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„Erst, wenn Frauen wütend auf ihre lahmen Ehemänner, Boyfriends und Affären werden, können wir das Patriarchat bezwingen.“ – ein Interview mit Bianca Jankovska

FUCKGIRL ist alles, was man Frauen nie erlaubt hat zu sein: erfolgreich, sexuell souverän, unabhängig – und völlig ungerührt davon, ob man sie dafür bewundert oder hasst. Eine Performancekünstlerin Ende dreißig, die nicht bereit ist, sich zu entschuldigen oder gar zu schämen. Nicht für ihre Karriere, nicht für ihren Körper, nicht für ihre Lust oder ihre Entscheidung, keine Kinder zu gebären. FUCKGIRL lebt in einer einseitig offenen, scheinbar glücklichen Ehe, in der sie den Ton angibt. Als sie herausfindet, dass einer ihrer One-Night-Stands seine Freundin betrügt, schmiedet sie einen Racheplan. Weibliche Solidarität, da ist sie sich sicher, ist das, was wir brauchen. FUCKGIRL ist der Gegenentwurf zur betrogenen Ehefrau, zur ewigen Wartenden, zur Frau, die sich Liebe verdienen muss. Ein radikal feministischer Roman über Selbstermächtigung, Sex und Wut; ein Roman, der Monogamie und Non-Monogamie kritisch betrachtet, über gesunde und toxische Beziehungen reflektiert, Abhängigkeit und Selbstverrat ins Visier nimmt – und der Frage auf den Grund geht: Was kommt nach der sexuellen Selbstbestimmung?

Im Interview sprechen wir mit Bianca Jankovska über ihr außergewöhnliches Debüt, weibliche Solidarität und Wut, die Umkehrung patriarchaler Machtgefälle und erfahren, was wir von einer Protagonistin wie FUCKGIRL lernen können.

 

Liebe Bianca, beginnen wir ganz prägnant: Warum FUCKGIRL? Woher kam die Idee, deine Inspiration?

Es war das Jahr 2023 und ich las einen Roman auf einer Fähre von Schweden nach Deutschland. Mir gefiel der ehrliche, bekennende Schreibstil wahnsinnig gut. Es gab nur ein Problem: Den Inhalt. Die Protagonistin beschäftigt sich sowohl obsessiv mit einem sehr viel älteren, verheirateten Mann, als auch seiner Frau und einer weiteren, aktuellen Affäre. Ich fragte mich, ob ich 2023 wirklich noch solche Geschichten lesen will. Ich hatte kein gutes Gefühl, als ich fertig war.

 

FUCKGIRL ist der Gegenentwurf zur betrogenen Ehefrau, zur ewigen Wartenden, zur Frau, die sich Liebe verdienen muss; ein radikaler Gegenentwurf zu einem good girl. Welche gesellschaftlichen Erwartungen musste FUCKGIRL ablehnen, um diese Selbstermächtigung leben zu können?

Puh, da ist die Frage schon wieder schlauer als die Autorin.
Also, erstmal musste sie sich von ihrer konservativen Familie emanzipieren, die für sie sicherlich keine Karriere als Künstlerin vorgesehen hatte. Dann musste sie sich vom inneren Pick-Me-Girl verabschieden, das vorrangig existierte, um es Männern recht zu machen. Und sie musste lernen, dass ihre Sexualität nur ihr alleine gehört. Im Grunde genommen musste sie alles, was sie in ihrer Teenie-Zeit über Liebe, Beziehungen und Begehren lernte, ablegen und durch neue Systeme ersetzen. Sie musste lernen, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen und ihre Standards hoch anzusetzen.

 

FUCKGIRL ist erfolgreich, sexuell souverän, unabhängig und ungerührt davon, ob man sie bewundert oder hasst. Woher rührt die gesellschaftliche Irritation an einer Frau wie ihr?

Das werden die Amazon-Kommentare bald zeigen. Meine Auslegung: FUCKGIRL ist unangepasst, sie hat weder Körper-Komplexe, eine Essstörung noch Angst vor dem Altern, und ist dazu auch noch glücklich verheiratet, glücklich kinderfrei und glückliche Performance-Künstlerin. So viel Glück auf einmal, das darf doch keine Frau haben? Schon gar nicht über 35! Das finden die Menschen ungerecht.

 

FUCKGIRL gibt den Ton in ihrer einseitig offenen Ehe an. Ist das eine bewusste Umkehr traditioneller Machtverhältnisse oder eine Neubesetzung eines bestehendes Machtgefälles?

