Autor: Katja Stopper

„Mir geht es darum, die Zukunft offener, bunter und vielleicht sogar mit mehr Liebe zu gestalten.“ – Jacky-Oh Weinhaus im Interview

Jacky-Oh Weinhaus ist Teilzeit-Mädchen, Vorsitzende von TfD – Travestie für Deutschland, Podcasterin, Veranstalterin im Berliner SchwuZ und Showgirl im BKA Theater, der Berliner Kabarett Anstalt. Bei der Late-Night-Show „Süß und deftig“ kann man Jurassica Parka und ihr an den Lippen hängen. Jacky-Oh Weinhaus hat Nina Gruber von sich und ihrem Engagement erzählt. Die beiden haben sich über queere Safe Spaces, über Blasen und Provinz, über Jackys politischen Erweckungsmoment und ihren Appell an die Eltern queerer Kinder unterhalten.

Multi-Künstlerin Jacky-Oh Weinhaus. Eine volle Dosis Jacky gibt’s auf ihrem YouTube-Kanal. Besonders reinschauenswert: ihr Besuch bei „Chez Krömer“! – Foto © Dror Pinto

Erzähl doch mal unseren Leser*innen etwas über dich, wer bist du?
Wer bin ich? Oh, ich hoffe, ihr habt Zeit mitgebracht. Mein Name ist Jacky-Oh Weinhaus. Landesüblich würde man mich, glaube ich, als Dragqueen bezeichnen, ich sag aber immer lieber zu mir: Ich bin Teilzeit-Mädchen. Was ich auch ganz süß finde ist „Pimmelpuppe“. Optisch werde ich als Mann gelesen. Ich bin mit einem Penis auf die Welt gekommen, wurde auch immer als Junge wahrgenommen, aber tief in mir drin, war ich schon immer ein Mädchen, eine Frau.
Über die Jahre der Entwicklung hinweg habe ich mich dazu durchgerungen, das anzunehmen. Ich sehe halt aus wie ein Junge, bin aber innen drin ein Mädchen. Die Wandlung, die ich durchgemacht habe, war so: Zuerst redete ich mir selbst ein, ich sei hetero; dann habe ich mir eingeredet, ich sei bisexuell. Irgendwann habe ich das Outing durchlebt und rausgefunden: Ich bin wirklich schwul. Damals kannte ich noch nicht mehr als schwul, lesbisch und bisexuell. Durch meine eigene Bildung und durch die Entwicklung der Gesellschaft hat sich so viel mehr für mich eröffnet, was Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten angeht. Nun bin ich wieder zurück zu meinen Wurzeln gekommen und fühle mich tatsächlich weiblich.
Schon als Kind habe ich mich als Mädchen gesehen – da bin ich jetzt wieder. Und ich sage das mit Stolz, ohne mich verstecken zu müssen, denn der Weg dahin war lang und schwer, aber ich habe ihn gemeistert. Und ich glaube, es war die beste Entscheidung, das so durchzuexerzieren, auch wenn es nicht immer einfach war.
Abgesehen davon, dass ich nicht dem heteronormativen Mainstream folge, bin ich von Berufswegen her Künstlerin. Ich habe einen sehr populären Podcast bei Audible – Queer einsteigen. Ich bin auch Veranstalterin im besten Schwulenclub Berlins, dem SchwuZ. Ich mache ein Kunstprojekt gegen Nazis. Ich bin Moderatorin auf verschiedenen Demonstrationen. Man könnte meinen, ich bin Multi-Künstlerin, weil ich meine Hände in vielen unterschiedlichen Torten habe. Ich bin praktisch Jacky-Oh Tortenhaus. I have my hands in many different pies.

Du bist offenbar eine sehr engagierte Person. In welcher Form und wofür engagierst du dich konkret politisch und gesellschaftlich? Was sind deine großen Themen?
Politisch betrachtet bzw. was das politische Engagement oder das Engagement für die Gesellschaft und für dieses Erden-Uns betrifft, geht es mir darum, die Zukunft offener, bunter und vielleicht sogar mit mehr Liebe zu gestalten. Das heißt, Leuten die Scheuklappen tragen, diese etwas aufzuklappen oder vielleicht sogar erstmal ganz abzunehmen, um denen zu zeigen, dass es neben Frau und Mann und heteronormativen Familien mit zwei Kindern und Hund und Volvo noch so viel mehr gibt, was uns die letzten Jahrhunderte von der Gesellschaft versagt wurde bzw. abtrainiert wurde, aber davor bereits seit Jahrtausenden existiert hat.
Wenn man so möchte, gehe ich auch in diesem Bereich wieder back to the roots und versuche, der Welt zu zeigen, dass es, wie gesagt, mehr als nur Männlein und Weiblein und heterosexuelle Liebe gibt. Weil das, was von vielen Leuten immer als Problem gelesen wird, nämlich lesbische Frauen, transidente Menschen, schwule Männer, pansexuelle Menschen – das ist etwas von der Natur Vorgegebenes. Wir Menschen sind auch nicht die Einzigen, bei denen es queeres Leben gibt. Das gibt es bei allen Tierarten, und bei den Tieren ist es sogar noch ein bisschen schöner ausgeprägt. Denken wir zum Beispiel an Seepferdchen, da trägt der Mann die Babys im Bauch herum. Weinbergschnecken sind Zwitterwesen, sie können zwischen den Geschlechtern wechseln, genauso wie der allseits bekannte und beliebte Clownfisch. Also Findet Nemo könnte genauso in 5 Jahren Findet Barbara heißen, weil der Clownfisch das Geschlecht auch wechseln kann. Und deswegen finde ich Aussagen wie, schwule Männer wären so widernatürlich, tatsächlich einfach Quatsch. Genau das möchte ich der Welt zeigen: Dass das ganz oft Quatsch ist, was erzählt wird.

