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Dankesrede von Andrej Kurkow zum Geschwister-Scholl-Preis 2022

Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow erhielt am 28. November 2022 den Geschwister-Scholl-Preis 2022 für sein „Tagebuch einer Invasion“. Das Buch sei zugleich als „eindringliche Chronik wie auch als kritische Reflexion einer politischen und zivilisatorischen Katastrophe zu lesen, so die Jurybegründung. Die Auszeichnung wird jährlich an ein Buch verliehen, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern.

Der Preis wird vom bayerischen Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gemeinsam mit der Stadt München vergeben.

Hier die berührende Dankesrede von Andrej Kurkow im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es ist mir eine große Ehre, den Sophie- und Hans-Scholl-Preis zu erhalten. Ich bin den Mitgliedern der Jury für diese Entscheidung dankbar und nehme diese Auszeichnung an, im Bewusstsein der großen Verantwortung für mein weiteres Handeln.

Wenn Sie heute Abend von oben aus dem Kosmos auf Europa blicken, werden Sie sehen, dass Europa hell erleuchtet ist. Aber es gibt auch einen dunklen, unbeleuchteten Flecken auf seinem Territorium. Das ist die Ukraine. Die Ukraine ist aber kein schwarzes Loch in Europa. Die Ukraine lebt heute wegen der russischen Aggression in Dunkelheit und Kälte. In den meisten ukrainischen Haushalten werden jetzt Kerzen statt Glühbirnen angezündet. Statt fernzusehen oder Radio zu hören, sitzen die Ukrainer jetzt an ihren Küchentischen. Sie trinken Tee und reden über die Zukunft.

Ja, in der Ost- und Südukraine finden schwere Kämpfe statt. Russische Truppen bereiten einen erneuten Versuch vor, Kyjiw von Belarus aus anzugreifen. Das Ende dieses Krieges ist vielleicht noch weit weg, aber viele Ukrainer sind bereits in Gedanken mit Plänen für die Zukunft beschäftigt. Und all diese Pläne beziehen sich auf den Wiederaufbau der von Russland zerstörten Städte und Dörfer, die Wiederherstellung zerstörter Museen, Universitäten, Schulen und Kirchen.

Übrigens brennen jetzt in vielen ukrainischen Haushalten auch Kirchenkerzen. Aber nicht etwa vor Ikonen wie in Kirchen. Wenn einem Dorfladen die gewöhnlichen Kerzen ausgehen, gehen die Ukrainer nicht nur in die Kirche, um für Siege und für ihre Familien zu beten, sondern auch, um von dort Kerzen nach Hause zu bringen.

Leider wiederholt sich die Geschichte viel zu oft. Im Januar 1918 griff der General der Roten Armee, Michail Murawjow, Kyjiw an, die Hauptstadt der damals schon unabhängigen Ukrainischen Volksrepublik. Er marschierte 1918 auch von Nordosten auf Kyjiw – so wie Putins Armee am 24. Februar dieses Jahres. Am 10. Oktober dieses Jahres feuerte Russland Raketen auf die Straßen des historischen Zentrums von Kyjiw, einschließlich der Wolodymyrska-Straße. Dieselben Straßen wurden im Januar 1918 vom bolschewistischen General Murawjow mit Kanonen beschossen, bevor er die Stadt stürmte. Nach der Eroberung Kyjiws durch die Bolschewiki gab General Murawjow die Stadt zur Plünderung frei, er erlaubte den Soldaten die Bevölkerung Kyjiws zu töten und auszuplündern [mit der Begründung, es handle sich um ukrainische Nationalisten!]. Die Gewalt von damals kann nur mit der Gewalt verglichen werden, die die Bewohner der Städte Bucha, Irpin, Hostomel und Worzel im Februar/März dieses Jahres ertragen mussten. Es sind diese Vororte in der Nähe von Kyjiw, die zu Symbolen des russischen Terrors gegen die Zivilbevölkerung der Ukraine geworden sind. Dort werden noch immer Bürger der Ukraine gefunden, die von russischen Soldaten gefoltert und erschossen wurden. Dort, in Bucha, wurde Oleksandr Kisljuk, Professor an der Pädagogischen Universität Drahomanov und Übersetzer aus dem Altgriechischen, vor seinem Haus erschossen. Die Werke von Aristoteles in seiner Übersetzung ins Ukrainische werden immer noch in ukrainischen Buchhandlungen verkauft, zusammen mit Büchern anderer Autoren, die in diesem Krieg getötet wurden, wie Ilya Chernilewskyj, Ewgen Bal, Wolodymyr Wakulenko und drei Dutzend anderer ukrainischer Dichter und Schriftsteller.

