Unerschrocken und wach, von leuchtend-punkiger Poesie: Aufzeichnungen aus dem Haus der Unglaublichkeiten (Leseprobe)

In diesem Haus tanzen alle aus der Reihe.
Ein brütend heißer Juli im ostukrainischen Makijiwka – und ein Haus, das es in sich hat: Im Erdgeschoss feiern die durchgeknallte Lebefrau Vira und ihre mit Schrotflinten und Wodka bewaffneten Bodyguards apokalyptische Feten. Ein paar Türen weiter schmieden zwei expansionswütige Business-Profis Pläne, um den Obst- und Gemüsemarkt der Region an sich zu reißen. Zwei Stockwerke höher leben Olga, die sich für eine Nachfahrin des französischen Königshauses hält, und Firman, der sämtliche Lenin-Denkmäler der Stadt zu Fall bringen will. Dann ist da noch der junge Mann aus der berüchtigten Spezialeinheit Berkut, der sich bei einem Einsatz in eine Demonstrantin verliebt. Und was hat es eigentlich mit der Gruselwohnung auf sich, in der es spuken soll?

 

Leseprobe zu: Märchen aus meinem Luftschutzkeller

 

Wohnung 14
Gerhard Freis Jugendjahre

Wer Gerhard Frei war, weiß heute niemand mehr. Vor über sechzig Jahren war der Name hier in der Stadt in aller Munde.
Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches kam Frei wie Tausende andere Deutsche als Kriegsgefangener hierher zu uns und musste auf dem Bau arbeiten. Er war kurz vor Berlin gefangengenommen worden. Erst als er von der Kapitulation erfuhr, streckte er die Waffen, und seit er in Gefangenschaft war, verhielt er sich still und fügsam.
Äußerlich wirkte er nicht älter als fünfunddreißig und sah gut aus, deswegen hatte die Frau, die die Gefangenen registrierte und ihnen die Arbeiten zuteilte, ein besonderes Auge auf ihn. Gerhard Frei saß aufrecht vor ihr und wippte leicht mit dem Stuhl. Ein großer, schlanker Blondschopf. Er lächelte freundlich und schwieg. Nur seine grauen, müden Augen schauten kühl durch die Brille. Die Frau sah ihn an, kurz blieb ihr Blick an dem kindlich blonden Strubbelkopf hängen. Sie musste an Wassyl denken, ihren Mann, der 1941 eingezogen und bei der Befreiung von Kiew als Kanonenfutter geopfert worden war, und seufzte. Ende November hatte man ihr die Gefallenenmeldung überstellt und ihr – pünktlich zum Jahrestag der Oktoberrevolution – zur Einnahme Kiews gratuliert. Für sie war das kein Trost, sie begriff die Symbolkraft und die historische Bedeutung dieser militärischen Operation nicht, vielleicht weil Wassyl wirklich ein Teil von ihr gewesen war, der obere Teil, um genau zu sein. Wassyl hatte sie immer angehalten, Kopf und Herz gleichermaßen zu gebrauchen. Jetzt war Wassyl tot, ein MG-Schütze hatte ihn in den kalten Dnipro befördert, und seitdem fühlte sie sich wie amputiert, als wäre sie nur ein halber Mensch, als fehlte ihr die obere Hälfte. Sie konnte keine Lust mehr empfinden außer auf Essen und auf einen Mann.
„Sag mal, …“ – sie stockte, weil sie den deutschen Namen des Gefangenen nicht so schnell herausbrachte – „Gerhard, warst du vielleicht gerade in Kiew, als unsere Armee die Stadt befreit hat?“ Frei schaute sie noch konzentrierter an. Er konnte kein Ukrainisch, außer „Kiew“ und seinem Namen hatte er nichts verstanden. Er schwieg und überlegte, was sie wohl von ihm wollte. Vorsichtshalber schüttelte er den Kopf. ‚War er also nicht‘, dachte sie und seufzte noch einmal. Dann vertiefte sie sich in seine Papiere. Die nächsten Minuten vergingen unter dem gleichmäßigen Ticken der Wanduhr und dem Rascheln der Seiten. Plötzlich stutzte die Frau. Als sie den seltsamen Vermerk sah, runzelte sie die Stirn, rieb sie. Zog die Augenbrauen hoch. Blätterte ein paar Seiten zurück, las etwas nach, sprang zum Ende der Unterlagen, dann wieder zum Anfang, presste ihre Finger gegen die pulsierenden Schläfen und las alles noch einmal ganz aufmerksam durch. Das Ergebnis missfiel ihr, sie schaute Frei verunsichert an. Der Gefangene saß immer noch aufrecht und wippte leicht mit dem Stuhl, um seinen Mund spielte ein feines Lächeln.