Ganz klar ist es eine bewusste Umkehr traditioneller Machtverhältnisse. Vieles, was ich im Roman zeichne, funktioniert umgekehrt zu dem, was wir als patriarchale Normalität kennen. Der Mann will eine offene Beziehung? Warum denn nicht, solange er es nicht heimlich macht? Der Mann ist Künstler, die Frau macht den Haushalt? Klar, schließlich ist er das Genie. Was bei Männern als Komplexität, Ambivalenz oder Künstlerexistenz gelesen wird, wird bei Frauen sofort als Dominanz oder Missbrauch markiert.

Wenn sich Kritiker über diese angebliche Neubesetzung eines bestehenden Machtgefälles aufregen, dann bloß, weil sie nicht verstanden haben, dass Frauen genau solche traditionellen Machtverhältnisse Jahrhunderte schweigend geduldet haben. Erst, wenn dieselben Strukturen von einer Frau ausgeübt werden, werden sie plötzlich als Machtgefälle erkannt – und moralisiert. Das entlarvt, wie sehr patriarchale Arrangements als neutral oder natürlich gelten, solange Männer davon profitieren.

Der Gender-Reverse im Roman ist ein literarischer Verfremdungseffekt: Er macht sichtbar, was jahrhundertelang als Normalität durchging, solange Frauen die stillen Trägerinnen dieser Machtverhältnisse waren.

 

Female Revenge ist für FUCKGIRL kein individuelles Mittel, sondern eine politische, moralische Praxis. Was macht weibliche Wut so wirksam?

Weibliche Wut kann so viel bewirken. Weibliche Wut führt zu Trennungen, Selbstwert, Alleine-Wohnen, einem deutlichem Nein zu einem Date mit dem Arbeitskollegen, im besten Falle zur Emanzipation und manchmal auch zu einer völligen Verweigerung des Sexualverkehrs mit Männern. Erst, wenn Frauen wütend auf ihre lahmen Ehemänner, Boyfriends und Affären werden, können wir das Patriarchat bezwingen.

 

Männer haben in dem Roman keine Namen, es gibt Mann, Loser, Journalist. Wieso diese Typisierung?

Hey, keiner hat in meinem Buch einen Namen! FUCKGIRL heißt auch nur FUCKGIRL, Internetgirl heißt Internetgirl. Ich wollte keine Namen in meinem Roman, weil daran bereits so viele Zuschreibungen hängen. Man erkennt sofort, woher die Person kommt, welcher Klasse oder Ethnie sie angehört, ob sie Migrationshintergrund hat. Dass FUCKGIRL nicht-deutsch oder nicht-österreichisch sein könnte, merkt man beim Lesen an ein, zwei Stellen recht deutlich, aber ich wollte nicht weiter darauf eingehen, diesen Fakt nicht an einem spezifischen Namen binden. Ich wollte den Leser*innen durch die Nicht-Namen möglichst viel Spielraum für eigene Fantasien lassen.

 

Deine Sprache im Roman ist roh, intensiv, körperlich. Welche Rolle spielt der Körper als Medium (in) dieser Erzählung?

Ich selbst bin und war schon immer ein extrem körperlicher Mensch in dem Sinne, dass ich gerne Körperkontakt habe – ob jetzt mit einer Freundin, meinem Mann oder einem Hund ist dabei relativ egal. Hauptsache drücken, festhalten, draufliegen, spüren. Wenn ich meinen Körper einsetze, wenn er Berührungen oder schwierigen Wetterlagen ausgesetzt ist, bin ich ganz bei mir, denke an nichts anderes. Genau dieses Gefühl des gleichzeitigen Sich-Selbst-Spürens und Sich-Selbst-Verlierens wollte ich literarisch festhalten. Keine Ahnung, ob mir das gelungen ist.

 

FUCKGIRL gibt uns neun Lektionen, die zweite davon lautet: „Lesson Nr. 2: Andere Frauen sind alles, was wir haben.“ Warum ist weibliche Solidarität heute dringender denn je?

Weil wir ohne sie nicht vorankommen. Es bringt nichts, die Ex-Freundinnen oder neuen Freundinnen unserer Typen zu stalken, uns mit ihnen zu vergleichen und uns durch Lästerei von ihnen abzugrenzen. Viel wichtiger ist es, sich zum Beispiel mit einer Frau zu solidarisieren, die heute dieselbe Art von Gewalt erfährt, wie einst man selbst. Nicht die andere Frau ist die Bedrohung, sondern die Struktur, die mehrere Frauen in dieselbe verletzliche Position bringt – emotional, sexuell, ökonomisch. Solidarität heißt, die Richtung dieser Wut zu korrigieren.