Aber trotz der Opfer in diesem Krieg planen die Ukrainer weiterhin die Zukunft ihres Landes. Eines der bereits in Umsetzung befindlichen Projekte ist die Restaurierung des alten Gebäudes der Tschernihiwer Regionalbibliothek für Jugend, das von russischer Artillerie zerstört wurde. Dieses Gebäude überlebte den Krieg von 1918-1921, es überlebte den Zweiten Weltkrieg, aber nicht die russische Aggression von 2022. Freunde der Bibliothek wollten anfangen, Geld für die Restaurierung der Bibliothek zu sammeln, aber dann entschieden sie, dass es jetzt wichtiger sei, die Armee mit Spenden zu unterstützen. Aber sie begannen, Bücher für die Bibliothek von Tschernihiw zu sammeln, und wenn das Gebäude nach dem Krieg restauriert wird, wird die Bibliothek neue ukrainische Bücher anstelle der verbrannten Bücher bekommen. Das gilt nicht nur für die Bibliothek von Tschernihiw, sondern auch für viele andere von der russischen Armee zerstörte Bibliotheken.

Auf dem Rückzug aus der Region Cherson plünderten russische Truppen und die Besatzungsverwaltung lokale Museen und nahmen mehr als 15.000 Gemälde und andere Artefakte mit. Aus Cherson wurden alle Archive, einschließlich der historischen, gestohlen. Russland will die Geschichte der Ukraine stehlen und zerstören. Aber das wird sie nicht können. Die Geschichte der Ukraine gehört der Ukraine.

Die Ukraine kennt und schätzt ihre Geschichte. Die Ukraine bewahrt ihr historisches Gedächtnis. Und nur eines kann bei den Ukrainern wie bei den Einwohnern jedes anderen demokratischen Landes Bedauern hervorrufen: dass sich die Geschichte wiederholt. Dass Putin glaubt, das Ergebnis des bolschewistischen Generals Murawjow wiederholen und Kyjiw erobern zu können, ist sein persönlicher Irrglaube. Die Tatsache, dass sein Wunsch, die Ukraine und die Ukrainer zu zerstören, von der großen Mehrheit der russischen Bürger unterstützt wird, ist eine russische Entscheidung und russische Verantwortung. Eines Tages werden ihre Kinder und Enkel das verstehen und für ihre Sünden büßen, aber heute stehen die Russen auf der Seite des Bösen, auf der Seite von Gewalt und Aggression.

Aber die Ukrainer sind heute anders als 1918. Die Ukrainer sind heute bereit, die Unabhängigkeit ihres Landes zu verteidigen, und tun dies erfolgreich. Auch während der Okkupation.

Während der gesamten 9 Monate der Besetzung Chersons operierte in der Stadt die patriotische Untergrundorganisation „Gelbes Band“, deren Mitglieder jeden Tag patriotische Flugblätter und Plakate in der Stadt aufhängten. Sie haben unter hohem persönlichem Risiko russische Fahnen abgehängt und ukrainische aufgehängt. Unter den Aktivistinnen dieser Organisation sind viele Frauen. Eine von ihnen, die 50-jährige Swetlana, erzählte nach der Befreiung der Stadt, dass sie das Haus während der Besetzung nie ohne ein gelb-blaues Band in der Tasche oder versteckt in ihrer Kleidung verlassen habe. Während der Besetzung verbrannte das „Gelbe Band“ Auflagen russischer Propagandazeitungen und zerstörte Bestände an SIM-Karten für Mobiltelefone, die aus Russland mitgebracht worden waren. Sie führten sogar illegale Importe von Sprühdosen mit Graffiti-Farbe durch, und nachts bemalten Cherson-Teenager die Wände von Häusern mit der Erinnerung, dass Cherson Teil der Ukraine ist. All dies geschah während der vollständigen Informationsblockade der Stadt, als es nicht möglich war, mit dem freien Territorium der Ukraine zu kommunizieren. Und das zu einem Zeitpunkt als die russischen Invasoren ständig und immerzu wiederholten: „Die Ukraine hat dich vergessen. Russland wird für immer hier sein!“

