„Die Genre-Grenzen schaffen ein Gerüst, in dem man sich zurechtfindet.“ – ein Interview mit Herbert Dutzler

Der 13. Fall von Franz Gasperlmaier: In Altaussee schwingen neben dem Taktstock auch die Hüften. Während die Welt im Dreivierteltakt tanzt, muss Franz Gasperlmaier auf dem kriminalistischen Parket eine gute Figur machen. Zwischen Lederhose und Hochkultur, familiären Verpflichtungen und einem Besuch aus Kanada begleitet er seine Frau Christine ins Ballett – während ein Mordfall im Ensemble die Ermittlungen fordert. Misstöne im Orchester, überraschende Affären und ein junger, neuer Kollege sorgen dafür, dass bei Gasperlmaier alles andere als Stillstand herrscht.

Wir sprechen mit Herbert Dutzler über die Entstehung seiner Gasperlmaier-Reihe, darüber, wie er die Kulisse des Ausseerlands nutzt, um Charaktere, Konflikte und gesellschaftliche Entwicklungen scharf zu zeichnen und historische Details lebendig werden zu lassen und die politische Dimension seiner Krimis. 

13 Fälle, in denen die große Welt in die kurstädtische Provinz eintritt und wie in einer Glaskugel die komplexe Verwobenheit und Verbundenheit unserer Welt in bunten Farben darstellt. Was lässt sich in der Altausseer Nussschale besser beobachten als in den großen, tonangebenden Metropolen unserer Zeit?

Es ist relativ einfach. Durch die Einschränkung auf einen kleinen, dörflichen Schauplatz, durch die Einschränkung auf wenige Charaktere – zum Beispiel fehlt der ganze große Polizeiapparat – wird natürlich der Blick geschärft auf die einzelnen Charaktere, auf die Personen, die dort auftauchen, sowohl auf die, die ermitteln als auch auf die, die mehr dem familiären Kreis oder dem Freundeskreis angehören.

Je länger man über diese Personen schreibt, desto schärfer wird ihr Profil. Sie entwickeln sich auch mal, man überlegt sich, was für überraschende Entwicklungen auch bei diesen Personen möglich werden, sodass sie in neue, vielleicht ein bisschen unerwartete Situationen gestellt werden. Daraus entsteht eigentlich der Reiz einer längeren Serie, dass doch auf die Personen immer wieder Unerwartetes zukommt. Die Beschränktheit des Schauplatzes und der Welt zwingen also einfach dazu, sich auf die Personen zu konzentrieren.

 

Davon, dass die Welt am sogenannten Land stehenbleibt, kann in dieser Serie nun wirklich keine Rede sein: Sowohl die Kulisse als auch das Personal passt sich auf mal opportunistische, mal charmant-geläuterte Art und Weise an den gesellschaftlichen Wandel an. Was hat sich alles geändert seit dem ersten Gasperlmaier?

Geändert hat sich auf jeden Fall Gasperlmeiers Bezug zu neueren gesellschaftlichen Entwicklungen, seine Vorstellung davon, wie Frauen und Männer zu sein haben. Kurz gesprochen ist das Bild von den Geschlechterrollen, die Gasperlmaier früher gehabt hat, ein bisschen ins Wanken geraten. Er hat sich mit der Homosexualität seiner Tochter auseinandersetzen müssen, hat sich erstaunlich schnell angepasst und Widerstände aufgegeben.

Es tritt dann auch ein Paar in Erscheinung, neue Nachbar*innen. Akademiker*innen, die aus Wien kommen, wodurch er wieder mit einer anderen Welt konfrontiert wird, obwohl das eigentlich sehr sympathische Leute sind. Er wird konfrontiert mit der Tatsache, dass sein ehemaliger Chef, der sehr übergewichtig war und in Frühpension gegangen ist, plötzlich den Sport und die Ehe entdeckt hat und so wieder ganz neue Aspekte in sein Leben treten.

Was hat sich eigentlich noch an ihm geändert? Wenn man ganz genau hinschaut, hat sich auch seine Rolle als Polizist geändert. Er ist am Anfang – diese Zuschreibung hängt ihm vor allem bei Journalist*innen immer noch nach – angeblich tollpatschig gewesen, aber er hat sich zum ziemlich genauen Beobachter und vor allem zum guten Zuhörer entwickelt, der bei den Ermittlungen durchaus seinen Platz hat und gewinnbringend eingesetzt werden kann.

 

Gibt es Dinge, die trotz allem unverrückbar gleichbleiben?

Natürlich, das hat auch mit dem Schauplatz zu tun. Die Gesellschaft im Ausseerland ist trotz des vielfältigen Tourismus doch eine in sich ruhende, die sehr stark auf historischen Wurzeln aufbaut, die natürlich durch die Rolle des Salzes sehr besonders sind und später auch durch die Rolle des Tourismus, die Rolle der Sommerfrische, viele Künstler*innen, die dort anwesend sind. Darauf ist man sehr stolz und das sind die Pfeiler, auf denen auch die heutige Gesellschaft aufbaut. Ich glaube, dass die Ausseer*innen nicht nur sehr traditionsbewusst, sondern auch sehr geschichtsbewusst sind.

