Das Ende der Affäre. Oder: Polyamorie als alternative Beziehungsform. – Ein Interview mit Inna Barinberg

 

Wie lieben wir? Und: wie viele? – Unsere Sehnsucht nach Geborgenheit, unser sexuelles Begehren, die vielen Formen der Liebe, die unterschiedlichen Phasen unserer romantischen Beziehungen, die körperliche Nähe in unseren Freund*innenschaften … Wie wir das individuell organisieren, trennen, verbinden, ausleben wollen, dafür gibt es unzählige Möglichkeiten. Auch in Form von Alternativen zur Monogamie. Nina Gruber hat sich mit Inna Barinberg darüber unterhalten. Inna lebt in einer polyamoren Beziehung. Wie sie zu dritt den Alltag in einer offenen Beziehung meistern, welchen Stellenwert dabei die Kommunikation hat und vor welchen strukturellen Hindernissen polyamore Familien stehen, darüber könnt ihr in diesem Interview lesen:

 

Oft wird in der Diskussion um Monogamie und Polyamorie der Fokus auf das Ausleben der Sexualität mit mehr Personen als denen, die Teil einer romantischen Beziehung zwischen nur zwei Partner*innen sind, gelegt. Aber so individuell wie jeder Mensch ist, so individuell sind auch die Beziehungen. Was bedeutet Polyamorie für dich persönlich?

Polyamorie ist für mich eine konsensuelle Übereinkunft, dass die Möglichkeit besteht, mit anderen Menschen sexuelle und/oder emotionale Beziehungen einzugehen. Ich denke, dass viele Menschen vorerst an den vielen Sex denken, den Poly-Menschen haben, dabei geht es nicht unbedingt um Sex oder viel Sex. ; ) Ich würde eher sagen, dass für mich der wichtigste Aspekt ist, dass die Möglichkeit besteht, wenn ich oder andere Beziehungspersonen das wollen sollten.

 

Du hast im Rahmen deiner Arbeit als Coach mit vielen Menschen zu tun, hörst von verschiedensten Erfahrungen, Konstellationen und Bedürfnissen. Welche Beweggründe führen deiner Erfahrung nach Menschen weg von monogamen Beziehungen hin zu anderen Formen der Beziehung?

Hm, schwierige Frage, es gibt so viele unterschiedliche Gründe. Ich denke, dass es zum einen wichtig ist zu sagen, dass sich nicht alle Menschen von der Monogamie abwenden, sondern zum Teil realisieren, dass sie schon immer polyamor waren, aber nur noch keinen Begriff dafür hatten. Denn viele von uns haben keine Vorbilder für andere Beziehungsformen als die monogame Beziehung kennenlernen dürfen, und damit einhergehend natürlich auch immer die nicht-konsensuelle Außenbeziehung oder wie so oft „Affäre“ genannt. Und dann gibt es auch Menschen, die im Laufe ihres Lebens unbefriedigende Erfahrungen machen mit der Monogamie, wie etwa sich in jemand Drittes zu verlieben und vor eine Entscheidung gestellt zu werden. Das kann ein Antrieb sein, sich nach anderen Beziehungsformen umzusehen. Es gibt schließlich auch Menschen wie mich, die einfach so da reinstolpern und merken, dass sie sich mit Polyamorie oder offenen Beziehungen viel mehr identifizieren können als mit monogamen Beziehungen. Manchmal gibt es auch Menschen, die in der Polyamorie eine Rettungsgasse für ihre bestehende Beziehung suchen, weil es viel zu schwer sein kann sich zu trennen. Ob das zielführend ist oder nicht, das ist allen selbst überlassen.

 

Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Menschen, die in polyamoren Beziehungen leben? Sind das überhaupt „besondere“?

Ich denke, dass man an dieser Stelle zwischen inneren und äußeren Herausforderungen unterscheiden muss.
Innere Herausforderungen sind sehr ähnlich zu allen Herausforderungen in anderen Beziehungsformen und Konstellationen. Was meiner Meinung nach verstärkt hinzukommt, sind vor allem Zeit/Vereinbarkeit, viel Kommunikation und potenziell unbequeme Emotionen, wie etwa Eifersucht und Neid. Letzteres kommt natürlich auch in monogamen Beziehungen vor, allerdings ist dort der Unterschied, dass sich häufig explizit oder implizit darauf geeinigt wird, niemanden sonst zu daten. Theoretisch besteht also nicht die Möglichkeit, selbst wenn wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die sich nicht daran halten. Kommunikation ist natürlich in allen Beziehungsformen wichtig, bekommt hier aber noch einmal einen besonderen Stellenwert, weil wir in offenen Beziehungen mit Lover*innen und anderen Beziehungsmenschen kommunizieren müssen und es gerade hier wichtig ist, Klarheit und Verlässlichkeit zu schaffen. Das unterscheidet die Kommunikation von monogamen Beziehungen, weil es dort höchstens darum geht zu kommunizieren, dass man nicht verfügbar ist oder bereits in einer Beziehung ist.
Alle drei Aspekte kommen also auch in monogamen Beziehungen mal mehr, mal weniger stark zum Tragen. Wie du siehst, tue ich mir ein wenig schwer damit konkrete, innere poly-bezogene Herausforderungen hervorzuheben.
Äußere Herausforderungen sind einfacher zu skizzieren. Es gibt sehr viele Hindernisse, sowohl struktureller Natur, wie etwa bei Elternschaft, Erbrecht, Krankenhausbesuche etc., als auch auf privater Ebene, wie etwa kritische Nachfragen, verletzende Kommentare, das ständige Sich-rechtfertigen-Müssen und die Angst, dass wenn eine der Beziehungen doch auseinander geht, dass Menschen glauben, dadurch den Beweis dafür zu haben, dass es ja doch nicht funktioniert. Gerade weil es so wenig Vorbilder gibt, dienen die Menschen, die zufrieden poly leben, häufig als Vorzeige-Konstellationen, das kann zum Teil sehr anstrengend sein. Kommunikation nach außen kann auch eine andere Form der Herausforderung sein.