Am meisten beeindruckten mich die Flugblätter des Gelben Bandes, auf denen ein einzelner Buchstabe „Ї“ abgebildet war, ein Buchstabe, der zum Symbol des Widerstands wurde, ein Buchstabe, der die Besatzer wütend machte, in Rage brachte. Er wurde auf Wände und auf Säulen gemalt. Der Buchstabe „Ji“ ist ebenso zu einem Symbol des Widerstands geworden wie die gelb-blauen Bänder, die die Bewohner Chersons abends heimlich an Äste banden.

Die Verleihung dieses Ehrenpreises hat mich in die Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Deutschland vor und während des Zweiten Weltkriegs zurückversetzt. Sophie und Hans Scholl und ihre Mitstreiter liebten ihr Land, liebten Deutschland und wollten das Beste für ihre Heimat. Sie wollten in einem anderen Deutschland leben, ohne Antisemitismus, ohne Nazi-Ideologie. Sie hatten die Wahl zwischen Konformismus und dem Kampf für ein anderes, demokratisches, vor allem freies Deutschland. Sie entschieden sich für den Kampf. Mit friedlichen Mitteln versuchten sie, die deutsche Gesellschaft mit Worten zu erreichen.

„Man darf nicht nur dagegen sein, man muss etwas tun,“ sagte Sophie Scholl.

Die Ukrainer lernen heute zu gewinnen. Sie kennen den Preis, der für die Freiheit und eine glückliche Zukunft ihrer Kinder und Enkel zu zahlen ist. Sie lernen, dem Bösen und Unrecht zu widerstehen, unter anderem von der Weißen Rose, von Sophie und Hans Scholl und ihren Gleichgesinnten.

„Die Sonne scheint noch,“ sagte Sophie Scholl vor ihrem Tod.

Die Sonne scheint immer noch und wird immer scheinen. Auch im Dunkeln. Sonne der Hoffnung. Die Sonne, die täglich die Dunkelheit besiegt.

Das Engagement und die Aufopferungsbereitschaft von Hans und Sophie Scholl, 80 Jahre nach ihrem Tod, ist ein Beispiel für staatsbürgerliche Verantwortung. Ihr Kampf und ihr Schicksal werden zukünftige Generationen immer inspirieren.

Ja, die Geschichte wiederholt sich. Aber sie wird sich auf beiden Seiten der Front wiederholen. Und wenn eine Seite das alte Böse wiederholt, dann wiederholt sich auf der anderen Seite auch der Widerstand gegen dieses Böse. Und am Ende besiegt stets das Gute das Böse, so wie die Sonne immer die Dunkelheit besiegt.

 

Herzlichen Glückwunsch, Andrej Kurkow zum Geschwister-Scholl-Preis!

Wir bestimmen, wohin die Welt sich entwickelt

Magdalena Baran-Szołtys ist promovierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Slawistik an der Universität Wien, der Jagiellonen-Universität in Krakau und der Universität Breslau und forscht seit März 2021 zu ihrem Postdoc-Projekt „Stories Of/In Transformation – Transformations- und Ungleichheitsnarrative im postsozialistischen Polen“. In unserem Beitrag erzählt sie uns, wie wichtig Literatur für die Erinnerungskultur ist und welche Transformation die Ukraine durchläuft.


© Pamela Rußmann

In deinen Forschungen beschäftigst du dich mit der Beziehung zwischen Literatur und Politik. Wie hängt dies für dich, gerade in Hinblick auf die derzeitige Situation in der Ukraine, zusammen?

