Alt werden ist nichts für Feiglinge! „Leichte Böden“ von David Fuchs (Leseprobe)

 

Ungeschminkt und liebevoll, absurd und doch so lebensnah fängt David Fuchs in „Leichte Böden“ die Essenz zwischenmenschlicher Beziehungen ein und stellt eine substanzielle Frage unserer Zeit: Wie kann man verantwortungsvoll Hilfe anbieten, ohne Menschen im Alter die Autonomie zu rauben?

Lesen Sie hier rein – eine einzigartige Geschichte erwartet Sie, alltäglich und augenöffnend, zugleich aufrüttelnd und versöhnlich.

 

Wer konnte auch ahnen, dass genau hier, genau jetzt, ein Polizeiauto vorbeikommen würde? Es ist ja sonst nicht meine Art. Daniel Kobicek pinkelt nicht nachts an Bahnhofswände. Es sei denn, er muss.
Es ist nicht meine Schuld. Ich kann nichts dafür, dass die Toilette im Zug kaputt war, kann nichts dafür, dass der Bahnhof in diesem Nest nachmittags schließt und Maria mich nicht abholen kommt.

Maria, Mary, Maria, warum konntest du nicht früher kommen?

Um ein Haar hätte ich mir in die Hosen gemacht. Diesem Polizisten ist wirklich nichts zu dumm, sogar das Blaulicht hat er eingeschalten. Anstatt mich in Ruhe pinkeln zu lassen, zwingt er mich abzuschütteln und einzupacken, und ich spüre, wie meine Unterhose nass wird. Vielen Dank, liebe Polizei.
Man wird wohl an eine Wand urinieren dürfen, ohne Blaulicht. Wie ein Verbrecher fühlt man sich. Bis vor ein paar Minuten ging es mir eigentlich gut. Bis vor ein paar Minuten war mein einziges Problem aber auch der Klapptisch im Zug. Ich habe versucht, meinen Laptop darauf abzustellen. Aber der Tisch war zu klein, weil die Tische im Zug nicht zum Arbeiten gemacht sind.

David Fuchs, geboren 1981 in Linz, ist Autor, aber auch Arzt. Als Onkologe und Palliativmediziner arbeitet er in Linz, als Autor hat er die Leondinger Akademie für Literatur absolviert. 2018 erschien mit „Bevor wir verschwinden“ sein Debüt-Roman, der mehrfach ausgezeichnet wurde: 2016 mit dem FM4-Wortlaut für einen Auszug, 2018 stand er auf der Shortlist für den Österreichischen Buchpreis Debüt und errang den 2. Platz des Bloggerpreises „Das Debüt“. Darüber hinaus erhielt David Fuchs 2018 den Feldkircher Lyrikpreis sowie den Alois Vogel Literaturpreis. 2020 folgte sein neuer Roman „Leichte Böden“.

Ich habe also den Laptop auf meinen Schoß gestellt, aufgeklappt und dann, erst dann, habe ich mich erinnert, dass ich nichts zu arbeiten habe. Ich habe gar nichts mehr zu arbeiten, und das ein ganzes Jahr lang. Ein ganzes Jahr habe ich frei. Es ist ein Sabbatical, das ich nicht wollte, und man hat es mir genehmigt, obwohl ich es nicht beantragt habe.

Es geht mir, wie gesagt, gut. Ich bin nicht todkrank, nicht einmal ein bisschen, nicht depressiv, und ich habe auch niemanden verloren. Ich habe keine Probleme, und das ist ein Problem. Das mag seltsam klingen, aber was macht man in einem Sabbatical, wenn man keine Probleme hat?
Ein Buch schreiben vielleicht, aber das liegt mir nicht, ich lese nicht einmal gerne, und ich glaube auch nicht, dass die Welt auf noch ein Buch  eines gelangweilten Lehrers gewartet hat. Obwohl ich, strenggenommen, kein Lehrer bin, sondern Biologe. Doktor Daniel Kobicek, promovierter Biologe, der zufällig unterrichtet, aber kein Lehrer. Das macht einen himmelweiten Unterschied.

Also, das Sabbatical, der Zug und das Ziel: ein Besuch bei Tante Klara, die eigentlich meine Großtante ist, der Bahnhof, das Dorf, und Mary, Maria von früher, Maria mit dem seltsamen Vater, Maria, die mich abholen sollte und die nicht kommt, und jetzt das Polizeiauto hinter mir und das Blaulicht.

Ich drehe mich um. Der Polizist ist ausgestiegen, aber ich kann ihn wegen der Scheinwerfer kaum erkennen. Er kommt auf mich zu.