 

Jacky-Oh Weinhaus auf einem der Plakate der Kampagne anlässlich der Bundestagswahl in Deutschland 2017 – Plakat © Travestie für Deutschland – Foto © Steven P. Carnarius

Du bist Teil und Gründerin von TfD – Travestie für Deutschland. Bitte erzähl uns von der Geschichte, die hinter Travestie für Deutschland steht, und welche Anliegen ihr habt.
Wer die Gehirnzellen etwas anstrengt, erkennt bei TfD – Travestie für Deutschland – vom Namen her schon Parallelen zu einer gewissen, mit rassistischen Tendenzen versehenen, deutschen Partei. Und genau daher rührt der Name auch.
Als vor einigen Jahren die AfD so populär wurde, dachte ich mir, das kann so nicht sein, da muss ich etwas dagegen machen. Kurz darauf habe ich in einem Interview mit Nora Tschirner gelesen – ich hoffe, ich zitiere sie jetzt richtig: „Was sage ich eigentlich meinen Kindern, wenn die mich irgendwann fragen, was hast du eigentlich damals gemacht, als die braune Scheiße wieder hochkam?“ – Das ist die perfekte Frage, dachte ich mir. Das Einzige, was ich bisher gemacht habe, war, beim Wählen etwas anderes anzukreuzen. Das war’s aber auch. Aber das war mir nicht mehr genug und ich habe versucht, mit meiner Popularität und meiner großen Schnauze, etwas dagegen zu machen.
Zwei gute Freunde von mir und ich begannen erstmal mit einer Plakataktion, die Wahlplakate der AfD aufs Korn zu nehmen. Auf den Plakaten war ich mit fetzigen Sprüchen abgebildet. Diese Plakate wurden online als Druckversionen verteilt. Das kam so dermaßen gut an, wir mussten einen Nerv getroffen haben. Das war für uns der Ansporn weiterzumachen. Wir haben anschließend viele weitere unterschiedliche Plakatkampagnen gemacht, nicht nur mit Einzelaufnahmen, sondern auch mit Gruppenbildern. Wir haben bekannte Gemälde wie „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix nachgestellt oder „Das letzte Abendmahl“ von da Vinci, um damit bei Leuten Aufmerksamkeit zu erregen, die mit Politik oder Travestie an sich wenig zu tun haben, aber die Bildsprache verstehen.

 

Wie ging es dann weiter mit TfD?
Aus reinen Foto- oder Plakataktionen wurden irgendwann auch Videoaktionen. Wir haben begonnen, Veranstaltungen zu machen, haben Geld gesammelt für ein lesbisches Wohnprojekt in Berlin, für queere Geflüchtete und so weiter und so fort. Und darin liegt auch unser Augenmerk, der viel mit meinem eigenen zu tun hat: mehr für die Gesellschaft machen, die Gesellschaft öffnen und queeres Leben aus dieser schmuddeligen, dunklen Igitt-Schublade holen. Wir wollen zeigen, dass queere Menschen genauso ein Herz haben und eine Seele. Wir gehen genauso Essen und aufs Klo wie nicht-queere Menschen auch.
Natürlich bin ich bei dem Ganzen nicht allein, wir sind ein wundervolles, ziemlich irres Team. Ich bin die Vorsitzende, aber wir arbeiten alle gleichwertig zusammen. Ohne mein Team hätte ich das nie geschafft, und deswegen möchte ich ein ganz großes Danke und auch ein Lob an meine wundervolle Travestie für Deutschland in die Welt hinausgrölen. Danke, ihr Hasen!

 

Eingangs hast du das SchwuZ erwähnt. Kannst du unseren Leser*innen davon erzählen, welche Bedeutung Örtlichkeiten wie das SchwuZ für die queere Community aus deiner Perspektive haben?
Aus meiner Perspektive muss ich sagen: Ohne das SchwuZ wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Ich habe dort vor 15 Jahren als Flyer-Boy begonnen. Das heißt, ich war nachts in anderen Homo-Clubs, um Flyer für das SchwuZ zu verteilen. Danach begann ich, als Dekorateurin im SchwuZ zu arbeiten, habe Veranstaltungen aufgebaut und gestaltet. Dadurch hatte ich schon sehr früh einen intensiven Zugang zu Szenegrößen wie Biggy van Blond, Ades Zabel, Gloria Viagra, Peaches, Sherry Vine aus New York. Die sind halt da tagein, tagaus durchs Backstage gelatscht, dadurch konnte ich das Nachtleben viel einfacher und problemloser kennenlernen als andere Leute.
Ich hatte gleich eine feste base, auf die ich immer zurückgreifen konnte, habe das Auflegen gelernt. Deshalb bin ich auch dem SchwuZ gegenüber zu sämtlichem Dank verpflichtet, aber nicht nur ich, sondern ganz viele andere Menschen auch. Das SchwuZ ist, wie man so schön auf modern sagt, ein queerer Safe Space. Das heißt, da können Leute, die normalerweise für ihren Klamottenstil oder wie sie sich bewegen oder wen sie küssen, immer beäugt, beschimpft, bespuckt und geschlagen werden, ganz offen und frei sein, wie sie sind. Da können Frauen mit Frauen auf der Tanzfläche tanzen und knutschen, da können Männer mit Männern knutschen und transidente Menschen können mit intergeschlechtlichen Händchen halten und auch rumknutschen und das ist an vielen anderen Orten nicht möglich.
Vor allem bei queeren geflüchteten Personen ist mir das so oft aufgefallen: Beim ersten Besuch in einem Schwulenclub können sie zum ersten Mal in ihrem Leben ganz offen und frei zu der Musik tanzen, die sie mögen, weil sie in ihrer Heimat bisher dafür verfolgt oder vielleicht sogar mit dem Tod bedroht wurden. Und wenn die Leute dann vor Glück zu heulen anfangen, weil sie endlich mal zu Madonna tanzen können – so abgedroschen es klingt –, dann ist es alles wert. Solche Orte braucht es nicht nur in diesem Land, sondern weltweit, viel mehr. Orte, wo alle Menschen so sein können wie sie sind, ohne dabei verurteilt oder beleidigt zu werden.

