Autor: Anna Spaemann

„Erst, wenn Frauen wütend auf ihre lahmen Ehemänner, Boyfriends und Affären werden, können wir das Patriarchat bezwingen.“ – ein Interview mit Bianca Jankovska

FUCKGIRL ist alles, was man Frauen nie erlaubt hat zu sein: erfolgreich, sexuell souverän, unabhängig – und völlig ungerührt davon, ob man sie dafür bewundert oder hasst. Eine Performancekünstlerin Ende dreißig, die nicht bereit ist, sich zu entschuldigen oder gar zu schämen. Nicht für ihre Karriere, nicht für ihren Körper, nicht für ihre Lust oder ihre Entscheidung, keine Kinder zu gebären. FUCKGIRL lebt in einer einseitig offenen, scheinbar glücklichen Ehe, in der sie den Ton angibt. Als sie herausfindet, dass einer ihrer One-Night-Stands seine Freundin betrügt, schmiedet sie einen Racheplan. Weibliche Solidarität, da ist sie sich sicher, ist das, was wir brauchen. FUCKGIRL ist der Gegenentwurf zur betrogenen Ehefrau, zur ewigen Wartenden, zur Frau, die sich Liebe verdienen muss. Ein radikal feministischer Roman über Selbstermächtigung, Sex und Wut; ein Roman, der Monogamie und Non-Monogamie kritisch betrachtet, über gesunde und toxische Beziehungen reflektiert, Abhängigkeit und Selbstverrat ins Visier nimmt – und der Frage auf den Grund geht: Was kommt nach der sexuellen Selbstbestimmung?

Im Interview sprechen wir mit Bianca Jankovska über ihr außergewöhnliches Debüt, weibliche Solidarität und Wut, die Umkehrung patriarchaler Machtgefälle und erfahren, was wir von einer Protagonistin wie FUCKGIRL lernen können.

 

Liebe Bianca, beginnen wir ganz prägnant: Warum FUCKGIRL? Woher kam die Idee, deine Inspiration?

Es war das Jahr 2023 und ich las einen Roman auf einer Fähre von Schweden nach Deutschland. Mir gefiel der ehrliche, bekennende Schreibstil wahnsinnig gut. Es gab nur ein Problem: Den Inhalt. Die Protagonistin beschäftigt sich sowohl obsessiv mit einem sehr viel älteren, verheirateten Mann, als auch seiner Frau und einer weiteren, aktuellen Affäre. Ich fragte mich, ob ich 2023 wirklich noch solche Geschichten lesen will. Ich hatte kein gutes Gefühl, als ich fertig war.

 

FUCKGIRL ist der Gegenentwurf zur betrogenen Ehefrau, zur ewigen Wartenden, zur Frau, die sich Liebe verdienen muss; ein radikaler Gegenentwurf zu einem good girl. Welche gesellschaftlichen Erwartungen musste FUCKGIRL ablehnen, um diese Selbstermächtigung leben zu können?

Puh, da ist die Frage schon wieder schlauer als die Autorin.
Also, erstmal musste sie sich von ihrer konservativen Familie emanzipieren, die für sie sicherlich keine Karriere als Künstlerin vorgesehen hatte. Dann musste sie sich vom inneren Pick-Me-Girl verabschieden, das vorrangig existierte, um es Männern recht zu machen. Und sie musste lernen, dass ihre Sexualität nur ihr alleine gehört. Im Grunde genommen musste sie alles, was sie in ihrer Teenie-Zeit über Liebe, Beziehungen und Begehren lernte, ablegen und durch neue Systeme ersetzen. Sie musste lernen, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen und ihre Standards hoch anzusetzen.

 

FUCKGIRL ist erfolgreich, sexuell souverän, unabhängig und ungerührt davon, ob man sie bewundert oder hasst. Woher rührt die gesellschaftliche Irritation an einer Frau wie ihr?

Das werden die Amazon-Kommentare bald zeigen. Meine Auslegung: FUCKGIRL ist unangepasst, sie hat weder Körper-Komplexe, eine Essstörung noch Angst vor dem Altern, und ist dazu auch noch glücklich verheiratet, glücklich kinderfrei und glückliche Performance-Künstlerin. So viel Glück auf einmal, das darf doch keine Frau haben? Schon gar nicht über 35! Das finden die Menschen ungerecht.

 

FUCKGIRL gibt den Ton in ihrer einseitig offenen Ehe an. Ist das eine bewusste Umkehr traditioneller Machtverhältnisse oder eine Neubesetzung eines bestehendes Machtgefälles?

Ganz klar ist es eine bewusste Umkehr traditioneller Machtverhältnisse. Vieles, was ich im Roman zeichne, funktioniert umgekehrt zu dem, was wir als patriarchale Normalität kennen. Der Mann will eine offene Beziehung? Warum denn nicht, solange er es nicht heimlich macht? Der Mann ist Künstler, die Frau macht den Haushalt? Klar, schließlich ist er das Genie. Was bei Männern als Komplexität, Ambivalenz oder Künstlerexistenz gelesen wird, wird bei Frauen sofort als Dominanz oder Missbrauch markiert.

Wenn sich Kritiker über diese angebliche Neubesetzung eines bestehenden Machtgefälles aufregen, dann bloß, weil sie nicht verstanden haben, dass Frauen genau solche traditionellen Machtverhältnisse Jahrhunderte schweigend geduldet haben. Erst, wenn dieselben Strukturen von einer Frau ausgeübt werden, werden sie plötzlich als Machtgefälle erkannt – und moralisiert. Das entlarvt, wie sehr patriarchale Arrangements als neutral oder natürlich gelten, solange Männer davon profitieren.

Der Gender-Reverse im Roman ist ein literarischer Verfremdungseffekt: Er macht sichtbar, was jahrhundertelang als Normalität durchging, solange Frauen die stillen Trägerinnen dieser Machtverhältnisse waren.

 

Female Revenge ist für FUCKGIRL kein individuelles Mittel, sondern eine politische, moralische Praxis. Was macht weibliche Wut so wirksam?

Weibliche Wut kann so viel bewirken. Weibliche Wut führt zu Trennungen, Selbstwert, Alleine-Wohnen, einem deutlichem Nein zu einem Date mit dem Arbeitskollegen, im besten Falle zur Emanzipation und manchmal auch zu einer völligen Verweigerung des Sexualverkehrs mit Männern. Erst, wenn Frauen wütend auf ihre lahmen Ehemänner, Boyfriends und Affären werden, können wir das Patriarchat bezwingen.

 

Männer haben in dem Roman keine Namen, es gibt Mann, Loser, Journalist. Wieso diese Typisierung?

Hey, keiner hat in meinem Buch einen Namen! FUCKGIRL heißt auch nur FUCKGIRL, Internetgirl heißt Internetgirl. Ich wollte keine Namen in meinem Roman, weil daran bereits so viele Zuschreibungen hängen. Man erkennt sofort, woher die Person kommt, welcher Klasse oder Ethnie sie angehört, ob sie Migrationshintergrund hat. Dass FUCKGIRL nicht-deutsch oder nicht-österreichisch sein könnte, merkt man beim Lesen an ein, zwei Stellen recht deutlich, aber ich wollte nicht weiter darauf eingehen, diesen Fakt nicht an einem spezifischen Namen binden. Ich wollte den Leser*innen durch die Nicht-Namen möglichst viel Spielraum für eigene Fantasien lassen.

 

Deine Sprache im Roman ist roh, intensiv, körperlich. Welche Rolle spielt der Körper als Medium (in) dieser Erzählung?

Ich selbst bin und war schon immer ein extrem körperlicher Mensch in dem Sinne, dass ich gerne Körperkontakt habe – ob jetzt mit einer Freundin, meinem Mann oder einem Hund ist dabei relativ egal. Hauptsache drücken, festhalten, draufliegen, spüren. Wenn ich meinen Körper einsetze, wenn er Berührungen oder schwierigen Wetterlagen ausgesetzt ist, bin ich ganz bei mir, denke an nichts anderes. Genau dieses Gefühl des gleichzeitigen Sich-Selbst-Spürens und Sich-Selbst-Verlierens wollte ich literarisch festhalten. Keine Ahnung, ob mir das gelungen ist.

 

FUCKGIRL gibt uns neun Lektionen, die zweite davon lautet: „Lesson Nr. 2: Andere Frauen sind alles, was wir haben.“ Warum ist weibliche Solidarität heute dringender denn je?

Weil wir ohne sie nicht vorankommen. Es bringt nichts, die Ex-Freundinnen oder neuen Freundinnen unserer Typen zu stalken, uns mit ihnen zu vergleichen und uns durch Lästerei von ihnen abzugrenzen. Viel wichtiger ist es, sich zum Beispiel mit einer Frau zu solidarisieren, die heute dieselbe Art von Gewalt erfährt, wie einst man selbst. Nicht die andere Frau ist die Bedrohung, sondern die Struktur, die mehrere Frauen in dieselbe verletzliche Position bringt – emotional, sexuell, ökonomisch. Solidarität heißt, die Richtung dieser Wut zu korrigieren.

Solidarität bedeutet auch, Erfahrungen zu teilen, Muster sichtbar zu machen und Gewalt nicht länger als individuelles Scheitern zu begreifen. Erst wenn Frauen sich gegenseitig als Verbündete lesen – nicht als Rivalinnen –, entsteht überhaupt die Möglichkeit von Veränderung.

 

Zum Schluss: Welche der Lektionen von FUCKGIRL ist deiner Meinung nach die wichtigste? Was können wir von FUCKGIRL lernen?

Wahrscheinlich wirklich „Andere Frauen sind alles, was wir haben“ und auch „No Princess Treatment, no Intercourse“ – in letzterem Text frage ich mich, warum wir als heterosexuelle Frauen kein kollektives Bare-Minimum des Erträglichen etablieren konnten, warum da jede Frau stets von Neuem in die Verhandlung muss. Ich versuche, das zu verändern und eine Art Cut-List zu zeichnen, an der sich alle Frauen orientieren können. Witzigerweise ist das sogar gerade ein Trend auf TikTok.

 


FEMALE REVENGE: eine Künstlerin, ein radikaler Gegenentwurf zur betrogenen Ehefrau und hemmungsloser Sex

Eine moralische Konfrontation in Romanform: In roher, unverwechselbarer Sprache schreibt Bianca Jankovska über weibliche Verbundenheit, Rachegelüste, eine notwendige Portion Größenwahn und die Abwendung vom alles umfassenden männlichen Blick. Diese Geschichte ist: intensiv, körperlich, kompromisslos – und in ihrem Mut zur Ambivalenz alles andere als gefällig.

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„Guter Journalismus bedingt immer Ernsthaftigkeit und Distanz. Bei einem satirischen Kriminalroman kann, darf und muss ich diese Gesetze brechen.“ – ein Interview mit Wolfgang Ainetter

Vergifteter Champagner auf dem Bundespresseball im Berliner Adlon – und plötzlich sind der Bundeskanzler und der Finanzminister tot. Was wie ein politischer Albtraum klingt, ist der explosive Auftakt zu Wolfgang Ainetters neuem Krimi. Mitten im Machtzentrum der Republik ermittelt Exil-Österreicher André Heidergott gemeinsam mit seiner Kollegin Emily Schippmann in einem Fall, der tief in ein Geflecht aus Intrigen, Lobbyismus, Machtspielen und persönlichen Abgründen führt.

Im Interview sprechen wir mit Wolfgang Ainetter über die Macht des Kriminalromans, seinen Wiener Schmäh und die Skurrilität des realen Lebens.

Lieber Wolfgang, „Einigkeit und Recht und Rache“ verbindet spannende Handlung mit einem satirischen Blick auf ein sehr konkretes Milieu. Was kann ein Kriminalroman leisten, wo der Journalismus manchmal an seine Grenzen stößt?

Guter Journalismus bedingt immer Ernsthaftigkeit und Distanz. Bei einem satirischen Kriminalroman kann, darf und muss ich diese Gesetze brechen. Anders als im Journalismus genieße ich beim Schreiben den Luxus, eigene Welten zu erschaffen. Beim Kanzleramts-Krimi ist die Welt ein bisschen wie bei Kottan – eine Persiflage auf den eitlen Politikbetrieb mit einem Wiener Schmähbruder als Kommissar.

Aber sowohl bei einem guten journalistischen Stück als auch bei einem guten Kriminalroman ist sorgfältige Recherche substanziell. Die Leser*innen merken sofort, ob jemand die Orte persönlich kennt, über die geschrieben wurde, oder ob der/die Autor*in die Fakten nur aus Wikipedia zusammengeschustert hat. Um etwa die Atmosphäre des noblen Berliner Hotels Adlon einzufangen, habe ich dort zwei Tage und eine Nacht verbracht. Eine der schönsten Recherchen meines Lebens! (lacht)

Als jemand, der aus erster Hand sowohl die Seite der investigativen Berichterstattung als auch die der politischen Kommunikation kennt: Wer sitzt deiner Erfahrung nach am längeren Hebel?

