Kategorie: Krimi

„In den Köpfen der Protagonist*innen ist es dämmrig. Gerade das ist erhellend.“ Eine Laudatio auf Manfred Rebhandl

Das Krimifest-Aufenthaltsstipendium der Tiroler Tageszeitung wurde 2021 im Rahmen des vierten Krimifest Tirol an Manfred Rebhandl verliehen. Linda Müller streute dem Autor in ihrer Laudatio rote Nelken. Auch in seinem neuen Buch „Hundert Kilo Einsamkeit“, das im April 2024 erscheint, leuchtet Manfred Rebhandl wieder in die schattigen Ecken Wiens.

Es ist nicht leicht, Manfred Rebhandl gerecht zu werden, umso schwerer in wenigen Zeilen. Denn Manfred Rebhandl ist ein Mann mit vielen Facetten, und jede ist der Rede wert. Einige davon möchte ich hier nun besonders hervorstreichen.

Manfred Rebhandl ist ein Kenner der österreichischen Seele. Und damit meine ich nicht die Wiener-Blut-summende, ballkleidtragende Opernballseele. Ich meine die dunkelsten Ecken unseres Landes und die dunkelsten Stellen in den menschlichen Köpfen, den Abschaum, das Grindige, den Schmutz, all das, was uns mindestens ebenso sehr auszeichnet wie all der Prunk. Nicht umsonst wird Rebhandl von seinen Kritiker*innen zuweilen auch „Drecksau“ genannt. Seine Bücher haben außergewöhnliche Titel, die uns schon ahnen lassen, dass hier Dinge anders laufen. Das Schwert des Ostens beispielsweise, bezugnehmend auf das Arbeitsgerät eines anatolischen Pornostars. Sie bringen die Leser*innen ins Pornokino und ins Dealer-Hinterzimmer, sie konfrontieren mit Sexismus, Rassismus und so einigen anderen unschönen -ismen. Der Fall, die Ermittlung sind da manches Mal fast zweitrangig, es geht um ein hochgradig ehrliches, um ein schonungsloses Sittenbild. Ein Sittenbild ohne Filter, ohne mahnende, einordnende Erzählstimme, direkt durch die Augen seiner Protagonist*innen. Es gibt keine Tabus. Das ist manchmal hochunterhaltsam, an anderen Stellen verstörend. Es tut weh. Und das soll es auch.

Manfred Rebhandl hat Landflucht betrieben, und zwar im doppelten Sinne. Er selbst stammt eigentlich aus Windischgarsten, lebt aber schon lange in Wien. Und nach seinem Protagonisten Biermösel, der in der Ausseer Provinz ermittelt oder es vielmehr versucht, wenn er gerade hinreichend nüchtern ist, liegt Rebhandls Fokus zur Zeit wieder beim Wiener Rock Rockenschaub. Der löst in der Hauptstadt auf alle Fälle alle Fälle, seien sie noch so grausig. Sogar dann, wenn er eigentlich viel lieber im Ottakringer Freibad chillen und die Ladies mit Sonnencreme einölen würde.

Manfred Rebhandl hat es nicht mit braven Held*innenfiguren. Seine Ermittler*innen sind keine glattgebügelten Superman-Charaktere, sie sind nicht hochintelligent und auch nicht selbstlos. Sie sind Menschen, die man vielleicht nicht unbedingt zum Freund oder zur Freundin haben wollen würde, wenn man ihnen denn begegnet. Und sich schon gar nicht einölen lassen von ihnen. Schonungslos nimmt Rebhandl uns mit in den Kopf von all den Biermösels und Rockenschaubs dieser Welt. Dort ist es dämmrig. Und trotzdem ist die Lektüre erhellend.

Manfred Rebhandl fragt nach. Für Zeitungen und Zeitschriften. In Texten und Reportagen. Bei ziemlich spannenden Menschen. So spricht er zB mit Reinhold Mitterlehner über den heiligen Sebastian, mit Stefanie Sargnagel über Penisse, mit Peter Filzmaier über Socken und mit Richard Lugner übers Duschen.

Manfred Rebhandl will in seiner Kolumne für den Standard aber auch wissen, wie es geht. Zum Beispiel von Marc, 28, der gerade sein E-Auto auflädt, und von Edith, 57, die ihr Saxophon liebt. Und von Giovanni, 65, der eigentlich gar nicht Giovanni heißt, aus Ägypten stammt und früher Pferdepfleger war. Giovanni geht es nicht gut, sein Geschäft läuft pandemiebedingt schlecht – und er vermisst das Meer.

Manfred Rebhandl grüßt mit Freundschaft! Und am Ersten Mai zieht er mit gehisster Fahne durch die Stadt. Er ist ein politischer Mensch und ebenso hellsichtiger wie urkomischer Kommentator des Tagesgeschehens.

Manfred Rebhandl hat Alter Egos. Die Lyrikerin Mariandl zum Beispiel. Textprobe:
D’Erna hot den Werna vü gerna.
Ois er sie.
Oisa waunn soi des endlich wos wern mit eahrna?
I glaub sche laungsam: Nie.

Manfred Rebhandl ist das perfekte Krawatten-Model. Das kann man nicht erklären. Man muss es sehen. Auf seiner Facebook-Seite zum Beispiel.

Manfred Rebhandl ist Vater einer Tochter. Die ist noch jugendlich. Schreibt aber auch schon. Der Papa allerdings darf ihre Texte nicht lesen. Was eventuell dafür sprechen könnte, dass sie das Skandal-Talent ihres Vaters geerbt hat. Aber das ist Spekulation.

Ich gratuliere allen Facetten von Manfred Rebhandl zum Krimifest-Aufenthaltsstipendium der Tiroler Tageszeitung!

 

Superschnüffler Rock Rockenschaub ermittelt in tattrigem Umfeld. Wie jedes Jahr versammelt er seine (Wahl-)Familie am Wiener Zentralfriedhof. Doch diesmal ist alles anders! Nicht genug, dass ein altes Filmchen Pornokinobesitzer Dirty Willi gehörig die Laune verdirbt. Nein, ein alter Freund von Herschel muss auch noch den Löffel abgeben. Da bleibt Rock nichts übrig, als mit Ziegenbock Viktor loszubrettern, um wieder mal den Tag zu retten. Bewaffnet mit Bier und Schokoriegeln löst er in Manfred Rebhandls neuem Buch „Hundert Kilo Einsamkeit“ auf alle Fälle alle Fälle.

 

 

Eine Krimireise um die Welt: Leseprobe aus „Sonnige Grüße aus dem Jenseits“ von Edith Kneifl

Edith Kneifl entführt mit „Sonnige Grüße aus dem Jenseits“ ihre Leser*innen aus dem Alltag und nimmt sie mit auf 18 literarische Reisen zu verschiedensten Traum-Urlaubsorten zwischen Wüstenglut, Meeresbrise und Großstadtdschungel. Die Grande Dame des österreichischen Krimis weiß, was das Sommerlektüreherz begehrt: Liebe und Hass, Sehnsucht und Vergeltung, fatale Beziehungen und einen ordentlichen Schuss Humor. So genießt man Krimis aus aller Welt bequem von Balkonien aus und bekommt vielleicht sogar die eine oder andere Idee für den nächsten Urlaub. Tauch ein in eine Welt voller Spannung und hol dir einen ersten Eindruck mit dieser Leseprobe.

 

