„Viel zu lange, viel zu oft waren literarische Frauenfiguren auf wenige Teilaspekte und Klischees reduziert“ – Interview mit Ellen Dunne und Gudrun Lerchbaum

Ellen Dunne und Gudrun Lerchbaum schreiben über gesellschaftliche Missstände, kratzen an Tabus, stellen unangenehme Fragen. Ihre Geschichten zeigen das Leben in seiner Vielschichtigkeit, oft mit einer guten Portion schwarzem Humor. In Ellen Dunnes „Boom Town Blues“ blickt Ermittlerin Patsy Logan in die hässliche Fratze von Ausbeutung und Kapitalismus. Gudrun Lerchbaums „Das giftige Glück“ stellt uns vor die Frage, ob zu einem selbstbestimmten Leben nicht auch ein selbstbestimmtes Sterben gehört. Wir haben mit den beiden Autorinnen über das Schreiben und ihre Sicht auf die (Krimi-)Literaturwelt gesprochen.

 

Ihr seid beide Schriftstellerinnen – und miteinander befreundet. Unterhaltet ihr euch übers Schreiben, fragt ihr die andere um Rat während des Schreibens bzw. gebt ihr euch Tipps?

Ellen Dunne: Übers Schreiben allgemein unterhalten wir uns immer wieder. Meine Manuskripte teile ich aber selten, bevor ich fertig bin, auch nicht mit befreundeten Kolleg*innen. Bin da etwas eigenbrötlerisch veranlagt, aber meist auch spät dran in meinem Zeitplan und habe deshalb nur noch wenig Zeit für Feedback-Schleifen. Schade eigentlich, weil ich empfinde den Austausch gerade mit Gudrun sehr positiv. Sie hat „Boom Town Blues“ erst als fertiges Manuskript gelesen, aber das Exposé des Nachfolgers, den ich derzeit in Arbeit habe, hat sie ebenfalls schon gesehen. Und bei einer Kurzgeschichte, die sie ebenfalls vorab von mir zu lesen bekam, verdanke ich ihrer Anregung einen viel besseren Titel. Ich lerne also langsam dazu, haha.

Gudrun Lerchbaum: Wir reden schon auch übers Schreiben, aber vor allem immer wieder über die Eigenheiten des Literaturbetriebs. Den auch nur ansatzweise zu durchschauen, wäre wohl eine Lebensaufgabe, der wir uns mit aller gebotenen Unernsthaftigkeit widmen.

Wir haben beide schon Texte der anderen vor der Veröffentlichung gelesen. Dabei geht es aber in meinen Augen weniger um ein Kolleginnenlektorat oder gute Tipps im Prozess als um den Blick, ob am Ende alles da ist, was die Geschichte braucht. Es bestehen, denke ich, einige Ähnlichkeiten in unserem Schreiben, die mir das Vertrauen geben, dass wir sehen, worauf es der anderen ankommt.

 

In euren Büchern spielen starke Frauenfiguren eine sehr wichtige Rolle. Findet ihr, dass es genug solcher Charaktere in der (Krimi-)Literatur gibt?

Ellen Dunne: Ich finde es schön und vor allem wichtig, dass es (endlich) immer mehr spannende und facettenreiche Frauenfiguren gibt bzw. der Boden dafür dank toller Kolleginnen bereitet wurde. Und es gibt noch ausreichend Platz für viele, viele mehr von ihnen.

Gudrun Lerchbaum: „Stark“ würde ich hier nur im Sinn von „vielschichtig“ gelten lassen. Vielschichtig kann eine Figur nur sein, wenn sie sowohl Stärken als auch Schwächen hat. Da facettenreiche Charaktere, gleich welchen Geschlechts, unerlässlich für gute Literatur sind, kann es nie genug von ihnen geben.

Ja, viel zu lange, viel zu oft waren literarische Frauenfiguren auf wenige Teilaspekte und Klischees reduziert. Doch das liegt nicht daran, dass keine besseren und realistischeren Charaktere erdacht wurden, sondern daran, dass zu wenige der patriarchal gestimmten Verlage deren Geschichten veröffentlichen und zu wenige Kritiker sie wahrnehmen wollten, da sie dem „männlichen Blick“ nicht relevant erschienen. Schön, dass sich das langsam ändert!

 

Was würdet ihr euch von der Krimiszene in Zukunft wünschen?

