„Mir geht es darum, die Zukunft offener, bunter und vielleicht sogar mit mehr Liebe zu gestalten.“ – Jacky-Oh Weinhaus im Interview

Jacky-Oh Weinhaus ist Teilzeit-Mädchen, Vorsitzende von TfD – Travestie für Deutschland, Podcasterin, Veranstalterin im Berliner SchwuZ und Showgirl im BKA Theater, der Berliner Kabarett Anstalt. Bei der Late-Night-Show „Süß und deftig“ kann man Jurassica Parka und ihr an den Lippen hängen. Jacky-Oh Weinhaus hat Nina Gruber von sich und ihrem Engagement erzählt. Die beiden haben sich über queere Safe Spaces, über Blasen und Provinz, über Jackys politischen Erweckungsmoment und ihren Appell an die Eltern queerer Kinder unterhalten.

Multi-Künstlerin Jacky-Oh Weinhaus. Eine volle Dosis Jacky gibt’s auf ihrem YouTube-Kanal. Besonders reinschauenswert: ihr Besuch bei „Chez Krömer“! – Foto © Dror Pinto

Erzähl doch mal unseren Leser*innen etwas über dich, wer bist du?
Wer bin ich? Oh, ich hoffe, ihr habt Zeit mitgebracht. Mein Name ist Jacky-Oh Weinhaus. Landesüblich würde man mich, glaube ich, als Dragqueen bezeichnen, ich sag aber immer lieber zu mir: Ich bin Teilzeit-Mädchen. Was ich auch ganz süß finde ist „Pimmelpuppe“. Optisch werde ich als Mann gelesen. Ich bin mit einem Penis auf die Welt gekommen, wurde auch immer als Junge wahrgenommen, aber tief in mir drin, war ich schon immer ein Mädchen, eine Frau.
Über die Jahre der Entwicklung hinweg habe ich mich dazu durchgerungen, das anzunehmen. Ich sehe halt aus wie ein Junge, bin aber innen drin ein Mädchen. Die Wandlung, die ich durchgemacht habe, war so: Zuerst redete ich mir selbst ein, ich sei hetero; dann habe ich mir eingeredet, ich sei bisexuell. Irgendwann habe ich das Outing durchlebt und rausgefunden: Ich bin wirklich schwul. Damals kannte ich noch nicht mehr als schwul, lesbisch und bisexuell. Durch meine eigene Bildung und durch die Entwicklung der Gesellschaft hat sich so viel mehr für mich eröffnet, was Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten angeht. Nun bin ich wieder zurück zu meinen Wurzeln gekommen und fühle mich tatsächlich weiblich.
Schon als Kind habe ich mich als Mädchen gesehen – da bin ich jetzt wieder. Und ich sage das mit Stolz, ohne mich verstecken zu müssen, denn der Weg dahin war lang und schwer, aber ich habe ihn gemeistert. Und ich glaube, es war die beste Entscheidung, das so durchzuexerzieren, auch wenn es nicht immer einfach war.
Abgesehen davon, dass ich nicht dem heteronormativen Mainstream folge, bin ich von Berufswegen her Künstlerin. Ich habe einen sehr populären Podcast bei Audible – Queer einsteigen. Ich bin auch Veranstalterin im besten Schwulenclub Berlins, dem SchwuZ. Ich mache ein Kunstprojekt gegen Nazis. Ich bin Moderatorin auf verschiedenen Demonstrationen. Man könnte meinen, ich bin Multi-Künstlerin, weil ich meine Hände in vielen unterschiedlichen Torten habe. Ich bin praktisch Jacky-Oh Tortenhaus. I have my hands in many different pies.

Du bist offenbar eine sehr engagierte Person. In welcher Form und wofür engagierst du dich konkret politisch und gesellschaftlich? Was sind deine großen Themen?
Politisch betrachtet bzw. was das politische Engagement oder das Engagement für die Gesellschaft und für dieses Erden-Uns betrifft, geht es mir darum, die Zukunft offener, bunter und vielleicht sogar mit mehr Liebe zu gestalten. Das heißt, Leuten die Scheuklappen tragen, diese etwas aufzuklappen oder vielleicht sogar erstmal ganz abzunehmen, um denen zu zeigen, dass es neben Frau und Mann und heteronormativen Familien mit zwei Kindern und Hund und Volvo noch so viel mehr gibt, was uns die letzten Jahrhunderte von der Gesellschaft versagt wurde bzw. abtrainiert wurde, aber davor bereits seit Jahrtausenden existiert hat.
Wenn man so möchte, gehe ich auch in diesem Bereich wieder back to the roots und versuche, der Welt zu zeigen, dass es, wie gesagt, mehr als nur Männlein und Weiblein und heterosexuelle Liebe gibt. Weil das, was von vielen Leuten immer als Problem gelesen wird, nämlich lesbische Frauen, transidente Menschen, schwule Männer, pansexuelle Menschen – das ist etwas von der Natur Vorgegebenes. Wir Menschen sind auch nicht die Einzigen, bei denen es queeres Leben gibt. Das gibt es bei allen Tierarten, und bei den Tieren ist es sogar noch ein bisschen schöner ausgeprägt. Denken wir zum Beispiel an Seepferdchen, da trägt der Mann die Babys im Bauch herum. Weinbergschnecken sind Zwitterwesen, sie können zwischen den Geschlechtern wechseln, genauso wie der allseits bekannte und beliebte Clownfisch. Also Findet Nemo könnte genauso in 5 Jahren Findet Barbara heißen, weil der Clownfisch das Geschlecht auch wechseln kann. Und deswegen finde ich Aussagen wie, schwule Männer wären so widernatürlich, tatsächlich einfach Quatsch. Genau das möchte ich der Welt zeigen: Dass das ganz oft Quatsch ist, was erzählt wird.