Das Haus am Fluss

Das einstöckige Haus an der Themse stand seit langem leer. Hin und wieder sah man Harry im Garten die Hecken stutzen. Er war nicht mehr der Jüngste. Sein Haar war ergraut und spärlich geworden, aber er hatte sich sein kindliches Lächeln bewahrt. Harry kam jeden Tag hierher, so wie früher, als Miss Guinney noch hier wohnte. Er war ihr Mädchen für alles gewesen.
Eines Nachts war sie von einem Ausflug nach London nicht mehr zurückgekehrt.
Nach ihrem Verschwinden tauchten zwei Polizisten auf und stellten Harry Fragen, die er nicht beantworten konnte. Er beteuerte nur immer wieder, nicht zu wissen, wo sich seine Herrin aufhielt.
Nach dem Besuch der Polizei machten viele böse Geschichten die Runde. Harry hörte den Männern im Pub aufmerksam zu, äußerte sich aber nicht dazu, obwohl er Miss Guinney als Einziger näher gekannt hatte. Selbst wenn es stimmte, was die Leute erzählten, seine Miss würde schon ihre Gründe gehabt haben.
Miss Guinney war eine attraktive Frau, groß und schlank und mit breiten Schultern wie ein Mann. Das Schönste an ihr waren ihre langen blonden Haare. Sie trug sie nie offen, sondern immer straff nach hinten gekämmt und hochgesteckt, was sie sehr streng aussehen ließ. Man konnte sich jedoch vorstellen, wie prachtvoll es sein musste, wenn sie über ihren muskulösen Rücken flossen. Harry hätte zu gerne ihr Haar einmal offen gesehen, aber er wagte es nicht, sie heimlich beim Kämmen zu beobachten.
All ihre Zimmer lagen im Obergeschoss, ein Schlafzimmer, ein Kabinett, das ihr als Ankleideraum diente, ein Bad und noch ein Raum, der immer versperrt war. Im Erdgeschoss befanden sich die Küche, ein Esszimmer und ein geräumiger Salon, der einer überdimensionalen Rumpelkammer glich. Sosehr Harry sich auch bemühte, Ordnung zu schaffen, Miss Guinney gelang es immer wieder in kürzester Zeit, ein Chaos zu hinterlassen. Jeden Vormittag fand er schmutzige Gläser, leere Tonic- und Gin-Flaschen und überquellende Aschenbecher im Salon. Auf dem Orientteppich lagen die Kleider, die sie am Vortag getragen hatte. Er ließ sie jede Woche reinigen, obwohl er wusste, dass Miss Guinney sie ohnehin kein zweites Mal mehr anziehen würde.
Die Fenster des Salons gingen zum Fluss hinaus. Der Blick auf das liebliche Themse-Tal war fantastisch. Der Fluss schlängelte sich durch zwei steinerne Brücken, die von Trauerweiden umrahmt wurden. Die prächtigen Herrenhäuser am anderen Ufer ließen sich allerdings nur erahnen. Sie versteckten sich in verwunschenen Parkanlagen. Aus der Ferne grüßte ein Kirchturm. Dahinter erhoben sich sanfte grüne Hügel. Ins nächste Dorf brauchte man zu Fuß eine Viertelstunde. Doch Miss Guinney pflegte nicht oft zu Fuß zu gehen. Sie stand nie vor Mittag auf. Nachmittags saß sie dann meist draußen auf der überdachten Veranda und gab sich dem Müßiggang hin. Den prächtigen Garten, der bis zur Themse hinunterreichte, betrat sie nur selten, er war Harrys Reich.
Liebevoll kümmerte er sich um die Rosen, Hortensien und Rhododendronsträucher. Er hatte nur Blumen in Miss Guinneys Lieblingsfarben Pink und Violett gepflanzt. Verirrte sich hin und wieder ein andersfarbiges Gewächs hierher, wurde es sofort von ihm entfernt.
Während ihrer Mußestunden durfte er sich im Garten nicht blicken lassen. Als er es einmal wagte, nachmittags den Rasen zu mähen, erhob sie ihre Stimme. Es war das einzige Mal in all den Jahren, dass er ein scharfes Wort zu hören bekam. Daraufhin ließ er sich zwei Tage nicht bei ihr blicken.
Sonst sprach sie immer mit leiser Stimme, in der ein gewisses Gähnen lag. Es schien, als würde sie das Sprechen langweilen. Harry sprach auch nicht gern, nicht nur weil die meisten Leute lachten, wenn er den Mund aufmachte, sondern weil er nichts zu sagen hatte. Anfangs dachten die Dorfbewohner, Miss Guinney müsse immens reich sein oder irgendwo einen reichen Ehemann versteckt halten, denn sie besaß Unmengen von Schmuck und teuren Kleidern. Sie zog sich nicht nur täglich zweimal um, sondern trug auch jeden Tag etwas anderes. Man sah sie nie zweimal im selben Kleid. Sie hatte das Haus vor nunmehr sieben Jahren relativ günstig erstanden, weil es sehr nahe am Fluss lag, feucht war und schon halb verfallen, als sie einzog. Früher hatten Überschwemmungen Haus und Garten übel mitgespielt, doch seit flussaufwärts ein Staudamm errichtet worden war, gab es keine Probleme mehr mit dem Hochwasser. Die Grundstückspreise waren mittlerweile stark gestiegen.
Das romantische Thames Valley war eine begehrte Wohngegend, nicht nur wegen der Nähe zu Schloss Windsor und der Universitätsstadt Oxford, sondern auch, weil die Hauptstadt des Britischen Empires mit dem Auto in einer guten Stunde erreichbar war.

 

 

Das entzückende Cottage stammte aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Es war umgeben von üppiger Vegetation und sah sehr hübsch aus, nachdem Harry es renoviert hatte. Doch in letzter Zeit ließ Miss Guinney es wieder verkommen. Sie wollte ihre Ruhe haben und erlaubte Harry weder das undichte Dach zu reparieren noch die verrostete Gartenpforte zu erneuern. Die Gerüchte über ihr sagenhaftes Vermögen verstummten. Eine Frau mit Geld würde doch so ein schmuckes Häuschen nicht verwahrlosen lassen, sagten sich die Nachbarn, und die Neider wurden weniger. Miss Guinneys Alter ließ sich schwer schätzen. Sie hatte sich in den sieben Jahren, die sie hier lebte, kaum verändert. Die Meinungen über ihre Schönheit waren jedoch geteilt. Manche fanden sie früher hübscher, andere wieder behaupteten, sie würde von Jahr zu Jahr schöner. Auffällig war, dass sie keinen Mann hatte. Sie ließ sich nicht nur Miss nennen, sondern man sah sie auch nie mit einem männlichen Wesen. Außer mit Harry natürlich, aber der war ein armer Narr. Böse Zungen unterstellten ihr, dass sie nur so viel Sorgfalt auf ihr Aussehen verwendete, um sich einen Mann zu angeln. Im Dorf lebte ein Mann, der es besser wusste. Er hatte sich ein Jahr lang vergeblich um ihre Gunst bemüht. Obwohl er nicht übel aussah und sogar über das nötige Kleingeld verfügte, um einer anspruchsvollen Frau fast jeden Wunsch erfüllen zu können, hatte sie ihn ebenso abgewiesen wie alle anderen, die es bei ihr versucht hatten.

Miss Guinney war nicht unfreundlich zu ihren Verehrern, sie behandelte alle gleich oder, besser gesagt, gleichgültig. Sie war nicht arrogant, sondern einfach nur desinteressiert an anderen.
Kein Mensch, außer Harry, überschritt je die Schwelle ihrer Haustür. Sie empfing keine Gäste, hatte keine Freunde, nicht einmal Bekannte. Den Nachbarn schenkte sie ein kurzes Nicken, wenn sie ihnen zufällig auf der Straße begegnete. Da sie selten ausging, brauchte sie auch nicht oft zu nicken. Direkte Nachbarn hatte sie sowieso keine. Das nächste Haus lag mindestens hundert Meter entfernt. Ohne komplizierte Ausreden zu erfinden, lehnte sie jede Einladung ab. Während der letzten Jahre belästigte man sie nur mehr selten mit Einladungen. Das Interesse an ihr flaute ab.
Miss Guinney besaß selbst ein altes Boot mit einem Außenbordmotor. An besonders heißen Tagen fuhr sie hinaus und ließ sich von der Strömung flussabwärts treiben. Sie war dann oft stundenlang unterwegs, da die Rückfahrt mit dem schwachen Motor mühselig war. Auch während dieser Bootsfahrten war sie immer elegant gekleidet. Harry hatte sie noch nie in Shorts oder gar in einem Badeanzug gesehen.
Er genoss vor allem die Ruhe in ihrem Haus. Es gab nicht viel zu tun. Nur selten trug sie ihm Besorgungen auf. Sie war auch nicht anspruchsvoll, was das Essen betraf, sondern begnügte sich meistens mit Salat, Sandwiches oder Fish & Chips.
Wenn es draußen kühl wurde, begab sie sich in ihre Zimmer im ersten Stock und erschien erst zum Abendessen wieder, entsprechend gekleidet und noch schöner als am Tag. Harry servierte ihr das Dinner im Esszimmer. Er aß in der Küche, bekam aber das Gleiche wie sie. Nach dem Essen ging er nach Hause. Er wohnte unten am Fluss in einem vermoderten Bootshaus, das ebenfalls zum Cottage gehörte. In den Wintermonaten ließ ihn der Wirt in einem Abstellraum des Pubs schlafen. Harry war in all den Jahren nie auf die Idee gekommen, Miss Guinney zu fragen, ob er nicht in der Küche auf der Bank des riesigen Kachelofens schlafen dürfe. Was sie an den langen Abenden allein zu Hause machte, wusste er nicht. Vielleicht sah sie fern? Es brannte immer sehr lange Licht im ersten Stock, aber die dunklen Vorhänge waren zugezogen, in dem einen verschlossenen Raum auch tagsüber.
An den Wochenenden hatte Harry frei. Anfangs war er auch samstags erschienen. Sie hatte ihm jedoch freundlich, aber bestimmt zu verstehen gegeben, dass sie ihn bis Montagmittag nicht zu sehen wünschte. Harry hasste die Wochenenden. Er vertrieb sich die Tage mit Fischen und hing abends meistens im Pub herum.
Die Leute waren bald dahintergekommen, dass Miss Guinney jeden Samstag das Dorf verließ. Nachmittags, immer um die gleiche Zeit, stieg sie in ihren alten pinkfarbenen Bentley und raste die Landstraße hinunter. Einer ihrer Verehrer hatte einmal versucht, ihr nachzufahren. Bis nach London war er ihr gefolgt. Am Stadtrand hatte sie ihn abgeschüttelt. Auch bei seinem zweiten Versuch war sie ihm entwischt.
Anfangs munkelte man allerlei über diese regelmäßigen Ausflüge von Miss Guinney. Dann einigte man sich darauf, dass sie schließlich irgendwann ihre Einkäufe erledigen musste. Ab diesem Zeitpunkt galt der Samstag als Miss Guinneys Einkaufstag. Allerdings kehrte sie oft erst in den frühen Morgenstunden aus London zurück. Manchmal war es bereits hell, wenn Harry den Motor ihres Wagens hörte. Den Bentley parkte sie immer neben dem Cottage unter einer alten Esche.
Der Garten war umgeben von hohen Hecken und nur von der Themse aus einsehbar. Ein besonders hartnäckiger Bewunderer hatte eine Zeitlang versucht, sich ihr vom Fluss her zu nähern. Doch sie hatte sich sofort in ihr Haus zurückgezogen, wenn sein Boot aufgetaucht war. Schließlich gab er auf. Ebenso wie die gefürchteten anglikanischen Frauenvereine bald aufgaben, Miss Guinney als Mitglied gewinnen zu wollen. Sie wurde für verrückt erklärt, nicht so verrückt wie Harry, aber auch sie schien eben nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Die Damen verloren das Interesse an ihr und ihren Ausflügen nach London.
Bis sie eines Tages nicht mehr zurückkam. Man wartete einen Tag, zwei Tage, nahm an, sie wäre verreist. Aber Harry schien nichts von einer Reise zu wissen. Als sie nach zwei Wochen noch immer nicht aufgetaucht war, begann die Polizei erneut Nachforschungen anzustellen. Sie brachen die Haustür auf, da Harry behauptete, keinen Schlüssel mehr zu haben. Miss Guinney hatte ihm alle Schlüssel abgenommen, als sie ihn hinausgeworfen hatte. Nach ihrer letzten London-Tour hatte sie Harry in ihrem Bett vorgefunden und kurzerhand vor die Tür gesetzt.
Die Polizisten machten selbst vor dem ersten Stock nicht halt. Harry versuchte, die Police officers daran zu hindern, Miss Guinneys Schlafzimmer zu betreten, denn sie hätte niemals geduldet, dass diese wildgewordene Horde in ihr kleines privates Reich eindrang. Nicht einmal er hatte den ersten Stock betreten dürfen. Aber gegen diese Meute von Scotland Yard hatte er keine Chance. Verzweifelt klammerte er sich an die Beine eines Inspektors. Dieser versetzte ihm einen heftigen Stoß und Harry stürzte die Treppe hinunter. In dem mysteriösen Zimmer im ersten Stock entdeckten die Männer von Scotland Yard dann Anzüge in allen Größen, Maßhemden, Lederschuhe, goldene Uhren und leere Brieftaschen.
Miss Guinney hatte sich ein sonderbares Museum eingerichtet. Zuerst dachte die Polizei, sie hätte diese Sachen nur gestohlen. Später stellte sich heraus, dass die Besitzer dieser hübschen Sachen als vermisst gemeldet waren, verschollen in der fernen Großstadt, manche schon vor Jahren.
Die Gerüchte überstürzten sich. Die schöne Miss Guinney musste sehr wählerisch gewesen sein.
Anscheinend hatte sie sich nur mit wohlhabenden Männern eingelassen.
Der Londoner Nobelstrich wirkte verwaist ohne sie, „die Lady im Bentley“, wie sie von ihren Kolleginnen respektvoll genannt worden war, da sie ihren Kunden immer in ihrem schönen Wagen zu einem letzten Genuss verholfen hatte.
Als Harry abends aus dem Pub in das Bootshaus zurückkehrte, erzählte er Miss Guinney, dass die Polizei heute nicht nur die Leichen von drei ihrer ehemaligen Kunden, sondern auch ihren alten pinkfarbenen Bentley im Stausee gefunden hatte.
Miss Guinney antwortete ihm nicht. Sie konnte nicht, lag sie doch unter den morschen Brettern des Bootshauses, friedlich schlummernd im Schlammbett des Flusses. In ihrem weißen langen Hals steckte eine Heckenschere. Der Knoten in ihrem Haar hatte sich gelöst. Die langen blonden Strähnen breiteten sich auf den sanften Wellen der Themse aus. Harry entfernte zwei Bretter. Er konnte sich nicht sattsehen an ihrem wundervollen Haar, das sie endlich offen trug.