Ganz grundsätzlich gilt, dass es keine Literatur ohne Politik gibt, denn Politik bestimmt die Welt, in der wir leben, in der Literatur entsteht und von der sie erzählt. Das ist ein Gemeinplatz, grundsätzlich ist es aber gut, sich das vor Augen zu halten, vor allem in Anbetracht von Künstler*innen und Bürger*innen, die meinen, „neutral“ oder „politisch nicht interessiert“ zu sein oder sich von der Politik abschirmen wollen.

Literatur und Kunst entstehen nicht im luftleeren Raum und ihr Wert besteht im Spiegeln der Realität, im Aufbrechen von Vorstellungen und Imaginieren von Möglichkeiten. Das ist der gesellschaftliche Sinn von Kultur, weit mehr als nur Unterhaltung ist sie der Ort für unsere Ängste und legt den Finger in unsere Wunden. Sie lässt uns Angst und Trauer artikulieren und macht diese zugänglich.

Literatur tröstet uns, gestaltet unsere Deutung der Welt und nimmt damit Einfluss auf unser Handeln sowie den öffentlichen Diskurs.

 

Besonders in Zeiten von großen Erschütterungen wie dem Krieg sind diese Funktionen wichtig. In Krisen ist sinnstiftendes Erzählen essenziell, denn es animiert zum Verstehen und Weitermachen, zum Kämpfen. Wir können uns in ihren Utopien und Dystopien verlieren und lassen uns von ihnen gleichzeitig den Weg weisen.

In der Ukraine sieht man das gerade besonders gut. Schriftsteller*innen sind hier im Kampfmodus. Manche sind an der Front im Einsatz, andere unterstützen die Armen und alle schreiben gegen den Krieg an. Ihre neuesten vom Krieg handelnden Werke sind nicht nur eine Quelle der Dokumentation, sondern vor allem auch eine Quelle der Hoffnung für die ukrainische Bevölkerung. Im Zentrum dieser Werke stehen die Freiheit und der Sinn des Überlebens, des Kämpfens. Dies motiviert, trotz aller Widrigkeiten weiterzumachen. Die Sachen klar zu benennen und zu sehen. Das ist ein politischer Akt.

Ukrainische Kulturschaffende sind zudem die Sprachrohre der Ukraine im Ausland, mit einer klaren diplomatischen Agenda. Durch ukrainische Literatur lernt das Ausland die Ukraine kennen und wird zum Verbündeten. Autor*innen als Intellektuelle sind mit ihren Büchern, Texten und Auftritten die Botschafter*innen des Landes. Das ist ein nicht zu unterschätzendes, politisch sehr einflussreiches Kapital.

Welche Bedeutung hat Kriegsliteratur für die Geschichtsschreibung?

Zunächst muss hier zwischen zwei Sachen unterschieden werden: der Geschichtsschreibung in einem wissenschaftlichen Sinne als Geschichtswissenschaft und der Geschichtsschreibung in einem gesellschaftlichen, viel breiteren Sinne als Gedächtnispolitik bzw. Erinnerungskultur, also der Umgang der Gesellschaft mit der Erinnerung allgemein. Beide bestimmen, was ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben und woran überhaupt erinnert wird. Wir haben es mit Politiken der Erinnerung zu tun. Vieles wird bewusst oder unbewusst vergessen. Den unerzählten Teil der Geschichte muss man mitdenken, denn viele Stimmen bleiben stumm.