Oleksij Tschupa (Autor)

„Walera!“ – die Frau nahm das Glöckchen, das neben ihr auf dem Tisch stand – „Walera, kannst du mal kurz kommen?“ Im Nebenraum polterten Schritte, einige Sekunden später wurde die Tür aufgerissen, und Walera, der Übersetzer, kam herein. „Was gibt‘s, Genossin Mykytenko?“, ratterte er nur halb korrekt, aber in aufrechter Haltung. „Komm mal her und sieh dir das an“, rief sie und winkte ihn mit einer Hand heran, während sie mit der anderen auf den Stapel Dokumente wies, der vor ihr lag. Walera beugte sich über den Tisch und starrte auf die Stelle, auf die die Frau getippt hatte. Dann durchforstete er, wie Mykytenko eben, den gesamten Ordner und schaute sie verwirrt an: „Völlig verrückt. Sicher ein Irrtum oder ein Witz.“ „Jetzt frag ihn doch, Walera, na, mach schon!“ Walera richtete sich auf, und während er vor dem Stuhl, auf dem der Gefangene saß, auf und ab lief, bediente er sich der deutschen Sprache. Allerdings sprach er Frei nicht direkt an, sondern schleuderte die Wörter und Sätze einfach in den Raum: „Wie heißen Sie?“ „Gerhard Frei.“ „Geburtsort?“ „Köln.“ „Geburtsjahr?“ „1611“, antwortete Frei gelassen und lächelte bissig.
„Bringen Sie da auch nichts durcheinander?“, hakte Walera nach. „1611“, wiederholte der Gefangene laut und deutlich und räkelte sich, dass seine Gelenke knackten. „Wissen Sie, welches Jahr wir jetzt haben?“ „Ja, natürlich“, sagte der Deutsche und lächelte weiter. Walera drehte sich zu seiner Chefin um und sagte: „Der Deutsche hier behauptet, fast 350 Jahre alt zu sein. Angeblich wurde er Anfang des 17. Jahrhunderts geboren.“ Um seine Worte zu bekräftigen, tippte Walera mit dem Finger auf das Datum, das Genossin Mykytenko stutzig gemacht hatte. „Aber das kann doch nicht sein, das verstehst du doch.“ „Ja.“ Walera drehte sich noch einmal zu Frei um. „Sie wollen also über 300 Jahre alt sein?“ „Ja.“ „Wurden Sie bei Ihrer Gefangennahme nach Ihrem Geburtsdatum gefragt?“ „Ja.“ „Und alle haben das so hingenommen?“ „Ja“, antwortete der Deutsche zum dritten Mal. Walera fragte sich, wie es allen Verantwortlichen in der Armee entgangen sein konnte, dass der Gefangene über 300 Jahre alt sei, und konnte es nicht fassen. „Na gut, vielleicht haben sie das einfach so hingeschrieben, ohne groß nachzudenken“, sagte er unwirsch. „Aber wir müssen der Sache nachgehen.“ „Tun Sie das!“ Frei lächelte überheblich. „Still!“, mischte sich Genossin Mykytenko ein, die dem Gespräch nicht folgen konnte, aus dem Lächeln des Deutschen allerdings schloss, dass er überlegen war. Walera machte eine beschwichtigende Handbewegung, die Frau setzte sich, Frei schwieg. „Wie haben Sie die 300 Jahre denn geschafft?“ „Ganz einfach.“ „Ich kenne niemand anderen, der so alt ist.“ „Ich auch nicht.“ „Und wie haben Sie das bewerkstelligt? Und noch dazu in einer, wenn ich so sagen darf, mehr als ansprechenden Aufmachung?“ Er spielte auf Freis jugendliches Aussehen an.“ „Sie glauben mir ja sowieso nicht.“ „Erklären Sie es mir, ich gebe mir Mühe.“ Mit einem süßlichen Geheimdienstler-Lächeln ging er auf den Gefangenen zu.