Travestie für Deutschland Plakatkampagne zur Bundestagswahl in Deutschland 2021 – Plakat © Travestie für Deutschland – Foto © Sven Serkis

Wie sieht das aus, wenn man als queere Person in der Provinz lebt?
Das kann ich nur sehr einseitig beurteilen, denn ich persönlich lebe, seit ich 20 bin, nicht mehr auf dem Land. Ich bin aus Bayern und es war als Kind nie ein Zuckerschlecken, praktisch der einzige Schwule im Dorf zu sein, wenn man das so plakativ sagen möchte. Ich glaube, dass sich da mittlerweile in ganz, ganz vielen Bereichen vieles getan hat. Dass die Gesellschaft auch am Land offener und liberaler geworden ist und Mitbewohner*innen und Nachbar*innen so sein lässt, wie sie nun mal sind.
Aber: Ich kenne auch ganz andere Beispiele von Leuten, mit denen ich in Kontakt stehe. Die wohnen – wenn man das so sagen darf – in Braun-Deutschland. Da hast du nichts zu lachen, wenn du offen schwul oder lesbisch bist, weil die Leute dort noch so in ihren Mustern verfahren sind und eine Ablehnung gegenüber queerem Leben haben. Und ich spreche jetzt nur von Deutschland. Es gibt so viele Länder auf der Welt, in denen queere Menschen immer noch für ihre Liebe, die sie einfach spüren, bestraft oder auch ermordet werden. Ich lebe hier in Berlin in einer Blase, die Berliner Blase ist wundervoll. Hier ist zwar auch nicht alles mit Weichspüler gewaschen, aber die Freiheiten, die ich hier habe, habe ich sonst kaum woanders in Deutschland.

Gibt es etwas, das du den Leser*innen noch mitgeben möchtest?
Ihr alle da draußen, wir wissen alle: Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Vor allem jetzt, wo wir von einer Seuche und einem Krieg nicht nur bedroht werden, sondern wo Menschen daran zu Grunde gehen. Das setzt uns alle unter wahnsinnig viel Druck. Man ist sehr dünnhäutig und es kommt immer zu Knatsch und alle fahren ihre Krallen aus. Aber dennoch denke ich, dass wir – sofern wir das überleben – gestärkt aus dieser Situation herausgehen und diese Stärke für die Zukunft nutzen können, um das Leben ein bisschen schöner zu gestalten.
Damit richte ich mich vor allem an die Eltern von queeren Kindern: Es sind schon immer eure Kinder gewesen. Die können nix für ihr Geschlecht und die können auch nix für ihre Sexualität, die wurden so geboren. Und bloß, weil euch das vielleicht nicht in den Kram passt, weil ihr euch etwas anderes gewünscht habt, ist euer Kind deswegen – außer es wird vielleicht ein Nazi – immer noch liebenswert. Und es geht nicht nur um eure Kinder, es geht auch um eure Nachbar*innen, es geht vielleicht um eure Schwestern und Brüder. Nur, weil diese Menschen zu sich selbst finden und ihre Sexualität und ihr Geschlecht annehmen, ändert das nichts an deren Seele. Und so schwer und hart es manchmal wirkt – liebt sie trotzdem einfach weiter. Ihr werdet euch keinen Zacken aus der Krone brechen, sondern viele weitere Kronen dadurch dazugewinnen. Auch wenn es erstmal hart ist: Das Leben danach wird besser sein. Ihr schafft das!

„Ich wusste sofort, dass Krieg ist, aber Angst hatte ich keine.“ – Andrej Kurkow

„Am 24. Februar 2022 wurden meine Frau und ich von Explosionsgeräuschen geweckt, daran erinnere ich mich ganz genau. Ich wusste sofort, dass Krieg ist, aber Angst hatte ich keine. Ich war schockiert und konnte keinen Gedanken fassen.“ – Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow berichtet vom Beginn des Angriffskrieges der russländischen Truppen mit dem die schlimmsten Befürchtungen Realität wurden, von Angst und Zerstörung, vom Gestern und Heute und betont, wie wichtig es ist, ukrainische Literatur zu lesen. Übersetzung aus dem Russischen von Claudia Dathe.

 

Andrej Kurkow wurde 1961 in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren und lebte bis vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine in Kyjiw. Er gehört zu den im deutschsprachigen Raum beliebtesten Schriftsteller*innen aus der Ukraine und ist ein begnadeter Erzähler.

Ich versuchte auszublenden, was geschah.

Ich musste an meine eigenen Prognosen denken, ich hatte schon angenommen, dass der Krieg kommen würde, aber vermutet, er würde sich auf den Donbas beschränken. Ja, ich war schockiert. Ich tigerte durch die Wohnung, lief von den Fenstern, die auf die Straße hinausgingen, zu den Fenstern zum Hof. Ich schaute auf die Welt, deren Ruhe und Normalität trügerisch war. Gegen sechs Uhr schlugen zwei weitere Raketen in Kyjiw ein. Leute kamen auf die Straße: die Hausmeister und zwei Frauen mit Hunden. Es war der erste Tag des Krieges, der erste Tag der russländischen Invasion.

