„Irland war schon eine einzige Inspiration für mich, da kannte ich das Land nur aus Büchern und Filmen.“ – ein Interview mit Ellen Dunne
Patsy Logan kehrt nach Irland zurück, um sich einer Vergangenheit zu stellen, die nie wirklich ruhen konnte. Ein Foto vom St. Patrick’s Day 1989, aufgenommen bei einem Familienfest in Bayern, wird Jahrzehnte später zum Schlüssel in einem Mordfall: Fergal Massey, einst enger Freund der Familie, wird in Dublin erschossen. Patsy, ehemalige Kriminalkommissarin, sieht sich plötzlich in ein Netz aus alten Freundschaften, geschäftlichen Geheimnissen und ungeklärten Verbrechen gezogen – und stößt dabei auf die rätselhaften Umstände um den Tod ihres eigenen Vaters. Was als Ermittlungsfall beginnt, entwickelt sich zu einem Geflecht aus Loyalität, Verrat und persönlichen Abgründen.
Im Interview sprechen wir mit Ellen Dunne über die Verbindung von Bayern und Irland, die Zuverlässigkeit von Erinnerungen, Irlands gewaltige Landschaften und deren Auswirkungen aufs Schreiben und erfahren den einen oder anderen Geheimtipp für den nächsten Irland-Besuch.
Patsy Logan stammt aus einer deutsch-irischen Familie, hat als Kind in Freilassing St. Patrick’s Day gefeiert und später als Kriminalkommissarin in München gearbeitet, bevor sie sich zu einer beruflichen Auszeit in Dublin entschied. Was hat dich zu dieser Verbindung von Bayern und Irland in deinem Krimi inspiriert?
Bei der Entwicklung der Figur Patsy Logan war ich auf der Suche nach einer Stadt, die möglichst anders ist als das chaotische, manchmal dreckige und oft wenig organisierte Dublin. Nachdem ich eine Zeitlang in München gelebt habe, empfand ich die Stadt als idealen Kontrast. München steht für den sauber strukturierten, gesetzestreuen Anteil in Patsy, während sich ihr eher impulsives, manchmal unberechenbares Naturell in Dublin spiegelt. Sie ist in vieler Hinsicht eine Grenzgängerin, und da war für mich auch eine Grenzstadt wie Freilassing eine natürliche Wahl für ihre Herkunft. Ich stamme aus dem Salzburger Land, und in meiner Kindheit war Freilassing ein beliebter Ort für einen Ausflug und zum Einkaufen all der Dinge, die es in Österreich damals vor dem EU-Beitritt noch nicht gab. Freilassing hatte immer etwas Exotisches an sich, die Kontrollen an der Grenze ein kleines Abenteuer. Passt also perfekt zu Patsy.
Ein Foto von besagtem St. Patrick’s Day wird für Patsy plötzlich zum Beweisstück eines Verbrechens. Welche Rolle spielen generell solche kleinen, zunächst scheinbar harmlosen Erinnerungsfragmente in deinem Krimi?
Wir alle kennen die Wirkung von alten Fotos und wie viele Emotionen sie in uns wachrufen können. „Die schlafenden Hunde von Dublin“ handelt für mich auch viel von alten Verletzungen, die sich nach vielen Jahrzehnten des Schweigens buchstäblich mit Gewalt Bahn brechen. Das Foto, das beim Mordopfer gefunden wird, ist wie eine Initialzündung für Patsy, und die Erinnerungen in ihrer Familie spielen ebenfalls eine große Rolle. Wie zuverlässig diese Erinnerungen sind, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Ellen Dunne ist in Salzburg geboren, aber folgte ihrer Sehnsucht nach dem Meer – und lebt heute als Texterin und Schriftstellerin südlich von Dublin. Seit 2017 lässt sie ihre deutsch-irische Kommissarin Patsy Logan ermitteln. Und das kann ganz schön erfrischend sein: Für die Recherche zu der Reihe wagte Dunne sich nach 17 Jahren auf der Insel zum ersten Mal in die Irische See. Wie deren Wellen schlagen auch Dunnes Krimis ein – überraschend, mitreißend und mit sprachgewaltiger Wucht. Nach „Harte Landung“, „Schwarze Seele“ (Neuausgabe HAYMONtb 2026), „Boom Town Blues“ (HAYMONtb 2022) und „Unfollow Stella“ (HAYMONtb 2023) wird Patsy Logan im Frühjahr 2026 in „Die schlafenden Hunde von Dublin“ mit ihrem bisher persönlichsten Fall konfrontiert.
Für „Boom Town Blues“ erhielt Ellen Dunne den Glauser-Preis 2023 in der Kategorie „Roman“.
Patsy muss sich mit alten Freundschaften, Familiengeheimnissen und einem Mordfall auseinandersetzen. Gab es Momente beim Schreiben, in denen Patsy dich überrascht oder sogar vor neue Herausforderungen gestellt hat?