„Hier in Venedig bin ich eine Göttin.“ – Ein geheimer Tagebucheintrag von Astrid Vollrath

Astrid Vollrath, die neue Romanheldin von Krimödien-Queen Tatjana Kruse, reist nach Venedig, um sich dort von ihrem Liebeskummer abzulenken. Wie gut es Astrid gelingt, ihren betrügerischen Ex-Partner zu vergessen und welche kuriosen Abenteuer sie in Venedig erlebt, erfährst du in diesem exklusiven Tagebucheintrag.

 

Aus dem Tagebuch der Astrid V.

Tag 1 in Venedig

Ich fühle mich großartig!
Habe heute den ganzen Tag kein einziges Mal an Hagen gedacht, diesen Arsch auf zwei Beinen.
Na gut, ein-, zweimal schon. Nach dem Aufwachen. Und ganz kurz unter der Dusche. Eingeseift, geschluchzt, geheult, weitergeseift. Aber Tränen, die augenblicklich weggespült werden, gelten nicht.

Was gilt, ist die Tatsache, dass ich jetzt in Venedig bin.

Venedig!

Schon seit immer ein Sehnsuchtsort von mir. Jetzt im Sommer einen Ticken zu schwülheiß und touristenvoll, aber trotzdem … Venedig!

Zugegeben, das mit der Männerleiche, die auf meinem Weg zum Markusplatz im Kanal dümpelte, war jetzt nicht so prickelnd. Es hieß, er soll in eine Schiffsschraube geraten sein. Aber es war ja kaum etwas von dem Toten zu sehen. Nur die Hosenbeine. Da muss ich jetzt nicht so tun, als hätte mich das auch nur annähernd so traumatisiert wie der haarige Wipphintern von Hagen zwischen den Beinen unserer Nachbarin. Trotzdem, das soll mir eine Mahnung sein, dass das Leben kurz ist und man es genießen muss!

Und ja, dass in die Ferienwohnung eingebrochen wurde, während ich unterwegs war und man mir mein Handy gestohlen hat, hinterlässt schon einen kleinen Kratzer im Lack meiner Glückseligkeit.

Aber ich habe auf einen Schlag fünfundneunzig untreue Kilo verloren – ich fühle mich leicht und frei. Und ich wurde von einem eleganten Fremden zu einer Gondelfahrt eingeladen! Er hat im Gegenzug nichts weiter von mir erwartet, als mir den Handrücken küssen zu dürfen. Voll die Hollywoodszene.

Und das mir. Einer unspektakulären Steuerfachfrau aus Süddeutschland. Die ungewohnt spontan in den Zug nach Venedig stieg, nachdem sie ihren Lebens-Schrägstrich-Kanzleipartner bei der Matratzengymnastik mit Frisöse Gabi erwischt hat.

Und jetzt liege ich hier auf dem Bett der schnuckeligen Dachkemenate, die ich last minute ergattern konnte – in einem Palazzo voller Dogenköpfe aus Gips. Mein Vermieter heißt Cesare Foscarelli – was einem quasi auf der Zunge zergeht –, und er sieht selbst aus wie ein Doge. Der Palazzo ist ein wenig in die Jahre gekommen und verratzt, und Cesares Familie erinnert an eine Freakshow. Schon deswegen, weil sie in der Küche Piranhas in einem Aquarium halten. Piranhas!

Egal. Ich wollte einfach nur möglichst weit weg und mein Unglück vergessen. Das ist mir gelungen.

Hier ist alles ganz anders als daheim. Aufregend neu und ungewohnt. Ich wage mich auf völlig neues Terrain vor, und das ganz ohne meine üblichen To-Do-Listen. Sonst habe ich immer großen Wert darauf gelegt, penibelst auf sämtliche Eventualitäten vorbereitet zu sein. Nicht hier! Venedig macht aus mir eine ganz neue Frau.

Und habe ich schon geschrieben, dass mich ein Fremder zu einer Gondelfahrt eingeladen hat? Wie geil ist das denn bitteschön?!
Ich fühle mich sexy und schön und begehrenswert. Ich werde ohne Hagen nicht verdorren und einschrumpeln und altjüngferlich in ein frühes Grab sinken. Im Gegenteil! Männer werfen sich mir bereits jetzt, am Tag eins nach Hagen, zu Füßen – vielleicht keine hochgewachsenen, blonden Wikingertypen, dafür aber kleine, perfekt gebaute, dunkelhaarige, samtäugige Lockenträger aus der Lagunenstadt.

Gut möglich, dass ich im Laufe des Tages hin und wieder leise vor mich hingeschnurrt habe.
Hier in Venedig bin ich eine Göttin.

Das ist mein neues Ich.

Eine unwiderstehliche Femme fatale.

Kicher, ich hatte offenbar zu viel von dem Rotwein, den Cesare spendiert hat.

Okay, might delete later.

Nee, besser noch, ich reiße die Seite gleich aus dem Tagebuch. Wenn das jemals wer lesen sollte, wäre mir das doch voll peinlich. Sogar posthum noch.

Ich habe mich ein einziges Mal in meinem Leben für das Ungewohnte entschieden, für das Spontane, für das Abenteuer. Das macht aus mir noch keine „Bond, Jane Bond“.

Ich bin eine Astrid. Mit einem Astridleben. Und das ist voll okay so!

Obwohl …

 

Absolut suchtgefährlich: „Tagebuch einer Wasserleiche aus dem Canale Grande“ von Tatjana Kruse.