Ich mache mir gerade große Sorgen um den Journalismus. Jährlich verlieren hunderte Journalist*innen ihren Job. Ganze Investigativ-Ressorts werden aufgelöst, während die Kommunikationsabteilungen der politischen Parteien immer größer werden. Das ist nicht gut für unsere Demokratie. In den USA setzt die Regierung große Medienhäuser und Plattformbetreiber unter Druck, Inhalte von unbequemen Journalist*innen zu löschen. Wer will, dass es unserer Demokratie gut geht, unterstützt am besten unsere Medienlandschaft und abonniert möglichst viele Tageszeitungen, Magazine, Onlineportale und Newsletter.

 

Beim Lesen wirken manche Szenen so zugespitzt und verrückt, dass man sie für surreal hält. Sind genau das die Szenen, die in der Realität am ehesten so passieren könnten?

Die Realität ist noch schlimmer! (lacht) In der Politik ist es wie beim Lotto: Alles ist möglich! Bissige Satire ist in erster Linie dazu da, die Leser*innen gut zu unterhalten – und zweitens den Mächtigen einen Spiegel vorzuhalten. Manchmal bin ich erstaunt, für wie viel Aufregung der – fiktive – Wiener Kommissar André Heidergott im – realen – Regierungsviertel zu sorgen vermag. Den heftigsten Schmerz fügt Satire übrigens jenen zu, die nicht über sich lachen können – weil sie sich so superwichtig nehmen. Ich habe in meinem Leben nur sehr wenige Politiker*innen kennengelernt, die über die Gabe der Selbstironie verfügen; einer davon war der Wiener Altbürgermeister Michael Häupl.

 

Mal ehrlich: Ist wirklich alles so arg, wie es im Buch dargestellt wird?

Mein Anwaltsfreund hat mir geraten, auf diese Frage mit dem ersten Satz des Kanzleramts-Krimis zu antworten: „Diese Geschichte ist ebenso wahr wie die Wahlversprechen von Friedrich Merz.“

 

Mit deinem Protagonisten André Heidergott teilst du, dass ihr beide Exil-Ösis in der deutschen Hauptstadt seid. Was vermisst du als Wahlberliner am meisten an deiner Heimat, an Innsbruck?

Ich vermisse an meiner Heimat vor allem das Deppat-Reden und Schmähführen. All meine Tiroler und Wiener Freunde verstehen meinen kranken Humor. Und ich vermisse die Umbrüggler Alm mit Tomas, dem besten Hüttenwirt des Universums.

 

Dazu passend: Dein Stil verbindet Wiener Schmäh mit Berliner Schnauze. Welche Seite geht dir beim Schreiben leichter von der Hand?

Der Wiener Schmäh!

 

Zum Schluss: Opernball oder Bundespresseball?

Vom Herzen betrachtet: der Bundespresseball in Berlin, weil ich hier alle Jahre wieder wunderbare alte Kolleginnen und Kollegen treffe. Aus dem spöttischen Blickwinkel gesehen: der Wiener Opernball. Ich war zwar nur einmal dort, aber ich habe selten so viel Realsatire auf so engem Raum erlebt. Mein Lieblingssatz stammt vom (mittlerweile zurückgetretenen) Wirtschaftskammer-Präsidenten Harald Mahrer, der in einer (von Mitgliedsbeiträgen finanzierten) 23.600 Euro teuren Loge feierte: „Wir trinken nur Mineralwasser, weil wir sparsam mit den Mitgliedsbeiträgen umgehen.“ Für Satiriker wie mich sind Worte wie diese ein Geschenk.

 


Spurensuche zwischen Bundestag und Borchardt:

Wolfgang Ainetter kennt die politischen und medialen Seilakte aus eigener Erfahrung – und damit auch wir von seinen Einblicken profitieren (Sie wissen schon, eine Hand wäscht die andere …), hebt er den Vorhang, der den turbulenten Zirkus des Berliner Regierungsviertels vor Normalsterblichen verbirgt. Mit Wiener Schmäh (nach Berlin mitgebracht), Berliner Schnauze (erlernt) und untrüglichem Instinkt (angeboren) bringt André Heidergott mit Emily Schippmann die Reichen, Schönen und Mächtigen ins Schwitzen. Während dabei einigen fiktiven Charakteren das Lachen vergeht, dürfen wir der gepflegten Neugier frönen und Ainetters treffsichere Seitenhiebe und elegante Anspielungen mit einem Schmunzeln genießen. Ein Schelm, wer dabei an die tatsächliche Ampelregierung denkt, der vor einem Jahr das Licht ausgeknipst wurde – und Kenner*innen, die jede einzelne Spitze mit spitzer Freude auskosten.

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„Irland war schon eine einzige Inspiration für mich, da kannte ich das Land nur aus Büchern und Filmen.“ – ein Interview mit Ellen Dunne

Patsy Logan kehrt nach Irland zurück, um sich einer Vergangenheit zu stellen, die nie wirklich ruhen konnte. Ein Foto vom St. Patrick’s Day 1989, aufgenommen bei einem Familienfest in Bayern, wird Jahrzehnte später zum Schlüssel in einem Mordfall: Fergal Massey, einst enger Freund der Familie, wird in Dublin erschossen. Patsy, ehemalige Kriminalkommissarin, sieht sich plötzlich in ein Netz aus alten Freundschaften, geschäftlichen Geheimnissen und ungeklärten Verbrechen gezogen – und stößt dabei auf die rätselhaften Umstände um den Tod ihres eigenen Vaters. Was als Ermittlungsfall beginnt, entwickelt sich zu einem Geflecht aus Loyalität, Verrat und persönlichen Abgründen.

Im Interview sprechen wir mit Ellen Dunne über die Verbindung von Bayern und Irland, die Zuverlässigkeit von Erinnerungen, Irlands gewaltige Landschaften und deren Auswirkungen aufs Schreiben und erfahren den einen oder anderen Geheimtipp für den nächsten Irland-Besuch.

Patsy Logan stammt aus einer deutsch-irischen Familie, hat als Kind in Freilassing St. Patrick’s Day gefeiert und später als Kriminalkommissarin in München gearbeitet, bevor sie sich zu einer beruflichen Auszeit in Dublin entschied. Was hat dich zu dieser Verbindung von Bayern und Irland in deinem Krimi inspiriert?

Bei der Entwicklung der Figur Patsy Logan war ich auf der Suche nach einer Stadt, die möglichst anders ist als das chaotische, manchmal dreckige und oft wenig organisierte Dublin. Nachdem ich eine Zeitlang in München gelebt habe, empfand ich die Stadt als idealen Kontrast. München steht für den sauber strukturierten, gesetzestreuen Anteil in Patsy, während sich ihr eher impulsives, manchmal unberechenbares Naturell in Dublin spiegelt. Sie ist in vieler Hinsicht eine Grenzgängerin, und da war für mich auch eine Grenzstadt wie Freilassing eine natürliche Wahl für ihre Herkunft. Ich stamme aus dem Salzburger Land, und in meiner Kindheit war Freilassing ein beliebter Ort für einen Ausflug und zum Einkaufen all der Dinge, die es in Österreich damals vor dem EU-Beitritt noch nicht gab. Freilassing hatte immer etwas Exotisches an sich, die Kontrollen an der Grenze ein kleines Abenteuer. Passt also perfekt zu Patsy.

 

Ein Foto von besagtem St. Patrick’s Day wird für Patsy plötzlich zum Beweisstück eines Verbrechens. Welche Rolle spielen generell solche kleinen, zunächst scheinbar harmlosen Erinnerungsfragmente in deinem Krimi?

Wir alle kennen die Wirkung von alten Fotos und wie viele Emotionen sie in uns wachrufen können. „Die schlafenden Hunde von Dublin“ handelt für mich auch viel von alten Verletzungen, die sich nach vielen Jahrzehnten des Schweigens buchstäblich mit Gewalt Bahn brechen. Das Foto, das beim Mordopfer gefunden wird, ist wie eine Initialzündung für Patsy, und die Erinnerungen in ihrer Familie spielen ebenfalls eine große Rolle. Wie zuverlässig diese Erinnerungen sind, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

 

Patsy muss sich mit alten Freundschaften, Familiengeheimnissen und einem Mordfall auseinandersetzen. Gab es Momente beim Schreiben, in denen Patsy dich überrascht oder sogar vor neue Herausforderungen gestellt hat?

Die Ermittlungen sind für Patsy diesmal einfach besonders heikel, denn alle Zeugen der damaligen Ereignisse sind Menschen, mit denen sie selbst persönlich und hochemotional verbunden ist. Vor allem das intensive und widersprüchliche Verhältnis zu ihrer Mutter Ruth mochte ich sehr. Patsy ist hier weit verletzlicher, als wir sie sonst kennen, und die Autorität, die sie als Polizistin und Frau der Stunde bei Befragungen sonst hat, nutzt ihr bei der eigenen Familie nichts. Das fand ich spannend und herausfordernd zugleich, weil ihre Ermittlungen eine ganz andere Dynamik hatten.

 

Du lebst seit 20 Jahren in Irland und entführst uns mit deinem Krimi mitten ins wahre Dublin, fernab von Tourist*innen und Postkartenidylle. Geht dir das Schreiben über die Stadt und auch über Irland generell mittlerweile ganz „local-like“ von der Hand oder musst du trotzdem noch manchmal besonders intensiv recherchieren?

Vieles geht mir einfach von der Hand, und da ich mich seit Jahrzehnten für den Nordirlandkonflikt interessiere, wusste ich hier schon viel Bescheid. Über die Zusammenhänge zwischen dem organisierten Verbrechen und paramilitärischen Gruppierungen wie zum Beispiel der IRA wusste weniger und musste hier mehr recherchieren. Aber das ist zum Glück eines der Dinge, die mir am Schreiben am meisten Spaß machen.

 

Beim Lesen fühlt es sich fast so an, als stünden wir selbst auf den stürmischen Klippen der Halbinsel Howth, so atmosphärisch und kraftvoll ist deine Sprache. Beeinflusst Irlands gewaltige Landschaft dich beim Gestalten der Handlung oder passt du umgekehrt eher die Landschaft(en) deinem Plot an?

Beides. Irland war schon eine einzige Inspiration für mich, da kannte ich das Land nur aus Büchern und Filmen. Seit ich hier lebe, ist das noch einmal intensiver geworden. Ich nehme das Land einfach sehr bewusst wahr. Was mich auch sehr oft beim Schreiben weiter inspiriert, ist Musik. Gerade während der Arbeit an „Die schlafenden Hunde von Dublin“ habe ich sehr viel Musik zeitgenössischer, aber auch traditioneller irischer Bands und Songwriter*innen gehört, die mich aufs Schreiben eingestimmt und immer wieder auf neue Ideen gebracht haben. Diese Art der Inspiration liebe ich!

 

Du gibst uns in dem Krimi auch Einblicke in Irlands Vergangenheit. Wie viel von der historischen und kulturellen Realität wolltest du tatsächlich für die Handlung nutzen, und wo hast du bewusst fiktionale Freiheiten gelassen?

Gerade der Nordirlandkonflikt, also der Kampf um eine Vereinigung der noch immer politisch geteilten Insel, ist ein äußerst komplexes Thema mit vielen verschiedenen Interessengruppen und keinen einfachen Antworten. Noch heute ist das Land lange nicht fertig mit der Aufarbeitung. Das alles im Detail zu beleuchten, wäre zu verwirrend. Deshalb beschränke ich mich auf jene Aspekte, die eine spannende Handlung ermöglichen. Wenn das beim und nach dem Lesen dazu inspiriert, mehr über diesen Teil der irischen Geschichte zu erfahren, dann ist das umso schöner für mich.

 

Nach all den Jahren in Irland: Gibt es einen Insidertipp für Dublin oder das Land, den du uns besonders ans Herz legen willst?

Puh, da gibt es so viele! Meine jüngste Entdeckung in Dublin ist 14 Henrietta Street, ein gregorianisches Stadthaus, das eine sehr wechselvolle Geschichte hinter sich hat und jetzt ein Museum ist. Man hört bei der Führung sehr eindrucksvolle Geschichten über den historischen Alltag von Dublins Gesellschaft. Wer lieber die irische Landschaft genießt, kann sich in die DART (eine Art Lokalbahn) in Richtung Süden nach Greystones setzen und immer wieder an wunderschönen Küstenabschnitten entlangfahren. Aussteigen lohnt sich immer wieder. Und wer sich traut, sollte natürlich wie Patsy Logan einen Sprung in die Irische See wagen. Danach fühlt man sich herrlich!