Seitdem haben meine Frau und ich viermal den Wohnort gewechselt. Wir haben unsere Kyjiwer Wohnung und unser Landhaus im Gebiet Schytomyr verlassen. Wir waren in Lwiw, in den Karpaten, sind bei Freunden untergekommen und haben in einer Wanderhütte übernachtet. Jetzt sind wir in Transkarpatien und leben in der Wohnung einer betagten Dame, die wir vorher gar nicht kannten. Sie ist die Verwandte eines unserer Bekannten. Sie hat uns den Wohnungsschlüssel gegeben und ist zu ihrer Tochter gezogen. Jetzt wohnen wir hier zu viert, aber wir haben ständig Übernachtungsgäste. Manche von ihnen kennen wir überhaupt nicht.

 

Unsere Söhne tun an der ukrainischen Grenze Dienst und helfen Flüchtlingen. Wenn jemandem die Ausreise verwehrt wird, weil irgendwelche Dokumente fehlen, bringen sie ihn zu uns zum Übernachten. Unser letzter fremder Gast war Wladimir aus Charkiw. Mit anderen Dialysepatienten wurde er aus einem Charkiwer Krankenhaus evakuiert. Alle anderen ließ man ausreisen, ihn nicht. Er ist 46 Jahre alt, und die Grenzbeamten verlangten von ihm eine Bescheinigung der Wehrbehörde, dass er nicht wehrpflichtig ist.

Er musste auf dem Boden schlafen, wie auch unsere Söhne. Am nächsten Morgen fuhr Theo, unser Ältester, mit ihm zur Wehrbehörde, und dort wurde Wladimir die entsprechende Bescheinigung ausgestellt. Jetzt ist er in Deutschland, er hat die anderen chronisch Kranken aus Charkiw eingeholt. Sie werden in ein deutsches Krankenhaus gebracht, das sich bereit erklärt hat, ihre weitere Behandlung zu übernehmen.

Als ein Monat seit Kriegsbeginn vergangen war, dachte ich noch einmal über die Angst nach.

Ehrlich gesagt mache ich mir meistens nicht so viele Gedanken über mein persönliches Leben. Aber dann fiel mir die Angst wieder ein. Das einzige Mal, dass ich Angst hatte, war Anfang März 2014, als das Russländische Parlament Auslandseinsätzen der russländischen Armee zustimmte.

Ich holte mein Majdan-Tagebuch („Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests“, Erstveröffentlichung im Mai 2014) hervor und fand den entsprechenden Eintrag. Und tatsächlich sah ich in meinem Tagebuch Angst. Angst um die unmittelbare Zukunft, Angst, dass es jetzt zu einem großen Krieg kommen könnte.

Der große Krieg begann acht Jahre später. Doch gekämpft hat die russländische Armee in der Ukraine schon seit acht Jahren. Inkognito, ohne Siege oder Niederlagen zu melden.

Heute schreibe ich wieder mehr über die aktuellen Ereignisse.

Jeden Morgen rufe ich Freunde und Bekannte in verschiedenen Städten an. Ich bekomme Nachrichten aus den besetzten Städten. Aus lauter kleinen Puzzleteilen setze ich das aktuelle Bild zusammen und dokumentiere es. Zwar schreibe ich jetzt mehr Essays und Reportagen, aber das ist auch so etwas wie ein Tagebuch.

Alles, was jetzt passiert, ist eine Fortsetzung des Donbas-Krieges, der im Frühjahr 2014 begonnen hat. Es ist die Fortsetzung der Annexion der Krym, korrekterweise müsste man diese Ereignisse als Versuch meiner Annexion der Ukraine bezeichnen.

Putin ist sichtlich gealtert. Er schickt sich an, diese Welt zu verlassen. Doch ehe er sie verlässt, will er möglichst viele schreckliche Erinnerungen an sich selbst prägen. Er möchte als der russländische Führer in die Schulbücher eingehen, dem es gelungen ist, das Russländische Imperium wiederherzustellen beziehungsweise eine neue Sowjetunion zu schaffen. Bereitwillig opfert er dafür hunderttausende russländische Menschenleben und treibt die russländische Wirtschaft in den Ruin.

Die Ukraine macht derzeit Schweres durch. Und was uns bevorsteht, wird noch schwerer sein.

Aber ich bin froh, dass die ukrainische Armee der russländischen Invasion widersteht. Ich bin begeistert von den Ukrainern, die sich weigern, aufs Neue sowjetische Sklaven oder Sklaven der Russländischen Föderation zu werden. Die Arbeit der Regierung und des Parlaments flößen mir Vertrauen ein, obwohl ich sie immer kritisiert habe und sie nach dem Krieg wieder kritisieren werde. Für mich ist jetzt das Wichtigste, dass dieses „nach dem Krieg“ Wirklichkeit wird, damit wir die von Russland zerstörten Städte und Dörfer wieder aufbauen, alle getöteten Ukrainer begraben, die Verwundeten heilen und das Trauma des Krieges überwinden können.

Um die Gründe zu verstehen, warum Russland die Ukraine überfallen hat, muss man einen Blick in die Vergangenheit werfen. In die fernere und in die unmittelbare Vergangenheit. Ich habe selbst schon mehrmals in mein Majdan-Tagebuch geschaut und dort etliche Antworten gefunden.

We #standwithukraine! Menschen in und aus der Ukraine brauchen unsere Solidarität. Es gibt wichtige Initiativen, die sich mit aller Kraft für die Menschen in Notlage einsetzen. Wir haben hier ein paar davon versammelt.