 

Astrid muss weg von daheim! Sie findet heraus, dass ihr Partner sie betrügt, und will ihren Herzschmerz in Venedig kurieren, einem Sehnsuchtsort ihrer Bucketlist. Nichts lenkt besser von einer traumatischen Trennung ab als die wunderschöne Serenissima. Denkt Astrid.
Aber: Statt romantischem Dolce Vita und köstlichem Vino findet sie in der Stadt der Gondeln und Kanäle vor allem Hitze. Und Leichen. Jede Menge Leichen. Denn die „Familie“ ihres Gastgebers Cesare handelt mit weit mehr als nur mit Dogenköpfen aus Gips. Astrid gerät unversehens in mafiöse Verstrickungen. Entführungsversuche, Verfolgungsjagden in Motorbooten, Schläger und Schmuggler – immerhin wird Astrid dadurch von ihren privaten Kümmernissen abgelenkt. Aber wird sie diese ungeplanten Abenteuer auch überleben?. 

Klick hier, um mehr über Astrids Abenteuer in Venedig zu erfahren.

„Das muss man als Ösi erstmal schaffen, deutscher Beamter zu werden!“ – Wolfgang Ainetter im Interview

Wolfgang Ainetter – ehemaliger Ministersprecher, Kommunikationschef, Journalist und jetzt Krimi-Autor! Im Gespräch offenbart Wolfgang Ainetter, was ihn zu seinem satirischen Debütkrimi „Geheimnisse, Lügen und andere Währungen“ inspiriert hat, welche Parallelen es zwischen ihm und seiner Figur André Heidergott gibt und wie der berühmt-berüchtigte Wiener Schmäh in Berlin ankommt.

Ist die Idee zu deinem ersten Krimi während der Arbeit im Ministerium entstanden oder vielleicht doch eher beim Sushi-Essen?

Als ich nach gut 25 Jahren im Journalismus Kommunikationschef in einem deutschen Ministerium wurde, tauchte ich in eine für mich fremde Welt: Unterschriften- und Umlaufmappen, Aktenvermerke, Gesetzesentwürfe, exotische Marathon-Begriffe wie Maßnahmengesetzvorbereitungsgesetz oder Kurzfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung und nicht zuletzt opernhafte Titel wie Ministerialdirigent – genau dieser Titel stand übrigens auf meiner Visitenkarte. Schon nach wenigen Wochen kam mir die Idee, meine Eindrücke irgendwann literarisch zu verarbeiten und einen satirischen Ministeriumskrimi zu schreiben. Auf die in meinem Buch erwähnte Sushi-Foltermethode hat mich mein Lieblingskollege im Ministerium gebracht. Beim Mittagessen meinte er eines Tages: „Zum Glück gibt es bei uns in der Ministeriumskantine nie Sushi, das wäre die reinste Folter für mich.“

 

Foto: © Niels Starnick.

Was war die größte Herausforderung beim Schreiben? 

Die Zeit! Ich habe mir fast jede freie Minute und alle Urlaubstage abgezweigt, um neben meinem Hauptjob als Kommunikator an meinem Buch arbeiten zu können. Und es war eine echte Challenge, den Witz, der sich durch meinen Ministeriumskrimi zieht, auf einem gewissen Niveau halten zu können. Gute Satire ist weder laut noch derb.

 

Beim Lesen musste ich immer wieder laut auflachen, der Humor kommt im Buch wirklich nicht zu kurz. Was würdest du sagen: Ist es eher Schmäh oder Witz, den Heidergott in seine Perspektive bringt?

Kommissar André Heidergott ist gebürtiger Wiener und damit von Haus aus mit Wiener Schmäh gesegnet. Wie meine Hauptfigur Heidergott muss ich als Exil-Ösi sagen: Wien ist die Hauptstadt des schwarzen Humors, in dieser Disziplin kann Berlin leider nicht mithalten. Ich höre mindestens einmal pro Woche Qualtinger.

 

André Heidergott und dich verbindet zumindest der Umzug von Wien nach Berlin. Habt ihr weitere Gemeinsamkeiten?

Wir sind beide deutsche Beamte, er Polizeioberkommissar, ich Ministerialdirigent. Das muss man als Ösi erstmal schaffen, deutscher Beamter zu werden! Und sowohl Heidergott als auch ich haben gelegentlich Heimweh nach Wien. Wenn Heidergott und ich Heimweh haben, gehen wir zum vielleicht besten österreichischen Restaurant in Berlin, der „Nußbaumerin“, und trinken ein, zwei, drei Achterln Grünen Veltliner.

 

Lörr ist die Verkörperung des deutschen Spießbürgertums. Sind Eigenschaften von realen Personen in ihn eingeflossen?

In meinem Buch steht gleich zu Beginn:

„Diese Geschichte ist ebenso wahr wie die Lebensläufe von Abgeordneten. Die handelnden Personen existieren tatsächlich – in der Halluzination des Autors. Sollte sich eine Leserin oder ein Leser in einer der erfundenen Figuren wiedererkennen: Medienanwalt Christian Schertz wird sich um Sie kümmern, leider nur gegen Honorar.“

 

Du hast Psychologie studiert. Hat dir das bei der Entwicklung deiner Figuren geholfen?

Ja, sehr sogar. Aber noch mehr hat mir meine langjährige Reporterzeit geholfen, in der ich in den unterschiedlichsten Ländern die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Berufen getroffen habe. Ich bin eigentlich vor allem deshalb Journalist und jetzt Autor geworden, weil mich Menschen interessieren.

 

Wird im politischen Berlin wirklich so viel intrigiert, wie du es im Buch darstellst?

Der politische Betrieb ist mitunter „House of Cards“ in echt. Aber nicht nur in Berlin wird intrigiert, sondern auch in Wien und in so gut wie jeder anderen Metropole oder Kleinstadt. Das liegt in der Natur des Systems. Ich habe in der Politik zum Glück auch viele ehrliche, engagierte, wunderbare Menschen kennengelernt – die aber alle keine Spitzenpositionen bekleiden. Nach ganz oben schaffen es sehr oft nur Machtmenschen, die jeden Parteirivalen ausdribbeln, ihre Überzeugung Woche für Woche wechseln und ihre Politik nach den Umfragen der Meinungsforscher ausrichten. Vielleicht sind deshalb immer weniger Menschen bereit, sich politisch zu engagieren. Das halte ich gefährlich für unsere Demokratie – vor allem jetzt, wo es in ganz Europa einen Rechtsruck gibt und Rechtsextreme in Deutschland sogar offen von Umsturzplänen träumen.

 

Wie ist es dir als Österreicher in Berlin ergangen, auch im Vergleich zu André Heidergott?

1991, also zwei Jahre nach der Wende, war ich für eine Reportage erstmals in Berlin. Ich war damals 20 und hatte das Glück, mit Daniel Biskup, einem der bekanntesten deutschen Fotografen, arbeiten zu können. Damals sagte ich zu Daniel: „Eines Tages will ich hier in Berlin wohnen.“ Mein Wunsch sollte 17 Jahre später in Erfüllung gehen. Als Österreicher geht es einem in Berlin sehr gut, offensichtlich mögen uns Ösis die Leute hier, auch André Heidergott ist ja auf seiner Polizeidirektion sehr beliebt, bis auf seinen Chef können ihn alle gut leiden. Die Berliner brauchen zwar eine Weile, bis sie den Wiener Schmäh verstanden haben, aber wenn es dann soweit ist, freuen sie sich über jeden guten Spruch.

 

In „Geheimnisse, Lügen und andere Währungen“ nimmt uns Polit-Insider Wolfgang Ainetter mit in die Hochburg der deutschen Bürokratie.

 

Tatort Regierungsviertel: staubige Schreibtische und giftige Aktenschränke

Was zieht einen österreichischen Charmeur und Polizeioberkommissar nach Berlin? Natürlich die Liebe! André Heidergott, seines Zeichens leiwander Wiener, wohnt wegen seiner jetzigen Ex-Frau in Moabit. Mit den großen Gefühlen hat sich aber leider auch die gute Laune verflüchtigt. Was auch nicht hilft: Ein hoher Beamter wird entführt – und Heidergott muss ins Ermittlerteam „BAO Finsterweg“. Entführungsopfer Hans-Joachim Lörr war ein Meister der Machtspiele. Er steht kurz vor der Pensionierung und hat sich im Laufe seiner Beamtenkarriere viele Feinde gemacht, denn in Wahrheit hielt er als „Schattenminister“ stets die Fäden in der Hand – eine Tatsache, auf die er mit Stolz zurückblickt. Zusammen mit seiner Vorgesetzten Emily Schippmann ermittelt Heidergott im Berliner Regierungsviertel, wo gute Beziehungen alles sind. 

Klick hier, um mit André Heidergott die dunkelsten Geheimnisse der Beamt*innen zu ergründen.

„Trotz allen Fortschritts ist es nicht die KI, die Verantwortung trägt.“ Universitätsprofessorin Anne Siegetsleitner zu Fragen der Ethik in der Forschung

Georg Haderer wirft in seinem Kriminalroman „Seht ihr es nicht?“ die Frage auf: Was darf Wissenschaft und wo stößt sie an ihre moralischen Grenzen? Wir haben mit Univ.-Prof.in  Mag.a Dr.in Anne Siegetsleitner darüber gesprochen, was überhaupt unter den Begriffen „Moral“ und „Ethik“ zu verstehen ist,  welche Herausforderungen im Bereich der Technik am drängendsten sind und ob eine „Angst vor den Maschinen“ gerechtfertigt ist.

Oft spricht man sehr allgemein über die Begriffe „Moral“ und „Ethik“. Religiöse Menschen beziehen sich dabei gern auf religiöse Schriften wie die Bibel oder den Koran, andere wiederum richten sich nach Gesetzen. Wonach richten sich Ethiker*innen, wenn sie über „moralisch richtiges Verhalten“ sprechen?