 


Lust auf das echte Irland?

Ellen Dunne, die seit 20 Jahren in Irland lebt, schreibt uns Wort für Wort ins wahre Dublin – fernab von Touristenströmen und Postkartenidylle. Was ist schon eine Fahrt im Hop-on-Hop-off-Bus, wenn wir stattdessen durch die lebendige und ungeschönte Stadt ziehen können? Dunne weckt für uns schlafende Hunde, gibt einen Einblick in Irlands dramatische Vergangenheit und reißt uns mit ihrer kraftvollen Sprache, die ihr bereits mehrere Krimipreise einbringen konnte, mit.

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„Die Genre-Grenzen schaffen ein Gerüst, in dem man sich zurechtfindet.“ – ein Interview mit Herbert Dutzler

Der 13. Fall von Franz Gasperlmaier: In Altaussee schwingen neben dem Taktstock auch die Hüften. Während die Welt im Dreivierteltakt tanzt, muss Franz Gasperlmaier auf dem kriminalistischen Parket eine gute Figur machen. Zwischen Lederhose und Hochkultur, familiären Verpflichtungen und einem Besuch aus Kanada begleitet er seine Frau Christine ins Ballett – während ein Mordfall im Ensemble die Ermittlungen fordert. Misstöne im Orchester, überraschende Affären und ein junger, neuer Kollege sorgen dafür, dass bei Gasperlmaier alles andere als Stillstand herrscht.

Wir sprechen mit Herbert Dutzler über die Entstehung seiner Gasperlmaier-Reihe, darüber, wie er die Kulisse des Ausseerlands nutzt, um Charaktere, Konflikte und gesellschaftliche Entwicklungen scharf zu zeichnen und historische Details lebendig werden zu lassen und die politische Dimension seiner Krimis. 

13 Fälle, in denen die große Welt in die kurstädtische Provinz eintritt und wie in einer Glaskugel die komplexe Verwobenheit und Verbundenheit unserer Welt in bunten Farben darstellt. Was lässt sich in der Altausseer Nussschale besser beobachten als in den großen, tonangebenden Metropolen unserer Zeit?

Es ist relativ einfach. Durch die Einschränkung auf einen kleinen, dörflichen Schauplatz, durch die Einschränkung auf wenige Charaktere – zum Beispiel fehlt der ganze große Polizeiapparat – wird natürlich der Blick geschärft auf die einzelnen Charaktere, auf die Personen, die dort auftauchen, sowohl auf die, die ermitteln als auch auf die, die mehr dem familiären Kreis oder dem Freundeskreis angehören.

Je länger man über diese Personen schreibt, desto schärfer wird ihr Profil. Sie entwickeln sich auch mal, man überlegt sich, was für überraschende Entwicklungen auch bei diesen Personen möglich werden, sodass sie in neue, vielleicht ein bisschen unerwartete Situationen gestellt werden. Daraus entsteht eigentlich der Reiz einer längeren Serie, dass doch auf die Personen immer wieder Unerwartetes zukommt. Die Beschränktheit des Schauplatzes und der Welt zwingen also einfach dazu, sich auf die Personen zu konzentrieren.

 

Davon, dass die Welt am sogenannten Land stehenbleibt, kann in dieser Serie nun wirklich keine Rede sein: Sowohl die Kulisse als auch das Personal passt sich auf mal opportunistische, mal charmant-geläuterte Art und Weise an den gesellschaftlichen Wandel an. Was hat sich alles geändert seit dem ersten Gasperlmaier?

Geändert hat sich auf jeden Fall Gasperlmeiers Bezug zu neueren gesellschaftlichen Entwicklungen, seine Vorstellung davon, wie Frauen und Männer zu sein haben. Kurz gesprochen ist das Bild von den Geschlechterrollen, die Gasperlmaier früher gehabt hat, ein bisschen ins Wanken geraten. Er hat sich mit der Homosexualität seiner Tochter auseinandersetzen müssen, hat sich erstaunlich schnell angepasst und Widerstände aufgegeben.

Es tritt dann auch ein Paar in Erscheinung, neue Nachbar*innen. Akademiker*innen, die aus Wien kommen, wodurch er wieder mit einer anderen Welt konfrontiert wird, obwohl das eigentlich sehr sympathische Leute sind. Er wird konfrontiert mit der Tatsache, dass sein ehemaliger Chef, der sehr übergewichtig war und in Frühpension gegangen ist, plötzlich den Sport und die Ehe entdeckt hat und so wieder ganz neue Aspekte in sein Leben treten.

Was hat sich eigentlich noch an ihm geändert? Wenn man ganz genau hinschaut, hat sich auch seine Rolle als Polizist geändert. Er ist am Anfang – diese Zuschreibung hängt ihm vor allem bei Journalist*innen immer noch nach – angeblich tollpatschig gewesen, aber er hat sich zum ziemlich genauen Beobachter und vor allem zum guten Zuhörer entwickelt, der bei den Ermittlungen durchaus seinen Platz hat und gewinnbringend eingesetzt werden kann.

 

Gibt es Dinge, die trotz allem unverrückbar gleichbleiben?

Natürlich, das hat auch mit dem Schauplatz zu tun. Die Gesellschaft im Ausseerland ist trotz des vielfältigen Tourismus doch eine in sich ruhende, die sehr stark auf historischen Wurzeln aufbaut, die natürlich durch die Rolle des Salzes sehr besonders sind und später auch durch die Rolle des Tourismus, die Rolle der Sommerfrische, viele Künstler*innen, die dort anwesend sind. Darauf ist man sehr stolz und das sind die Pfeiler, auf denen auch die heutige Gesellschaft aufbaut. Ich glaube, dass die Ausseer*innen nicht nur sehr traditionsbewusst, sondern auch sehr geschichtsbewusst sind.

 

Du hast mit der Reihe eine Art Panoptikum des Ausseerlandes geschaffen, in dem man sowohl mit volkskundlichem als auch mit soziologischem Blick einiges lernen und zugleich vergnügliche Stunden verbringen kann. Erlauben es gerade die Genregrenzen und -konventionen des Kriminalromans, Dinge besonders treffend festzuhalten, die ansonsten vielleicht ein wenig außerhalb des Fokus liegen?

Die Genre-Grenzen schaffen natürlich ein Gerüst, in dem man sich zurechtfindet. Es gibt Kriminalfälle, es gibt Ermittlungen. Das rückt natürlich den Fokus immer auf Situationen, in denen die Menschen Konflikten ausgesetzt sind, auf Situationen, in denen Konflikte entstehen. Dort, wo Konflikte sind, taucht unter Umständen auch Gewalt auf.

Das sind eigentlich immer die Punkte, die die Grundlage eines neuen Buches bilden. Wenn man zum Beispiel einen Zeitungsartikel liest – darüber denke ich gerade beispielsweise nach – in dem ein massiver Streit unter Bergsteiger*innen entsteht. Wer welchen Berg den Regeln entsprechend richtig dokumentiert, ihn erklommen hat und wer nicht. Wer große Geschäfte macht mit einer speziellen Art der Ersteigung eines Berges, wer das im Stillen und Verborgenen macht. Da denkt man dann, dass das ein sehr konfliktreiches Thema ist. Je mehr man sich darauf einlässt, desto mehr Artikel und Bücher findet man zu solchen Streitthemen.

So entstehen dann neue Ideen, immer aus der Idee, wo es Konflikte gibt, die natürlich auch in irgendeiner Weise mit dem Schauplatz in Bezug stehen. Eine Bergsteigergeschichte kann es natürlich nur dort geben, wo es auch Berge gibt. Am Neusiedlersee wäre diese ziemlich deplatziert.

 

Hast du beim Schreiben der Gasperlmaier-Reihe, aber besonders auch deiner Siegfried-Romane das Gefühl, einen Teil ungeschriebener lokaler Zeitgeschichte festzuhalten, die ansonsten selten dokumentiert wird?

Vor allem bei der Sigi-Niedermeier-Serie, weil erst durch die Recherche, durchs Kramen in Familienfotos oder auch in anderen Archiven für mich Dinge klar geworden sind, die die Erinnerung gestützt haben. Nämlich zum Beispiel, dass die hygienischen Verhältnisse in den 60er und 70er Jahren auf dem Land teilweise noch völlig anders waren, als man es heute gewohnt ist. Und auch, dass vor allem die Geschlechterrollen sehr anders waren. Dass das Patriarchat noch wirklich gesellschaftsdurchdringend war. Dass Kinder sehr wenige Rechte und Möglichkeiten hatten, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Ich denke, vieles von dem, vor allem auch im Bereich der Schule und dass in vielen Bereichen noch alte Nazis das Sagen hatten, kommt meiner Meinung nach in den Büchern auch gut zum Ausdruck, wenn auch durch die satirische Brille.

Ich denke schon, dass es ein kleiner Beitrag zur Aufarbeitung meiner persönlichen Zeitgeschichte ist. Ich hoffe, dass das auch künftige Generationen, zumindest innerhalb meiner Familie, interessieren wird.

 

In deinen Romanen die Lebensrealität und die mündliche Geschichtsschreibung sehr vieler Menschen abzubilden, die nicht in urbanen Ballungszentren, in Machtzentren leben – hat das auch eine politische Dimension für dich?

Eingeschränkt und durch die satirische Brille schon. Mich fragen zum Beispiel gelegentlich Journalist*innen, ob ich gerne wieder in dieser Zeit leben würde oder ob das eine Nostalgie nach dieser Zeit ist. Ich verneine diese Frage immer eben mit Verweis auf die sehr prekären Rechte von Frauen und Kindern zur damaligen Zeit, auch mit einem Verweis auf die hygienische Situation und auf die große Unfallgefahr, denen die Menschen damals ausgesetzt wurden. Wenn man die Zeitungen studiert, erfährt man, dass es wesentlich mehr Verkehrstote gab, weil die Autos keine Sicherheitseinrichtungen hatten. Es gab auch sehr viele Flugzeuge und Flugzeugsunglücke, wesentlich mehr noch als heute. Was die gesamtpolitische Situation betrifft: Kriege, Auseinandersetzungen, Bedrohungsszenarien gab es auch damals in ausreichender Menge, sodass man die Zeit auf gar keinen Fall verklären muss.

 


Gasperlmaiers 13. Fall:

Herbert Dutzler versteht es, das Ausseerland in allen kontrastreichen Facetten zu portraitieren. Sei es beim Aufeinandertreffen von Neuem und Traditionellem oder dann, wenn deutlich wird, dass auch im vermeintlichen Paradies mit dem Feuer gespielt wird und Grenzen überschritten werden. Für uns kein Grund zur Sorge, denn mit Franz Gasperlmaier und dessen Familie und Bekannten stellt uns Herbert Dutzler eine ausgesprochen charmante und liebevolle Reisegesellschaft an die Seite. Die uns in jedem Fall immer wieder neues entdecken lässt: wie den Landler (andernorts Ländler), einen Volkstanz im Dreivierteltakt.

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16 Tage gegen Gewalt an Frauen – 16 feministische Buchtipps

„Diese Geschichte, die ich erlebt habe, ist nicht nur meine alleine. Die Details sind meine persönlichen Erlebnisse. Aber das große, beängstigende Ganze ist etwas, das viele Frauen erleben. Tagtäglich. Junge, alte, reiche, arme, komplett wurscht, wie sie ausschauen, wer sie sind, wo sie im Leben stehen. Es kann alle treffen. Ich rede von Gewalt. In allen grausigen Facetten: körperlich, psychisch. Schläge, Watschen, Tritte, Würgerei, Beschimpfungen, Anschreierei, Niedermachen. Meine Geschichte ist eine von vielen. Und ja, leider auch eine von vielen, die nicht verhindert wurde. Nicht von mir selbst, nicht von anderen. Denn die Gewalt, die mir ein Mann antat, die fand nicht (nur) im stillen Kämmerlein statt. Sondern auch oft genug auf der Straße, in einer U-Bahn-Station, vor Zeug:innen.“

Das Zitat stammt aus unserer aktuellen Neuerscheinung „Kerstin unscripted“ und zeigt uns, dass Gewalt gegen Frauen unzählige Facetten hat und so viele Frauen betrifft.

