„Wir müssen lernen, Meinung von Information zu unterscheiden.“ – Ein Interview mit Mimikama

Mimikama ist ein Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch, der sich seit 2011 dem Schutz von Internetnutzer*innen verschrieben hat. Der Fokus liegt in der Aufklärung rund um Internetmissbrauch, Internetbetrug und Falschmeldungen/Fakes sowie der Prüfung von Gerüchten und dem Richtigstellen von verdrehten Inhalten. Doch wo kommen diese Falschmeldungen und Fakes überhaupt her? Und sehnen wir uns im Grunde nach einfachen Erklärungen für komplexe Probleme? Linda Müller hat bei Andre Wolf von Mimikama nachgefragt.

Eines unserer menschlichen Grundbedürfnisse ist es, uns die Welt, in der wir leben, erklären zu können. Unbekanntes ist bedrohlich. Ist das der Grund, warum wir bereit sind, scheinbar einfache Antworten auf unsere Fragen zu glauben und auf Fake News hereinzufallen – wiegen uns einfache Antworten in Sicherheit?

Gerade in Krisensituationen, wie in der Pandemie, in der wir uns seit 18 Monaten befinden, funktionieren einfache Erklärungen oft besser als komplexe. Das birgt immer Gefahr, weil es häufig nicht möglich ist, Komplexes einfach herunterzubrechen, ohne Inhalte zu verfälschen. Trotzdem wünschen wir uns einfache Erklärungen, weil sie verführerisch sind und es ein Gefühl von Sicherheit schafft, wenn wir die Dinge erklärt bekommen.
Dieser Wunsch nach Einfachheit bedingt, dass die Wissenschaft bzw. die Wissenschaftskommunikation häufig davor zurückschreckt, komplexe Zusammenhänge ausführlich zu erklären. Auch der Populismus neigt dazu, schwierige Dinge extrem zu vereinfachen. In der Desinformation passiert diese Vereinfachung sogar gezielt und zielgerichtet, das ist gerade während der Pandemie wieder sehr gut sichtbar. Feindbilder wurden aufgebaut, um Einfachheit und Einheit zu schaffen, Menschen zu einer Gruppe zusammenzuschweißen – etwa mit dem Gerücht, Bill Gates sei schuld an der Pandemie. Hier wird in Wahrheit nichts erklärt, sondern es werden Ängste aufgebaut, um Menschen in eine Paniksituation zu versetzen – was sie wiederum noch empfänglicher für einfache Erklärmuster macht.

Unsere Welt wird immer komplexer, nicht nur technologisch, und ist für das Individuum immer schwerer nachvollziehbar. Was löst das in uns aus?

Komplexe Zusammenhänge hat es immer schon gegeben, heute haben wir allerdings Zugang zu so viel Information wie noch nie. Das hat sich geändert und macht Dinge schwer zu überschauen, weil man von all dieser Komplexität einfach viel mehr mitbekommt. Ein gutes Beispiel sind mRNA-Impfstoffe – jede*r kann etwas mit diesem Begriff anfangen, hat einen gewissen Bildungshintergrund dazu, kann online alle Arten von Information, aber auch von Desinformation lesen. Ebendies bietet die Möglichkeit, Menschen tendenziös und dramatisch zu informieren, Angstsituationen zu erzeugen – und letztlich Angst vor dem Impfstoff.

Müssen wir damit leben, dass immer mehr Akteur*innen im Internet versuchen, die öffentliche Meinung mit Falschmeldungen zu beeinflussen? Ist das eine unumkehrbare Entwicklung?