Jacky-Oh Weinhaus auf einem der Plakate der Kampagne anlässlich der Bundestagswahl in Deutschland 2017 – Plakat © Travestie für Deutschland – Foto © Steven P. Carnarius

Du bist Teil und Gründerin von TfD – Travestie für Deutschland. Bitte erzähl uns von der Geschichte, die hinter Travestie für Deutschland steht, und welche Anliegen ihr habt.
Wer die Gehirnzellen etwas anstrengt, erkennt bei TfD – Travestie für Deutschland – vom Namen her schon Parallelen zu einer gewissen, mit rassistischen Tendenzen versehenen, deutschen Partei. Und genau daher rührt der Name auch.
Als vor einigen Jahren die AfD so populär wurde, dachte ich mir, das kann so nicht sein, da muss ich etwas dagegen machen. Kurz darauf habe ich in einem Interview mit Nora Tschirner gelesen – ich hoffe, ich zitiere sie jetzt richtig: „Was sage ich eigentlich meinen Kindern, wenn die mich irgendwann fragen, was hast du eigentlich damals gemacht, als die braune Scheiße wieder hochkam?“ – Das ist die perfekte Frage, dachte ich mir. Das Einzige, was ich bisher gemacht habe, war, beim Wählen etwas anderes anzukreuzen. Das war’s aber auch. Aber das war mir nicht mehr genug und ich habe versucht, mit meiner Popularität und meiner großen Schnauze, etwas dagegen zu machen.
Zwei gute Freunde von mir und ich begannen erstmal mit einer Plakataktion, die Wahlplakate der AfD aufs Korn zu nehmen. Auf den Plakaten war ich mit fetzigen Sprüchen abgebildet. Diese Plakate wurden online als Druckversionen verteilt. Das kam so dermaßen gut an, wir mussten einen Nerv getroffen haben. Das war für uns der Ansporn weiterzumachen. Wir haben anschließend viele weitere unterschiedliche Plakatkampagnen gemacht, nicht nur mit Einzelaufnahmen, sondern auch mit Gruppenbildern. Wir haben bekannte Gemälde wie „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix nachgestellt oder „Das letzte Abendmahl“ von da Vinci, um damit bei Leuten Aufmerksamkeit zu erregen, die mit Politik oder Travestie an sich wenig zu tun haben, aber die Bildsprache verstehen.

Wie ging es dann weiter mit TfD?
Aus reinen Foto- oder Plakataktionen wurden irgendwann auch Videoaktionen. Wir haben begonnen, Veranstaltungen zu machen, haben Geld gesammelt für ein lesbisches Wohnprojekt in Berlin, für queere Geflüchtete und so weiter und so fort. Und darin liegt auch unser Augenmerk, der viel mit meinem eigenen zu tun hat: mehr für die Gesellschaft machen, die Gesellschaft öffnen und queeres Leben aus dieser schmuddeligen, dunklen Igitt-Schublade holen. Wir wollen zeigen, dass queere Menschen genauso ein Herz haben und eine Seele. Wir gehen genauso Essen und aufs Klo wie nicht-queere Menschen auch.
Natürlich bin ich bei dem Ganzen nicht allein, wir sind ein wundervolles, ziemlich irres Team. Ich bin die Vorsitzende, aber wir arbeiten alle gleichwertig zusammen. Ohne mein Team hätte ich das nie geschafft, und deswegen möchte ich ein ganz großes Danke und auch ein Lob an meine wundervolle Travestie für Deutschland in die Welt hinausgrölen. Danke, ihr Hasen!