In der Erinnerungskultur hat Literatur einen fixen Platz, weil der*die Rezipient*in zu ihr eine emotionale Verbindung herstellt. Während uns Daten oft unberührt lassen, können wir mit literarischen Figuren empathisch sein, mit ihnen mitleiden. Botschaften kommen so besser an und bleiben in unserer Erinnerung, weil sie uns berühren. So kann man uns leichter überzeugen. Nicht zu unterschätzen ist, dass unsere Vorstellung von historischen Ereignissen und Zeiten oft auf Kunst, Literatur oder Film zurückgeht. Oft verbinden wir Geschichte im Kopf unmittelbar mit Bildern, die aus der Kultur kommen. Wenn ich an die Französische Revolution denke, habe ich unmittelbar das Gemälde von Eugène Delacroix „Die Freiheit führt das Volk“ vor Augen. Beim Ersten Weltkrieg denke ich an „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Diese Vorstellungen müssen nicht unbedingt viel mit den historischen Abläufen zu tun haben, aber sie bestimmen unsere Erinnerung daran. Das ist ihre große Wirkmacht. So spielen gegenwärtig die literarischen Texte über die Ukraine eine ausschlaggebende Rolle – sie erinnern uns an den Krieg, geben uns Einblicke und wecken unser Mitgefühl. Gleichzeitig werden sie als Dokumente in die Geschichtsschreibung eingehen und unsere Vorstellung von diesem Krieg prägen.

In deinem Postdoc-Projekt „Stories Of/In Transformation“ beschäftigst du dich mit Transformation und Ungleichheit. Wie siehst du diese zwei Punkte in der Ukraine? Welche Entwicklungen gibt es?

Für die postsozialistischen und -sowjetischen Länder Ostmitteleuropas ist dieses Thema bestimmend. Diese Länder, u.a. eben die Ukraine wurden auch nach 1989 bzw. 1991, dem Jahr der Wende bzw. des Zerfalls der Sowjetunion, vom Westen und Russland nie als ebenbürtig angesehen, sondern als Objekte ihrer eigenen Wirtschaft, Politik und Kultur. Das fühlten auch die Betroffenen und wussten, dass sie aus einer unterlegenen Position agieren. Das russische Volk und ukrainische Volk wurden seit Jahrhunderten als Brudervölker bezeichnet, wobei die Russen sich in der Rolle des großen Bruders sehen. Der Westen sah sich wiederum gegenüber den postsozialistischen Ländern als Erzieher in Sachen Kapitalismus, Konsumtionismus und Demokratie und investierte viel Geld in diese Staaten. Dazu kommt der Antislawismus, ein Rassismus gegenüber den slawischen Völkern, der im Westen immer noch weit verbreitet ist. Die Konsequenzen dieser historischen Entwicklungen sehen wir heute.

Die Transformation vom Sozialismus zum Kapitalismus vergrößerte überdies die sozioökonomische Ungleichheit in der Bevölkerung. Es gab zahlreiche Menschen, die ihr Vermögen und ihre Freiheit vergrößern konnten, doch für eine größere Anzahl war es eine sozioökonomische Katastrophe, auch in der Ukraine. Die sozialistischen Länder wiesen weltweit ein sehr niedriges Niveau der Ungleichheit auf. Der Staat versorgte seine Bürger*innen mit dem Wichtigsten: Wohnen, Essen, Bildung etc. Doch musste man auf viele Freiheiten wie Reisen oder vollständige Meinungsfreiheit verzichten. Das Problem vieler ehemals sozialistischen Länder, einschließlich vieler der Erfolgsbeispiele wie Polen, besteht darin, dass die Profite der Transformation so ungleich verteilt sind, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Veränderungen in dieser Form nicht mehr unterstützt.

In der Ukraine war die Situation noch dramatischer: Sie ist eines der sechs postsozialistischen Länder, deren Bruttoinlandsprodukt 2016 unter dem von 1989 lag. Nicht einmal das Kapital, das ungleich verteilt werden könnte, war hier groß. Dazu kommen Probleme wie die Korruption. Die Lage ist deshalb besonders schwierig, da die Ukraine zwischen Ost und West gefangen ist, somit aus geopolitischen Gründen nicht in die NATO oder EU aufgenommen wurde, gleichzeitig aber aufgrund der Geschichte verständlicherweise mehrheitlich keine gemeinsame Politik und Wirtschaft mit Russland mehr haben wollte. Das war eine Pattsituation.

Gibt es etwas, das du den Leser*innen noch mitgeben möchtest?

Nicht aufzugeben, an seine Ideale zu glauben und sich davon in seinem Lebensweg leiten und von der Literatur unterstützen zu lassen. Dies gilt in Zeiten des Friedens wie des Krieges. Wir dürfen nicht auf unsere Werte vergessen, auch wenn es scheint, dass wir dafür einen hohen Preis bezahlen könnten.