Ein Blick auf die Statistiken bestätigt das:

Im Jahr 2023 wurden weltweit 85.000 Frauen und Mädchen getötet, 51.100 Frauen und Mädchen davon von einem Partner oder einem Familienmitglied. Das bedeutet: Im Durchschnitt wird alle zehn Minuten eine Frau getötet. (Quelle: Destatis) In den letzten zehn Jahren gab es in Österreich 349 Femizide. (Quelle: Autonome Österreichische Frauenhäuser) In Deutschland wurde 2023 fast jeden Tag eine Frau getötet – 360 Femizide. (Quelle: Bundeskriminalamt)

Jede dritte Frau in Österreich ist von Gewalt betroffen – 34,51 % aller Frauen haben inner- oder außerhalb einer intimen Beziehung ab dem Alter von 15 Jahren körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. 36,92 % haben innerhalb einer intimen Beziehung bereits psychische Gewalt erlebt. (Quelle: Statistik Austria)

In Deutschland wurden 2023 52.330 Frauen und Mädchen Opfer von Sexualstraftaten, wovon die Hälfte unter 18 Jahren war. 70,5 % der Opfer von häuslicher Gewalt in Deutschland sind Mädchen und Frauen. (Quelle: Bundeskriminalamt)

Gewalt gegen Frauen zählt nach wie vor zu den am meisten verbreiteten Menschenrechtsverletzungen. Am 25.11. ist deshalb jedes Jahr der Tag gegen Gewalt an Frauen. Er läutet die Kampagne #orangetheworld ein, die bis zum 10.12., dem Internationalen Menschenrechtstag, andauert. Diese 16 Tage sollen ein weltweites Zeichen gegen Gewalt an Frauen setzen.

In diesem Magazinbeitrag findest du 16 feministische Buchtipps, die sich in verschiedenster Form mit Gewalt gegen Frauen auseinandersetzen. Sie machen Lebensrealitäten von Frauen sichtbar und sie machen uns darauf aufmerksam, welch ein strukturelles, tief verankertes Problem diese Gewalt ist. Sie erinnern uns, wie dringend wir Gewalt gegen Frauen, patriarchale Strukturen und misogyne Haltungen bekämpfen müssen – jeden einzelnen Tag. Denn Hass gegen Frauen ist lebensgefährlich. 

Kerstin unscripted“ von Judith Leopold und Kerstin Opiela, Haymon Verlag

Kerstin wächst in Armut und Gewalt auf, erlebt Obdachlosigkeit und Teenager-Mutterschaft. Reality-TV macht sie bekannt – und angreifbar. Heute erzählt sie ihre Geschichte, um Kontrolle zurückzuholen, Mut zu geben und Hoffnung zu schenken.

 

Niemals aus Liebe“ von Miriam Suter und Natalia Widla, Limmat Verlag

In der Schweiz werden alle zwei Wochen Frauen von Partnern getötet, jede Woche überlebt eine Frau einen Angriff. Die Autorinnen untersuchen Täter, psychologische und gesellschaftliche Mechanismen, Prävention und Strafverfolgung durch Gespräche mit Expert*innen aus Justiz, Politik und Psychologie.

 

bluten“ von Stefanie Jaksch und Magdalena Stammler, Haymon Verlag

Frauen bluten: im Alltag, körperlich und gesellschaftlich. 15 Autorinnen zeigen in kraftvollen, zarten, wütenden Texten, wie Schmerz, Widerstand, Zyklus, Gewalt, Mutterschaft und Normen ineinandergreifen. Eine Anthologie über Kampf und Überleben.

 

Heimat bist du toter Töchter“ von Yvonne Widler, Kremayr & Scheriau

Österreich gilt als „Land der Femizide“: 60 Frauen starben 2020–21, 319 in 11 Jahren, meist durch Partner oder Ex-Partner. Yvonne Widler beleuchtet Täter, systemische Gewalt, Medienrolle und Schutzmöglichkeiten und gibt den Opfern ihre Geschichten zurück.

 

Eine Blume ohne Wurzeln“ von Nada Chekh, Haymon Verlag

Nada Chekh erzählt vom Aufwachsen zwischen Gemeindebau, familiären Erwartungen und kulturellen Widersprüchen. Sie beschreibt Selbstbestimmung, Konflikte, patriarchale Normen und den Schmerz einer Jugend zwischen mehreren Welten – und wie Nähe trotz Distanz entsteht.

 

Gestapelte Frauen“ von Patricía Melo, Unionsverlag

Nach einer gewalttätigen Beziehung zieht eine junge Anwältin nach Cruzeiro do Sul. Bei Gerichtsprozessen zu Frauenmorden kommt sie den Opfern – Töchtern, Müttern, Freundinnen – immer näher. Zwischen Realität und Traumwelt kämpft sie mit Gewalt, Schuld und unerreichbarer Gerechtigkeit.

 

Alles ganz schlimm“ von Julia Pustet, Haymon Verlag

Ein Text über Susannes Vergangenheit wird gestohlen und veröffentlicht. Ihr Leben, das sie mühsam im Gleichgewicht hielt, gerät ins Rutschen. Zwischen Gerüchten, alten Wunden und familiären Spannungen kämpft sie darum, nicht erneut den Boden unter den Füßen zu verlieren.

 

Feministisch morden“ von IRENE, Unrast

Die baskische Aktivistin IRENE erzählt von Frauen, die sich gegen patriarchale Gewalt zur Wehr setzen. Sie zeigt, dass Feminismus niemandem schadet, und wirft die Frage auf, wie friedlicher Widerstand eine von Misogynie geprägte Gesellschaft herausfordern kann.

 

Patriarchale Belastungsstörung“ von Beatrice Frasl, Haymon Verlag

Beatrice Frasl erklärt, wie das Patriarchat psychische Gesundheit prägt. Frauen sind häufiger von Depression und Angst betroffen, während Rollenbilder und Ungleichheit im Gesundheitssystem die Behandlung erschweren. Über psychische Gesundheit zu sprechen, ist ein feministischer Akt.

 

Witches, Bitches, It-Girls“ von Rebekka Endler, Rowohlt

Rebekka Endler untersucht, wie patriarchale Mythen unser Denken prägen, beleuchtet historische und kulturelle Mechanismen – von Kunst über Romantik bis zu Rollenbildern und aktuellen Feminismusdebatten – und zeigt humorvoll und kämpferisch, wie wir das Patriarchat erkennen und verändern können.

 

Entromantisiert euch!“ von Beatrice Frasl, Haymon Verlag

Beatrice Frasl zeigt, wie romantische Liebe Frauen strukturell benachteiligt: Sie übernehmen unbezahlte Arbeit, verdienen weniger und geraten in Abhängigkeiten. Aus feministischer Perspektive plädiert sie für ein Umdenken und eine selbstbestimmte Definition von Liebe jenseits patriarchaler Normen.

 

Backlash – Die neue Gewalt gegen Frauen“ von Susanne Kaiser, Klett-Cotta

Susanne Kaiser zeigt, wie Gleichberechtigung Frauen auch angreifbar macht: Abtreibungsverbote, häusliche Gewalt, digitale Bedrohungen. Sie beleuchtet gesellschaftliche, politische und private Ebenen und macht deutlich, wie die toxische Dynamik männlich-weiblicher Rollenklischees durchbrochen werden kann.

 

Warum wir noch hier sind“ von Marlen Pelny, Haymon Verlag

Aus der Perspektive der Hinterbliebenen nach einem Femizid: Die Erzählerin kämpft mit Trauer, Erinnerungen und Alltag, nachdem Etty, die Tochter ihrer besten Freundin, gewaltsam starb. Ein kraftvoller, zarter Roman über Verlust, Liebe und Überleben.

 

Lilianas unvergänglicher Sommer“ von Cristina Rivera Garza, Klett-Cotta

„Lilianas unvergänglicher Sommer“ ist ein vielschichtiges, intimes Porträt einer Schwester. Es folgt der Suche nach Lilianas Spuren, dem Versuch, Grauen und Trauer zu fassen, und erschafft ein funkelndes literarisches Werk von großer emotionaler und globaler Strahlkraft.

 

Herz. Rhythmus. Störungen“ von Yara Nakahanda Monteiro, Haymon Verlag

Yara Nakahanda Monteiro verbindet in Gedichten und Erzählungen Lissabon und Angola, Vergangenheit und Gegenwart. Zwischen Feminismus, Heilung und Verlust verwebt sie persönliche, historische und ökologische Erfahrungen zu magischer Lyrik, die Widerstand, Erinnerung und Menschlichkeit entfaltet.

 

Mit Männern leben“ von Manon Garcia, Suhrkamp

Manon Garcia dokumentiert den aufsehenerregenden Prozess um Gisèle Pelicot, die jahrelang von ihrem Mann und anderen Männern missbraucht wurde. Sie verknüpft Beobachtungen und eigene Erfahrungen, beleuchtet patriarchale Strukturen und fragt existenziell: Wie noch mit Männern leben?

 


„Geschichten wie jene von Kerstin schärfen unseren Blick auf das, wo wir hinschauen sollten: Gewalt, Not, Bedürftigkeit.“ – ein Interview mit Judith Leopold

Kerstin Opiela wird 1991 geboren, wächst in Wien auf, geht zur Schule, erlebt aber eine Kindheit, die weit von einer Bilderbuchvorstellung entfernt ist. Da ist ein Vater, der nicht da ist, und eine Mutter, die Betreuungspflichten nicht wahrnehmen kann und darf, Armut, Kinderheime, die höchstens Aufbewahrungsstätten sind. Es folgen Obdachlosigkeit, Teenager-Schwangerschaft und Teenager-Mutterschaft. Kerstins Teilnahme bei „Teenager werden Mütter“ verändert schließlich (fast) alles. Was einerseits eine Einladung zur Massenkritik und Belustigung bietet, ist andererseits ein Sprungbrett, eine neue Möglichkeit, das Leben wieder selbst gestalten zu können.

Heute geht es Kerstin darum, Mut zu machen. Den Mädchen und Frauen, die Ähnliches erleiden, denen, die von Gewalt betroffen sind. Und dabei auch die Kontrolle über das Narrativ rund um ihre Person zurückzuerlangen. Kerstin hat ihre Geschichte der Journalistin Judith Leopold erzählt, die sie seit langem begleitet. Judith hat diese Geschichte aufgeschrieben – ein emanzipatorischer Akt, der die Kerstin hinter der Schlagzeile zeigt.

Im Interview sprechen wir mit Judith über die Entstehung von „Kerstin unscripted“, Kerstins vielschichtige Persönlichkeit, den Umgang mit sensiblen Themen wie Gewalt und Missbrauch sowie die Relevanz ihrer Geschichte für uns alle.

Kerstin kennen viele aus „Teenager werden Mütter“ als Person aus dem „Trash TV“, als eine Person des öffentlichen Lebens. Wie oder als wen kennst du Kerstin?

Am Anfang des Buches nenne ich sie Rockstar-Elfe, weil sie viele Seiten hat: Kerstin ist ein bisserl verrückt, ziemlich chaotisch, wie sie sich oft selber beschreibt, dazu verpeilt, lustig. So kommt sie auch bei „Teenager werden Mütter“ rüber. Aber sie hat auch noch ganz andere Seiten, die nicht so grell sind. Ich habe sie in den letzten Jahren als liebevoll, verzeihend, reflektiert und tief empathisch für Familie und Menschen in ihrer Umgebung erlebt. Öfter schien sie mir durch ihre Ansichten und Werte vernünftiger als viel älteren Menschen in ihrem Umfeld. Aber: Wenn ihr etwas gegen den Strich geht, sie zum Beispiel im Netz gehated wird, kann sie auch aufdrehen und sehr wütend werden. Das ist aber bis zu einem gewissen Grad auch eine wichtige, sehr gesunde Reaktion.

 

Schon der Titel „Kerstin unscripted“ deutet darauf hin, dass das Buch eben keine Standardbiografie sein soll, sondern hinter die Kulissen, hinter die Schlagzeilen blicken möchte. Wie bist du auf die Idee gekommen, so ein Buch zu schreiben? Was war dir besonders wichtig bei diesem Buch und warum braucht es genau dieses Buch?

Kerstin und ich kennen uns flüchtig seit vielen Jahren, weil ich immer wieder Storys über sie und die Show gebracht habe in meiner redaktionellen Tätigkeit für eine große Tageszeitung. Vor einiger Zeit hat sie den Wunsch geäußert, ihre Geschichte umfassend zu erzählen. In Buchform! Sofort war klar, dass wir das miteinander machen wollen. Warum? Weil ich selber sehr neugierig war und hinter die Fassade dieser Frau schauen wollte. Mich hat schon lange interessiert, wer sie wirklich ist. In „Teenager werden Mütter“ hat Kerstin immer wieder kleine Details ihrer Vergangenheit preisgegeben. Dass sie als Kind im Heim war, dass es mit ihren Eltern schwierig gelaufen ist, wie viel Gewalt sie erfahren hat, dass sie als Jugendliche auf der Straße gelandet ist. All diese Themen, wie sie sie geschildert hat, fast nebenbei, das hat etwas mit mir gemacht. Da wollte ich wissen, wie diese junge Frau es von so weit unten wieder hinaufgeschafft hat.