Eingangs hast du das SchwuZ erwähnt. Kannst du unseren Leser*innen davon erzählen, welche Bedeutung Örtlichkeiten wie das SchwuZ für die queere Community aus deiner Perspektive haben?
Aus meiner Perspektive muss ich sagen: Ohne das SchwuZ wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Ich habe dort vor 15 Jahren als Flyer-Boy begonnen. Das heißt, ich war nachts in anderen Homo-Clubs, um Flyer für das SchwuZ zu verteilen. Danach begann ich, als Dekorateurin im SchwuZ zu arbeiten, habe Veranstaltungen aufgebaut und gestaltet. Dadurch hatte ich schon sehr früh einen intensiven Zugang zu Szenegrößen wie Biggy van Blond, Ades Zabel, Gloria Viagra, Peaches, Sherry Vine aus New York. Die sind halt da tagein, tagaus durchs Backstage gelatscht, dadurch konnte ich das Nachtleben viel einfacher und problemloser kennenlernen als andere Leute.
Ich hatte gleich eine feste base, auf die ich immer zurückgreifen konnte, habe das Auflegen gelernt. Deshalb bin ich auch dem SchwuZ gegenüber zu sämtlichem Dank verpflichtet, aber nicht nur ich, sondern ganz viele andere Menschen auch. Das SchwuZ ist, wie man so schön auf modern sagt, ein queerer Safe Space. Das heißt, da können Leute, die normalerweise für ihren Klamottenstil oder wie sie sich bewegen oder wen sie küssen, immer beäugt, beschimpft, bespuckt und geschlagen werden, ganz offen und frei sein, wie sie sind. Da können Frauen mit Frauen auf der Tanzfläche tanzen und knutschen, da können Männer mit Männern knutschen und transidente Menschen können mit intergeschlechtlichen Händchen halten und auch rumknutschen und das ist an vielen anderen Orten nicht möglich.
Vor allem bei queeren geflüchteten Personen ist mir das so oft aufgefallen: Beim ersten Besuch in einem Schwulenclub können sie zum ersten Mal in ihrem Leben ganz offen und frei zu der Musik tanzen, die sie mögen, weil sie in ihrer Heimat bisher dafür verfolgt oder vielleicht sogar mit dem Tod bedroht wurden. Und wenn die Leute dann vor Glück zu heulen anfangen, weil sie endlich mal zu Madonna tanzen können – so abgedroschen es klingt –, dann ist es alles wert. Solche Orte braucht es nicht nur in diesem Land, sondern weltweit, viel mehr. Orte, wo alle Menschen so sein können wie sie sind, ohne dabei verurteilt oder beleidigt zu werden.

Wie sieht das aus, wenn man als queere Person in der Provinz lebt?

Travestie für Deutschland Plakatkampagne zur Bundestagswahl in Deutschland 2021 – Plakat © Travestie für Deutschland – Foto © Sven Serkis

Das kann ich nur sehr einseitig beurteilen, denn ich persönlich lebe, seit ich 20 bin, nicht mehr auf dem Land. Ich bin aus Bayern und es war als Kind nie ein Zuckerschlecken, praktisch der einzige Schwule im Dorf zu sein, wenn man das so plakativ sagen möchte. Ich glaube, dass sich da mittlerweile in ganz, ganz vielen Bereichen vieles getan hat. Dass die Gesellschaft auch am Land offener und liberaler geworden ist und Mitbewohner*innen und Nachbar*innen so sein lässt, wie sie nun mal sind.
Aber: Ich kenne auch ganz andere Beispiele von Leuten, mit denen ich in Kontakt stehe. Die wohnen – wenn man das so sagen darf – in Braun-Deutschland. Da hast du nichts zu lachen, wenn du offen schwul oder lesbisch bist, weil die Leute dort noch so in ihren Mustern verfahren sind und eine Ablehnung gegenüber queerem Leben haben. Und ich spreche jetzt nur von Deutschland. Es gibt so viele Länder auf der Welt, in denen queere Menschen immer noch für ihre Liebe, die sie einfach spüren, bestraft oder auch ermordet werden. Ich lebe hier in Berlin in einer Blase, die Berliner Blase ist wundervoll. Hier ist zwar auch nicht alles mit Weichspüler gewaschen, aber die Freiheiten, die ich hier habe, habe ich sonst kaum woanders in Deutschland.

Gibt es etwas, das du den Leser*innen noch mitgeben möchtest?
Ihr alle da draußen, wir wissen alle: Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Vor allem jetzt, wo wir von einer Seuche und einem Krieg nicht nur bedroht werden, sondern wo Menschen daran zu Grunde gehen. Das setzt uns alle unter wahnsinnig viel Druck. Man ist sehr dünnhäutig und es kommt immer zu Knatsch und alle fahren ihre Krallen aus. Aber dennoch denke ich, dass wir – sofern wir das überleben – gestärkt aus dieser Situation herausgehen und diese Stärke für die Zukunft nutzen können, um das Leben ein bisschen schöner zu gestalten.
Damit richte ich mich vor allem an die Eltern von queeren Kindern: Es sind schon immer eure Kinder gewesen. Die können nix für ihr Geschlecht und die können auch nix für ihre Sexualität, die wurden so geboren. Und bloß, weil euch das vielleicht nicht in den Kram passt, weil ihr euch etwas anderes gewünscht habt, ist euer Kind deswegen – außer es wird vielleicht ein Nazi – immer noch liebenswert. Und es geht nicht nur um eure Kinder, es geht auch um eure Nachbar*innen, es geht vielleicht um eure Schwestern und Brüder. Nur, weil diese Menschen zu sich selbst finden und ihre Sexualität und ihr Geschlecht annehmen, ändert das nichts an deren Seele. Und so schwer und hart es manchmal wirkt – liebt sie trotzdem einfach weiter. Ihr werdet euch keinen Zacken aus der Krone brechen, sondern viele weitere Kronen dadurch dazugewinnen. Auch wenn es erstmal hart ist: Das Leben danach wird besser sein. Ihr schafft das!


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