Wir bestimmen, wohin die Welt sich entwickelt.

 

Und auch in schwierigen Zeiten gibt es immer etwas, was wir lieben können – unser Leben und die Literatur: „Ich liebe alles, was mir geschenkt ist, ich muss es einfach teilen. Ich muss einfach über die Freude und Bitterkeit, über die Sorge und Melancholie reden. Dazu habe ich tausend Bücher, die ich lesen soll, dazu habe ich das Schreiben.“ Literatur ist und bleibt. Wie diese von Zhadan.

„Der Krieg verändert alles. Er verändert die Politik. Er verändert Leben. Er verändert Menschen.“

Kateryna Malko ist Managing Editor beim in Kyjiw ansässigen Verlag Laboratorija. Am 15. Juni 2022 hielt sie im Rahmen des Young Publishing Professionals Programms in Brüssel eine eindringliche Rede: Sie erzählte von den Umständen, unter denen Verlage seit Beginn des Krieges arbeiten, davon, wie der Krieg alles verändert, wie der Schock dem Wunsch und der Notwendigkeit weicht, etwas zu bewegen. Wie die Menschen zusammenhalten. Kateryna Malko macht bewusst: Um Dinge zum Besseren zu verändern, müssen wir mit vereinter Kraft zusammenarbeiten, müssen wir ukrainische Stimmen hörbar machen.

Kateryna Malko

Kateryna Malko ist Managing Editor beim ukrainischen Verlag Laboratorija.
© Laboratory Office

Liebe Europäer*innen, liebe Kolleg*innen,

zunächst einmal vielen Dank, dass Sie uns zusammengebracht haben. Ich bin wirklich dankbar, dass ich heute hier sein und meine Geschichte mit Ihnen teilen kann. Ich bin aus der Ukraine hierher gekommen. Und ich muss sagen, es war keine einfache Reise. Ich brauchte zwei Tage, um von meinem kleinen Dorf in der Zentralukraine nach Brüssel zu reisen. Und Sie kennen den Grund dafür.

Vor 112 Tagen hat Russland einen brutalen und unprovozierten ausgewachsenen Krieg gegen mein Land begonnen. Aber in Wirklichkeit fing dieser Krieg nicht im Februar an. Er begann vor acht Jahren nach der Annexion der Krim, als Russlands Armee in den Osten der Ukraine einmarschierte. Und schon damals hat er das Leben von Millionen Menschen verändert. Zu dieser Zeit war ich 16 Jahre alt. Und ich erinnere mich sehr genau, dass sogar mein klitzekleines Dorf Flüchtlinge aus dem Donbas aufgenommen hat.

Dennoch haben die meisten Menschen und ich selbst diesen Krieg hauptsächlich im Fernsehen gesehen, in den Nachrichten, und natürlich haben wir in Büchern darüber gelesen. Aber am 24. Februar hat sich für uns alle alles geändert.

Die Russen begannen, mein Land zu bombardieren, während alle noch schliefen, genau wie Hitler es getan hat. Ich wurde an diesem Tag um 6 Uhr morgens von den Explosionen in Kyjiw geweckt. Ich überprüfte mein Handy und sah Dutzende von Nachrichten meiner Freund*innen und Kolleg*innen. „Russland ist einmarschiert. Geh heute nicht zur Arbeit. Kauf dir etwas zum Essen, Wasser und Medizin“.

Die russische Armee griff friedliche Dörfer und Städte in der Ukraine an. Putin behauptete, es handle sich um eine „militärische Spezialoperation“, die ausgerufen worden sei, um Menschen zu „retten“ – so wie Stalin 1939 Polen „rettete“.

Dieser Krieg hat alle in eine Situation gebracht, in der niemand vorhersagen konnte, wie man sich verhalten würde. Ich selbst habe ein riesiges Messer gekauft und mir vorgestellt, mit den Russen zu kämpfen. Gut für sie, dass ich nie die Gelegenheit hatte, es zu benutzen. Ich scherze natürlich, aber einer Sache bin ich mir sicher: Damals gab es viele Ukrainer*innen, denen es genauso ging wie mir. Sie waren bereit, mit allen möglichen Mitteln für ihr Leben, für ihre Familien, für ihr Land zu kämpfen.