 

Du hast mit der Reihe eine Art Panoptikum des Ausseerlandes geschaffen, in dem man sowohl mit volkskundlichem als auch mit soziologischem Blick einiges lernen und zugleich vergnügliche Stunden verbringen kann. Erlauben es gerade die Genregrenzen und -konventionen des Kriminalromans, Dinge besonders treffend festzuhalten, die ansonsten vielleicht ein wenig außerhalb des Fokus liegen?

Die Genre-Grenzen schaffen natürlich ein Gerüst, in dem man sich zurechtfindet. Es gibt Kriminalfälle, es gibt Ermittlungen. Das rückt natürlich den Fokus immer auf Situationen, in denen die Menschen Konflikten ausgesetzt sind, auf Situationen, in denen Konflikte entstehen. Dort, wo Konflikte sind, taucht unter Umständen auch Gewalt auf.

Das sind eigentlich immer die Punkte, die die Grundlage eines neuen Buches bilden. Wenn man zum Beispiel einen Zeitungsartikel liest – darüber denke ich gerade beispielsweise nach – in dem ein massiver Streit unter Bergsteiger*innen entsteht. Wer welchen Berg den Regeln entsprechend richtig dokumentiert, ihn erklommen hat und wer nicht. Wer große Geschäfte macht mit einer speziellen Art der Ersteigung eines Berges, wer das im Stillen und Verborgenen macht. Da denkt man dann, dass das ein sehr konfliktreiches Thema ist. Je mehr man sich darauf einlässt, desto mehr Artikel und Bücher findet man zu solchen Streitthemen.

So entstehen dann neue Ideen, immer aus der Idee, wo es Konflikte gibt, die natürlich auch in irgendeiner Weise mit dem Schauplatz in Bezug stehen. Eine Bergsteigergeschichte kann es natürlich nur dort geben, wo es auch Berge gibt. Am Neusiedlersee wäre diese ziemlich deplatziert.

 

Hast du beim Schreiben der Gasperlmaier-Reihe, aber besonders auch deiner Siegfried-Romane das Gefühl, einen Teil ungeschriebener lokaler Zeitgeschichte festzuhalten, die ansonsten selten dokumentiert wird?

Vor allem bei der Sigi-Niedermeier-Serie, weil erst durch die Recherche, durchs Kramen in Familienfotos oder auch in anderen Archiven für mich Dinge klar geworden sind, die die Erinnerung gestützt haben. Nämlich zum Beispiel, dass die hygienischen Verhältnisse in den 60er und 70er Jahren auf dem Land teilweise noch völlig anders waren, als man es heute gewohnt ist. Und auch, dass vor allem die Geschlechterrollen sehr anders waren. Dass das Patriarchat noch wirklich gesellschaftsdurchdringend war. Dass Kinder sehr wenige Rechte und Möglichkeiten hatten, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Ich denke, vieles von dem, vor allem auch im Bereich der Schule und dass in vielen Bereichen noch alte Nazis das Sagen hatten, kommt meiner Meinung nach in den Büchern auch gut zum Ausdruck, wenn auch durch die satirische Brille.

Ich denke schon, dass es ein kleiner Beitrag zur Aufarbeitung meiner persönlichen Zeitgeschichte ist. Ich hoffe, dass das auch künftige Generationen, zumindest innerhalb meiner Familie, interessieren wird.

 

In deinen Romanen die Lebensrealität und die mündliche Geschichtsschreibung sehr vieler Menschen abzubilden, die nicht in urbanen Ballungszentren, in Machtzentren leben – hat das auch eine politische Dimension für dich?

Eingeschränkt und durch die satirische Brille schon. Mich fragen zum Beispiel gelegentlich Journalist*innen, ob ich gerne wieder in dieser Zeit leben würde oder ob das eine Nostalgie nach dieser Zeit ist. Ich verneine diese Frage immer eben mit Verweis auf die sehr prekären Rechte von Frauen und Kindern zur damaligen Zeit, auch mit einem Verweis auf die hygienische Situation und auf die große Unfallgefahr, denen die Menschen damals ausgesetzt wurden. Wenn man die Zeitungen studiert, erfährt man, dass es wesentlich mehr Verkehrstote gab, weil die Autos keine Sicherheitseinrichtungen hatten. Es gab auch sehr viele Flugzeuge und Flugzeugsunglücke, wesentlich mehr noch als heute. Was die gesamtpolitische Situation betrifft: Kriege, Auseinandersetzungen, Bedrohungsszenarien gab es auch damals in ausreichender Menge, sodass man die Zeit auf gar keinen Fall verklären muss.

 


Gasperlmaiers 13. Fall:

Herbert Dutzler versteht es, das Ausseerland in allen kontrastreichen Facetten zu portraitieren. Sei es beim Aufeinandertreffen von Neuem und Traditionellem oder dann, wenn deutlich wird, dass auch im vermeintlichen Paradies mit dem Feuer gespielt wird und Grenzen überschritten werden. Für uns kein Grund zur Sorge, denn mit Franz Gasperlmaier und dessen Familie und Bekannten stellt uns Herbert Dutzler eine ausgesprochen charmante und liebevolle Reisegesellschaft an die Seite. Die uns in jedem Fall immer wieder neues entdecken lässt: wie den Landler (andernorts Ländler), einen Volkstanz im Dreivierteltakt.

Erhältlich online und überall, wo es Bücher gibt.