 

Inna betreut Workshops, ist Beziehungscoach und schreibt im Blog POLYPLOM zu polyamoren und offenen Liebesformen. Oder wie Inna es selbst am besten auf den Punkt bringt: „von der täglichen Kunst, polyamore Beziehungen zu führen“. 2020 folgte die Veröffentlichung von „MEHR IST MEHR. Meine Erfahrungen mit Polyamorie“. Die Texte darin sollen zum Nach- und Weiterdenken anregen, egal wie man liebt und welche Beziehungsform man für sich findet. Inna ist eines der Gründungsmitglieder des alternativen Sexshop-Kollektivs Other Nature.  – Foto: Oliver Magda

Früher – und auch wenn sich schon viel getan hat: zu einem Großteil auch heute noch – wird eine „Familie“ vor allem so definiert: Eine heterosexuelle monogame Beziehung mit Kind(ern). In einem Blogeintrag schreibst du über das Konzept der Kleinfamilie, denkst du darüber nach, wie ein Leben mit Kind in einem polyamoren Kontext ausschauen könnte. Heute bist du selbst Elternteil. Wie hat sich das für dich in der Praxis bisher entwickelt?

Ich war vor allem sehr überrascht, wie anders sich Dinge zum Teil angefühlt haben. Überrascht hat mich zum Beispiel, wie unterstützend unsere Herkunftsfamilien bis jetzt waren. Ich war zum Teil sogar überfordert von der vielen Aufmerksamkeit. Überrascht war oder bin ich auch davon, wie viel Kleinfamilie dann doch in uns steckt bzw. wie schnell der Alltag sich nach einer stereotypen Familie anfühlt, weil ein Kind nun mal sehr viel Struktur und geregelte Tagesabläufe braucht. Das hat mich auch total getroffen, weil ich uns nicht als Kleinfamilie verstehen will. Gleichzeitig war es schön zu merken, dass unsere Beziehungen untereinander und auch nach außen hin immer noch viel Raum einnehmen durften. Das war sehr bestärkend. Es gibt natürlich auch anstrengende Momente in unserer Konstellation, insbesondere, weil Nähe und Vertrautheit eine große Rolle spielen, wenn Menschen Konflikte austragen oder unangenehme Themen ansprechen wollen. Damit meine ich, dass die Vertrautheit zwischen meinen Partnerinnen noch am Wachsen ist und es manchmal einfach leichter ist, Themen mit mir zu besprechen als miteinander. Manchmal ist es schwierig, sowohl Co-Elternschaft und Partner*innenelternschaft in einer Konstellation zu vereinen. Wir lernen jede Woche dazu.

 

Im besagten Blogeintrag denkst du über den Begriff „Familie“ generell nach, wie man dieses „Netzwerk“ bezeichnen könnte. Bist du schon zu einem Schluss gekommen? Oder denkst du dir: Ich will den Begriff „Familie“ nicht von einem exklusiv heteronormativen Konzept besetzen lassen?

Zu einem Schluss bin ich noch nicht gekommen, nein. Ich denke, dass für mich da auch die Begriffe Familie und Kleinfamilie zu eng beieinander sind, als dass ich zu einem klaren Schluss kommen könnte.
Kleinfamilien verbinde ich mit sehr vielen Zugängen und Privilegien, deswegen wären wir in meinen Augen nie eine Kleinfamilie, weil wir viele dieser Privilegien und Zugänge nicht haben, sondern eher konstant Räume suchen und erkämpfen müssen. Ich denke, dass die heteronormative Kleinfamilie es da schwerer hat und vielleicht das ein oder andere Mal einfach so in Strukturen von anderen Kleinfamilien, Kindergruppen oder ähnlichem reinrutscht. Wir müssen uns immer wieder aktiv dafür entscheiden. Das Positive daran ist, dass wir immer wieder eigenmächtig entscheiden können, wo wir uns aufhalten wollen und mit welchen Rollen wir nach außen hin spielen und verwirren wollen. Uns passiert es zum Beispiel häufig, dass wir zu dritt mit Kind unterwegs sind und genau merken, wie sich die Menschen denken: „Irgendwer ist die Mutter, aber wer?“ Ich mag es, damit zu spielen, gleichzeitig finde ich es auch wahnsinnig anstrengend, wie häufig ich als nicht-binäre Person gegendert werde und mir die Rolle der Mutter zugeschrieben wird.
Den Begriff der Familie hingegen finde ich sehr schön, weil es für mich komplett offenlässt, wen ich als meine Familie bezeichnen möchte. Auch das ist sehr mühselig nach außen hin zu zeigen, weil auch hier klar definiert ist, wer als Familie zählt und wer nicht. Zwei von uns sind zum Beispiel verheiratet, damit unser Kind rechtlich von zwei Menschen vertreten werden kann, das war uns und unserem Spender wichtig. Das entspricht natürlich nicht unserer Traumvorstellung, weil der Kleine ja drei Eltern hat, aber anders ist es im Moment leider nicht möglich in Deutschland.
Immer wieder mit Bildern von normativen Familien zu brechen und das gängige Bild von Familien zu erweitern, ist mir alles in allem sehr wichtig und bleibt es auch. Ich denke, dass die ambivalente Haltung daher kommt, dass es so mühselig ist und ich mir manchmal wünschen würde, dass wir schon viel weiter wären und diese Kämpfe nicht führen müssten.

 

 


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