„Huhu“, sagt er mit hoher Stimme. Jetzt wird er auch noch frech. „Huhu“, sage ich. Den Polizisten schüttelt es vor Lachen. „Kobi, du solltest dein Gesicht sehen“, sagt er. Sagt sie. Eine Frauenstimme. Es ist kein Polizist, es ist eine Polizistin, es ist Maria, meine Nintendo-Mary, Maria  von früher. Was soll ich jetzt sagen? Ich habe keine Ahnung. „Hallo Mary“, sage ich. Sie lacht noch einmal. „Nicht lustig“, sage ich.
„Das ist eine Verwaltungsübertretung.“
„Das ist eine Frechheit.“
„Eine ziemlich lustige Verwaltungsübertretung. Bist du fertig?“
„Mit was?“
„Vergiss es, steig ein.“
Ich bin noch nie vorne in einem Polizeiauto gesessen. Ich bin überhaupt noch nie in einem Polizeiauto gesessen. „Schnall dich an, sonst kommt die Polizei.“ Maria legt den Gang ein und wir fahren los. Ich mag es nicht, wenn man sich Witze auf meine Kosten erlaubt, aber ich kann nichts sagen, immerhin holt Maria mich vom Bahnhof ab, und es wäre unhöflich, sie anzuschnauzen, auch wenn sie es verdient hätte.
Ich glaube, ich habe Maria zuletzt vor sechzehn Jahren gesehen, bei Opa Kobiceks Begräbnis, da war sie noch in Ausbildung. Und jetzt fährt sie schon alleine nachts herum und erschreckt Pinkler am Bahnhof.

Opa Kobicek war Tante Klaras Bruder. Als ich noch ein Kind war, waren wir oft zu Besuch bei ihr, weil sie ein Haus am Land hatte und nicht so eine kleine Stadtwohnung wie Opa. Ich habe damals fast jedes Wochenende und die Ferien mit Maria verbracht, aber wir haben uns aus den Augen verloren, weil mich als Teenager die viele Besuche bei Tante Klara nicht mehr interessiert haben.

„Entschuldige“, sagt Maria, „ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Holst du deine Freunde immer mit dem Polizeiauto ab?“
„Nur, wenn meine Freunde zu spät ankommen und meine Schicht schon begonnen hat.“
„Entschuldige.“
„Du hättest anrufen können.“
„Habe ich versucht, aber die Nummer war nicht mehr aktuell.“

Sie blinkt und biegt auf die Bundesstraße ab. „Warum besuchst du Klara?“
„Wegen dem Auto. Ich will den Porsche holen.“
„Das ist wirklich dein Porsche in der Garage?“
„Woher weißt du davon?“
„Ich wohne wieder neben Klara, im alten Haus. Aber wie kannst du dir einen Porsche leisten? Was arbeitest du?“
„Ich arbeite gerade nicht.“

Den Porsche habe ich mir gekauft, damals, in der Frankfurter Zeit. Ich habe ihn dann bei Tante Klara eingestellt, weil sie eine Garage hat, die sie nicht benutzt. Ich war seit Jahren nicht dort, weil ich zu viel Stress und keine Lust hatte. Tante Klara hat sich nicht beschwert.

„Wie, du arbeitest gar nicht?“
„Ich habe ein Jahr frei.“
„Aha. Und warum hast du so lange frei?“
„Einfach so, ein Sabbatical.“
„Ein was?“
„Sabbatical. Man bekommt fünf Jahre lang nur achtzig Prozent Gehalt und das fünfte Jahr ist frei.“
„Cool.“
„Na ja.“
„Und was willst du in deinem Sabbatical machen?“
„Erstmal den Porsche holen und dann irgendwo hinfahren.“
„Wohin?“
„Weiß nicht, Frankreich vielleicht oder Italien, aber ich weiß es eigentlich nicht.“
„Und was machst du, wenn du nicht gerade ein Jahr frei hast?“
„Ich bin Biologe.“
„Cool. So richtig, im Labor?“
„Ich unterrichte an einer Schule.“
Sie lacht. „Also Biolehrer?“
„Biologe.“

Jetzt weiterlesen! Hier geht’s zur Leseprobe des neuen Romans von David Fuchs: „Leichte Böden“ [PDF].

 

Was passiert mit uns, wenn wir alt werden?
Wie kann man verantwortungsvoll Hilfe anbieten, ohne Menschen im Alter die Autonomie zu rauben?
Wo verläuft der Grat zwischen einfühlsamer Unterstützung und überbordender, geltungssüchtiger Einmischung? 

In David Fuchs’ Roman „Leichte Böden“ werden leichtfüßig substanzielle Fragen unserer Zeit verhandelt, die uns alle im Innersten betreffen. Das Bedürfnis zu unterstützen, Selbstzweifel, die Konfrontation mit körperlichem Verfall: David Fuchs nähert sich einem emotionalen Drahtseilakt mutig ironisch, dabei stets behutsam an. In präziser Sprache und feinen Beobachtungen bringt er uns in absurden Momenten zum Lachen, in tragischen zum Innehalten, und fängt die belebende Magie einer jungen Liebe ein.