Der Krieg verändert alles. Er verändert die Politik. Er verändert Leben. Er verändert Menschen.

Vor der Invasion hätte ich mir nicht vorstellen können, wie stark die Menschen in meiner Nähe sind. Einige von ihnen schlossen sich den ukrainischen Streitkräften an, andere lokalen Verteidigungseinheiten, einige wurden Freiwillige, kämpften an der Informations- oder IT-Front, andere boten unbekannten Menschen Schutz oder kochten Essen für Flüchtlinge. Ich habe noch nie zuvor eine solche Einheit in meinem Land gespürt.

„Das Wichtigste für uns ist, das Team zu retten“, sagte der CEO unseres Verlags Laboratorija, Anton Martynov, den ich für eine wahre Führungspersönlichkeit halte. „Wir als Unternehmen sollten diesen Krieg gemeinsam überstehen. Ich brauche jeden von euch“, sagte er.

Mit Beginn der russischen Invasion wurde Anton ein Soldat der lokalen Verteidigungseinheit und verteidigte seitdem unsere Hauptstadt mit der sowjetischen Kalaschnikow. Hatte Anton etwas Freizeit, schrieb er anstelle unserer Social-Media-Managerin Iryna Yurtschenko Posts, wenn Iryna aufgrund des ununterbrochenen Luftalarms ihren Luftschutzbunker keine Minute verlassen konnte.

Unser Bookscout Zina Bakumenko und ihre vierjährige Tochter sind wie durch ein Wunder aus Charkiw entkommen, das damals fast ununterbrochen beschossen wurde.

Unser Übersetzer und Lektor Mykola Klymtschuk hat Dutzenden von Menschen, die aus Städten wie Charkiw, Tschernihiw, Sumy und Mariupol geflohen sind, eine Möglichkeit zur Übernachtung angeboten. Dies sind meist russischsprachige Städte, die gnadenlos mit russischen Bomben zerstört wurden.

Ich habe ein paar Tage in der nächstgelegenen U-Bahn-Station verbracht, nachdem eine russische Rakete das Nachbarhaus getroffen und dort lebende Menschen getötet hat.

Erst gestern haben mein Team und ich die Liste der Bücher besprochen, die wir auf dem Book Arsenal-Festival – der größten jährlichen Buchmesse in der Ukraine – präsentieren werden. Wir hatten eigentlich geplant, bis dahin sieben weitere Bücher zu veröffentlichen. Alle waren so aufgeregt. Aber der Krieg hat alles verändert.

„Das Wichtigste ist, das Team zu retten.“ – Diese Worte haben uns inspiriert. Sie haben uns so inspiriert, wie es unsere Armee jeden Tag tut, indem sie mutig unser Land verteidigt und die russischen Truppen zurückschlägt.

Vor knapp vier Monaten hat sich in der Ukraine eine neue Sprache der Liebe entwickelt. Statt „Ich denke an dich“, „Du bist mir wichtig“ oder „Ich liebe dich“ sagen wir jetzt „Wie geht es dir?“, „Wie fühlst du dich?“, „Bist du in Sicherheit?“.

Meine Kolleg*innen leben in verschiedenen Städten und Dörfern der Ukraine. Nach der Invasion beschlossen wir, uns jeden Morgen kurze Nachrichten zu schreiben, um festzustellen, dass alle in Sicherheit und am Leben waren.

„Es geht mir gut. Letzte Nacht habe ich mit meinem Mann und meinem Sohn in einem Luftschutzbunker geschlafen. Ich habe Todesangst um ihn, aber es geht ihm gut. Er darf sein Lieblingsvideospiel spielen.“ Oder:

„Es geht mir gut. Ich habe letzte Nacht einige Explosionen gehört. Man sagt, es sei unsere Flugabwehr.“ Oder:

„Die Russen sind hier. Ich habe ihre Panzer gesehen. Ich könnte bald die Internetverbindung verlieren.“

 

Die letzte Nachricht stammt von unserer Buchdesignerin Olena Bilochwost, die einen Monat lang unter russischer Okkupation lebte. Es war die letzte Nachricht, die sie uns schickte, bevor wir wirklich die Verbindung zu ihr verloren.

