Alt werden ist nichts für Feiglinge! „Leichte Böden“ von David Fuchs (Leseprobe)

Ungeschminkt und liebevoll, absurd und doch so lebensnah fängt David Fuchs in „Leichte Böden“ die Essenz zwischenmenschlicher Beziehungen ein und stellt eine substanzielle Frage unserer Zeit: Wie kann man verantwortungsvoll Hilfe anbieten, ohne Menschen im Alter die Autonomie zu rauben?

Lesen Sie hier rein – eine einzigartige Geschichte erwartet Sie, alltäglich und augenöffnend, zugleich aufrüttelnd und versöhnlich.

Ich drehe mich um. Der Polizist ist ausgestiegen, aber ich kann ihn wegen der Scheinwerfer kaum erkennen. Er kommt auf mich zu.

„Huhu“, sagt er mit hoher Stimme. Jetzt wird er auch noch frech. „Huhu“, sage ich. Den Polizisten schüttelt es vor Lachen. „Kobi, du solltest dein Gesicht sehen“, sagt er. Sagt sie. Eine Frauenstimme. Es ist kein Polizist, es ist eine Polizistin, es ist Maria, meine Nintendo-Mary, Maria von früher. Was soll ich jetzt sagen? Ich habe keine Ahnung. „Hallo Mary“, sage ich. Sie lacht noch einmal. „Nicht lustig“, sage ich.
„Das ist eine Verwaltungsübertretung.“
„Das ist eine Frechheit.“
„Eine ziemlich lustige Verwaltungsübertretung. Bist du fertig?“
„Mit was?“
„Vergiss es, steig ein.“
Ich bin noch nie vorne in einem Polizeiauto gesessen. Ich bin überhaupt noch nie in einem Polizeiauto gesessen. „Schnall dich an, sonst kommt die Polizei.“ Maria legt den Gang ein und wir fahren los. Ich mag es nicht, wenn man sich Witze auf meine Kosten erlaubt, aber ich kann nichts sagen, immerhin holt Maria mich vom Bahnhof ab, und es wäre unhöflich, sie anzuschnauzen, auch wenn sie es verdient hätte.
Ich glaube, ich habe Maria zuletzt vor sechzehn Jahren gesehen, bei Opa Kobiceks Begräbnis, da war sie noch in Ausbildung. Und jetzt fährt sie schon alleine nachts herum und erschreckt Pinkler am Bahnhof.

Opa Kobicek war Tante Klaras Bruder. Als ich noch ein Kind war, waren wir oft zu Besuch bei ihr, weil sie ein Haus am Land hatte und nicht so eine kleine Stadtwohnung wie Opa. Ich habe damals fast jedes Wochenende und die Ferien mit Maria verbracht, aber wir haben uns aus den Augen verloren, weil mich als Teenager die viele Besuche bei Tante Klara nicht mehr interessiert haben.

„Entschuldige“, sagt Maria, „ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Holst du deine Freunde immer mit dem Polizeiauto ab?“
„Nur, wenn meine Freunde zu spät ankommen und meine Schicht schon begonnen hat.“
„Entschuldige.“
„Du hättest anrufen können.“
„Habe ich versucht, aber die Nummer war nicht mehr aktuell.“

Sie blinkt und biegt auf die Bundesstraße ab. „Warum besuchst du Klara?“
„Wegen dem Auto. Ich will den Porsche holen.“
„Das ist wirklich dein Porsche in der Garage?“
„Woher weißt du davon?“
„Ich wohne wieder neben Klara, im alten Haus. Aber wie kannst du dir einen Porsche leisten? Was arbeitest du?“
„Ich arbeite gerade nicht.“

Den Porsche habe ich mir gekauft, damals, in der Frankfurter Zeit. Ich habe ihn dann bei Tante Klara eingestellt, weil sie eine Garage hat, die sie nicht benutzt. Ich war seit Jahren nicht dort, weil ich zu viel Stress und keine Lust hatte. Tante Klara hat sich nicht beschwert.

„Wie, du arbeitest gar nicht?“
„Ich habe ein Jahr frei.“
„Aha. Und warum hast du so lange frei?“
„Einfach so, ein Sabbatical.“
„Ein was?“
„Sabbatical. Man bekommt fünf Jahre lang nur achtzig Prozent Gehalt und das fünfte Jahr ist frei.“
„Cool.“
„Na ja.“
„Und was willst du in deinem Sabbatical machen?“
„Erstmal den Porsche holen und dann irgendwo hinfahren.“
„Wohin?“
„Weiß nicht, Frankreich vielleicht oder Italien, aber ich weiß es eigentlich nicht.“
„Und was machst du, wenn du nicht gerade ein Jahr frei hast?“
„Ich bin Biologe.“
„Cool. So richtig, im Labor?“
„Ich unterrichte an einer Schule.“
Sie lacht. „Also Biolehrer?“
„Biologe.“