– Und du schaust auch nicht so aus wie auf der
Anzeige?
– Auf welcher denn? Ich habe in verschiedenen Zeitungen
inseriert. Mit unterschiedlichen Fotos. Welches
hast du vor dir?
– Blond, große Brüste.
– Oh ja, die ist heiß. Das Foto funktioniert am besten.
– Wer ist die Frau?
– Keine Ahnung, ich hab das Foto aus dem Netz
geklaut.
– Aber das ist doch strafbar, oder? Warum erzählst
du mir das?
– Weil ich mich dir zuliebe bemühe, ehrlich zu sein.
– Aber es fällt dir schwer.
– Ja. Weil es am Ende nur darum geht, Illusionen zu
verkaufen. Wenn die Männer da draußen große
Brüste wollen, habe ich große Brüste. Wenn sie auf
kleine stehen, habe ich kleine. Ich bin alles, was du
dir wünschst, Joe.

– Also was macht dich an? Warum hast du mich angerufen?
– Das ist eine gute Frage.
– Darf ich raten?
– Ja.
– Du bist verheiratet, in deiner Ehe läuft es nicht mehr
so richtig. Du bist verzweifelt und wolltest endlich
wieder mal Dampf ablassen. Richtig?
– Falsch.
– Dann bist du einer dieser einsamen Kerle, die niemanden
haben, mit dem sie reden können. Du hattest
seit Monaten keinen Sex, wahrscheinlich schon
seit Jahren nicht. Und jetzt hast du dich nach langem
Hin und Her endlich dazu durchgerungen, bei
dieser Nummer anzurufen.
– Nein, so ist es auch nicht.
– Wie ist es dann, Joe?
– Ich bin glücklich verliebt.
– Ich verstehe. Und deshalb rufst du die Frau mit den
großen Titten an.
– Es ist kompliziert.
– Ich habe Zeit, Joe. Und ich höre dir gerne zu. Aber
weil ich heute einen guten Tag habe, sage ich es dir
noch einmal. Dieses Gespräch kostet Geld. Vor allem,
wenn du dich entschließt, länger auszuholen.
– Geld spielt keine Rolle.
– Das sagst du jetzt. Aber nachher bereust du es. Es
wäre nicht das erste Mal, dass sich hier einer um
den Verstand redet. Wenn du also möchtest, kann
ich mein Strickzeug kurz zur Seite legen, und wir
machen es miteinander.
– Strickzeug? Kein Scherz?
– Kein Scherz. Ich bin nackt, und ich stricke. Sitze in
meinem Schaukelstuhl und warte darauf, dass aus
dieser verdammten Wolle ein Pullover wird. Aber
leider ist die Sache wesentlich schwieriger, als ich
mir das vorgestellt habe. Ich bin völlig unbegabt,
was das Stricken angeht.


– Du bist also nackt?
– Ja. Da ist nur der Wollfaden auf mir.
– Erzähl mir mehr.
– Ich dachte, du wolltest mit mir über deine wunderbare
Beziehung reden.
– Wie schaust du wirklich aus? Kleine Brüste?
– Was denn nun, Joe? Doch die Sexhotline?

– Ficken oder reden, Joe? Du musst dich entscheiden.
– Reden. Wie gesagt. Ich bin verliebt.
– Noch mal, Joe. Warum rufst du hier an?
– Wir telefonieren doch nur. Es ist nichts passiert.
– Noch nicht, Joe. Aber der Wollfaden, der zwischen
meinen Beinen liegt, sagt mir, dass es nicht mehr
lange so bleiben wird. Kaschmir, Joe. Diese wunderbare
Wolle ist wie ein Finger, der mich da unten
berührt. Wenn ich weiterstricke, läuft der Faden
genau über meine feuchte Muschi.
– Muschi?
– Ja, Joe. Muschi.
– So hat meine Mutter dazu gesagt, als ich ein Kind
war.
– Du kannst sie auch Fotze nennen. Oder Möse, wenn
dir das lieber ist. Wichtig ist nur, dass sie nass ist.
Und dass sie sich jetzt durchaus vorstellen könnte,
wie du sie leckst.
– Hör bitte auf, so zu reden.
– Wie rede ich denn?
– Das ist ordinär. Und widerlich. Ich will das so nicht.
– Aber ich spüre doch, dass du heiß bist, Joe. Am liebsten
würdest du mir mein Strickzeug aus der Hand
reißen und über mich herfallen, stimmt’s?
– Nein.
– Warum nicht?
– Ich kann nicht.
– Schämst du dich?
– Nein.
– Doch, das tust du, Joe. Das alles hier passt nämlich
nicht in deine Welt. Es ist dir peinlich, dich mit
einer wie mir über ihre feuchte Muschi zu unterhalten.
So ist es doch, oder? Deine Geliebte könnte
ja davon erfahren. Sie würde dir das nie verzeihen,
richtig?
– Richtig.
– Das ist Schwachsinn, Joe. Und weißt du auch,
warum? Es gibt gar keine Geliebte. Und du bist auch
nicht glücklich, du bist allein da draußen. Und nur
aus einem einzigen Grund rufst du die Tittennummer
an. Weil da sonst keiner ist, der dich in den Arm
nimmt, Joe. Niemand außer mir.
– Du irrst dich.
– Und du bist feige. Traust dich nicht. Tust nicht, was
du gerne tun möchtest.
– Das ist lächerlich. Ich muss mir das hier nicht anhören.
– Du bist dir also zu gut dafür, es der versauten
Schlampe am Telefon zu besorgen. Du hältst dich
für etwas Besseres, nicht wahr? Aber das ist lächerlich,
Joe. Weil du in Wirklichkeit doch nur ein verklemmter
kleiner Scheißer bist. Einer, der mir Märchen
erzählt, weil er nicht imstande ist, sich ein
einziges Mal im Leben fallen zu lassen.

– Du bist eine traurige Figur, Joe. Du verschwendest
dein Geld. Und meine Zeit.
– Dann lege ich jetzt besser auf.
– Nein, das tust du nicht. Wir sind noch nicht fertig
miteinander.
– Doch, das sind wir.

Gibt es Schöneres, als zwei Menschen zuzuschauen, wie sie sich ineinander verlieben?

Große Emotionen und die nötige Portion Spannung treffen in Bernhard Aichners „Kaschmirgefühl“ aufeinander. Wir alle kennen die Sehnsucht nach einem glücklicheren Leben, und diese Sehnsucht ist es, die Gottlieb und Marie immer weitertreibt – mit Wucht in die offenen Arme des Anderen …