Das hängt ganz davon ab, wen Sie meinen, wenn Sie von „Ethiker*innen“ sprechen. Vielfach wird heute das Wort „Ethik“ einfach anstatt „Moral“ verwendet, weil es besser klingt, weniger streng und moralinsauer. Menschen richten sich dann nach ihren persönlichen Maßstäben oder jenen ihrer Moralgruppe, sehr häufig einer religiösen Gruppe, treten aber als „Ethiker*innen“ auf. Wer sich vormals als Moraltheologe auswies, nennt sich heute eben oft „Ethiker“. Wer als Soziologin bestehende moralische Haltungen z.B. in der Medizin im Rahmen der empirischen Methoden des Faches erforscht, gibt persönliche moralische Urteile ab und bezeichnet sich als „Ethikerin“. KI-Expert*innen haben eine persönliche moralische Einstellung, und schwupps haben wir angeblich neue „KI-Ethiker*innen“. Eine Juristin leitet eine Ethikkommission und sieht sich deshalb als „Ethikerin“. Dadurch, dass sich diese Menschen als „Ethiker*innen“ bezeichnen, wird ihr spezifischer moralischer Standpunkt jedoch gut verdeckt. Das kann unüberlegt passieren oder als bewusste Immunisierungsstrategie eingesetzt werden.

Dass meist weniger hinterfragt wird, wenn jemand von „Ethik“ anstatt von „Moral“ spricht, liegt daran, dass in einem anderen Verständnis von „Ethik“ mit dem Gemeinten ein höherer Anspruch an Objektivität oder zumindest Intersubjektivität verbunden ist. Dann ist „Ethik“ nicht gleichbedeutend mit „Moral“. Die wichtigste Bedeutung von „Ethik“ in einer solchen Unterscheidung ist, dass mit „Ethik“ eine Teildisziplin der Philosophie bezeichnet wird, die Moral bzw. verschiedene Moralen philosophisch reflektiert. Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Vieles, was Ethiker*innen in diesem Sinne tun und worin ihre Kompetenz liegt, besteht nicht darin, moralische Urteile abzugeben. Ethik nimmt keine Moral einfach hin, sie fragt nach Begründungen, nach der Möglichkeit und Reichweite von Begründungen, danach, was vorausgesetzt wird, ohne offengelegt zu werden. Ethiker*innen sind deshalb in machen Umgebungen gar nicht gerne gesehen. Sie stören das Nichthinterfragte. Das gilt meiner Erfahrung nach nicht zuletzt im stark traditionell geprägten Tirol.

Wenn Ethiker*innen im philosophischen Sinne moralische Urteile abgeben, geschieht dies auf der Grundlage von offengelegten Voraussetzungen, die sich immer einer Kritik stellen. Es sind Vorschläge im gemeinsamen Ringen um eine bessere Moral, d.h. einem Normen- und Wertesystem, das dem Zweck eines guten und gerechten Lebens sowie eines gedeihlichen Miteinanders besser dient als andere Vorschläge. Ethiker*innen sind keine säkularen Priester*innen, sie können auch religiös sein, solange dieser Zweck mit einer Religion vereinbar ist. Auch der Vorschlag, sich zu diesem Zweck nach Gesetzen zu richten, würde in der Ausgestaltung von Gesetzen seine Grenze finden.

In meiner eigenen Verwendung des Wortes „Ethik“ außerhalb des fachinternen Dialogs bin ich übrigens nicht immer konsequent. Ich will mich mit den Menschen über die Inhalte austauschen, und wenn ich das durch das Wort „Moral“ erschwere, sage ich eben auch „Ethik“, zumal ich tatsächlich Ethikerin im philosophischen Sinne bin. Wichtig ist mir dazuzusagen, worin ich meine Aufgabe und Zuständigkeit sehe und worin nicht.

 

Blickt man auf die Menschheitsgeschichte, wird klar: Was als „moralisch richtig“ angesehen wird, verändert sich. Ist eine universell gültige Moral überhaupt möglich? Gibt es einen Kern der Moral?

Nehmen wir den vorhin genannten Zweck als Formulierungsvorschlag für das Gemeinsame von Moralen, nämlich einem guten und gerechten Leben sowie einem gedeihlichen Miteinander zu dienen. Dass es auch in moralischer Hinsicht geschichtliche Veränderungen gibt, muss nicht heißen, dass es kein verbindendes Verständnis vom Zweck moralischer Beurteilung gibt. Es können sich ja die Umstände ändern oder eben in unterschiedlichen Regionen, Ländern, Gesellschaften unterschiedliche Rahmenbedingungen vorliegen. Es können aber auch im Laufe der Geschichte Vorurteile widerlegt werden, etwa jenes, dass Frauen weniger gut denken können als Männer. Dann ändern sich die spezifischen moralischen Urteile, obwohl sich an der grundsätzlichen Ausrichtung dessen, was mit „Moral“ gemeint ist, nichts geändert hat. Und es kann die geschichtliche Erfahrung geben, dass in einer Gesellschaft nicht immer alle dieselbe Vorstellung vom guten Leben haben müssen, sondern es ausreicht, einander auf individueller Ebene genügend Toleranzräume zu gewähren und gerade dadurch gut miteinander leben zu können. Eine solche Moral der Freiheitsräume, die einander gewährt werden, könnte universell gültig sein. Aber selbstverständlich ist sie nicht mit allem vereinbar, nämlich nicht mit fundamentalistischen Ansprüchen. Ob diese religiös oder nicht religiös sind, ist gar nicht der entscheidende Punkt.

Außerdem steht nicht fest, dass alle, die von „Moral“ sprechen, den oben genannten Zweck verfolgen. Und wenn wir darauf kommen, dass wir im Grundsätzlichen von Unterschiedlichem sprechen, dann ist es ratsam, das ausdrücklich kenntlich zu machen. Auch hierbei können Ethiker*innen im philosophischen Sinne äußerst hilfreich sein.

 

An der Universität Innsbruck lehren Sie u.a. zu Fragen der Wissenschafts- und Technikphilosophie. Welche ethischen Herausforderungen sind gegenwärtig am aktuellsten?

Die moralischen Herausforderungen, mit denen sich auch die Ethik im philosophischen Sinne beschäftigt, sind mannigfach. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen seit gut einem Jahr sicherlich jene in Verbindung mit (generativer) KI. Abgesehen von den positiven Entwicklungen, die hiermit z.B. in der Medizin verbunden sein können, sehe ich als zentralen Punkt die Frage nach der Verantwortung bzw. in der irrtümlichen Annahme, Verantwortung an KI-Systeme abtreten zu können.

 

Wenn von Menschen programmierte Maschinen Handlungen ausführen, stellt sich oft diese Frage nach der Verantwortung, wenn etwas schief geht. Wo sehen Sie die Verantwortung: bei den Forschenden, den Entwickler*innen oder doch der Maschine selbst?

Sicherlich nicht bei der Maschine. Maschinen – zumindest das, was wir gegenwärtig „Maschine“ nennen – können nichts verantworten. Sie können in dem Sinne, den Verantwortung voraussetzt, nicht einmal handeln. Trotz allen Fortschritts ist es nicht die KI, die Verantwortung trägt. Vielmehr braucht es vertrauenswürdige und verantwortungsvolle Menschen, die nur zuverlässige Technik entwickeln und einsetzen.

Abgesehen von der Versuchung, Verantwortung abschieben zu wollen, spielt hier nicht zuletzt das im Grunde verblüffende und beeindruckende menschliche Vermögen eine Rolle, mit Gegenständen oder Programmen so umzugehen, als ob sie Menschen wären oder über dieselben Fähigkeiten wie diese verfügen würden. Diese Fähigkeit kann uns leider auch in die Irre führen. Es fällt uns schwer, diesem Sog der Illusion nicht zu erliegen. Menschen glauben dann, ein Chat-Programm wäre eine Person, sie sagen „bitte“ und „danke“ zu ihm oder sie verlieben sich in Sexroboter, deren Entwicklung übrigens noch immer enttäuscht. Das ist wie ein Sprechen mit dem angeblichen Männchen im Radio nichts, was zu verbieten wäre, aber wir sind im Sinne des Zwecks der Moral, so meine Einschätzung, nicht gut beraten, unseren Umgang mit Technik und den Einsatz von Technik im Umgang miteinander auf solche verfehlten Annahmen zu stützen. Eine philosophische Ethik, die wissenschaftlich informiert und fundiert argumentiert und selbst die (latente) Technikfeindlichkeit manch geltender Moralsysteme hinterfragt, kann bei der Suche nach guten Lösungen durchaus einen bedeutenden Beitrag leisten, und zwar jenseits von solch pauschalen Ansichten, Systeme Künstlicher Intelligenz würden die Menschheit insgesamt bedrohen oder retten.

 

Sie teilen also nicht die Ansicht jener, die fürchten, die Menschheit schaffe sich durch Technologie selbst ab. Und was wäre die Alternative? Gibt eine „Rückkehr zur Natur“?

Eine „Rückkehr zur Natur“ gibt es nicht, weil es „die“ Natur nicht gibt. Viele nennen das, was sie sich als Ideal vorstellen, das Natürliche. Sie stellen dann beispielsweise eine „natürliche Empfängnis“ einer „künstlichen“ gegenüber und verbinden damit bereits eine Wertung.