Gerhard Frei schaute ihn an und erzählte seine Geschichte: „Wenn du Deutscher wärst und in Köln leben würdest, könntest du mit dem Namen Frei was anfangen. Wir sind eine Dynastie von Zauberern. Mein Großvater konnte Kunststücke, gegen die eine Lebensverlängerung von dreihundert Jahren ein Klacks ist. Er kam auf den Scheiterhaufen, weil er verdächtigt wurde, mit dem Teufel im Bund zu stehen, was, mit Verlaub gesagt, auch stimmte. Leider bin ich nicht so mächtig, mein Großvater hat es nicht geschafft, mir alles beizubringen, aber fremde Seelen zu holen und den Körper jugendlich zu halten, dafür reicht es gerade noch. Wenn du mir nicht glaubst, können wir uns gern in hundert Jahren noch mal verabreden und das Thema wieder aufgreifen.“ „Na, ganz sicher. Soll das heißen, du bist unsterblich?“ „Na klar, du Trottel. Ich lebe das 336. Jahr, da liegt das doch auf der Hand, oder?“ „Nun gut. Dann treffen wir uns in 100 Jahren wieder.“ Er wandte sich von Frei ab, setzte sich neben seine Chefin, blätterte in den Unterlagen und fragte sie: „Ist der eigentlich mal beim Psychiater gewesen?“ „Ja, hier ist die Bescheinigung.“ Sie zeigte ihm ein Dokument. „Perfekt. Hier steht, er ist gesund.“ „Wieso?“ „Er hat mir gerade erzählt, er sei ein Zauberer und damit unsterblich. Wenn Sie mich fragen – der will sich einfach vor der schweren Arbeit drücken. Also …“ „Also“, griff Genossin Mykytenko seinen Gedanken auf, „geben wir ihm die schwerste Arbeit. Oder?“ „Genau. Wir schicken ihn zum Haus Nummer 166. Dort sind sie gerade beim Fundament und brauchen Leute für ganz verschiedene Arbeiten: Ziegel formen und schleppen, Zement mischen, Erde ausheben, tragen und so weiter. Da hat er einen Platz zum Zaubern.“ Zügig stellte die Frau den Zuweisungsschein aus, setzte einen Stempel drunter, rief zwei Wachleute, und schon fünf Minuten später wurde der gehässig lächelnde Frei zu dem Platz eskortiert, wo sieben Jahre Zwangsarbeit auf ihn warteten. Der Buschfunk trug die Geschichte durch die ganze Stadt, und eine Zeit lang war der Fall in aller Munde, irgendwann ließ das Interesse nach, und die Sache geriet in Vergessenheit. Niemand sprach mehr über den Deutschen. Und wenn es Walera und der Genossin Mykytenko nicht egal gewesen wäre, was aus Frei geworden war, hätten sie, als sie über drei Ecken davon hörten, dass jemand auf einer Baustelle einen Aufruhr angezettelt hatte, um das Dritte Reich hochleben zu lassen, darauf kommen können, dass es nur Frei gewesen sein konnte. An einem Herbstmorgen gab Frei das Zeichen, zu den Waffen zu greifen, aber im Nu hatten ihn die Schüsse mehrerer Wachleute niedergestreckt. Gerhard Frei sackte zusammen, fiel in die Grube, die für das Fundament ausgehoben worden war, eine schlecht fixierte Platte kippte um und zerquetschte ihn. Die anderen Gefangenen hatten es noch nicht einmal geschafft sich zu erheben, um die Wachleute zu überwältigen, da war ihr Anführer schon tot. Die Geschichte wurde allerdings vertuscht. Frei, von der Platte zerquetscht, wurde eine halbe Stunde später mit Erde zugeschüttet, und damit verschwanden auch alle Erinnerungen an ihn im Fundament des Hauses Nummer 166. Heute weiß niemand mehr, wer Gerhard Frei war. (…)

 

Trubel, Tumult und Tohuwabohu: ein kühner Roman aus der Ukraine
Exzentrische Hedonisten und Kleinganoven, einsame Existenzen und widerspenstige Underdogs – Oleksij Tschupa versammelt in seinem Roman eine anarchische Hausgemeinschaft, deren Schicksale fesseln und aufwühlen. Mit farbenprächtiger und virtuoser Sprache und feinem Gespür für das Tragikomische und die Absurditäten des menschlichen Daseins schafft der junge ukrainische Schriftsteller eine elektrisierende Atmosphäre, in der alles möglich zu sein scheint. Hier geht’s zum Buch!