Das ist auch der Grund, warum es dieses Buch dringend braucht: Durch persönliche Geschichten werden uns Erlebnisse, die viele Menschen betreffen, nähergebracht. Wir schauen hin, wo wir sonst lieber ausblenden, weil es weh tut oder unangenehm ist. Ich kenne das selbst auch, sich einzulassen holt uns aus der Komfortzone raus, in der wir doch gerne gemütlich verharren wollen. Aber andere Lebensrealitäten kennenzulernen hilft uns, Empathie für jene Menschen zu empfinden, die wir nicht kennen, die es aber auch gibt. Geschichten wie jene von Kerstin – wie wir uns sehr wünschen würden – schärfen unseren Blick auf das, wo wir hinschauen sollten: Gewalt, Not, Bedürftigkeit. Und sehend durch die Welt zu gehen, mehr wahrzunehmen, was um uns passiert, das ist der erste Schritt, etwas besser zu machen.

Das Buch befasst sich mit Themen wie (Macht-)Missbrauch und mit traumatischen Ereignissen. Wie war der Entstehungsprozess des Buches, die dazugehörenden Gespräche mit Kerstin und das Niederschreiben für dich? Gab es Besonderheiten oder Herausforderungen im Schreibprozess und worauf musstest du spezifisch achten?

Für mich hat das Projekt so richtig angefangen mit der prall gefüllten, schweren blauen Ringmappe, in der Kerstin alle medizinischen Unterlagen, Berichte von Psycholog*innen, Briefe und Protokolle vom Jugendamt und ihren Heimaufenthalten gesammelt hat. Die hat sie mir eines schönen Frühlingstages rübergeschoben und gemeint: „Das nimmst jetzt mit.“ Ohne den geringsten Zweifel hat sie mir in dem Moment große Stücke ihres Lebens überlassen. Ich habe sie genommen, und da wussten wir beide: Wir können und wollen einander vertrauen.

Diese Unterlagen, wo ich plötzlich von tiefgehenden Schwierigkeiten in der Kindheit gelesen habe oder Medikamentengaben, von Familienaufstellungen oder Tagebucheinträgen, waren oft Ausgangspunkt für unsere zahlreichen Gespräche. Das war in Summe sehr herausfordernd für mich, weil vieles an Kerstins Leben mich tief berührt hat. Ich musste darauf achten, immer wieder Pausen einzulegen, damit ich die nötige Distanz und Objektivität, die es für ein solches Projekt auch braucht, nicht verliere. Besonders wichtig war für mich von der ersten bis zur letzten Zeile, Kerstin gerecht zu werden, sie bestmöglich einzufangen, Zusammenhänge zu erklären und in Perspektive zu setzen. Da waren auch alle vom Verlag mehr als hilfreich und haben mich in allen Punkten unterstützt.

 

Kerstins Erzählungen werden immer wieder mit Einschüben ergänzt, in denen Expert*innen das Geschehene einordnen und auch versuchen, es zu erklären. Wie war es für dich, zusätzlich eine außenstehende Perspektive auf die Geschehnisse einzubinden? Ist es dir schwergefallen, diese Einordnungen beziehungsweise Erklärungen mit Kerstins Geschichte zu verknüpfen?

Jede einzelne Expert*inneneinschätzung hat dem Projekt sehr gutgetan und ich bin dankbar, dass fast alle, die ich dabeihaben wollte, gleich mitgemacht haben. Yvonne Widler und Agota Lavoyers Expertisen zum Thema Gewaltstrukturen zeigen zum Beispiel deutlich: Kerstin ist nicht die einzige Frau, die Gewalt so oder ähnlich erlebt hat. Es ist schauderhaft, wie sehr sich Schicksale wiederholen können, wie viel wir über Opferschutz wissen und doch zu wenig verhindern können.

Die Verknüpfungen zwischen Kerstins Leben und einem großen Ganzen waren sehr wichtig für das Buch. Schwergefallen ist mir interessanterweise, dass ich an manchen Stellen fast zu detailliert gedacht habe. Gerne noch mehr und weiter erforscht hätte, wie Kerstins Leben anders laufen hätte können. Lösungen finden. Doch auch das ist wichtig, den roten Faden, die eigentliche Mission nicht aus den Augen zu verlieren. Und das ist: Kerstins Geschichte zu erzählen.

 

Im Buch lesen wir folgende Stelle:

„Diese Geschichte, die ich erlebt habe, ist nicht nur meine alleine. Die Details sind meine persönlichen Erlebnisse. Aber das große, beängstigende Ganze ist etwas, das viele Frauen erleben. Tagtäglich. Junge, alte, reiche, arme, komplett wurscht, wie sie ausschauen, wer sie sind, wo sie im Leben stehen. Es kann alle treffen. Ich rede von Gewalt. In allen grausigen Facetten: Körperlich, psychisch. Schläge, Watschen, Tritte, Würgerei, Beschimpfungen, Anschreierei, Niedermachen. Meine Geschichte ist eine von vielen. Und ja, leider auch eine von vielen, die nicht verhindert wurde. Nicht von mir selbst, nicht von anderen. Denn die Gewalt, die mir ein Mann antat, die fand nicht (nur) im stillen Kämmerlein statt. Sondern auch oft genug auf der Straße, in einer U-Bahn-Station, vor Zeug:innen.“

Was muss sich in der Gesellschaft ändern, damit Frauen mehr gehört werden, damit ihnen geglaubt wird, damit sie geschützt werden?

Darauf würde ich gerne die ultimative Antwort haben, die ich, SPOILER, leider nicht habe. Aber: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir viel für unsere eigenen Leben mitnehmen können, wenn wir einander zuhören, wenn wir offen sind für die Geschichten und Erlebnisse anderer Menschen. Besonders auch, wenn es sich um andere Lebensrealitäten dreht. Das kann ein Beginn sein: offen zuhören, ohne Erwartungen zu haben, das Gehörte wirken lassen. Manche Strukturen, wenn es zum Beispiel um Gewalt geht, werden uns immer wieder begegnen. Die Ähnlichkeiten sind erschreckend. Und dann sollte irgendwann der Punkt kommen, an dem sich die Frage stellt: Wie gehe ich damit um, was kann ich in meinem Umfeld ändern? Es ist, wie die Expertinnen Yvonne Widler und Agota Layover im Buch sagen: Es muss ein strukturelles Umdenken stattfinden. Mit den Männern und nicht gegen sie. Das kann bei unseren Söhnen anfangen, denen wir Empathie lehren und nicht nur vorleben, ein „hoarter Kerl“ zu sein. Das kann in der Schule sein, dass wir einfordern, Rollenklischees stärker aufzubrechen. Und ja, es muss auch immer wieder die Forderung an unsere Politik sein, dass Frauen Männern gleichgestellt werden, die Care-Arbeit aufgeteilt wird. Wir müssen zusammen Verantwortung tragen und nicht nach Geschlecht einteilen.

 

Beim Lesen wird auch deutlich, dass Kerstin trotz alldem, was ihr widerfahren ist, hoffnungsvoll geblieben ist. Das zeigt diese Stelle sehr eindrücklich:

„Mit wild klopfendem Herzen setze ich mich neben den Schienen ins Gras und spüre deutlicher als je zuvor, dass ich leben will! Ich will dieses Leben genießen, Freude haben, ich will alle Facetten erleben, ich will mich verlieben, will vielleicht einmal eine Familie gründen, etwas Sinnvolles anfangen mit meinem Dasein. Das ist mein Pakt mit mir selbst in dieser kühlen Nacht, unter den Sternen, als der Zug längst vorbeigefahren ist an mir und ich dort bin, wo ich hingehöre: im Leben. Kurz denke ich noch nach über meine Gefühle, die mich fast überwältigt hätten. Die Gedanken sausen mir noch immer durch den Kopf, aber es gelingt mir, ein bisschen stiller zu werden. Vielleicht schaffe ich das jeden Tag, nehme ich mir vor, ein bisschen mehr Stille im Kopf und in meinem Herzen, Ruhe und, wenn ich Glück habe, etwas Zufriedenheit zu fühlen. Nach einer Weile breche ich auf, erfüllt von diesen neuen Vorhaben und mit Bildern einer Zukunft, die ich mir erträume. Ein Mann in meinem Leben, der mich sehr gern hat, Kinder und ein Zuhause, in dem ich mich wirklich angekommen fühlen kann. Und singen will ich! So laut, dass alle mich hören können!“

Was ist für dich die wichtigste Botschaft, die wir aus Kerstins Geschichte mitnehmen sollten?

Eine wichtige, für mich sehr kraftvolle Botschaft aus Kerstins Geschichte ist, dass wir für unser Leben immer wieder kämpfen sollten, auch in harten Zeiten, denn es zahlt sich aus. Wir wissen nicht, ob es morgen oder nächste Woche nicht schon besser läuft! Positiv bleiben, auch wenn es schwerfällt; andere Menschen unterstützen, wenn diese es zurzeit nicht leicht haben. Für mich ist Kerstins Geschichte eine tief Menschliche, aus der viele Menschen (hoffentlich) etwas mitnehmen können. Ich habe mitgenommen, dass man auch ganz unten zumindest immer noch sich selber hat und vielleicht ein bisserl Humor, um schwere Zeiten zu ertragen.


Über Machtmissbrauch, Resilienz und den Menschen, der hinter der Schlagzeile steht: Kerstin

Kerstin spricht über die unzähligen Momente, in denen sie stark sein musste, sich allein fühlte, über die Momente, in denen sie trotz allem optimistisch in die Zukunft blickte. Leser*innen lernen die Kerstin hinter der Kulisse – hinter der Schlagzeile – kennen. Kerstins Ziel: Jenen Hoffnung zu geben, die nicht mehr weiterwissen, und eine Stimme zu sein für die, die keine eigene haben. Das hier ist ihre Geschichte.

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„Aus Katzensicht ergeben viele Dinge überhaupt keinen Sinn und es ist schön, zu merken, wie viel Unsinn im Alltag ist.“ – ein Interview mit Fabian Navarro

Mit Fabian Navarro bereichert ein neuer Krimiautor unseren Verlag. Und der hat es in sich! Denn Fabian Navarro lässt uns die Welt direkt aus einer bisher unbekannten Perspektive betrachten – aus Katzensicht. 

Miez Marple heißt die tierische Ermittlerin, die die Ära eines neuen Genres einläutet. Neben Cosy ist Crime jetzt nämlich auch Cuddly. Aber die flauschigen Umstände sollen nicht von den Tatsachen ablenken: Natürlich wird auch gemordet. Im Tierhotel Bellagio, in dem Miez Marple (unfreiwillig) zum Urlaub machen untergebracht wird, kommt eine Showkatze der Schnurrhaar-Diva Meredith ums Leben. Und der Mörder oder die Mörderin scheint direkt aus der bunt zusammengewürfelten Gemeinschaft verwöhnter Haustiere im Luxushotel zu sein! Oder kommt das Böse doch aus dem tiefen, dunklen Wald nebenan?

In diesem Magazinbeitrag kannst du alles über Miez Marple und Fabian Navarro erfahren. Wir sprechen mit dem Autor über seinen neuen Krimi und die Inspiration für Miez Marple, erfahren, was Poetry Slam mit dem Schreibprozess zu tun hatte und finden heraus, ob der Autor nun lieber Musik von Florian Silberschweif oder von Merediths Menschenfrau hört.

 

Lieber Fabian, du bist neu bei Haymon Krimi. Wer bist du und was machst du? Bitte stell dich einmal vor.

Mein Name ist Fabian Navarro, ich bin Autor, Slam Poet und Moderator und ich habe zwei Katzenkrimis und jetzt einen weiteren geschrieben. Der dritte Teil meiner Buchreihe Miez Marple erscheint jetzt im Haymon Verlag und ich freue mich schon. Es ist tatsächlich ein Krimi, in dem eine Katze Fälle löst.

 

Du bist, wie du selbst sagst, auch Poetry Slammer. Beeinflusst das dein Schreiben?

Ja, das Auftreten hat auf jeden Fall ganz viel von dem geprägt, wie ich schreibe. Ich muss schon beim Schreiben den Text eigentlich immer laut lesen, damit er für mich überhaupt funktioniert. Das schönste Feedback, was ich dazu bekommen habe, war mal auf einer Buchmesse, auf der Buch Wien. Da kam ein Mann zu mir und meinte, dass meine Bücher sehr gut zum Vorlesen geeignet sind, und das war ein schönes Kompliment. Ich finde das übrigens auch.