Dass sich die Menschheit gleich abschaffen würde, sehe ich nicht. Was in einem bestimmten Rahmen abgeschafft wird oder werden könnte, sind bestimmte Tätigkeiten oder ganze Berufsfelder. Es drohen eine weitere Erosion privater Sphären, erhöhte Abhängigkeiten von global mächtigen Konzernen und einiges mehr, das es unter der Perspektive eines guten und gerechten Lebens zu beurteilen gilt. Wir sollten hier jedoch weniger auf die Technologie selbst blicken als auf die Menschen und Unternehmen dahinter. Technologie weder zu verherrlichen noch zu verteufeln, sondern mit Bedacht einzusetzen, das wäre intelligent. Je mehr wir das schaffen, umso weniger bedroht müssen wir uns sehen.

Unsichtbare Bedrohung in „Seht ihr es nicht?“ von Georg Haderer.

 

Als Helena Sartori, deren Eltern und ihr Sohn tot aufgefunden werden, wird Philomena Schimmer hinzugezogen: Die jugendliche Tochter Sartoris, Karina, ist spurlos verschwunden – und Schimmer soll sie suchen.
Helena Sartori war leidenschaftliche Wissenschaftlerin, wollte die Welt mit ihrer Forschung an Nanobots verändern . Und dann plötzlich hat sie sich – einige Zeit vor ihrer Ermordung – völlig zurückgezogen, in die wlanfreie Einöde. Was ist passiert? Ist ihr die Arbeit an den mikroskopisch kleinen, mit freiem Auge nicht sichtbaren Robotern entglitten – und hat das Sartori und ihre Familie in den Abgrund gestürzt? Ist Karina am Leben? Hat man sie entführt oder ist sie selbst geflohen? Quälende Fragen für Philomena Schimmer, der es immer schwerer fällt, die professionelle Distanz zu wahren, je länger von Karina jede Spur fehlt.

Und dann klopft plötzlich ein alter Fall an Schimmers Tür, eine junge Frau aus Philomenas Vergangenheit, die sie damals nicht retten konnte …

Wurden aus nützlichen Nanobots unkontrollierbare Mini-Monster? Finde es hier heraus.

„Schon die ersten Sätze faszinierten mich.“ – Michael Forcher über Alfred Komarek

Ob in Krimis, Kinderbüchern, Sachbüchern oder Bildbänden: Alfred Komarek verstand es wie kein Zweiter, Lesende mit seinen Worten zu begeistern.  Im Nachwort zu Alfred Komareks Werk „Spätlese“ erinnert sich Michael Forcher, der Gründer des Haymon Verlags, an die erste Begegnung mit Alfred Komarek und seinen Werken …

 

Ich habe ihn mir anders vorgestellt. Nein. Eigentlich habe ich ihn mir überhaupt nicht vorgestellt. Alfred Komarek war für mich schlicht und einfach ein Name, eher abstrakt. Er stand für Geschichten, Gedanken, Worte, Musik. Ja, auch Musik, was natürlich nicht nur mit Wortklang und Sprachmelodie zu tun hat, sondern auch damit, dass es Gedanken, Worte zum Weiterspinnen waren, zum Hineinträumen bei romantischer Musik, zum Sich-hinein-Verkriechen …

Viele, viele Menschen meiner Generation „50 plus“, aber auch Jüngere wissen, wovon die Rede ist: von Alfred Komareks Kultsendung „Melodie exklusiv“, die in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren regelmäßig hunderttausende Menschen zu später Abendstunde vor den Radioapparaten versammelte.

Später las ich wohl das eine oder andere von Alfred Komarek, in einem Merian-Heft, im Geo vielleicht, im Gedächtnis blieb es nicht. Und „Melodie exklusiv“ gab es nicht mehr. Dann gründete ich den Haymon Verlag, hatte Kontakt mit jungen, engagierten Autorinnen und Autoren, aber auch ordentliche Schwergewichte der Branche stießen zum Haymon Verlag. Wir hatten Erfolge zusammen, erlebten Enttäuschungen, und wie jeder Verleger hoffte ich inständig darauf, einmal den großen Coup zu landen.

Eines Tages entdeckte ich unter den gerade eingelangten Manuskripten ein Kuvert mit einem mir wohlvertrauten Namen: Alfred Komarek. Habe ich es falsch in Erinnerung oder schlug mir wirklich plötzlich das Herz bis zum Hals … Dieser Alfred Komarek? Kann das sein?
Tatsächlich, es war dieser Alfred Komarek, und er bot mir das Manuskript seines ersten Kriminalromans zur Veröffentlichung an: „Polt muß weinen“. Nie vorher und auch nachher nicht mehr habe ich mich so schnell ans Lesen gemacht, da galt keine Reihenfolge der eingelangten Manuskripte mehr. Und schon die ersten Sätze faszinierten mich, ein geradezu perfekter Anfang. Ein großer Erzähler war da am Werk. Aber auch ein Sprachkünstler, der mit wenigen Worten dichte Stimmung aufbauen kann.

Nach wenigen Seiten war Komareks Absicht klar: Die vordergründig gar nicht so spannende, aber letztlich packende und berührende Kriminalgeschichte mit – wie es sich erweisen sollte – überraschender Lösung war mit dem Hintergedanken geschrieben worden, den Leser*innen die dörfliche Welt der Weinbäuer*innen in der nordöstlichen Ecke Österreichs vorzustellen. Der Mord und seine Aufklärung waren sozusagen die Folie, auf der Komarek das Charakterbild einer Region und ihrer Menschen entwarf. Als Alfred Komarek mit dem ersten Simon-Polt-Roman „Polt muß weinen“ den renommierten Glauser-Preis gewann, stand denn auch die „Einfühlsamkeit, mit der der Autor die Menschen und die Landschaft des kleinen Ortes im Weinviertel nördlich von Wien beschreibt“ neben „der atmosphärischen Dichte und Bildhaftigkeit von Komareks Sprache“ im Mittelpunkt der Urteilsbegründung.

 

Aber ich eile voraus. Zunächst einmal war ich sofort entschlossen, den Roman ins Programm zu nehmen. Ein paar Jahre vorher hatten wir mit Kurt Lanthalers Tschonnie-Tschenett-Romanen erste Schritte auf dem Sektor der Kriminalliteratur gewagt, wobei für mich neben der literarischen Qualität der sozialkritische Akzent im Schreiben des Südtiroler Autors entscheidend war, der nicht nur unterhalten, sondern aufklären will und seine Geschichten so nahe wie möglich an der Wirklichkeit entlang erzählt. Der Erfolg blieb nicht aus. Auch die bald darauf gestarteten Kurt-Ostbahn-Krimis von Günter Brödl erreichten große Popularität und dementsprechend hohe Auflagen.
Und jetzt Alfred Komarek! Wie er mir später sagte, hatte er als verlagstreuer Autor den Roman zuerst mehreren größeren Verlagen angeboten, mit denen er schon in Kontakt stand. Die waren aber skeptisch und trauten sich nicht drüber. Wozu jetzt ein Krimi? Soll bei seinem Leisten bleiben, haben die wohl gedacht. Freund*innen und Kolleg*innen rieten Komarek dann, sich an den Innsbrucker Haymon Verlag zu wenden, der inzwischen zu einer der ersten Adressen in Österreich für dieses Genre geworden war.

 

Meine umgehend abgesandte Zusage, den Roman zu verlegen, war mit der Bitte verbunden, uns bald einmal in Wien treffen und persönlich kennenlernen zu können. Und da stand er vor mir. Erstmals leibhaftig. Er, der vorher nur Wort, nur Sprache war. Im Café Schwarzenberg war es, nach dem Eingang gleich links, ein Tisch im Eck am Fenster. Er hatte beschrieben, wo er sitzen würde. Stand auf, als er meinen suchenden Blick bemerkte. Herr Komarek? Herr Forcher? Grüß’ Sie Gott, freut mich … Ein großer, schlanker Mann mittleren Alters, im dezenten Straßenanzug mit eher altmodischer Krawatte. Freundlich, gewinnend. Ohne jede Starallüre.

Wir fanden uns im Reden, wurden schnell einig über Detailfragen des zu schließenden Vertrags, besprachen Termine, PR-Maßnahmen und was sonst alles dazugehört zum Geschäftlichen. Ich ließ mir vom Weinviertel erzählen, was ihn so fasziniert an der Landschaft dort, an den Menschen, warum er nach Rundfunk- und Magazinfeatures, Reisereportagen, kleinen Erzählungen, Essays, Texten zu Bildern, zu Kunst und Kultur und vielen anderen Facetten des Schreibens jetzt zum Krimiautor geworden war, der schon weitere Romane rund um den sympathischen Weinviertler Gendarmerie-Inspektor im Kopf hatte. „Ich wollte einen Lebensraum und seine Menschen, die Vorteile und Probleme des heutigen Lebens auf dem Land einmal nicht in Reportage- oder Sachbuchform darstellen, sondern es auf andere Weise probieren, und der Kriminalroman eignet sich dazu besonders gut, weil ein Mord den Alltag auseinanderklaffen lässt und verdrängtes, verleugnetes Unbewusstes herzeigt.“

Seit dem Tag sind mehr als zehn Jahre vergangen. Komarek hat mich damals gebeten, ihm ein strenger Lektor zu sein, allzu häufig verwendete Formulierungen und auffallende Lieblingswörter gnadenlos herauszustreichen, ja nichts durchgehen zu lassen. Ich bin dem Wunsch nachgekommen, doch habe ich nicht viel gefunden, was man hätte herausstreichen müssen. Selbst das angelernte Bemühen, unnötige Adjektiva auszumerzen und die Eigenschaften der Dinge eher der Fantasie der Leser*innen zu überlassen, ging größtenteils ins Leere.

