„Wer nicht am Ast sägt, auf dem er sitzt, hat sein Selbst verloren.“ – Christoph W. Bauer über seine Novelle

Die Wände vibrieren, der Boden wackelt, die Tassen klirren in der Küchenvitrine. Seit Monaten unterbricht das aufschwellende Dröhnen unter dem Fenster die Gedanken Emil Murnaus in Christoph W. Bauers Novelle „Lärm“. Und das Wummern, Hämmern und Scheppern der nicht enden wollenden Großbaustelle erschüttert weit mehr als die Bausubstanz seiner Innsbrucker Stadtwohnung: Der nervenzersetzende Lärm stellt das filigrane Gerüst auf die Probe, das Emils Leben zusammenhält. Ein Gerüst, das schon vor den Beben der „Noppenwalzen“ und „Allzweckverdichter“ fragil wirkte, dessen Statik nun aber existenziell infrage gestellt wird.

Portrait: © Haymon Verlag / Fotowerk Aichner

Christoph W. Bauer, geboren 1968 in Kärnten, aufgewachsen in Tirol. Verfasst Lyrik, Prosa, Essays,
Hörspiele und Übersetzungen. Zahlreiche Veröffentlichungen, mehrere Auszeichnungen, u.a. Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb (2002), Outstanding Artist Award und Tiroler Landespreis für Kunst (beide 2015) und Anton-Wildgans-Preis (2023). Bei Haymon zuletzt erschienen: der Roman „Niemandskinder“ (2019), der Gedichtband „an den hunden erkennst du die zeiten“ (2022) und der Prosaband „Trotta und ich“ (2024).

Ist der erschütternde Lärm ein Katalysator, der eine Art Lebensbilanz heraufbeschwört, oder ist es umgekehrt Emil Murnaus Unruhe, die die Lärmbelästigung zur „Schicksalsfrage“ anwachsen lässt?
(Oder ist die Baustelle ein biografischer Zufall, wie so vieles andere, das Murnau widerfährt?)

Die Baustelle als biografischer Zufall, das gefällt mir. Gewiss ist der Lärm ein Katalysator, mehr noch: ein Verstärker, der Murnaus Unzufriedenheit befeuert. Und er beginnt zu bilanzieren, wobei er – und das ist mir schon wichtig – feststellen muss, dass sein Leben so übel ja nicht verlaufen ist. Er ist keineswegs eine gescheiterte Persönlichkeit, was ihn vielleicht zusätzlich verunsichert, denn er ist ein Zauderer, ein Zweifler. Er hat gute, unangepasste, trotzige Jahre in seiner Biografie und er war und ist stets auf der Suche nach dem, was man herkömmlich als Sinn des Lebens bezeichnen könnte.

„Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“
– Was löst dieses Rilke-Zitat aus? Entmutigung? Stoizismus? Trotz?

Ich denke, das kann und muss jede Leserin und jeder Leser für sich selbst beantworten.

„Wer nicht am Ast sägt, auf dem er sitzt, hat sein Selbst verloren. Und wer daran sägt, hat nur noch den Zufall zu fürchten.“ – Dieser Ausspruch zeigt – irgendwie paradoxerweise – Emil als Handelnden, als selbstbestimmten Schicksalsschmied, der „Meister Zufall“ ist aber auch hier die unhintergehbare Entität. Muss man sich Emil Murnau als existentialistische Figur vorstellen?

Schon, zumindest habe ich versucht, die Figur so zu gestalten. Murnau selbst ist ein Paradoxon – und er weiß das, was ihm das Leben nicht erleichtert. Und was den Zufall betrifft, der verweist ja auch auf Murnaus Faszination für die Bilder von Francis Bacon, die er durch seine große Liebe in Wien, Martina, kennengelernt hat, eher zufällig, lässt sich sagen.

 

Wir alle sind einerseits umgeben von einer omnipräsenten visuellen, akustischen Kakophonie, die uns von unseren Gedanken entfremdet. Gleichzeitig flüchten wir uns – wie Emil Murnau auch – in Ablenkungen, in den Rausch, stöpseln uns Musik ins Ohr und fliehen in Bars, um uns selbst zu entkommen. Fürchtet ein Emil die absolute Stille in Wirklichkeit mehr als die aufrüttelnde Lärmbelästigung, die ihn aus dem Tritt bringt?

Das stimmt zweifelsohne, wir leben in lärmigen Zeiten. Lärm ist überall, vor der Tür, in den Medien, Lärmmacher allerorts. Durchaus verständlich also, dass Menschen Ablenkung suchen. Das haben sie allerdings auch in der Vergangenheit getan, eine frühe Form der Ablenkung vom Alltag ist ja auch die Literatur, die Poesie. Und was die absolute Stille angeht, die fürchtet – vermute ich – jeder Mensch. Stille bedeutet Stillstand. Und Stille ist nicht gleichzusetzen mit Ruhe

Lässt sich unsere Gegenwart als Abfolge an- und abschwellender, teils ohrenbetäubender Nebengeräusche beschreiben und ist das deiner Meinung nach ein Spezifikum unserer Zeit?

Lass mich hier ausweichen auf die formale Ebene der Novelle, ich habe versucht, sie wie ein Musikstück anzulegen, eine Sonate vielleicht. In einem Text geht es ja nicht ausschließlich um den Inhalt, das Was, es geht schon auch um die Gestaltung, das Wie. Mal laut, mal leise, mal überlappend, voranpreschend, wieder zurückhaltend, so wollte ich der Gegenwart begegnen.

 

„Es geht immer ums Vollenden.“ – Das ist ein Ohrwurm, der uns während der Lektüre des Buchs begleitet. Zugleich: Ist das Unvollendete, die unverrichtete Recherchearbeit aus einem früheren Leben für Emil nicht der Strohhalm, an dem er sich aus der Sinnkrise ziehen kann?

Der Nino aus Wien hat dieses Lied geschrieben, und richtig, es zieht sich leitmotivisch durch die Novelle und durch Murnaus Gedanken. Es lässt ihn zumindest daran denken, seine Recherchearbeit wieder aufzunehmen, es könnte ihm ein Strohhalm sein. Ob er sich dadurch aus der Sinnkrise – wie du es nennst – ziehen könnte, ganz ehrlich, ich weiß es nicht.

Das Vollenden ist nicht zu verwechseln mit „dem Vollendeten“. Was bedeutet das Vollenden und das „Vollendet-Haben“ für einen Schriftsteller?

Es geht mir bei der Arbeit darum, mit einem Text an ein Ende zu kommen, ihn abzuschließen. Aber habe ich ihn dann vollendet? Wenn ich den letzten Punkt gesetzt habe, ach, ich weiß auch nicht, lass es mich so sagen: Es geht immer ums Weitermachen.


Ein Baustellenlärm wird zum Störgeräusch im Leben eines Mannes – und wirft die Frage auf: Sind wir mehr als bloßer Zufall?

Christoph W. Bauer liefert eine literarisch fein gearbeitete Novelle über das Leben, das Scheitern an sich selbst und die Frage danach, was die Jahre aus uns gemacht haben.

Erhältlich online und überall, wo es Bücher gibt.