Auf deinem Instagram lesen wir: „I put the miau in Krimiautor“ – woher kam die Idee, Katzenkrimis zu schreiben?

Die Idee zu Miez Marple hat eine relativ lange Vorgeschichte. Ich hatte lange Zeit eine Lesebühne, offiziell existiert sie sogar immer noch. Diese Lesebühne fand monatlich in Hamburg statt. Ich war aber schon in Wien, wo ich seit 2016 wohne, und bin dann monatlich dort hingefahren und wir haben unsere Texte präsentiert. Anders als beim Slam gibt es dort keinen Wettbewerb, aber es gibt ein Spiel mit dem Publikum, bei dem das Publikum Wörter geben darf.

Der erste Teil der Katzenkrimireihe war nicht mal als Buch angelegt, sondern als wirklich kurzer Lesebühnentext. Ich habe Wörter bekommen, nämlich Inhalator, Knabenkörper, Duschvorhang und ein Viertes, das mir nicht einfällt. Mit diesen vier Wörtern sollte ich einen Text schreiben und mein lieber, werter, geschätzter Herr Hinnerk Köhn hat dann gesagt, dass es doch super wäre, wenn ich dazu einen Katzenkrimi schreiben würde.

Er hat gedacht, er würgt mir damit ein Genre rein, das mir überhaupt nicht liegt oder das sehr schwierig ist. Aber dann habe ich mich da reingefuchst und habe so viel geschrieben, dass ich bis zum nächsten Mal extrem viel Text hatte. Und dann hatte ich irgendwann so viel Material dafür, weil ich in dieser Idee sehr aufgegangen bin, dass fast ein Buch da war.

Es war 2020, als ich das erste Mal daraus lesen wollte. Das war ein schlechter Zeitpunkt, um Lesungen zu machen. Darüber hat mich dann aber die Agentin einer Agentur entdeckt und gefragt, ob ich nicht das Buch realisieren will. Ich habe zugesagt, schließlich waren mir gerade 120 Auftritte ausgefallen und ich hatte Zeit.

So ist der erste Teil entstanden und seither läuft diese Serie.

 

Wie ist es für dich, die Perspektive einer Katze einzunehmen und in ihre Gedankenwelt einzutauchen?

Es macht wahnsinnig viel Spaß. Wenn man Tierperspektiven einnimmt, ist es einfach ein Außenblick auf das Menschsein und das mag ich total gerne, weil ich Eigenheiten von mir und von Mitmenschen aus einem anderen Blickwinkel entdecke. Aus Katzensicht ergeben dann viele Dinge überhaupt keinen Sinn und es ist schön, zu merken, wie viel Unsinn im Alltag ist.

Auch, wenn der Katzenkrimi auf den ersten Blick vielleicht ein unsinniges und sogar unseriöses Genre ist, gebe ich ihm sehr viel Liebe. Und ich glaube, das Genre versucht, sich innerhalb seines Formats auch selbst ernst zu nehmen.

Gerade deswegen macht es auch einfach sehr viel Spaß, das Tier selbst ernst zu nehmen. Man kommt nicht drumherum, das auf eine gewisse Art und Weise zu vermenschlichen, weil ich nicht aus meinem Menschenkopf raus kann. Aber der Versuch macht unheimlich viel Spaß, weil es ganz viele neue Gedanken öffnet.

 

In Miez Marple lesen wir unter anderem von Stockenten, die sich an der Börse mit einem fallenden Dachs herumschlagen müssen, von Florian Silberschweif und Meredith, deren Menschenfrau eine amerikanische Sängerin auf Stadiontour ist. Woher nimmst du deine popkulturelle Inspiration, gehst du mit tierischen Augen durch den Alltag?

Ich würde nicht sagen, dass ich mit tierischen Augen durch den Alltag gehe, aber ich kann eben nur das beschreiben, was ich kenne. Mein Kopf ist voll mit Popkultur und mit Literatur und mit allen Sachen, die mich begeistern. Dann passiert es einfach, dass meine Figuren ganz zufällig auch von solchen Sachen begeistert sind und dass diese in der einen oder anderen Form dann auch wieder auftauchen.

Ich finde es eigentlich immer schön, bei anderen Autor*innen auch zu entdecken, wohin deren Fühler ausgestreckt sind, was sie sehen und was sie konsumieren. Wenn ich dann irgendwo Anspielungen auf etwas sehe, habe ich manchmal auch direkt eine Verbindung mit anderen Autor*innen, weil ich dann zum Beispiel sehe, dass da ein Zitat von Taylor Swift ist, das ich kenne. Und dann freue ich mich.

 

Apropos – was hörst du lieber, die Musik von Florian Silberschweif oder die von Merediths Menschenfrau?

Also ich würde schon auf jeden Fall die von Merediths Menschenfrau hören.

 

Kommen wir nun zu deinem neuen Buch. Bitte beschreibe uns dein Buch kurz und knackig in deinen eigenen Worten. Um was geht’s, was passiert (ohne Spoiler!)?

Miez Marple macht Urlaub beziehungsweise wird zum Urlaub machen gezwungen in einem Tierhotel. Und in diesem Tierhotel gibt es ganz viele verschiedene, versnobbte Tiere. Miez Marple will eigentlich nach einer kurzen Zeit dann wirklich Urlaub machen. Aber dann passiert natürlich ein Verbrechen.

In der Miez Marple Serie versuche ich, alle Krimi-Subgenres durchzugehen. Im ersten war es eher ein Thriller, der zweite arbeitet teilweise mit Horrorelementen. Diese Serie wird oft als Cozy Crime vermarktet. Aber ich glaube, dieser Teil ist der erste wirkliche Cozy Crime, oder zumindest der erste Krimi in einem Cozy Setting. Die Krimis sind überraschenderweise häufig dann doch eher für Erwachsene, als man es vielleicht im ersten Moment denkt. In diesem Buch gibt es eine Reihe von Verdächtigen in einem Closed-Circle-Mystery und man muss herausfinden, wer von den ganzen Tieren es getan haben könnte.

 

Du hast auch selber Katzen. Steckt etwas von ihnen in Miez Marple oder umgekehrt? Und: Wer ist überhaupt Miez Marple und was macht sie aus?

Miez Marple ist eine Katze, die ein bisschen auf der ersten Katze basiert, die ich hatte. Ich wollte als Kind immer Haustiere, aber zu Hause durften wir keine Haustiere haben. Dann war ich erwachsen und hatte Erwachsenengeld und dann habe ich ein Haustier geholt. Mit dieser Katze habe ich dann relativ viel erlebt. Sie war auch ein bisschen die Inspiration für die Kurzgeschichten, die ich am Anfang geschrieben habe, aus denen dann der Roman entstanden ist. Deswegen wird Miez Marple für mich immer ein Teil von dieser einen Katze sein.

Miez Marple hat auch sehr viel Anleihen von verschiedenen Personen. Einige sogar von mir, ich habe mich stellenweise selbst reingeschrieben, aber auch von anderen Menschen. Da vermischt sich ganz viel in Miez Marple. Und sie hat ein Eigenleben. Sie ist sehr eigensinnig, wie Katzen halt so sind.

 

Wie bist du auf das Setting in einem Tierhotel gekommen? Warst du mit deinen Katzen selbst schon in so einem Hotel?

Ich war noch nie in einem Tierhotel. Aber ich habe mir das ungefähr so vorgestellt. Mittlerweile weigere ich mich auch, anzunehmen, dass es anders läuft als in dem Buch, das ich geschrieben habe.

Ich kenne Bekannte, die ihre Tiere in Tierhotels unterbringen. Ich weiß von einer Person, die ihre Schildkröte regelmäßig zum Einfrieren in so ein Tierhotel gebracht hat, was ich extrem witzig finde. Ich war also selbst noch nie da, aber ich würde mir das gerne mal anschauen.

Falls die Tierhotels hier draußen mitlesen, ich mache auch Lesungen! (Anm. der Red.: Anfragen gerne an [email protected])

 

Miez Marple hat jetzt in der Stadt und auf dem Land ermittelt. Wohin geht es als nächstes?

Da ich in Miez Marple jetzt mehrere Krimi-Genres verarbeitet habe, nämlich Thriller, Horror und ein bisschen Cozy Crime, soll der nächste Teil dann ein Heist sein. Miez Marple wird gezwungen sein, irgendwo einzubrechen. Sie muss ein Team zusammenstellen aus Figuren, die in den früheren Büchern vorkamen und aus anderen Figuren, um entweder irgendwo reinzukommen oder etwas zu stehlen. Das stelle ich mir als nächstes auf jeden Fall vor.

Wir haben schon relativ viel überlegt, wo es noch hingehen könnte. Vielleicht soll es irgendwann ins Weltall gehen oder auf ein Schiff oder in den Zoo. Es gibt noch sehr viele Möglichkeiten. Ich habe drei, vier verschiedene Ideen für weitere Fälle. Die Buchreihe kann auf jeden Fall meiner Meinung nach noch weitergehen.

 


Lust auf Cuddly Crime?

In ihrem fellsträubenden dritten Fall braucht die flauschige Ermittlerin Miez Marple all ihren Verstand, der noch um einiges schärfer ist als ihre Krallen. Denn in „Die Tatze der Verdammnis“ trifft eine große Portion Sprachwitz auf modern interpretierten Detektivroman und knifflige Rätsel: Krimi-Vergnügen mit Flausch, Fauchen und Federball! Für dieses Leseabenteuer packen wir zudem Pfeife und Trenchcoat ein, denn zwischen Katzenbesitzerin Agathe Christiansen und Schlagerkater Florian Silberschweif erwarten uns schillernde Referenzen aus Kriminalliteratur und Popkultur. Fabian Navarro nimmt uns nicht nur mit ins außergewöhnliche Hotel Bellagio, sondern in eine Gesellschaft, in der Tiere im Zentrum stehen und Menschen als Dosenöffner*innen und Streichel-Expert*innen fungieren.

Erhältlich online und überall, wo es Bücher gibt.

„Menschen können nicht gut klettern und behandeln ihre Umwelt dennoch von oben herab.“ – das exklusive Interview mit Stardetektivin Miez Marple

Im Tierhotel Bellagio ist nichts so flauschig, wie es scheint. Zwischen beheizten Fensterbänken, glänzenden Näpfen und einer illustren Gästeschar (bestehend aus Diva-Katzen, ehrgeizigen Showstars und sogar einer Pfeilgiftfrosch-Dynastie) liegt plötzlich ein Mordverdacht in der Luft. Miez Marple, die berühmteste Spürnase der Stadt, lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Mit scharfen Krallen und Verstand sowie einer Prise Lyrik jagt sie den Täter, jongliert geschickt zwischen Klatsch, Katzentratsch und kniffligen Rätseln und behält dabei stets die Oberpfote.

Wir konnten die Stardetektivin für ein exklusives Interview gewinnen und sprechen mit ihr über ihre geheimen Ermittlungswerkzeuge, die Herausforderungen, zwischen Urlaub und Tatort den Überblick zu behalten, und natürlich ihren aktuellen Fall, den es übrigens auch hier zum Nachlesen gibt.

Liebe Miez Marple, dein Name ist in Ermittler*innenkreisen längst kein Geheimnis mehr. Welcher deiner bisherigen Fälle war der spektakulärste und warum?

Na, Sie streicheln auch ohne zu fragen, oder? Ich wusste nicht, dass wir bereits beim „Du“ sind. Aber nun gut: Neben meinem Comeback vor einigen Jahren, bei dem ich unter anderem die Entführung von Schlagerkater Florian Silberschweif aufdeckte, gab es noch etliche Fälle, die mir das Fell haben buschig werden lassen. Aber auch mein letzter Aufenthalt im Tierhotel Bellagio entpuppte sich überraschenderweise als ein tödliches Abenteuer.

 

Wenn du ehrlich bist: Was ist dein bestes Ermittlungswerkzeug – deine Krallen, dein Verstand oder dein Instinkt?

Immer jenes, das zuletzt an kniffligen Fällen, brenzlichen Situationen oder Möbelstücken geschärft wurde.

Bist du der Meinung, dass Tiere die besseren Ermittler*innen sind als Menschen? Was würdest du uns Menschen als Tipp mitgeben?

Das ist offensichtlich eine humoristische Frage. Menschen können nicht gut klettern und behandeln ihre Umwelt dennoch von oben herab – das wird ihnen oft zum Verhängnis.

 

Du bist nicht nur Detektivin, sondern auch eine begnadete Lyrikerin. Haben dich manche Verbrechen zu Gedichten inspiriert? Und hilft dir das Schreiben vielleicht sogar beim Lösen deiner Fälle?