Denn Komarek ist zwar ein Autor der vielen Adjektiva und Adverbien, doch sind es nie simple Ergänzungen aus dem Alltagswortschatz, sie schränken nie die Fantasie des Lesers ein, im Gegenteil, sie sind wohlüberlegt, überraschend kreativ, kaum eines ist verzichtbar, will man nicht den Sinn des ganzen Satzes, die Bedeutung der Aussage entstellen, ein Fenster zumachen, das der Autor durch gerade dieses Wort geöffnet hat.

Sehr oft verändern, relativieren die gewählten Eigenschaftswörter die Bedeutung des Hauptwortes, mildern, verschärfen, ja verkehren sie raffiniert ins Gegenteil, gibt ein Adverb dem folgenden Zeitwort einen neuen Sinn. Bei welchem Autor liest man sonst von „grausamer Zärtlichkeit“, wer beschreibt ein „Fest von sanfter Zügellosigkeit“, wer lässt einen Menschen „aufdringlich entspannt“ sein? Beispiele über Beispiele könnte man da anführen. Komareks Wörter treffen den Kern, durchdringen wie Röntgenstrahlen die äußere Wahrnehmungsschicht, legen tiefere Ebenen frei.

Und dann seine pointierte Sprache, sein Witz, seine Bonmots! Eine Formulierung wie „Die Existenz eines freiberuflichen Schriftstellers ist der eines Seiltänzers ohne Netz verdammt ähnlich“ könnte man auch bei anderen lesen. Bei Komarek kommt was nach „… und zuweilen fehlt auch noch das Seil.“ Niemand Geringerer als der verstorbene Altmeister unter Österreichs Sprachkünstlern, Hans Weigel, war von solchen Sätzen begeistert. Auch von dem: „Schön miteinander schweigen ist übrigens auch ein Gespräch.“ Dass diese Begabung Komarek zum Essayisten und Feuilletonisten alter Schule adelt, hat Hans Weigel im Vorwort zu Komareks Buch „Gott hab uns selig“ – aus dem in der vorliegenden Sammlung auch zahlreiche Beispiele abgedruckt sind – mit der Bemerkung hervorgehoben: „Als Alfred Polgar starb, nannte ich ihn in meinem Nekrolog den ‚letzten Ritter des Feuilletons‘. Ich bin glücklich, dass ich mich damals geirrt habe.“

 

Feuilletonistische Schärfe in Wortwahl und Formulierung sind das eine, Komareks Erzählkunst eine andere. Denn wunderbare Sätze, überraschende Metaphern und gescheite Gedanken machen noch keinen Roman aus. Geübt und erfahren in der kleinen Form märchenhafter Erzählungen, ausgestattet mit unbändiger Fantasie einerseits und exzellenter Beobachtungsgabe andererseits, dazu noch mit einem auch analytisch einsetzbaren Verstand, dem einige Semester Jusstudium offenbar nicht geschadet haben, ist er imstande, spannende Plots zu erfinden, Dialoge, Szenen und Bilder zu einer sinnvollen Handlung zusammenzuführen. Ein guter Erzähler eben, es gibt nicht gar so viele, leider!

 

Das Stichwort „Jusstudium“ erinnert mich daran, dass noch die Biografie Alfred Komareks zu erzählen ist. Geboren ist er am 5. Oktober 1945 in Bad Aussee. Sein Vater war Lehrer und Gelegenheitsautor, der dem Drittgeborenen die Lust am Formulieren und Erzählen vererbte, was sich schon früh in einer „übermütigen Hemmungslosigkeit im Umgang mit dem Material Sprache“ (O-Ton Komarek) niederschlug. Nach der Matura am Gymnasium in Stainach-Irdning bremste der Vater den Wunsch des geradezu schreibwütigen Sohnes, gleich als freier Autor tätig zu werden und riet ihm, zur Absicherung ein Jusstudium zu beginnen.

 

Für diese Argumentation hatte Alfred Komarek durchaus Verständnis, inskribierte in Wien und legte nicht nur die ersten beiden Staatsprüfungen ab, sondern bewährte sich auch als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Deutsche Rechtsgeschichte. „Ich bereue das bis heute nicht“, betont der erfolgreiche Autor im Rückblick, „denn wer mit dem kreativen Chaos in seinem Inneren produktiv umgehen will, sollte es auch gelernt haben, folgerichtig zu denken und ein stimmiges Konzept umzusetzen.“ Neben dem Studium machte der angehende Jurist das, was er am liebsten tat, nämlich schreiben, ab 1965 für den ORF, ab 1966 als freier Mitarbeiter der Wochenzeitung „Die Furche“. Aber der Stern des Alfred Komarek ging erst richtig auf, als die Geschichte des Rundfunks in eine neue Phase trat, als er – wie Komarek sagt – erwachsen wurde, sich nicht mehr für Unterhaltung genierte und nach der Rundfunkreform von 1968 mit Ö3 ein „junges“ Programm aus der Traufe hob.

 

Darin wurde dem Wort eine neue Dimension eingeräumt. Zwar waren es nach dem Vorbild der Programme der amerikanischen Besatzungstruppen in Europa meist frei sprechende Moderator*innen, die wortwörtlich das Sagen hatten, doch gelang es Komarek, radiogerechte Texte, Texte zum Hören zu schreiben, die von grandiosen Sprecher*innen wirkungsvoll an die Hörer*innen gebracht wurden, zuerst in „Entre nous“ von Erika Mottl und Wolfgang Hübsch, dann in „Melodie exklusiv“ von Meinrad Nell und Ingrid Gutschi, später in der Reihe „Texte“ von Ernst Grissemann. Gleichzeitig entstanden jede Menge anderer Manuskripte fürs Radio, für österreichische Lokalsender genauso wie für große, deutsche Rundfunkanstalten. Alfred Komarek war etabliert, verdiente ordentlich, war inzwischen glücklicher Ehemann, ging einer schönen Zukunft entgegen. Da passierte es. Seine Frau wurde das Opfer einer schweren psychischen Erkrankung, ihr Tod riss auch ihn in eine existenzielle Krise. „Ich wär auch bald draufgegangen“, sagt er nun. Er ist einer, der nie viel von sich erzählt. Aber wenn er schon nicht anders kann, als diese Katastrophe seines Lebens zu erwähnen, vergisst er nie dazuzusagen, dass es eine wunderbare Ehe war und er deshalb nur mehr allein weiterleben wolle. „So eine Frau finde ich nie mehr, wozu also noch einmal an Heirat denken …“ Wie sehr dieser gewaltige Lebenseinschnitt Komareks Schaffen beeinflusste, ist schwer zu sagen. Man müsste genaue Textvergleiche anstellen, um Spuren zu finden. Und würde sich wohl oftmals täuschen. Der Tod als Teil des Lebens war für ihn schon sehr früh ein gar nicht seltenes Thema, mit dem er – so wie heute auch – leicht und spielerisch umging, in Märchen und Bilder verkleidet. Manchmal verwirrten seine Texte gerade junge Fans. „Also, ich weiß nicht, sind Sie ein junger Alter oder ein alter Junger“, schrieb ihm eine Hörerin in den Siebzigerjahren. Und heute könnte es umgekehrt sein, als „guter Sechziger“ schreibt er so, dass ihn angesichts seiner Unbekümmertheit und seiner Lust am Schabernack vielleicht manch ältere Leser*innen für sehr jung hielten – es soll noch Leute geben, die nichts über Alfred Komarek gehört, gelesen oder ihn im Fernsehen gesehen haben. „Immer mehr fällt mir auf, dass mein Gesicht im Spiegel zwar älter ausschaut, dass meine Interessen, Gedanken und Gefühle aber die gleichen geblieben sind, auch mein berufliches und persönliches Selbstverständnis hat sich in den fünfundvierzig Schriftsteller-Jahren nicht wesentlich geändert.“

 

Mitte der Achtzigerjahre schlitterte Komarek auch noch in eine berufliche Krise. In allen Programmbereichen des Rundfunks wurde der Wortanteil immer kleiner und von immer besseren Moderator*innen bestritten, für das geschriebene Wort war bald kein Platz mehr. „Als ich im Radio nach und nach verzichtbar wurde, stand ich erst einmal verdutzt da und verarmte rapid. Ich war vierzig und lief, nach langen Beisl-Abenden riechend, jedem, aber auch wirklich jedem Auftrag hinterher, verfolgt von Furcht erregenden Steuerschulden aus besseren Tagen und belächelt von den erfolgreich Etablierten.“

 

Dass er wieder zu ihnen aufschließen konnte und so manchen überholen, hat Komarek harter Arbeit zu verdanken, seiner Ausdauer, Selbstdisziplin und Professionalität, seinem Fleiß, seiner vielseitigen Begabung und „… einer guten Portion Glück“, ergänzt er bescheiden und versichert glaubhaft, gerade deshalb nie billigen Triumph empfunden zu haben, er wisse genau, ohne dieses Glück hätte es auch anders ausgehen können. Beides, Schöpferkraft und Glück, meinte wohl Journalisten-Urgestein Herbert Völker, sein alter Weggefährte und Förderer, wenn er in einer Laudation auf Alfred Komarek mit einem Alfred-Polgar-Zitat das seltsamskurrile und gerade deshalb so stimmige Bild fand: „Wo er hintritt, da wächst Gras …“