Solidarität bedeutet auch, Erfahrungen zu teilen, Muster sichtbar zu machen und Gewalt nicht länger als individuelles Scheitern zu begreifen. Erst wenn Frauen sich gegenseitig als Verbündete lesen – nicht als Rivalinnen –, entsteht überhaupt die Möglichkeit von Veränderung.

 

Zum Schluss: Welche der Lektionen von FUCKGIRL ist deiner Meinung nach die wichtigste? Was können wir von FUCKGIRL lernen?

Wahrscheinlich wirklich „Andere Frauen sind alles, was wir haben“ und auch „No Princess Treatment, no Intercourse“ – in letzterem Text frage ich mich, warum wir als heterosexuelle Frauen kein kollektives Bare-Minimum des Erträglichen etablieren konnten, warum da jede Frau stets von Neuem in die Verhandlung muss. Ich versuche, das zu verändern und eine Art Cut-List zu zeichnen, an der sich alle Frauen orientieren können. Witzigerweise ist das sogar gerade ein Trend auf TikTok.

 


FEMALE REVENGE: eine Künstlerin, ein radikaler Gegenentwurf zur betrogenen Ehefrau und hemmungsloser Sex

Eine moralische Konfrontation in Romanform: In roher, unverwechselbarer Sprache schreibt Bianca Jankovska über weibliche Verbundenheit, Rachegelüste, eine notwendige Portion Größenwahn und die Abwendung vom alles umfassenden männlichen Blick. Diese Geschichte ist: intensiv, körperlich, kompromisslos – und in ihrem Mut zur Ambivalenz alles andere als gefällig.

Erhältlich online und überall, wo es Bücher gibt.

Das Ende der Affäre. Oder: Polyamorie als alternative Beziehungsform. – Ein Interview mit Inna Barinberg

Wie lieben wir? Und: wie viele? – Unsere Sehnsucht nach Geborgenheit, unser sexuelles Begehren, die vielen Formen der Liebe, die unterschiedlichen Phasen unserer romantischen Beziehungen, die körperliche Nähe in unseren Freund*innenschaften … Wie wir das individuell organisieren, trennen, verbinden, ausleben wollen, dafür gibt es unzählige Möglichkeiten. Auch in Form von Alternativen zur Monogamie. Nina Gruber hat sich mit Inna Barinberg darüber unterhalten. Inna lebt in einer polyamoren Beziehung. Wie sie zu dritt den Alltag in einer offenen Beziehung meistern, welchen Stellenwert dabei die Kommunikation hat und vor welchen strukturellen Hindernissen polyamore Familien stehen, darüber könnt ihr in diesem Interview lesen:

Oft wird in der Diskussion um Monogamie und Polyamorie der Fokus auf das Ausleben der Sexualität mit mehr Personen als denen, die Teil einer romantischen Beziehung zwischen nur zwei Partner*innen sind, gelegt. Aber so individuell wie jeder Mensch ist, so individuell sind auch die Beziehungen. Was bedeutet Polyamorie für dich persönlich?

Polyamorie ist für mich eine konsensuelle Übereinkunft, dass die Möglichkeit besteht, mit anderen Menschen sexuelle und/oder emotionale Beziehungen einzugehen. Ich denke, dass viele Menschen vorerst an den vielen Sex denken, den Poly-Menschen haben, dabei geht es nicht unbedingt um Sex oder viel Sex. ; ) Ich würde eher sagen, dass für mich der wichtigste Aspekt ist, dass die Möglichkeit besteht, wenn ich oder andere Beziehungspersonen das wollen sollten.

Du hast im Rahmen deiner Arbeit als Coach mit vielen Menschen zu tun, hörst von verschiedensten Erfahrungen, Konstellationen und Bedürfnissen. Welche Beweggründe führen deiner Erfahrung nach Menschen weg von monogamen Beziehungen hin zu anderen Formen der Beziehung?