Während ich die Einträge gelesen habe, beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl: als läse ich etwas, das ein anderer geschrieben hat, nicht ich.

Ich weiß inzwischen, woher dieser Eindruck kommt. Ich habe mich in den letzten sieben, acht Jahren sehr verändert. Ich bin älter geworden und habe vieles von dem verstanden, was mir früher nicht ganz klar war. Ich lese das Tagebuch als anderer Mensch, als jemand, den der Krieg traumatisiert hat und der viel mehr von Leben und Tod weiß als das andere Ich, das in den Jahren 2013/14 das Tagebuch verfasst hat.

Liebe Leserin, lieber Leser. Es ist mir sehr wichtig, dass Sie heute dieses Tagebuch lesen oder Dinge darin nachlesen, während russländische Bomben auf ukrainische Städte fallen.

 

Lesen ist auch eine Unterstützung für die Ukraine.

Je mehr Sie über die Ukraine und die Ukrainerinnen und Ukrainer wissen, desto schneller findet die Ukraine zu einem normalen Leben zurück, desto besser verstehen Sie die ukrainische Geschichte, die ukrainische Kultur und können darüber sprechen. Desto mehr Freunde werden wir überall in der Welt haben. Und Freunde braucht die Ukraine heute mehr denn je. Ohne Freunde geht die Ukraine zugrunde.

Du interessierst dich besonders für Literatur aus der Ukraine?
Dann bist du bei uns an der richtigen Adresse! Neben Andrej Kurkow haben wir in Zusammenarbeit mit unseren Übersetzer*innen auch andere wundervolle ukrainische Stimmen ins Deutsche gezaubert: Natalka Sniadanko, Serhij Zhadan, Maria Matios, Oleksij Tschupa, Kateryna Babkina, Jurij Wynnytschuk und Oleksandr Irwanez erzählen in ihren Büchern von der Buntheit eines Landes, seiner Bewohner*innen von heute und damals, von seiner Geschichte und dem Hauch Zukunft und Widerstandsgeist, der die literarischen Werke immer umweht. Viel Spaß beim Entdecken!

Ein Gespräch mit der Autorin und Aktivistin Phenix Kühnert

Phenix Kühnert schreibt, als würde sie eine Nacht lang erzählen … Dieser Satz trifft so sehr zu, denke ich, während ich an diesem Magazinbeitrag sitze – aber ganz allgemein bringt diese Formulierung die Gespräche und Arbeit mit Phenix Kühnert auf den Punkt (im allerbesten Sinne). Und so erleben auch sehr viele Leser*innen ihren Text. Phenix Kühnert ist trans, und sie ist ein Mensch, der sich öffnet, der für mehr Empathie kämpft, der sich selbst und die eigene Geschichte „bloßlegt“, um zu zeigen, wie wichtig es ist, dass wir alle gemeinsam für trans* Rechte einstehen. Denn letzten Endes geht es um uns alle, geht es um Gleichberechtigung, um Akzeptanz und eine klare Positionierung gegen Diskriminierung.

Katharina Schaller hat sich mit der Autorin über Sprache, den Drang nach Kategorisierung und das Erfüllen von Erwartungen unterhalten.

Inklusive Sprache ist eines der Themen, mit denen du dich auseinandersetzt. In deinen Videos und Beiträgen auf Social Media erklärst du auf zugängliche Weise, wie wir uns möglichst diskriminierungsfrei ausdrücken können. Ich war vom ersten Moment an begeistert davon, wie einfach und verständlich du Informationen aufbereitest, wie du die Menschen abholst, ohne unnötige Verkomplizierung. In deinem gesamten Buch nutzt du kein Gendersternchen – aber nicht, weil du nicht durchgängig inklusiv formulieren würdest. So zeigst du mit deinem Text, dass es möglich ist, geschlechtsbezogene durch genderneutrale Begriffe zu ersetzen. Und schaffst damit praktische Beweise – eine Antwort an die Personen, die die Genderdebatte nicht abflauen lassen wollen, weil sie gegen den Wandel, gegen das Gendern, gegen [beliebig einfüllbar] sind.

Phenix Kühnert will mehr. Mehr Rechte, mehr Stimmen, mehr Inklusivität. Sie ist Aktivistin, Model und seit 2018 Host des Podcasts „FREITAGABEND“.

Phenix, was glaubst du, inwiefern du selbst davon beeinflusst wirst – und vor allem: Wie möchtest du Sprache prägen?

„Ich versuche, Prägung von Sprache und der Gesellschaft allgemein immer mehr abzulegen. In den letzten Jahren habe ich viele Strukturen, in denen wir leben, hinterfragt. Und wenn ich selbst sprachlich etwas weitergeben kann, dann, dass mit mehr Wissen und Umsicht inklusive Sprache gar nicht so schwer ist. Einmal den Horizont erweitert, kommt es wie von selbst. Meine Erfahrung ist zudem, dass die Diskussion eigentlich nur von Gegner*innen aufrechterhalten wird, denn wer sich offen mit sprachlichem Fortschritt auseinandersetzt, versteht schnell, dass diese Thematik keines Aufruhrs bedarf.“

In deinem Buch legst du eindringlich dar, wie sehr unsere Gesellschaft auf Kategorisierung aufbaut. Alles soll „einfach“ sein, in dem Sinne, dass es klare Regeln, ein klares Falsch oder Richtig gibt. Oder anders gesagt: Menschen mögen es, alles in Schubladen zu ordnen. Passt man nicht in den vorgegebenen Rahmen, bekommt man das schnell zu spüren. Was ich so schön an deinem Blick auf die Gesellschaft, auf deine Umwelt empfinde, ist die Empathie, die du aufbringst. Gleichzeitig bist du bestimmt, benennst Probleme und diskriminierende Verhaltensweisen. Du kämpfst dafür, dass wir starre Vorgaben, wie Menschen zu sein haben, anders betrachten, aufweichen, verändern.

