Spuren im World Wide Web – Thomas Baum über seine Recherche zu „Kalter Kristall“

CSI auf Österreichisch mit spektakulären Verfolgungsjagden und überraschenden Wendungen: Drehbuchautor Thomas Baum legt den wohl rasantesten Krimi der Saison vor! Nach mehreren „Tatorten“, Folgen der „Rosenheim-Cops“ und dem Kinohit „In drei Tagen bist du tot“ zeigt er mit „Kalter Kristall“, dass er nicht nur auf Kinoleinwänden und Fernsehbildschirmen mit schnellen Cuts und atemloser Spannung überzeugen kann. Wie es ihm bei der Recherche ergangen ist und wo die großen Unterschiede zwischen Buch und Drehbuch liegen, erzählt er uns in seinem Gastbeitrag. 

 

Die Unterwelt des Internets

Bitcoins, Darknet, Finsternis: Thomas Baum hat sich mit dunkler Materie beschäftigt.

Zuerst interessierten mich die Bitcoins. Eine Kryptowährung ohne Geschichte, ohne Seele, ohne Kultur. Ein aufgeblasenes Vieles und Nichts, das Goldgräberstimmung und einen Spekulationshype erzeugt.
An mir gehen solche Geld-Dynamiken normalerweise vorüber. Die Unterwelt des Internets, in der Bitcoins als einzig wahres Zahlungsmittel gelten, habe ich bisher gemieden. Ich bin nicht der Typ, der sich einfach so ins Darknet klickt.
Das macht eine Figur aus „Kalter Kristall“ für mich. Sie weiß, welche spezielle Software es fürs Betreten des Darknets braucht. Sie ist versiert im Verschlüsseln der eigenen Identität und Verwischen von Spuren. Bitcoins bestimmen ihren täglichen Umsatz. Im Deep Web bewegt sie sich beinahe so selbstverständlich wie andere auf Google oder Facebook.

 

Drogen, Waffen und Sex

Beim Recherchieren fand ich es sehr erstaunlich, dass die Marktplätze im Darknet in etwa so funktionieren wie der uns bekannte legale Online-Handel. Man klickt auf ein Produkt und legt es in den Warenkorb. Gekauft werden Drogen, Waffen, gestohlene Kreditkarten, Medikamente und Sex.
Die erworbenen Amphetamine und Pistolen landen in neutralen Päckchen mit Aufschriften wie „Alles für den Garten“ im Briefkasten. Auf diese Weise ist jeder unauffällige Familienvater in der Lage, ein kriminelles Kleinunternehmen zu gründen. Oder einen internationalen Handel im ganz großen Stil.
Das Erkunden des Darknets brachte mich auf die Fährte abgebrühter Geschäftemacher und düsterer Foren. Allein beim Eintippen von einschlägigen und problematischen Suchbegriffen beschlich mich das unangenehme Gefühl, mir könnten diverse Cyber-Cops im Nacken sitzen. Das Internet schläft nie, Kontrolle ist immer und überall. Die perfekt getarnten Pfade des dunklen und mächtigen Web-Paralleluniversums sind nichts für schwache Nerven.

 

Late in, early out

Drehbuch ist nicht gleich Buch – aber Gemeinsamkeiten gibt es dennoch.

Möglichst direkt rein in die Kapitel und rechtzeitig wieder raus – dieses Prinzip habe ich vom Drehbuchschreiben übernommen. Wie viel ist nötig und wie wenig genügt, um die Story und ihre Figuren stimmig voranzutreiben? Solche Fragen spielen bei einem Hauptabend-Fernsehfilm im Zeitkorsett von 90 Minuten eine noch wesentlichere Rolle als bei einem Roman mit 300 Seiten.
Beim Krimi in Buchform genieße ich den großzügigen Raum für Nebenstränge und deren Verflechtungen. Außerdem steht mehr Platz für die Eigenheiten und Beweggründe der einzelnen Charaktere zur Verfügung.
Im Film erklären sich die Figuren vor allem über Handlung und Dialoge. Der Roman ermöglicht ein weitaus intensiveres Eintauchen in die unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Gedankenwelten. Zum Beispiel liebe ich es sehr, in den rasantesten Momenten auf Zeitlupe zu schalten und das Geschehen minutiös aus der subjektiven Perspektive einer beteiligten Person zu schildern.

 

Komplexes Handwerk: Drehbuch und Roman

Auch wenn viele Gesetzmäßigkeiten des Geschichtenerzählens für beide Formen gelten, gibt es wesentliche handwerkliche Unterschiede. Beim Film denkt man in Szenen, Sequenzen, Plot Points und Akten und schreibt neben einer eher nüchternen, ökonomischen Prosa möglichst punktgenaue und pointierte Dialoge. Die Stoffentwicklung erfordert außerdem einen ständigen und nicht immer einfachen Austausch mit Redaktionen, ProduzentInnen und RegisseurInnen.
Romane werden im Wesentlichen von der ganz persönlichen Handschrift und Sprache der AutorInnen getragen. Der Rhythmus und Klang einzelner Sätze und das exakt gesetzte Wort verleihen dem Text seine eigene, besondere Färbung.
Für kritische Anmerkungen sorgen im Entstehungsprozess ausgewählte LeserInnen und professionelle LektorInnen. Die Geschichte lebt für sich selbst und braucht keine weitere Umsetzung durch ein anderes Medium oder andere Personen.
Außerdem vermittelt sich über die individuelle Erzählweise auch das spezielle Menschenbild der AutorInnen. Mir bereitet es großes Vergnügen, zwischen den Zeilen meine eigenen Zugänge zu den kleinen und großen Herausforderungen des Lebens durchschimmern zu lassen – solange es der Geschichte und den Figuren dient. Und dem, was gute Krimis brauchen: überraschende Wendungen, Witz und Spannung.

 

 

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