Die Ermittlungen sind für Patsy diesmal einfach besonders heikel, denn alle Zeugen der damaligen Ereignisse sind Menschen, mit denen sie selbst persönlich und hochemotional verbunden ist. Vor allem das intensive und widersprüchliche Verhältnis zu ihrer Mutter Ruth mochte ich sehr. Patsy ist hier weit verletzlicher, als wir sie sonst kennen, und die Autorität, die sie als Polizistin und Frau der Stunde bei Befragungen sonst hat, nutzt ihr bei der eigenen Familie nichts. Das fand ich spannend und herausfordernd zugleich, weil ihre Ermittlungen eine ganz andere Dynamik hatten.
Du lebst seit 20 Jahren in Irland und entführst uns mit deinem Krimi mitten ins wahre Dublin, fernab von Tourist*innen und Postkartenidylle. Geht dir das Schreiben über die Stadt und auch über Irland generell mittlerweile ganz „local-like“ von der Hand oder musst du trotzdem noch manchmal besonders intensiv recherchieren?
Vieles geht mir einfach von der Hand, und da ich mich seit Jahrzehnten für den Nordirlandkonflikt interessiere, wusste ich hier schon viel Bescheid. Über die Zusammenhänge zwischen dem organisierten Verbrechen und paramilitärischen Gruppierungen wie zum Beispiel der IRA wusste weniger und musste hier mehr recherchieren. Aber das ist zum Glück eines der Dinge, die mir am Schreiben am meisten Spaß machen.
Beim Lesen fühlt es sich fast so an, als stünden wir selbst auf den stürmischen Klippen der Halbinsel Howth, so atmosphärisch und kraftvoll ist deine Sprache. Beeinflusst Irlands gewaltige Landschaft dich beim Gestalten der Handlung oder passt du umgekehrt eher die Landschaft(en) deinem Plot an?
Beides. Irland war schon eine einzige Inspiration für mich, da kannte ich das Land nur aus Büchern und Filmen. Seit ich hier lebe, ist das noch einmal intensiver geworden. Ich nehme das Land einfach sehr bewusst wahr. Was mich auch sehr oft beim Schreiben weiter inspiriert, ist Musik. Gerade während der Arbeit an „Die schlafenden Hunde von Dublin“ habe ich sehr viel Musik zeitgenössischer, aber auch traditioneller irischer Bands und Songwriter*innen gehört, die mich aufs Schreiben eingestimmt und immer wieder auf neue Ideen gebracht haben. Diese Art der Inspiration liebe ich!
Du gibst uns in dem Krimi auch Einblicke in Irlands Vergangenheit. Wie viel von der historischen und kulturellen Realität wolltest du tatsächlich für die Handlung nutzen, und wo hast du bewusst fiktionale Freiheiten gelassen?
Gerade der Nordirlandkonflikt, also der Kampf um eine Vereinigung der noch immer politisch geteilten Insel, ist ein äußerst komplexes Thema mit vielen verschiedenen Interessengruppen und keinen einfachen Antworten. Noch heute ist das Land lange nicht fertig mit der Aufarbeitung. Das alles im Detail zu beleuchten, wäre zu verwirrend. Deshalb beschränke ich mich auf jene Aspekte, die eine spannende Handlung ermöglichen. Wenn das beim und nach dem Lesen dazu inspiriert, mehr über diesen Teil der irischen Geschichte zu erfahren, dann ist das umso schöner für mich.
Nach all den Jahren in Irland: Gibt es einen Insidertipp für Dublin oder das Land, den du uns besonders ans Herz legen willst?
Puh, da gibt es so viele! Meine jüngste Entdeckung in Dublin ist 14 Henrietta Street, ein gregorianisches Stadthaus, das eine sehr wechselvolle Geschichte hinter sich hat und jetzt ein Museum ist. Man hört bei der Führung sehr eindrucksvolle Geschichten über den historischen Alltag von Dublins Gesellschaft. Wer lieber die irische Landschaft genießt, kann sich in die DART (eine Art Lokalbahn) in Richtung Süden nach Greystones setzen und immer wieder an wunderschönen Küstenabschnitten entlangfahren. Aussteigen lohnt sich immer wieder. Und wer sich traut, sollte natürlich wie Patsy Logan einen Sprung in die Irische See wagen. Danach fühlt man sich herrlich!
Lust auf das echte Irland?
Ellen Dunne, die seit 20 Jahren in Irland lebt, schreibt uns Wort für Wort ins wahre Dublin – fernab von Touristenströmen und Postkartenidylle. Was ist schon eine Fahrt im Hop-on-Hop-off-Bus, wenn wir stattdessen durch die lebendige und ungeschönte Stadt ziehen können? Dunne weckt für uns schlafende Hunde, gibt einen Einblick in Irlands dramatische Vergangenheit und reißt uns mit ihrer kraftvollen Sprache, die ihr bereits mehrere Krimipreise einbringen konnte, mit.
Erhältlich online und überall, wo es Bücher gibt.