Welche Schubladen würdest du gern aus den Schienen reißen?

„Es ist irgendwie auch menschlich, eine Zugehörigkeit finden zu wollen. Auch ich tu’ dies sicher nach wie vor, egal wie sehr ich versuche, es nicht zu tun. Die Frage ist, ob wir es überhaupt irgendwann schaffen, dieses Schubladendenken abzulegen und was das für unsere Gesellschaft bedeuten würde. Ich glaube, letztendlich ist das Wichtigste, zu verstehen, dass die Wände dieser Schubladen offen sind. Wir sind Menschen und nichts zu 100 %, wir entwickeln uns weiter, wir verändern uns, wir wachsen.“

Eng zusammenhängend mit Kategorisierungen sind die Erwartungen, die wir an Menschen, an ihre Rollen stellen. Wir wurden ähnlich sozialisiert, wir haben bestimmte Bilder davon in unseren Köpfen, was als „männlich“, was als „weiblich“ gilt. Das binäre System – Frau und Mann – ist vorherrschend. Aus diesen Vorstellungen ergeben sich ganz konkrete Regeln und Vorgaben, die eingehalten werden, Erwartungen, die erfüllt werden müssen. Ansonsten fallen wir aus der Normativität. Wir fallen auf.

Oft verbiegen wir uns also, um einer Rolle, einer Erwartung zu entsprechen. Wie schaffst du es, einfach du zu sein?

„Letztendlich war es ein kitschiger Kalenderspruch, der einiges in mir bewegt hat: Sei die Version von dir, die du bist, wenn keine*r hinschaut. Es gab viele Gedanken und Gefühle, die ich versuchte, in meinen eigenen vier Wänden zu halten. Aber was bringt mir das? Ich möchte glücklich sein, das ist meine Priorität. Und für mich gehört dazu, mein authentisches Selbst zu leben. Ich hatte keine Wahl: Vor der Transition sah ich keine Zukunft für mich. Lieber eine Zukunft mit Hürden als gar keine.“

„Wenn ich alles immer nur bierernst nehmen würde, könnte ich nur noch weinen.“ Interview mit Franziska Singer und Amrei Baumgartl vom Podcast „Darf’s ein bisserl Mord sein?“

„Darf’s ein bisserl Mord sein?“ fragen Franziska Singer und Amrei Baumgartl ihre Hörer*innen jeden Montag in ihrem gleichnamigen True-Crime-Podcast. Mit viel Wiener Schmäh sprechen die beiden über kuriose, ungelöste und längst vergessene Kriminalfälle aus der ganzen Welt und quer durch die Geschichte. Alles, was in den Montagsfolgen keinen Platz findet, wird am Donnerstag im „Extrablatt“ besprochen: Skurriles, Lustiges und Brandaktuelles – Hauptsache mit Bezug zu Verbrechen und Kriminalität.

Franziska, wie und wo findest du die Fälle, über die ihr im Podcast sprecht?

Franziska: Ich habe 2018 begonnen, eine Liste von Fällen anzulegen, über die ich gerne mehr erfahren möchte. Diese Liste besteht nun aus etwa 300 Kriminalfällen aus der ganzen Welt, nach Ländern geordnet. Die sehe ich durch, und schau dann, was mich gerade besonders interessiert. Das sind zwar hauptsächlich Mordfälle, aber auch andere Verbrechen befinden sich darunter, wie der eine oder andere Bankraub. Ich versuche immer, etwas zu finden, das man noch nicht 1000-mal gehört hat.

 

Welche Fälle gehen euch besonders nahe?

Franziska: Fälle von schwerer Folter, oder wenn Kinder betroffen sind – das ist für mich schwer zu ertragen. In einem Fall, wo beides zusammenkam, habe ich bei der Recherche auch abgebrochen, und mir einen anderen Fall ausgesucht.

Amrei: Fälle, wo Kinder die Leidtragenden sind, sind für mich besonders schwer auszuhalten. Und Fälle, wo Täter*innen über einen langen Zeitraum ihre Verbrechen akribisch geplant und durchgeführt haben – diese eiskalte Berechnung und Vorgehensweise schockiert mich immer wieder.

 

Gibt es manchmal Täter*innen, für die ihr Sympathie empfindet?

Franziska: Das ist schwer zu sagen, finde ich. Jede*r hat die Möglichkeit, sich für oder gegen die Kriminalität zu entscheiden. In ganz seltenen Fällen kommt dann aber schon so ein Funke Mitleid bei mir auf. Oder ab und an sagen wir auch: Ja, das kann ich verstehen. Da geht es aber eher darum, dass sich jemand, der selbst Opfer wurde, beginnt, zu wehren.

Amrei: Sympathie für Täter*innen und deren Taten definitiv nicht – es kann sich aber durchaus eine gewisse Form von Empathie einschleichen bei manchen Fällen. Wenn z.B. aus verzweifelter Ohnmacht oder Notwehr gehandelt wird, oder wenn die Biografie der Täter*innen eine sehr traurige ist. Das entschuldet dann zwar noch immer keine Form von Gewalt (Notwehr ausgenommen), zeigt aber auch ganz deutlich, dass eine simple Unterteilung in „Gut“ und „Böse“ nicht wirklich ausreicht.