Auch Desinformation hat es immer schon gegeben, und zwar auf allen massentauglichen Kommunikationswegen. So gab es etwa auch nach der Erfindung des Buchdruckes Schriften, die dazu geführt haben, dass Menschen sich radikalisieren, und im Dritten Reich wollte man mit dem Volksempfänger so viele Menschen wie möglich radikalisieren. Manipulation wurde auch in der Vergangenheit durch die betrieben, die einen Nutzen daraus ziehen können. Seit einigen Jahren haben wir nun ein massentaugliches Internet. Im Gegensatz etwa zum Radio, wo das Individuum rein Empfänger*in ist und Information linear vermittelt wird, ist Kommunikation heute ein Netz, wir alle sind Prod-User, also Sender*in und Empfänger*in zugleich. Den Umgang damit müssen wir lernen, uns in dieser Rolle zurechtfinden. Das betrifft speziell die Generation 40 aufwärts. Einerseits, weil jüngere Menschen einen nativeren Zugang zu Technik und Internet haben. Andererseits, weil im höheren Alter der Confirmation Bias, also der Wunsch, meinen eigenen Standpunkt zu bestätigen bzw. ihn bestätigt zu bekommen, stärker ausgeprägt ist.

Hat sich die Polarisierung in den letzten Monaten verstärkt – haben Fake News Konjunktur? Gab es bereits ähnliche Höhepunkte?

Höhepunkte wie den aktuellen finden wir stets in Betroffenheitssituationen. Wenn ich von einer Situation betroffen bin, neige ich dazu, Meldungen zu glauben. Je stärker die Betroffenheitssituation ist, desto mehr Desinformation gibt es. So gab es zum Beispiel in den Jahren 2015 und 2016 rund um die Flüchtlingskrise eine sehr große Menge an Falschmeldungen und gezielter Desinformation bzw. Einbettung von Fakten in falsche Zusammenhänge, ähnlich ist es immer wieder bei Terroranschlägen und anderen großen Ereignissen. Nun haben wir mit der Pandemie eine globale Betroffenheitssituation – bewusst falsch interpretierte Ansätze und Darstellungen gibt es in diesem Zusammenhang überall.
Interessant ist auch, wie sich Mythen und Hoaxes in Betroffenheitssituationen miteinander verknüpfen. So vermischten sich beispielsweise während der Hochwasserkatastrophe in Deutschland Falschinformationen um diese schwierige Lage mit Corona-Mythen und Verschwörungstheorien. Es gab Berichte über 600 angespülte Babyleichen – hier sind wir im Adrenochrom-Mythos-Zusammenhang –, und auch Verbindungen zur Querdenker-Szene tauchten auf in den Mythen und Narrativen rund um die Hochwasserkatastrophe.

Sind es immer wieder ähnliche Narrative, die hier bemüht werden?

Ja. Der Mythos rund um Kindermorde im Zusammenhang mit Adrenochrom ist nichts anderes als eine moderne Adaption der Ritualmordlegenden. Narrative sind sinnstiftende Geschichten, und die klingen dann besonders glaubwürdig, wenn man sie schon irgendwann einmal so oder so ähnlich gehört hat.

Stichwort Bubble: Sind wir alle mehr in unserer eigenen Informationsblase gefangen, als uns bewusst ist – und macht uns das besonders anfällig dafür, Falschmeldungen aufzusitzen?

Bubble und Confirmation Bias sind stark verwandt, es geht um die Suche nach Bestätigung der eigenen Meinung. Bubble-Effekte gibt es auch im realen, analogen Leben. Ich gehe mit Menschen ins Wirtshaus, die ähnliche Interessen und Haltungen haben. Wenn ich mich für Gärtnerei interessiere, werde ich mich mit Menschen vernetzen, die das ebenfalls tun. So ist das auch auf Social Media, nur ist es gerade dort heute sehr politisch. Auch da muss man allerdings differenzieren, die Politisierung ist unterschiedlich stark, aber wenn ich mich zu Inhalten dieser Art begebe, bekomme ich sie zukünftig verstärkt angeschwemmt. Wenn ich über Verschwörungsmythen lese, bekomme ich auch diese häufiger eingeblendet. Das wiederum verstärkt den persönlichen Eindruck, es handle sich bei den Themen in meiner Timeline um sehr relevante und präsente Themen.

Mimikama gibt es nun schon seit zehn Jahren. In diese Zeit fielen viele politische Krisen und Ereignisse, die polarisiert haben, und jetzt auch noch eine Pandemie. Wie kann eine seriöse Informationsbeschaffung unter solchen Umständen aussehen, wie können wir uns selbst dafür sensibilisieren? Haben Sie einige gute Tipps für uns?