Ich pflege stets zu sagen, dass Lyrik und Verbrechen sich in gewisser Weise ähneln. Es gibt Motive, rätselhafte Verbindungen und bei beiden geht es stets um Leben und Tod.

 

Eine Frage abseits deiner Arbeit: Wenn du einmal nicht im Einsatz bist – wie sieht für dich der perfekte Tag aus?

Ich bin eine genügsame Katze. Geben Sie mir einen prasselnden Ofen, einen vollen Napf sowie eine saubere Katzentoilette und vielleicht eine Vase, die nah an der Tischkante steht, und ich bin glücklich.

 

Kommen wir zu deinem aktuellen Fall: Was ging dir durch den Kopf, als du im Tierhotel Bellagio eingecheckt hast – „Luxusurlaub“ oder „Tatort in spe“?

Dass sich die Ereignisse derartig überschlagen, hat mich schon überrascht. Eigentlich handelt es sich bei diesem Landstrich um eine friedliche Gegend. Aber genau dort liegt der Hund begraben: in Städten erwarten wir, dass jederzeit Gewalt losbricht. Am Land hingegen werden wir auf kalter Pfote erwischt.

 

Im Bellagio hast du das Who-is-Who der Haustiergesellschaft getroffen. Mit wem hast du dich am liebsten ausgetauscht und wer hätte dir besser aus dem Weg gehen sollen?

Um ehrlich zu sein gebe ich mich mittlerweile lieber mit Katzen ab, denen der Napf nicht überall hin nachgetragen wird. Katzen, die das Jagen verlernen, tendieren dazu, die Lebensrealitäten von anderen Tieren abzuwerten.

 

In diesem Fall hattest du Unterstützung von Florian Silberschweif. Arbeitest du lieber Seite an Seite mit anderen oder gehst du Ermittlungen grundsätzlich am liebsten allein an?

Meine Rechtsberatung hat mir davon abgeraten, eine Stellungnahme zu Florian Silberschweif abzugeben.

 

Deine Abenteuer – einschließlich des neuesten Falls im Bellagio – werden bekanntlich von Fabian Navarro in Büchern festgehalten. Wie fühlt es sich an, wenn deine Ermittlungen schwarz auf weiß für alle nachzulesen sind?

Wer soll das sein? Kenn ich nicht, tut mir leid.

 

Zum Abschluss: Planst du jetzt eine echte Auszeit nach diesem Urlaub, der sich als alles andere als erholsam herausgestellt hat oder wartet schon der nächste Fall auf dich?

Über laufende Ermittlungen wird nicht miaut, wie Sie wissen. Aber selbstverständlich gibt es wieder alle Pfoten voll zu tun.

 

© Martina Pellecchia (Instagram: marti.menta)

 


Miez Marples aktueller Fall zum Nachlesen

In ihrem fellsträubenden dritten Fall braucht die flauschige Ermittlerin Miez Marple all ihren Verstand, der noch um einiges schärfer ist als ihre Krallen. Denn in „Die Tatze der Verdammnis“ trifft eine große Portion Sprachwitz auf modern interpretierten Detektivroman und knifflige Rätsel: Krimi-Vergnügen mit Flausch, Fauchen und Federball! Für dieses Leseabenteuer packen wir zudem Pfeife und Trenchcoat ein, denn zwischen Katzenbesitzerin Agathe Christiansen und Schlagerkater Florian Silberschweif erwarten uns schillernde Referenzen aus Kriminalliteratur und Popkultur. Fabian Navarro nimmt uns nicht nur mit ins außergewöhnliche Hotel Bellagio, sondern in eine Gesellschaft, in der Tiere im Zentrum stehen und Menschen als Dosenöffner*innen und Streichel-Expert*innen fungieren.

Erhältlich online und überall, wo es Bücher gibt.

„Würde darf keine Option sein, sondern muss zum Standard werden“ – ein Interview mit Johanna Maria Brix und Bianca-Karla Itariu

Faul, schwach, undiszipliniert – das sind nur einige der gängigen Vorurteile gegenüber mehrgewichtigen Menschen. Fettfeindlichkeit gehört zu ihrem Alltag und macht auch vor der Medizin nicht halt. Dicke Patient*innen werden stigmatisiert, ihre Beschwerden vorschnell aufs Gewicht reduziert, ihre Behandlung verzögert oder verweigert.

Genau hier setzen die Ärztinnen und Autorinnen Dr. Johanna Maria Brix und Dr. Bianca-Karla Itariu an. In ihrem Buch „Das Gewicht unserer Körper“ und diesem Interview berichten sie von alltäglichen Szenen im Behandlungszimmer, von strukturellen Barrieren und von einer Medizin, die Betroffene zu oft im Stich lässt. Sie fordern: Wir müssen lernen, dicke Körper nicht als Defizit, sondern als Teil menschlicher Vielfalt zu begreifen – und endlich eine Gesundheitsversorgung schaffen, die evidenzbasiert, respektvoll und diskriminierungsfrei ist.

 

Ihr beide seid Ärztinnen und habt auch beide schon viele wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht. Wie war es für euch, das Genre zu wechseln und ein Sachbuch zu schreiben? Wie lief der Entstehungsprozess ab?

Bianca-Karla: Mein erstes Sachbuch war „Schlank auf Rezept: Die Abnehmrevolution” (mit Dr. Siegfried Meryn, erschienen bei edition a, 2023). Die Arbeit daran war so bereichernd, dass ich Lust auf mehr bekam. Als die Verlagsleitung des Haymon Verlags, Katharina Schaller, mich fragte, ob ich ein weiteres Buch schreiben möchte, war mir klar: Wie in der Wissenschaft wollte ich eine Partnerin. Ich bat Johanna, Co-Autorin zu sein. Der Prozess dauerte länger als geplant. Zwischendurch hatten wir Phasen der Hoffnungslosigkeit, da wir in der Versorgung täglich miterleben, wie Patient*innen enttäuscht und verletzt werden. Es war fordernd, das auszuhalten und trotzdem an einem empathischen, lösungsorientierten Buch zu arbeiten. Getragen hat uns der Glaube an Menschlichkeit und die Kraft von Wissen, Sprache und Strukturveränderung.

Johanna:  Für mich war es weniger ein Bruch als eine Erweiterung. In Papers schreibe ich für Kolleg*innen, im Buch hingegen für Betroffene, Behandelnde und die Öffentlichkeit. Das heißt: präzise, evidenzbasiert, aber dennoch zugänglich. Viele Kapitel begannen als klinische Beobachtungen und entwickelten sich zu Brücken aus Evidenz, Geschichte und konkreten Forderungen. Das hat meiner „inneren Logistikerin“ gefallen: Am Ende muss alles da sein – nachvollziehbar, geordnet und nützlich. Während des Entstehens gab es aber auch viele Teile, die im Lektorat wieder rausgenommen werden mussten, weil sie zu weit führen würden für dieses Buch. Mir ist aber beim Schreiben daran klar geworden, wie wichtig mir noch viele andere Punkte sind.

 

Ihr habt euch unter anderem auf Adipositas, Endokrinologie und Diabetologie spezialisiert. Was hat euch an diesen Fachbereichen besonders interessiert, und welchen Einfluss hatten eure Erfahrungen mit Körpernormen darauf?

Bianca-Karla: Meine geliebte Großmutter war sehr dick. Als Kind habe ich durch ihre gelebte Erfahrung mitbekommen, welche Einschränkungen durch Körpergewicht entstehen können. In beiden Büchern kommt sie vor. Ob diese Erfahrung meine Entscheidung beeinflusst hat, Endokrinologin zu werden, weiß ich nicht. Während meines Studiums lernte ich allerdings, dass Fett kein träges Depot ist, sondern ein hochaktives Organ, was ich unglaublich faszinierend fand. Fettzellen produzieren Hormone und Zytokine und stehen in Kommunikation mit Gehirn, Gefäßen, Leber und Pankreas. Das verändert auch den Blick auf Körpernormen. Wenn Fettgewebe das Stoffwechselgeschehen maßgeblich steuert, ist das moralische Urteilen über Körperformen nicht nur verletzend, sondern auch unwissenschaftlich. Schon als Schülerin fand ich die Endokrinologie faszinierend, da eine Freundin meiner Mutter Endokrinologin war. In diesem Fachgebiet treffen Biologie, Gesellschaft und individuelle Lebenswege aufeinander – fernab von Schuldzuweisungen.

Johanna: Eigentlich hat mich die Diabetologie durch Zufall gefunden: Es war eine ausgeschriebene Stelle, für die ich erst zweite Wahl war.  Ich wollte aber immer Innere Medizin machen, weil mich bis heute sehr fasziniert, wie fein wir an Schrauben drehen und im Körper damit Prozesse ändern bzw. im besten Fall verbessern können. Daher bin ich heute sehr dankbar dafür. Gerade Adipositas zeigt, wie wenig einfache Parolen wie „weniger essen, mehr bewegen” bewirken. Wenn es so simpel wäre, hätten wir die Trendwende längst geschafft. So wie beinahe überall gilt: Es gibt keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme, und die Erkrankung Adipositas ist viel komplexer als die meisten Menschen glauben.  Im Alltag erlebe ich immer wieder, wie stark Körpernormen Diagnosen verzerren. Knie- oder Migränebeschwerden werden beispielsweise vorschnell aufs Gewicht geschoben. Dabei verdienen Patient*innen es, dass ihre Probleme ernst genommen werden – und zwar unabhängig von der Zahl auf der Waage. Genau das ist für mich der Kern dieses Fachs: den Menschen hinter den Normen sehen und gemeinsam realistische, individuelle Therapiewege finden.

 

Euer neues Buch „Das Gewicht unserer Körper“ befasst sich mit Bodyshaming in der Medizin – es soll bewusst kein Abnehmbuch sein. Wieso braucht es genau so ein Buch?

Beide: Weil Stigmatisierung unwürdig ist und krank macht. Es verhindert Diagnosen, erschwert den Zugang zu Therapien und mindert die Lebensqualität. Zudem legitimiert es strukturelle Lücken: Es gibt keine Pfade, keine Erstattung und keinen Rechtsschutz. Wir bündeln drei Ebenen: Adipositas als chronische, multifaktorielle Erkrankung, Analyse von Diskriminierung und konkrete Hebel für eine würdige Versorgung.

 

Gab es berufliche oder persönliche Schlüsselmomente, in denen die strukturelle Diskriminierung von mehrgewichtigen Menschen für euch besonders deutlich wurde?

Bianca-Karla: Jede Interaktion mit den Chefärzt*innen ist eine Erinnerung daran. Das liegt nicht daran, dass die Kolleg*innen „böse“ wären – sie machen ihre Arbeit gründlich –, sondern daran, dass es strukturell nicht möglich ist, dass Medikamente erstattet werden, bis die Politik tätig wird und eine Gesetzesänderung bewirkt.

Johanna:  Abgesehen davon, dass Bianca mich dazu überredet hat, sind es viele kleine, wiederkehrende Szenen: Die Patientin, der in der Praxis zuerst „Nehmen Sie ab“ gesagt wird, der abgelehnte Kostenantrag trotz klarer Indikation, der OP-Termin, der vom Gewicht abhängig gemacht wird, oder das Rezept, das in der Apotheke kommentiert wird. Oder uninformierte Kommentare bei Fachtagungen. Im Längsschnitt ergibt sich daraus ein Systembild: Es geht nicht um individuelles Versagen, sondern um institutionalisierte Barrieren. Diese Summe war der Auslöser. Und vielleicht auch der Austausch mit Bianca, um den Frust, den diese Geschichten in einem auslösen, abzubauen. Bianca hatte dann die Idee, das aufzuarbeiten.

 

Euer Buch ist auch eine feministische Streitschrift: Beim Lesen stellen wir fest, dass Fettfeindlichkeit auch im Zusammenhang mit anderen Faktoren betrachtet werden muss. Wie hängen Fettfeindlichkeit und Diskriminierung im Gesundheitssystem mit anderen Diskriminierungsformen wie Misogynie, Rassismus und Klassismus zusammen?

Bianca-Karla: Diese Dinge haben wir selber beim Schreiben des Buches festgestellt, nachdem wir uns vertieft mit Fettfeindlichkeit beschäftigt haben. Fettfeindlichkeit ist ein Intersektionalitätsproblem. Frauenkörper werden stärker normiert und moralisiert, Reproduktion, Sexualität und Erscheinungsbild sind überproportional vom Patriarchat reguliert.