 

Ihr beschäftigt euch mit so vielen realen Kriminalfällen. Habt ihr das Gefühl, dass das Justizsystem gut funktioniert, was den Umgang mit Täter*innen oder den Umgang mit Opfern betrifft?

Franziska: Was ich gar nicht nachvollziehen kann, ist, wie immer noch mit Stalkern oder in Fällen sogenannter häuslicher Gewalt umgegangen wird. Hier gibt es anscheinend immer noch keinen ausreichenden Schutz für die Opfer! Auch für Straftaten, die über das Internet begangen werden, gibt es oft noch nicht ausreichende Möglichkeiten der Verfolgung, weil es kein Rechtssystem gibt, das in jedem Land dasselbe ist. Und so seltsam es klingt, aber wenn wir das All bereisen, müssen wir auch einen Weg finden, Straftaten, die dort geschehen, zu verfolgen …

Amrei: Wo es auf jeden Fall Nachbesserungsbedarf gibt, ist der Umgang mit Opfern von häuslicher Gewalt. Ein ausgesprochenes Betretungs- oder Annäherungsverbot, zum Beispiel, hindert Täter*innen ja oftmals nicht an weiterer Gewaltausübung und bietet den Opfern definitiv zu wenig Schutz.

 

Braucht ihr einen Ausgleich zum Thema True Crime? Wird euch die Beschäftigung mit Mord und Kriminalität manchmal zu viel?

Franziska: Mir hilft es sehr, wenn wir nach der Podcast-Aufnahme miteinander spazieren gehen, oder gemeinsam etwas essen, und den Fall noch einmal Revue passieren lassen. Und dann über etwas ganz anderes sprechen, um wieder auf andere Gedanken zu kommen! Darum haben wir auch das „Darf’s ein bisserl Mord sein? – Extrablatt“, das jeden Donnerstag erscheint, wo wir durchaus auch über lustige Fälle sprechen – wie z.B. eine Ratte, die jemandem das Frühstück gestohlen hat.

Amrei: Ein Ausgleich ist durchaus sehr wichtig und auch notwendig. Deswegen schließen wir ja auch jede Episode mit „Was Schönes zum Schluss“ ab, wo wir uns und unsere Hörer*innen auf ganz andere und leichtere Gedanken bringen. Ganz wichtig ist auch der gemeinsame Austausch mit Franziska – und natürlich ein achtsamer Umgang mit sich selbst und den eigenen Bedürfnissen. Manchmal braucht man dann einfach ein Stückchen Schokolade mehr. 😉

 

Passen Tod und Humor zusammen?

Franziska: Auf jeden Fall. Eine schreckliche Sache wird nicht weniger schlimm dadurch, dass man keine Witze darüber macht. Wenn ich alles immer nur bierernst nehmen würde, könnte ich nur noch weinen. Beim Podcast ist es uns aber wichtig, uns nie auf Kosten der Opfer lustig zu machen. Wir können aber durchaus mal über das Versagen der Ermittler einen Scherz machen – oder, wenn ein Täter sich besonders tollpatschig angestellt hat.

Amrei: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Wir legen bei unserem Podcast großen Wert auf respektvollen Umgang mit den Opfern und deren Angehörigen. Humor und eine gewisse Form von Leichtigkeit sind meiner Meinung nach allerdings äußerst wichtige Blickwinkel, um sich nicht ausschließlich auf Tragik und Tristesse zu fokussieren.

 

Mehr von Franziska und Amrei kannst du auf allen gängigen Podcastplattformen und natürlich auf ihrer Webseite hören: www.darfseinbisserlmordsein.com/podcast

Bei Instagram findest du sie unter @darfseinbisserlpodcast.

„In meinen Augen ist Humor auf jeden Fall ein besserer Ratgeber als Angst.“ – Tatjana Scheel im Interview zu ihrem Roman

Wo hört Liebe auf? Und wo beginnt die Selbstaufgabe? – Diese Fragen stehen im Zentrum von Tatjana Scheels Roman „Vielleicht habe ich dich nur erfunden“. Darin treffen die beiden jungen Frauen Alex und Sheela unter der Sonne Siziliens zufällig aufeinander. Die beiden sind wie zwei Planeten, die sich auf ihren Umlaufbahnen näherkommen, aber doch immer wieder voneinander entfernen. Die nicht ohne, aber auch nicht miteinander können. Nina Gruber hat sich mit der Autorin über Formen von und Mut zur Liebe, über Sehnsucht, Projektion und Humor unterhalten.

Im Zentrum von „Vielleicht habe ich dich nur erfunden“ steht Alex. Wer ist sie?

Alex geht es wie vielen: Da sie selbst nicht weiß, wer sie ist, versucht sie es herauszufinden, indem sie alles Mögliche ausprobiert und in die Extreme geht, um zu verstehen, was sich für sie richtig und authentisch anfühlt. Wenn ich an sie denke, fällt mir sofort das Wort Ambivalenz ein. Alex ist in fast allen Bereichen ihres Lebens ambivalent. Einerseits sehnt sie sich nach Liebe und Nähe, andererseits hat sie genau davor die größte Angst. Auf der einen Seite ist sie schüchtern und extrem (selbst-)unsicher, auf der anderen Seite ist sie aber auch abenteuerlustig, temperamentvoll und sehr offen. Im Laufe ihres Lebens wird ihr jedoch immer klarer, wer sie wirklich ist, wer sie sein möchte und worauf es für sie ankommt.