Hm, schwierige Frage, es gibt so viele unterschiedliche Gründe. Ich denke, dass es zum einen wichtig ist zu sagen, dass sich nicht alle Menschen von der Monogamie abwenden, sondern zum Teil realisieren, dass sie schon immer polyamor waren, aber nur noch keinen Begriff dafür hatten. Denn viele von uns haben keine Vorbilder für andere Beziehungsformen als die monogame Beziehung kennenlernen dürfen, und damit einhergehend natürlich auch immer die nicht-konsensuelle Außenbeziehung oder wie so oft „Affäre“ genannt. Und dann gibt es auch Menschen, die im Laufe ihres Lebens unbefriedigende Erfahrungen machen mit der Monogamie, wie etwa sich in jemand Drittes zu verlieben und vor eine Entscheidung gestellt zu werden. Das kann ein Antrieb sein, sich nach anderen Beziehungsformen umzusehen. Es gibt schließlich auch Menschen wie mich, die einfach so da reinstolpern und merken, dass sie sich mit Polyamorie oder offenen Beziehungen viel mehr identifizieren können als mit monogamen Beziehungen. Manchmal gibt es auch Menschen, die in der Polyamorie eine Rettungsgasse für ihre bestehende Beziehung suchen, weil es viel zu schwer sein kann sich zu trennen. Ob das zielführend ist oder nicht, das ist allen selbst überlassen.

Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Menschen, die in polyamoren Beziehungen leben? Sind das überhaupt „besondere“?

Ich denke, dass man an dieser Stelle zwischen inneren und äußeren Herausforderungen unterscheiden muss.
Innere Herausforderungen sind sehr ähnlich zu allen Herausforderungen in anderen Beziehungsformen und Konstellationen. Was meiner Meinung nach verstärkt hinzukommt, sind vor allem Zeit/Vereinbarkeit, viel Kommunikation und potenziell unbequeme Emotionen, wie etwa Eifersucht und Neid. Letzteres kommt natürlich auch in monogamen Beziehungen vor, allerdings ist dort der Unterschied, dass sich häufig explizit oder implizit darauf geeinigt wird, niemanden sonst zu daten. Theoretisch besteht also nicht die Möglichkeit, selbst wenn wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die sich nicht daran halten. Kommunikation ist natürlich in allen Beziehungsformen wichtig, bekommt hier aber noch einmal einen besonderen Stellenwert, weil wir in offenen Beziehungen mit Lover*innen und anderen Beziehungsmenschen kommunizieren müssen und es gerade hier wichtig ist, Klarheit und Verlässlichkeit zu schaffen. Das unterscheidet die Kommunikation von monogamen Beziehungen, weil es dort höchstens darum geht zu kommunizieren, dass man nicht verfügbar ist oder bereits in einer Beziehung ist.
Alle drei Aspekte kommen also auch in monogamen Beziehungen mal mehr, mal weniger stark zum Tragen. Wie du siehst, tue ich mir ein wenig schwer damit konkrete, innere poly-bezogene Herausforderungen hervorzuheben.
Äußere Herausforderungen sind einfacher zu skizzieren. Es gibt sehr viele Hindernisse, sowohl struktureller Natur, wie etwa bei Elternschaft, Erbrecht, Krankenhausbesuche etc., als auch auf privater Ebene, wie etwa kritische Nachfragen, verletzende Kommentare, das ständige Sich-rechtfertigen-Müssen und die Angst, dass wenn eine der Beziehungen doch auseinander geht, dass Menschen glauben, dadurch den Beweis dafür zu haben, dass es ja doch nicht funktioniert. Gerade weil es so wenig Vorbilder gibt, dienen die Menschen, die zufrieden poly leben, häufig als Vorzeige-Konstellationen, das kann zum Teil sehr anstrengend sein. Kommunikation nach außen kann auch eine andere Form der Herausforderung sein.

Früher – und auch wenn sich schon viel getan hat: zu einem Großteil auch heute noch – wird eine „Familie“ vor allem so definiert: Eine heterosexuelle monogame Beziehung mit Kind(ern). In einem Blogeintrag schreibst du über das Konzept der Kleinfamilie, denkst du darüber nach, wie ein Leben mit Kind in einem polyamoren Kontext ausschauen könnte. Heute bist du selbst Elternteil. Wie hat sich das für dich in der Praxis bisher entwickelt?

inna barinberg portrait

Inna betreut Workshops, ist Beziehungscoach und schreibt im Blog POLYPLOM zu polyamoren und offenen Liebesformen. Oder wie Inna es selbst am besten auf den Punkt bringt: „von der täglichen Kunst, polyamore Beziehungen zu führen“. 2020 folgte die Veröffentlichung von „MEHR IST MEHR. Meine Erfahrungen mit Polyamorie“. Die Texte darin sollen zum Nach- und Weiterdenken anregen, egal wie man liebt und welche Beziehungsform man für sich findet. Inna ist eines der Gründungsmitglieder des alternativen Sexshop-Kollektivs Other Nature. – Foto: Oliver Magda