Wenn viel passiert, sollte ich darauf achten, meinen Informationskonsum zu entschleunigen. Das heißt: Ich schaue auf mich selbst, ich hinterfrage, warum ich geneigt bin, einer gewissen Quelle zu trauen und einer anderen nicht. Ich schau mir an, wie die Informationen aufgebaut sind, die ich konsumiere. Sind sie beispielsweise sehr dramatisch oder sehr einseitig aufbereitet? Werden die journalistischen W-Fragen bedient? Wer steckt hinter der Information, kann ich das im Impressum finden, ist das greifbar und transparent? Ein wichtiger Aspekt ist auch der Vergleich: Was wurde noch darüber geschrieben – und wie? So kann ich schnell einordnen, ob ich eine dramatische Boulevard-Meldung vor mir habe oder eine sachliche Darstellung.
Wichtig ist immer auch die Bildersuche: Wenn mir beispielsweise ein Bild geschickt und in einen bestimmten Zusammenhang gestellt wird, kann ich über die Bildersuche nachvollziehen, ob das der tatsächliche Zusammenhang ist, in dem es aufgenommen wurde.
Und gut ist es selbstverständlich auch, Personen zu finden, die man direkt befragen kann, Expert*innen in dem Sinne, dass sie mit der Angelegenheit, über die ich mich informieren will, zu tun haben, aus erster Hand berichten können.

Welche Rolle spielen Wissenschaft und Politik im Vorgehen gegen Desinformation und Falschmeldungen? Wie können möglichst viele Menschen zu Fakten und fundierter Berichterstattung kommen bzw. diesen Zugang auch nutzen?

Der Zugang zu Informationen und Studien ist da. Was wir lernen müssen, ist, zwischen meinungs- und faktenbasierten Aussagen zu unterscheiden. Viele tendenziöse Webseiten berichten nicht grundsätzlich falsch, sondern interpretieren über und verwenden Teilinformationen manipulativ. Da sollte stets der Versuch erfolgen, einzuordnen: Wer steckt dahinter? Und was ist die Intention? Wenn wir es schaffen, Meinungen und Fakten zu entkoppeln, können wir schnell erkennen, ob wir manipuliert werden oder nicht bzw. wie wir eine Information einzuordnen haben.
Cherry-Picking, also das Auswählen von bestimmten Aspekten einer Information, je nachdem, ob sie zum Standpunkt passt oder nicht, und dann der Bericht über genau diese Aspekte, kennen wir auch aus der Politik. Das ist so und grundsätzlich auch nicht verwerflich. Aber: Als Konsument*innen müssen wir lernen, eben das entsprechend einzuordnen: Warum hat wer welche Perspektive? Nur so kann ich einen politischen Willensbildungsprozess durchlaufen, nur so kann ich an der Gesellschaft teilhaben. Und nur so kann ich selbst meinen Beitrag zur Gesellschaft leisten.

 

Mit der Grenze zwischen Fakt und Fiktion spielt auch Georg Haderer in seinem neuen Kriminalroman „Seht ihr es nicht?”. Als Helena Sartori, deren Eltern und ihr Sohn tot aufgefunden werden, wird Philomena Schimmer hinzugezogen: Die jugendliche Tochter Sartoris, Karina, ist spurlos verschwunden – und Schimmer soll sie suchen.
Helena Sartori war leidenschaftliche Wissenschaftlerin, wollte die Welt verändern mit ihrer Forschung an Nanobots. Und dann plötzlich hat sie sich – einige Zeit vor ihrer Ermordung – völlig zurückgezogen, in die wlanfreie Einöde. Was ist passiert? Ist ihr die Arbeit an den mikroskopisch kleinen, mit freiem Auge nicht sichtbaren Robotern entglitten – und hat das Sartori und ihre Familie in den Abgrund gestürzt? Ist Karina am Leben? Hat man sie entführt oder ist sie selbst geflohen? Quälende Fragen für Philomena Schimmer, der es immer schwerer fällt, die professionelle Distanz zu wahren, je länger von Karina jede Spur fehlt.