Tatjana Scheel lebt als Drehbuchautorin und Schriftstellerin in Berlin und wird von dem Wunsch angetrieben, komplexe Themen mit Leichtigkeit zu erzählen. In ihrem Debütroman „Vielleicht habe ich dich nur erfunden“ erzählt Tatjana Scheel von den Unwägbarkeiten menschlicher Beziehungen. – Foto: Mike Auerbach

In deinem Roman geht es um vieles, ganz intensiv aber setzt du dich darin mit der Liebe auseinander. Mit ihrer schöpferischen und zerstörerischen Kraft, mit den Sehnsüchten, die wir mit diesem Begriff und diesem Gefühl verbinden. Welche Farben der Liebe finden die Leser*innen in deinem Roman vor?

Alex fehlt es, wie meiner Meinung nach den meisten Menschen, an Selbstliebe (im Sinne von Selbstwertschätzung und Selbstakzeptanz), weshalb sie auch nicht in der Lage ist, eine andere Person wirklich zu lieben. Bei dem, was sie für Sheela empfindet, geht es vor allem um eine starke Anziehung, um Leidenschaft, Abhängigkeit und um das Verliebtsein, nach dem Alex so süchtig ist. Sie liebt nicht unbedingt Sheela, sondern das Gefühl, das diese in ihr auslöst. Das Gefühl, gesehen zu werden und endlich sie selbst sein zu können. In Sheelas Anwesenheit fühlt Alex sich schöner, stärker, größer und mutiger als sonst. So ist das doch meistens, wenn wir uns verlieben. Wenn wir ehrlich sind, geht es uns dabei viel mehr um uns selbst als um die andere Person, die wir kaum kennen und auf die wir alle möglichen wunderbaren Dinge projizieren, die mit der Realität wahrscheinlich nur wenig zu tun haben. Trotzdem ein tolles Gefühl …

Welche Rolle spielt „Familie“ in deinem Buch?

Die Figuren in meinem Roman haben alle keine Familien, die ihnen großen Halt geben, weshalb sie alle in irgendeiner Form auf der Suche nach Ersatzfamilien sind. Vor allem natürlich Alex, über deren Eltern wir wenig bis gar nichts erfahren und von der wir nur ihren exzentrischen Onkel kennenlernen. In dieser Geschichte geht es also eher um die Abwesenheit von Familie und darum, wie sich das auf die Heranwachsenden auswirkt. Es geht um bestimmte Bindungsmuster, die meistens von einer Generation auf die nächste übertragen werden – wenn es dieser nicht gelingt, sie bewusst zu durchbrechen.

 

In deinem Roman liegen Spannung, Verzweiflung und Witz so nah beieinander, wie Liebe und Obsession in Alex’ und Sheelas Geschichte. Es gibt einiges, worüber die Figuren verzweifeln können, aber beim Lesen selbst gerät man als Leser*in ziemlich oft ins Schmunzeln. Welche Rolle spielt der Humor in deinem Schreiben?

Wenn ich meinen Fokus darauf richte, wie grausam Menschen sein können, entsteht bei mir eine ziemlich pessimistische Weltsicht, die mich in erster Linie lähmt. Daher bin ich nur selten in der Stimmung, Bücher zu lesen (oder zu schreiben), die so schwer und melodramatisch sind, dass ich danach tagelang traurig bin. Wenn ich mir hingegen bewusst vor Augen führe, wie seltsam, absurd und komisch die Menschen sich teilweise benehmen, entsteht automatisch ein humorvoller Blick, der mir hilft, hoffnungsvoll zu bleiben. Und ich brauche diese Hoffnung!

Humor lässt mich erkennen: meine Wahrheit ist nicht die Wahrheit, sondern nur eine Wahrheit, und ihr Gegenteil ist oft ebenso wahr. In meinen Augen ist Humor auf jeden Fall ein besserer Ratgeber als Angst, da er uns hilft, die Dinge mit etwas Abstand zu betrachten. Das bedeutet nicht, dass man sie nicht ernst nimmt, sondern dass man sich um einen umfassenderen Blick bemüht und sich dadurch weniger mit den eigenen Ansichten identifiziert. Ich denke, wenn wir über uns selbst lachen können (was mir bisher noch zu selten gelingt), macht uns das innerlich frei, und genau diese innere Freiheit brauchen wir, um glückliche und dadurch bessere Menschen zu sein.

 

„Vielleicht habe ich dich nur erfunden“ ist dein Debütroman, aber keinesfalls die erste Geschichte, die du erzählst. Du bist Drehbuchautorin. Wie hat sich das Schreiben eines Romans für dich angefühlt?

Sehr gut. Ich habe mich köstlich amüsiert. Außerdem habe ich es extrem genossen, endlich mal das schreiben zu können, was ich schreiben will, ohne dass mir permanent und von allen Seiten reingeredet wird.

 

Eine der zentralen Fragen des Romans lautet: „What is love?“ – Wie würdest du selbst diese Frage beantworten?

Liebe, oh je, ich könnte mir kein größeres Wort vorstellen! Liebe kann so vieles sein. Anziehung und Leidenschaft wie in Alex’ und Sheelas Fall, Vereinigung, aber auch Freundschaft, Mitgefühl und Fürsorge. Liebe kann eine Entscheidung sein.

Meine Idealvorstellung von der wahren Liebe kommt in unserer Gesellschaft eher selten vor, ist aber genau das, was ich mir für unsere Welt wünschen würde: eine Liebe, die bei sich selbst anfängt und dennoch selbstlos ist. Die an keine Bedingungen geknüpft ist und sich auf alle bezieht, nicht bloß auf ein paar wenige Auserwählte, die so sind wie wir und die die gleiche Meinung vertreten wie wir. Eine solche Liebe schließt auch die Tiere, den Planeten und die gesamte Schöpfung mit ein. Eine schöne Vorstellung …