Ich war vor allem sehr überrascht, wie anders sich Dinge zum Teil angefühlt haben. Überrascht hat mich zum Beispiel, wie unterstützend unsere Herkunftsfamilien bis jetzt waren. Ich war zum Teil sogar überfordert von der vielen Aufmerksamkeit. Überrascht war oder bin ich auch davon, wie viel Kleinfamilie dann doch in uns steckt bzw. wie schnell der Alltag sich nach einer stereotypen Familie anfühlt, weil ein Kind nun mal sehr viel Struktur und geregelte Tagesabläufe braucht. Das hat mich auch total getroffen, weil ich uns nicht als Kleinfamilie verstehen will. Gleichzeitig war es schön zu merken, dass unsere Beziehungen untereinander und auch nach außen hin immer noch viel Raum einnehmen durften. Das war sehr bestärkend. Es gibt natürlich auch anstrengende Momente in unserer Konstellation, insbesondere, weil Nähe und Vertrautheit eine große Rolle spielen, wenn Menschen Konflikte austragen oder unangenehme Themen ansprechen wollen. Damit meine ich, dass die Vertrautheit zwischen meinen Partnerinnen noch am Wachsen ist und es manchmal einfach leichter ist, Themen mit mir zu besprechen als miteinander. Manchmal ist es schwierig, sowohl Co-Elternschaft und Partner*innenelternschaft in einer Konstellation zu vereinen. Wir lernen jede Woche dazu.

Im besagten Blogeintrag denkst du über den Begriff „Familie“ generell nach, wie man dieses „Netzwerk“ bezeichnen könnte. Bist du schon zu einem Schluss gekommen? Oder denkst du dir: Ich will den Begriff „Familie“ nicht von einem exklusiv heteronormativen Konzept besetzen lassen?

Zu einem Schluss bin ich noch nicht gekommen, nein. Ich denke, dass für mich da auch die Begriffe Familie und Kleinfamilie zu eng beieinander sind, als dass ich zu einem klaren Schluss kommen könnte.
Kleinfamilien verbinde ich mit sehr vielen Zugängen und Privilegien, deswegen wären wir in meinen Augen nie eine Kleinfamilie, weil wir viele dieser Privilegien und Zugänge nicht haben, sondern eher konstant Räume suchen und erkämpfen müssen. Ich denke, dass die heteronormative Kleinfamilie es da schwerer hat und vielleicht das ein oder andere Mal einfach so in Strukturen von anderen Kleinfamilien, Kindergruppen oder ähnlichem reinrutscht. Wir müssen uns immer wieder aktiv dafür entscheiden. Das Positive daran ist, dass wir immer wieder eigenmächtig entscheiden können, wo wir uns aufhalten wollen und mit welchen Rollen wir nach außen hin spielen und verwirren wollen. Uns passiert es zum Beispiel häufig, dass wir zu dritt mit Kind unterwegs sind und genau merken, wie sich die Menschen denken: „Irgendwer ist die Mutter, aber wer?“ Ich mag es, damit zu spielen, gleichzeitig finde ich es auch wahnsinnig anstrengend, wie häufig ich als nicht-binäre Person gegendert werde und mir die Rolle der Mutter zugeschrieben wird.
Den Begriff der Familie hingegen finde ich sehr schön, weil es für mich komplett offenlässt, wen ich als meine Familie bezeichnen möchte. Auch das ist sehr mühselig nach außen hin zu zeigen, weil auch hier klar definiert ist, wer als Familie zählt und wer nicht. Zwei von uns sind zum Beispiel verheiratet, damit unser Kind rechtlich von zwei Menschen vertreten werden kann, das war uns und unserem Spender wichtig. Das entspricht natürlich nicht unserer Traumvorstellung, weil der Kleine ja drei Eltern hat, aber anders ist es im Moment leider nicht möglich in Deutschland.
Immer wieder mit Bildern von normativen Familien zu brechen und das gängige Bild von Familien zu erweitern, ist mir alles in allem sehr wichtig und bleibt es auch. Ich denke, dass die ambivalente Haltung daher kommt, dass es so mühselig ist und ich mir manchmal wünschen würde, dass wir schon viel weiter wären und diese Kämpfe nicht führen müssten.