„Guter Journalismus bedingt immer Ernsthaftigkeit und Distanz. Bei einem satirischen Kriminalroman kann, darf und muss ich diese Gesetze brechen.“ – ein Interview mit Wolfgang Ainetter

Vergifteter Champagner auf dem Bundespresseball im Berliner Adlon – und plötzlich sind der Bundeskanzler und der Finanzminister tot. Was wie ein politischer Albtraum klingt, ist der explosive Auftakt zu Wolfgang Ainetters neuem Krimi. Mitten im Machtzentrum der Republik ermittelt Exil-Österreicher André Heidergott gemeinsam mit seiner Kollegin Emily Schippmann in einem Fall, der tief in ein Geflecht aus Intrigen, Lobbyismus, Machtspielen und persönlichen Abgründen führt.

Im Interview sprechen wir mit Wolfgang Ainetter über die Macht des Kriminalromans, seinen Wiener Schmäh und die Skurrilität des realen Lebens.

Lieber Wolfgang, „Einigkeit und Recht und Rache“ verbindet spannende Handlung mit einem satirischen Blick auf ein sehr konkretes Milieu. Was kann ein Kriminalroman leisten, wo der Journalismus manchmal an seine Grenzen stößt?

Guter Journalismus bedingt immer Ernsthaftigkeit und Distanz. Bei einem satirischen Kriminalroman kann, darf und muss ich diese Gesetze brechen. Anders als im Journalismus genieße ich beim Schreiben den Luxus, eigene Welten zu erschaffen. Beim Kanzleramts-Krimi ist die Welt ein bisschen wie bei Kottan – eine Persiflage auf den eitlen Politikbetrieb mit einem Wiener Schmähbruder als Kommissar.

Aber sowohl bei einem guten journalistischen Stück als auch bei einem guten Kriminalroman ist sorgfältige Recherche substanziell. Die Leser*innen merken sofort, ob jemand die Orte persönlich kennt, über die geschrieben wurde, oder ob der/die Autor*in die Fakten nur aus Wikipedia zusammengeschustert hat. Um etwa die Atmosphäre des noblen Berliner Hotels Adlon einzufangen, habe ich dort zwei Tage und eine Nacht verbracht. Eine der schönsten Recherchen meines Lebens! (lacht)

Als jemand, der aus erster Hand sowohl die Seite der investigativen Berichterstattung als auch die der politischen Kommunikation kennt: Wer sitzt deiner Erfahrung nach am längeren Hebel?

Ich mache mir gerade große Sorgen um den Journalismus. Jährlich verlieren hunderte Journalist*innen ihren Job. Ganze Investigativ-Ressorts werden aufgelöst, während die Kommunikationsabteilungen der politischen Parteien immer größer werden. Das ist nicht gut für unsere Demokratie. In den USA setzt die Regierung große Medienhäuser und Plattformbetreiber unter Druck, Inhalte von unbequemen Journalist*innen zu löschen. Wer will, dass es unserer Demokratie gut geht, unterstützt am besten unsere Medienlandschaft und abonniert möglichst viele Tageszeitungen, Magazine, Onlineportale und Newsletter.

 

Beim Lesen wirken manche Szenen so zugespitzt und verrückt, dass man sie für surreal hält. Sind genau das die Szenen, die in der Realität am ehesten so passieren könnten?

Die Realität ist noch schlimmer! (lacht) In der Politik ist es wie beim Lotto: Alles ist möglich! Bissige Satire ist in erster Linie dazu da, die Leser*innen gut zu unterhalten – und zweitens den Mächtigen einen Spiegel vorzuhalten. Manchmal bin ich erstaunt, für wie viel Aufregung der – fiktive – Wiener Kommissar André Heidergott im – realen – Regierungsviertel zu sorgen vermag. Den heftigsten Schmerz fügt Satire übrigens jenen zu, die nicht über sich lachen können – weil sie sich so superwichtig nehmen. Ich habe in meinem Leben nur sehr wenige Politiker*innen kennengelernt, die über die Gabe der Selbstironie verfügen; einer davon war der Wiener Altbürgermeister Michael Häupl.

 

Mal ehrlich: Ist wirklich alles so arg, wie es im Buch dargestellt wird?

Mein Anwaltsfreund hat mir geraten, auf diese Frage mit dem ersten Satz des Kanzleramts-Krimis zu antworten: „Diese Geschichte ist ebenso wahr wie die Wahlversprechen von Friedrich Merz.“

 

Mit deinem Protagonisten André Heidergott teilst du, dass ihr beide Exil-Ösis in der deutschen Hauptstadt seid. Was vermisst du als Wahlberliner am meisten an deiner Heimat, an Innsbruck?

Ich vermisse an meiner Heimat vor allem das Deppat-Reden und Schmähführen. All meine Tiroler und Wiener Freunde verstehen meinen kranken Humor. Und ich vermisse die Umbrüggler Alm mit Tomas, dem besten Hüttenwirt des Universums.

 

Dazu passend: Dein Stil verbindet Wiener Schmäh mit Berliner Schnauze. Welche Seite geht dir beim Schreiben leichter von der Hand?

Der Wiener Schmäh!

 

Zum Schluss: Opernball oder Bundespresseball?

Vom Herzen betrachtet: der Bundespresseball in Berlin, weil ich hier alle Jahre wieder wunderbare alte Kolleginnen und Kollegen treffe. Aus dem spöttischen Blickwinkel gesehen: der Wiener Opernball. Ich war zwar nur einmal dort, aber ich habe selten so viel Realsatire auf so engem Raum erlebt. Mein Lieblingssatz stammt vom (mittlerweile zurückgetretenen) Wirtschaftskammer-Präsidenten Harald Mahrer, der in einer (von Mitgliedsbeiträgen finanzierten) 23.600 Euro teuren Loge feierte: „Wir trinken nur Mineralwasser, weil wir sparsam mit den Mitgliedsbeiträgen umgehen.“ Für Satiriker wie mich sind Worte wie diese ein Geschenk.

 


Spurensuche zwischen Bundestag und Borchardt:

Wolfgang Ainetter kennt die politischen und medialen Seilakte aus eigener Erfahrung – und damit auch wir von seinen Einblicken profitieren (Sie wissen schon, eine Hand wäscht die andere …), hebt er den Vorhang, der den turbulenten Zirkus des Berliner Regierungsviertels vor Normalsterblichen verbirgt. Mit Wiener Schmäh (nach Berlin mitgebracht), Berliner Schnauze (erlernt) und untrüglichem Instinkt (angeboren) bringt André Heidergott mit Emily Schippmann die Reichen, Schönen und Mächtigen ins Schwitzen. Während dabei einigen fiktiven Charakteren das Lachen vergeht, dürfen wir der gepflegten Neugier frönen und Ainetters treffsichere Seitenhiebe und elegante Anspielungen mit einem Schmunzeln genießen. Ein Schelm, wer dabei an die tatsächliche Ampelregierung denkt, der vor einem Jahr das Licht ausgeknipst wurde – und Kenner*innen, die jede einzelne Spitze mit spitzer Freude auskosten.

Erhältlich online und überall, wo es Bücher gibt.