Ellen Dunne: Dass endlich diese Unterscheidungen von E und U fallen, allgemein in der Literatur, als auch im Bereich Krimi. Dieses Kategoriendenken in „wertvoll“ versus „nur Unterhaltung“ engt unnötig ein und findet sich beispielsweise im englischen Raum nicht. Da sind die Grenzen zwischen Krimi und Literatur fließend, und beide werden ernst genommen. Gerade dadurch sind diese Bücher oft so spannend und wirken weniger schablonenhaft. Da fehlt vielen deutschen Verlagen (oder auch dem Buchhandel?) zu oft der Mut und das Zutrauen in die Leserschaft. Stattdessen kaufen sie dann die Übersetzungen von englischsprachigen Autor*innen. Das finde ich schade.

Gudrun Lerchbaum: Was Ellen sagt! Außerdem müssen die – meinetwegen unbewussten – patriarchalen Denkmuster noch weiter aufgebrochen werden. Es kann doch nicht sein, dass bei großen Krimipreisen wie dem GLAUSER in den letzten zehn Jahren lediglich zweimal eine Autorin in der Hauptkategorie ausgezeichnet wurde. Stilbildende Kolleginnen wie Simone Buchholz gehen hier regelmäßig leer aus – und nein, es liegt nicht an der Qualität! Wer schon einmal in einer Jury mitgewirkt hat, weiß, dass auf einer Shortlist wohl seltenst tatsächliche Niveauunterschiede bestehen. Es geht letztlich meist um unterschiedliche Vorlieben und den Kompromiss darüber. Und wenn ich, wie schon geschehen, von einem weiblichen Jurymitglied einer wichtigen Auszeichnung schon vorab höre, dass die Autorin ihrer Wahl leider nicht durchsetzbar sein wird, weil da halt auch „richtige Männer“ im Gremium säßen, dann laufe ich heiß.

 

Habt ihr ein Vorbild, was das Schreiben betrifft?

Ellen Dunne: Beim Schreiben bin ich inzwischen sehr stark von meiner irischen Wahlheimat beeinflusst. Ich lebe seit 18 Jahren nicht mehr im deutschsprachigen Umfeld, lese viel und unterhalte mich auf Englisch, schaue Serien, habe den eigenen Humor und das Lebensgefühl von Irland und seinen kulturellen angelsächsischen Einflüssen in mir aufgenommen. Das prägt ganz sicher meine Stories und die Art, sie zu schreiben, auch wenn mir das oft erst bewusst wird, wenn es Leser*innen erwähnen.

Gudrun Lerchbaum: Ein Vorbild in Bezug auf meinen Schreibstil oder die Themen habe ich nicht. Was aber den Mut angeht, meine Geschichten unabhängig von Genregrenzen oder anderen Schubladen zu denken, bin ich sicher geprägt durch Autor*innen wie Margaret Atwood, Ian McEwan, Jennifer Egan oder Kazuo Ishiguro, ohne mich mit ihnen vergleichen zu wollen. Warum mir auf Anhieb nur Englischsprachige einfallen? S.o. bei Ellens Antwort.

 

Was gefällt euch am neuesten Buch der jeweils anderen am besten, an „Boom Town Blues“ bzw. „Das giftige Glück“?

Ellen Dunne: Allein die Idee von „Das giftige Glück“ fand ich sofort spannend, als mir Gudrun vor zirka zwei Jahren bei einem Treffen in Wien davon erzählt hat. Sich mit einem gesellschaftlich relevanten Thema wie z.B. dem selbstbestimmten Sterben auseinanderzusetzen, macht mich einfach noch neugieriger auf Romane. Gudruns Schreibstil spricht mich allgemein sehr an, und ich finde, er gewinnt mit jedem Buch dazu. Und ja, ich geb’s zu – den Myko von der Sporenwelt finde ich nerdig genial. Okay, das waren jetzt gleich drei beste Dinge, aber ich bin eben Fan!

Gudrun Lerchbaum: Da mag ich jetzt gar kein Ranking erstellen. „Boom Town Blues“ hat einfach alles, was ein richtig guter Krimi braucht: vielschichtige Figuren, eine spannende Geschichte, die den Blick auf gesellschaftliche Missstände richtet, und originelle Sprache. Und mit Patsy Logan ginge ich jederzeit auf einen Drink.


 

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