Dank der ukrainischen Armee wurde ihr Dorf in der Nähe von Bucha am 30. März geräumt. Ihre Scheune und der Hof wurden von russischen Granaten getroffen, als sie sich im Keller versteckte. Aber sie lebte und war glücklicher als je zuvor, nachdem ukrainische Soldaten ihr Dorf betreten hatten.

Sicher, unter solchen Umständen konnten wir unsere Arbeit nicht fortsetzen. Als Managing Editor habe ich mit unseren Freelancern gesprochen – Übersetzer*innen, Lektor*innen, Korrektor*innen. Ich sagte: „Vergessen Sie die Deadlines. Kümmern Sie sich um sich und Ihre Familien. Stellen Sie sicher, dass Sie in Sicherheit sind. Erst dann macht es Sinn, die Arbeit wieder aufzunehmen.“

Ich persönlich konnte in den ersten ein oder zwei Kriegsmonaten kein Buch in den Händen halten. Und ich habe das gleiche von fast allen gehört. Damals konnte niemand Bücher lesen. Nur unaufhaltsames Doomscrolling.

Und trotzdem haben einige Leute Bilder von Büchern gepostet, die sie in die Luftschutzbunker gebracht hatten. Viele Bücher unseres Verlags waren darunter – „Coffeeland“ von Augustine Sedgewick, „Die Dopamin-Nation“ von Anna Lembke, „Hitler und Stalin“ von Laurence Rees.

Die Leute hörten auf, neue Bücher zu kaufen. Im März gingen die Verkäufe auf unserer Website um 90 Prozent zurück, was zu einem dreifachen Rückgang der Gehälter führte. Nun geht es vielen Verlagen in der Ukraine nicht mehr um den Profit. Es geht ums Überleben. Als wir nach langen Kriegstagen unsere erste Bestellung bekamen, konnten wir es kaum glauben. Fünf Bücher! Jemand hat gerade fünf Bücher auf einmal gekauft.

Nachdem wir uns vom ersten Schock erholt hatten, beschlossen wir, das zu tun, was wir als Team am besten können – neue Bücher zu veröffentlichen. Die meisten unserer alten Projekte wurden pausiert und die Arbeit an ihnen erst nach einem Monat wieder aufgenommen. Es war uns wichtig, nicht alles zu verlieren, woran wir in den letzten Jahren gearbeitet hatten.

Und dieser Krieg hat uns dazu gedrängt, etwas zu tun, von dem wir zuvor nur geträumt hatten. Als Verlag, der sich auf die Veröffentlichung ausländischer Sachbücher spezialisiert hat, haben wir schließlich einen offenen Aufruf an ukrainische Autor*innen gerichtet, um neue Stimmen in der ukrainischen Literatur zu finden – sowohl in der Belletristik als auch in der Sachliteratur. Der Fokus würde auf der Berichterstattung über den Krieg und die tektonischen Verschiebungen liegen, die er in unserer Gesellschaft verursacht hatte.

Wir wollen der Welt unsere eigene Geschichte dieses Krieges erzählen. Die Geschichte der Wahrheit. Wir wollen mit ausländischen Verlagen zusammenarbeiten, die ihren Leser*innen die Wahrheit über den Russisch-Ukrainischen Krieg zugänglich machen möchten, egal wie hart und brutal sie auch ist. Wir sind bereit, Anpassungen für ausländische Leser*innen vorzunehmen, damit sie den Kontext besser verstehen.

Denn: In diesen Zeiten kämpft unser kleines Team für die ukrainische Kultur und für die ukrainische Geschichte, die in Büchern erzählt werden muss. Während unsere Armee für Hunderttausende kleiner Teams wie das unsere kämpft.

Der Krieg verändert alles. Er verändert Menschen. Aber die Menschen können immer noch alles ändern.