„Wieso Heimat?“ Zehn Jahre später. Ein Gastbeitrag von Selim Özdogan
Vor zehn Jahren erschien Selim Özdogans Roman „Wieso Heimat, ich wohne hier zur Miete“ zum ersten Mal. Die Welt, in die dieser Text hineingeschrieben wurde, war eine andere, die Gesellschaften und öffentlichen Diskussionen, mit denen diese Geschichte in Beziehung trat, haben sich stark verändert. Und dennoch bietet der moderne, bittersüß-humorvolle Schelmenroman um Krishna Mustafa vielleicht gerade in unserer Gegenwart eine Perspektive, die aktueller nicht sein könnte.
Über das Navigieren zwischen Zuschreibungen, Essentialisierungen, Vereinnahmungen und Humor als Überlebensstrategie haben wir Selim Özdogan befragt, der in diesem Gastbeitrag über Aktualität und Überzeitlichkeit seiner Figuren spricht.
Ein kleine Kontextualisierung.
Seit das Buch vor zehn Jahren erschienen ist, hat sich viel geändert, in der Türkei, in Deutschland, gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich. In Istanbul ist auch das Stadtbild ein anderes, es gibt nun eine große Moschee direkt bei Taksim, das erste Kapitel des Buches, in dem Krishna Mustafa nur Kirchen sieht, aber keine Moscheen findet, würde 2026 nicht mehr funktionieren, die Realität hat hier den Roman überholt, der klar in seiner Zeit verankert ist: Gezi-Proteste, Pegida, der IS, Erdoğans Palast.
Das Buch behält seine Aktualität, nicht weil es abstrakte Wahrheiten formuliert, sondern weil es Strukturen sichtbar macht, die sich seitdem kaum verändert, sondern eher verstärkt haben.
Krishna Mustafa verweigert sich den Identitätszuschreibungen und das bleibt ein radikales Gegenmodell in einer Zeit, in der Identität sowohl von links als auch von rechts instrumentalisiert wird. Er ist weder der wurzelsuchende Türke, den seine deutsche Freundin von ihm erwartet, noch der integrierte Vorzeige-Migrant, noch der Islamist, zu dem ihn die Medien machen.
Sowohl autoritäre Regime als auch die zunächst freier scheinende neoliberale Ordnung, höhlen das demokratische System aus. Während Erdoğan ein Präsidialsystem eingeführt hat, das die Macht weiter monopolisiert, zeigen uns die Wahlergebnisse in vielen westlichen Gesellschaften einen Wunsch nach Führung von starker Hand.
Der Humor in dem Roman funktioniert als Überlebensstrategie, egal, wie sehr die Welt sich verändert hat. Der unzuverlässige, widersprüchliche, teils betrunkene Chor der Einäugigen bietet in einer zersplitterten Welt vielleicht die einzig plausible Erzählerstimme.
Das Buch zeigt die Mechanismen der viralen Empörung, ein einzelnes Foto wird durch Dekontextualisierung zu einem Scheinbeweis für Radikalisierung. Ein Journalist, der mit Krishna Mustafa chattet, der jeden Satz falsch versteht, weil er nur hören kann, was in sein Narrativ passt – ein fehlendes Interesse an jeder Form von Tiefe. Mechanismen, die sich seit dem ersten Erscheinen gefüttert von Algorithmen noch weiter verstärkt haben.
In einer Welt zunehmender Polarisierung, in denen Menschen sich breitwillig selbst labeln, erinnert die Wieso Heimat, ich wohne zur Miete daran, dass die relevante Frage vielleicht nicht ist: Wer bist du?
Sondern: Unter welchen Bedingungen willst du leben und wie widerstehst du der Vereinnahmung?

Selim Özdogan, geboren 1971, lebt in Köln. Verfasst Romane und Kurzgeschichten. Mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis (1999). Veröffentlichte u.a. die Romane „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist“ (1995), „Im Juli“ (2000) und „Heimstraße 52“ (2011). Bei Haymon zuletzt: „Der Klang der Blicke. Geschichten“ (2012), „DZ. Roman“ (2013), „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ (2016) und „Wo noch Licht brennt“ (2017). Den Roman „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“, der 2026 im Taschenbuch erscheint, hat er geschrieben, nachdem er ein halbes Jahr in Istanbul gelebt hat.