Johanna: Historische und aktuelle Stereotype koppeln „Dicksein“ an „Unkontrolliertheit“ und „Wertlosigkeit“ – mit realen Folgen für Diagnostik und Therapie. Rassismus spielt hier auch eine große Rolle, hinzu kommt Klassismus. Wer weniger Zeit, Geld, Wohnraum und Pausen hat, hat schlechtere Voraussetzungen für Gesundheit und weniger Zugang zu Versorgung, und wer mehrere dieser Merkmale „mitbringt“, erlebt bei gleicher medizinischer Ausgangslage häufiger eine schlechtere Behandlung. Und allein bei der Beantwortung dieser Frage ist es schwer, kurz und prägnant zu bleiben. Die öffentliche Kritik beziehungsweise Häme an der Körperform unserer Gesundheitsministerin hat mich zum Beispiel wirklich schockiert.

 

Wie können wir verlernen, Gewicht unmittelbar mit Bewertung oder einer unterstellten Idee von Gesundheit (die zudem moralisch konnotiert ist) zu verbinden?

Bianca-Karla: Das ist schwer. Denn wir bekommen es so „eingetrichtert“ und hinterfragen es kaum. Wir haben die Chance, Kindern beizubringen, dass das Menschsein in verschiedenen Körperformen erlebt wird und, dass das an sich etwas Schönes ist.

Johanna:  Ich glaube, prinzipiell zu bewerten, ist zutiefst menschlich, das passiert sehr rasch und fast immer unterbewusst. Aber wir sollten uns dann zur Ordnung rufen und das korrekt einordnen, und hier spielen unsere Sprache, aber auch Aufklärung und Bildung eine große Rolle. Es geht nicht darum, „politically correct“ zu sein, viel eher bestimmt Sprache unser Denken, und das Wort „dick“ soll nicht mit moralischer Wertung zusammenhängen. Außerdem sagt uns die Wissenschaft, dass Adipositas als neuro-metabolische Erkrankung zu begreifen ist; die Diagnose ist keine „Blickdiagnose“ mehr. Wir sollten an Evidenz glauben und nicht an irgendwelche Social Media Mythen.

Bianca: Je mehr wir die Evidenz zu Stigmafolgen kennen, können wir verstehen, dass der Fehler im gesellschaftlichen Umgang Spuren bei Betroffenen hinterlässt.

 

Was muss sich ganz konkret in den Strukturen im Alltag und in der Medizin, in der Ausbildung, im Umgang im Gesundheitswesen ändern, damit ein Bewusstsein für die häufig lebensgefährliche Diskriminierung von Mehrgewichtigen entsteht und mehrgewichtige Menschen respektiert und ernstgenommen werden?

Bianca-Karla: Wer A sagt muss auch B sagen, wer Verhaltensprävention einfordert, muss auch Verhältnisprävention ermöglichen. Wir brauchen strukturelle Veränderungen statt moralischer Appelle. Das beginnt eben bei der Verhältnisprävention: Es braucht verbindliche Standards für die Verpflegung in Schulen und Kindergärten, eine klare Lebensmittelkennzeichnung und eine Beschränkung von Werbung für Kinder. Ziel ist es, den gesunden Weg zum einfachsten zu machen. Gleichzeitig muss Adipositas endlich als chronische Erkrankung anerkannt werden, wie es in Großbritannien bereits der Fall ist, damit Therapieprogramme und deren Erstattung selbstverständlich werden. Es ist unhaltbar, dass Betroffene die Therapiekosten selbst tragen müssen, während andere chronische Krankheiten vollständig abgedeckt sind.

Johanna: In der Klinik sehe ich täglich, wie sehr Strukturen Menschen ausschließen. Blutdruckmanschetten, Betten und Stühle sind für den „Durchschnittskörper“ konzipiert – nicht für die Realität. Hinzu kommt die Ausbildung: In der Schule wird Wissen über gesunde Ernährung und Bewegung nicht vermittelt.  Ärzt*innen lernen kaum, Adipositas evidenzbasiert und ohne Stigma zu behandeln. Wir brauchen die Aufnahme der Adipositas-Medizin in der ärztlichen Ausbildung und im Medizinstudium. Auch rechtlich muss sich etwas ändern: Eine Verankerung von Gewicht als Diskriminierungsmerkmal im Gleichbehandlungsgesetz wäre ein klares Signal. Auf Systemebene sind Disease-Management-Programme für Adipositas, interdisziplinäre Zentren, ein flächendeckender Zugang zu Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie sowie zu wirksamen Medikamenten notwendig. Ich bin auch ein großer Fan der Eigenverantwortung und der mündigen Patientin oder des mündigen Patienten, aber man muss die Menschen ebenso dazu befähigen. Das geht nur durch Steigerung der Gesundheitskompetenz und die Möglichkeit von suffizienten Therapien für Betroffene – eben nicht nur für Betroffene, die sich Therapien auch leisten können. Und wenn man jetzt als Argument die angespannte finanzielle Lage anführt, so muss man ganz klar sagen, dass es zahlreiche Studien gibt, die belegen, wie rasch sich Adipositastherapie auch für den Staat „rechnet“.

Beide: Würde darf keine Option sein, sondern muss zum Standard werden – im Alltag, in der Medizin und in der Politik. Und das nicht nur, wenn es um Themen wie assistierten Suizid geht.

 


Über Bodyshaming, die historische Entwicklung von Körperidealen und eine notwendige Revolution des Gesundheitssystems

Die Autorinnen und Ärztinnen kämpfen für geeignete medizinische Behandlungen, für Anerkennung und die Zerschlagung von Fettfeindlichkeit. Für einen würdevollen Umgang, der einer humanistisch-solidarischen Gesellschaft angemessen ist. Sie beschreiben Lösungswege, Ideen zur Veränderung und Visionen, machen deutlich, warum Respekt und Mitgefühl wichtiger sind als Abnehmtipps. Denn: Ein Gesundheitssystem in Sozialstaaten darf kein Gesundheitssystem sein, in dem mehrgewichtige Personen, Frauen oder auch arme Menschen ausgeschlossen werden. Dieses Buch ist eine feministische Streitschrift, die besagt: Schluss mit der Tabuzone Fett!

Erhältlich online und überall, wo es Bücher gibt.

„Lyrik ist immer Verdichten“ – ein Interview mit Jule Weber

Wie navigiert man durch eine laute Welt voller Geräusche, Gedanken und Erinnerungen, wenn Worte oft im Chaos untergehen? Wenn sich Zeit in kleine, fast unhörbare Geräusche zerlegt?
Die Gedichte von Jule Weber erzählen vom Suchen – vom Versuch, sich selbst und das Leben zu verstehen. Dabei entstehen Texte, die mehr spüren lassen als erklären wollen. Gedichte, die von stillen Krisen, von Sehnsucht und Nähe berichten.

Ihr Lyrikdebüt  „ich zeichne meinen standort auf die haut“ klingt wie das Rauschen des Windes in einem Wald, während fern das dumpfe Dröhnen einer Autobahn zu hören ist. Zwischen diesen Gegensätzen entfaltet sich ein roter Faden, der sich nicht sofort offenbart, sondern leise spürbar bleibt.

Wir sprechen mit der Autorin über Zeilen, die man fast hätte streichen können, über den überraschenden Moment, in dem einzelne Gedichte zu einem Ganzen wurden, und über die Gewissheit, dass Lyrik nicht verstanden werden muss, um zu wirken.

Was war dein persönlicher Zugang zur Lyrik – und was hat dich letztlich dazu bewegt, selbst Gedichte zu schreiben?

Ich mag es, Sachen auf den Punkt zu bringen und Lyrik ist immer Verdichten. Dadurch entsteht die Dichtung. Für mich ist es dann ein natürlicher Prozess, dass dieses Auf-den-Punkt-Bringen, diese Verdichtung schlussendlich zu Lyrik wird.

 

Gibt es bestimmte Gefühle oder Themen, die sich wie ein roter Faden durch deinen Lyrikband ziehen?

Die gibt es auf jeden Fall. Für mich als schreibende Person gibt es diese natürlich immer nochmal auf eine ganz andere Art als für die Leute, die meine Lyrik dann später lesen. Meine Lyrik behandelt viel das Suchen, zum Beispiel danach, sich selbst zu verstehen und auch das Leben zu begreifen. Manchmal fliegt ein einzelner Vogel vorbei. Es gibt also diesen roten Faden definitiv, aber man muss ihn schon auch selber herausfinden.

© Henriette Becht

Jule Weber (* 1993) ist Lyrikerin und Podcasterin. Sie gehört zu den führenden Stimmen der deutschsprachigen Spoken-Word-Szene. Seit 15 Jahren tritt sie regelmäßig vor Publikum auf, sie gibt Schreibworkshops und ist Teil des Kollektivs „Verschwende deine Lyrik“. 2023 gewann Weber den Kampf der Künste Award als Poetin des Jahres und war Darmstädter Turmschreiberin. Ihr Lyrikdebüt offenbart das Spektrum ihrer Wortgewandtheit. Außerdem ist sie: pragmatisch, detailverliebt und chronisch zu spät.

Wenn du dir dein Buch als einen Ort oder ein Lied vorstellen müsstest – wie sähe dieser Ort aus oder wie würde es klingen?

Ich trickse bei dieser Frage ein wenig und kombiniere beides, indem ich einen Ort beschreibe und wie er klingen würde. Das Buch klingt meiner Meinung nach ein bisschen, wie wenn man in einem Wald steht und den Wind in den Bäumen hört. Aber gleichzeitig hört man in der Ferne auch eine große, laute Autobahn.

 

Gibt es eine Zeile aus deinem Buch, die dir besonders viel bedeutet? Welche?

Es gibt viele solcher Zeilen, auch ganz viele einzelne. Die, die mir am meisten bedeuten, sind nicht unbedingt Zeilen, die sofort herausstechen und bei denen man denkt, dass an ihnen viel Bedeutung hängt. Es sind viel eher Zeilen, die oft sehr versteckt sind. Häufig sind das dann auch Zeilen, die man theoretisch auch streichen hätte können. Ich hänge aber emotional zu sehr an ihnen und deshalb mussten sie beibehalten werden.

 

Muss man Lyrik „verstehen“ – oder reicht es, sie zu spüren?

Spüren reicht. Total.

 

Gab es während des Schreibprozesses einen Moment, der für dich besonders überraschend oder erkenntnisreich war, einen „Aha-Moment“?

Definitiv, dieser hat viel mit dem Gesamtbild zu tun. Einen Lyrikband schreibt man in der Regel nicht wirklich am Stück beziehungsweise linear. Viel eher ist es dann ein Kuratieren von bereits geschriebenen Gedichten. Der Aha-Moment für mich war, dass ich diese Gedichte zusammengefügt habe und dabei ein Lyrikband herausgekommen ist, der zwar die einzelnen Gedichte beinhaltet, aber gleichzeitig auch eine eigene Dramaturgie entwickelt und einen roten Faden hat. Für mich war es sehr cool, dann auch zu erkennen, dass ich auch unbewusst über längere Zeit diesen roten Faden zusammengeschrieben habe.

DIE VORZÜGE VON TRAURIGKEIT

oder: melancholie IV

ich lernte, als ich vierzehn jahre alt war,
lachen würde auf dauer zu falten führen,
falten zum verlust meiner attraktivität
und folglich zum verlust meines wertes,
ein pink umrandetes infokästchen riet mir
außerhalb sozialer situationen akribisch
auf einen neutralen ausdruck zu achten.

heute begreife ich, wie traurig mich das machte.

man sagte mir, mein schmerz sei verwertbar,
bedrückte menschen könnten besser schreiben,
kunstschaffen generell, aus dem leiden heraus,
gierig leckte man an den wunden und ich übte
gewissenhaft mein präventiv neutrales gesicht
das sichtbare unglück in den spiegelungen,
sparte mir die schönheit für harte winter auf.

Aus  „ich zeichne meinen standort auf die haut


Gedichte über das Verstehen, das Vermissen und unser Verhältnis zur Welt – und manchmal fliegt ein Vogel vorbei

Jule Webers Gedichte reflektieren die Zerbrechlichkeit des Lebens, das Streben nach Nähe, nach einem Zuhause, das nicht nur aus Wänden besteht. Sie greifen nach den Momenten, die uns ausmachen – den lärmenden, den leisen, den verlorenen und jenen, denen wir zu wenig Bedeutung beimessen. Weber schreibt von Flächen aus betretener Stille, geronnener Zeit, leisen Krisen und in uns brennenden Fragen. Ihre Lyrik spürt dem Paradoxon von sozialer Gemeinschaft und Einsamkeit nach, macht fassbar, wie das Weltgeschehen unbemerkt in unser Inneres sickert. Ein unvergesslicher Gedichtband: politisch und sprachverliebt, eigensinnig und melancholisch, zart und feministisch.

 

Online erhältlich und überall, wo es Bücher gibt.