 

Auf Komareks Lebensweg wuchs jedenfalls bald wieder Gras, dicht und üppig. Zunächst hielt ihn eine „durchaus nicht nutzlose“ Karriere als Werbetexter über Wasser – und mehr als das. Wohl jeder Österreicher kennt einen von Komarek erfundenen Slogan „Raunz nicht, kauf! – Wenn er’s nur aushält, der Zgonc!“

 

Dann entdeckten Büchermacher*innen und Magazinredakteur*innen Komareks Begabung, über verschiedenste Themen sinn- und lustvoll zu schreiben und dabei im Gegensatz zu anderen genialen Schreiber*innen auch noch verlässlich zu sein und pünktlich abzuliefern. Sowas spricht sich herum in der Branche. Er machte sich vor allem als weltweit agierender Mitarbeiter von Reisemagazinen einen Namen und stellte österreichische Landschaften und Lebensräume, kulturelle Schätze und Naturschönheiten in Büchern vor. Dass er darin weit über das Beschreiben hinausging, veranlasste Hans Weigel, ihn einen „Geosophen“ zu nennen, das Ergebnis dieser Art von Landeskunde eine „Melange aus Anschaulichkeit, Wissen und Charme“.  Und: „Ein konstituierendes Element seines Schreibens ist der Humor.“ Fügen wir hier gleich noch das außergewöhnliche Lob eines Berufskollegen und Weggefährten von besonderem publizistischen Gewicht an: Helmut A. Gansterer ließ einmal verlauten: „Komarek hat noch keinen langweiligen Satz geschrieben!“ Ganz schön stark!

 

Es folgten Sachbücher, profunde Begleittexte für Kunstbücher, Drehbücher fürs Fernsehen. Kleine Erzählungen entstanden, später Kinderbücher. Sogar Liedtexte flossen aus seiner Feder, in den Anfängen „zum Teil abscheuliche Machwerke für diverse Schlager“, wie Komarek heute zugibt, „unter dem Pseudonym Alfred Schilling geschrieben, damit jeder wusste, worauf es mir ankam.“ Später wurden die Texte anspruchsvoller, einige waren für damals prominente österreichische Sänger*innen und Gruppen bestimmt wie die Milestones. In Zusammenarbeit mit Toni Stricker entstand sogar eine CD mit Edita Gruberova als Sängerin. Er lässt sich halt schwer einordnen, dieser Komarek!

 

Und dann die Romane. Und ihr sensationeller Erfolg. Irgendwie war das Weinviertel an allem schuld. „Ich bin als Stadtflüchtling ins Weinviertel gekommen. Aussee war für einen schnellen Ausflug zu weit weg von Wien. Fasziniert hat mich an dieser Landschaft der Gegensatz zum Salzkammergut: hier eine bergende, bestimmte, spektakuläre Gegend, dort eine weithin offene, auf den ersten Blick beiläufige, leise Landschaft. Dazu die eigentümlichen Strukturen von Dörfern und Kellergassen, die mir bislang völlig fremde Welt der Presshäuser und Weinkeller, archaisch fest gefügt, aber auch verletzlich. Der Weg dorthin, das Bleiben, das Langsam- und Ruhig-Werden ist ein wichtiger Teil meines Lebens.“ Komarek kauft im Pulkautal einen Weinkeller mit dazugehörigem Presshaus, das er sorgfältig und respektvoll herrichtet. Immer öfter verbringt er hier seine Wochenenden und manche Tage dazwischen. Ein zweites Presshaus rettet er durch seinen Kauf vor dem Verfall und erhält sein skurriles Inventar wie ein Museum. Er wird heimisch, lernt die Leute kennen, gehört bald zum lebenden Inventar der Gegend. Und setzt ihr mit seinem Gendarmerie-Inspektor Simon Polt ein literarisches Denkmal.

 

Das letzte Jahrzehnt habe ich als Komareks glücklicher Verleger selbst miterlebt. Den großen Erfolg mit „Polt muß weinen“ und den Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi; den Lizenzverkauf an den Diogenes Verlag, der mit den Polt-Taschenbüchern neue Leser*innenschichten vor allem in Deutschland erschloss; das Interesse Erwin Steinhauers, den sympathischen Gendarmen zu verkörpern; die von knapp einer Million Österreicher*innen gesehene Ausstrahlung im ORF genau zu dem Zeitpunkt, als der zweite Polt-Roman auf den Markt kam: „Blumen für Polt“. Dann Polt 3 und 4 und die nächsten Filme, Fernseh-Talkshows, Interviews, Lesungen, das allgemein immer größer werdende Echo. Natürlich schrieb Komarek währenddessen auch anderes, darunter ein neues Kinderbuch, Fernsehdrehbücher, ein Theaterstück und für den Haymon Verlag die Texte zu Bildbänden über das Ötztal (Fotos von Guido Mangold), über Venedigs Inselwelten („Laguna“ mit Bildern von Manfred Duda). Einen fünften Polt-Krimi wollte er vorerst nicht mehr schreiben. „Im Pulkautal passieren halt nicht so viele Morde.“ Dem Ansinnen, Polt zur TV- Serienfigur zu machen, widerstand er umso leichteren Herzens. Für Polt sprang Daniel Käfer in die Bresche, ein arbeitslos gewordener Magazinjournalist, den Komarek erfand, um eine andere Landschaft seines Herzens in mehreren Romanen vorzustellen: das Ausseerland. Keine Krimis mehr, aber Romane mit starken Charakteren und einem liebenswerten Völkchen rundherum, mit viel Landschaft, Kultur und Geschichte, witzigen Dialogen und einer spannenden Handlung, eben mit allem, was guten Lesestoff auszeichnet. Der Erfolg der Polt-Romane setzte sich fort, die Filmfirma,  der Regisseur und der ORF stiegen wieder ein. Mit Peter Simonischek erhielt auch Daniel Käfer einen prägnanten, unverwechselbaren Darsteller.

 

Komareks inzwischen riesige Fangemeinde freut sich auf den vierten und letzten Käfer-Roman, erhofft (nicht aussichtslos) danach einen fünften Polt-Krimi und kommt mit dem vorliegenden Buch endlich auch schwer oder gar nicht zugänglich älteren Texten. Denn wer den echten und wahren Komarek kennenlernen will, muss verschiedenen Spuren folgen und braucht unterschiedliches Futter für seinen Lesehunger. Hier ist es, greifen Sie zu! Aber mit Bedacht. Ich empfehle, denn so hat man mehr davon, es sich langsam und genießerisch Happen für Happen einzuverleiben. Auf diese Weise können Sie mit Alfred Komarek auf Reisen gehen, österreichische Besonderheiten nachsichtig belächeln, alte Autos ausprobieren, der Esslust frönen, ernste Probleme weiterdenken – oder in eine Märchenwelt voller Symbole, Anspielungen, in Wachträume versinken.

 

„Plädoyers für Toleranz und Menschlichkeit im Umgang mit Justiz und Verbrechen“ – Georg Hasibeder über Alfred Komarek

Wir trauern um Alfred Komarek. Mit ihm verlieren wir einen Schriftsteller, der Orte, Landschaften und Menschen klug und mit viel Feingefühl porträtierte und im Schreiben wie im Leben stets die Toleranz hochhielt, einen Anstifter zum Innehalten, einen, der so viel Fantasie hatte, dass er sie mit uns allen teilen konnte.
Zum Gedenken teilen wir hier einen Text von Georg Hasibeder über Alfred Komarek, der 2011 entstanden ist, als Alfred Komarek den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln erhielt.

Alfred Komarek nimmt unter den österreichischen Kriminal-Autor*innen eine herausragende Position ein: Nicht nur, weil er mit seinen „Polt“-Romanen den Grundstein für das Genre des charakteristischen Österreich-Krimis gelegt hat, nicht nur, weil er mit Gendarmerieinspektor Simon Polt eine einzigartige, vielschichtige und zutiefst authentische Ermittler-Figur geschaffen hat, nicht nur, weil seine „Polt“-Romane weit über das Krimi-Genre hinaus als literarische Porträts eines besonderen Kultur- und Lebensraumes, des Weinviertels, gelesen werden können. Über all das hinaus besitzen Komareks „Polt“-Romane auch noch eine weitaus tiefere sozusagen rechtsphilosophische Ebene, die der Autor unaufdringlich, aber konsequent und klug durchdacht durch alle fünf Episoden rund um Simon Polt hindurchführt. Dabei interessiert den Autor in erster Linie der Konflikt zwischen einem juridischen und einem rein menschlichen Gesetzesverständnis.

Der einfache Gendarm Polt fühlt sich stets im Zwiespalt zwischen der Befolgung seiner Dienstpflichten, der Vorschriften und Gesetze einerseits und seinem menschlichen Gewissen andererseits. Wo das Gesetz dem Gendarm Polt klare Entscheidungen vorgeben würde, ist dem Menschen Polt zugleich bewusst, dass es Situationen gibt, in denen die Buchstaben des Gesetzes in Frage stehen, stehen müssen – weil er weiß, dass die Bestrafung eines Verbrechers nichts ändern, keine Gerechtigkeit herbeiführen würde, oder weil die Gründe für ein Verbrechen so nachvollziehbar und schlüssig sind, dass er sich nur schwer dazu durchringen kann, es in aller Härte zu verfolgen. Das bedeutet nicht, dass Simon Polt ein Anarchist wäre, der sich um die Gesetze nicht kümmert – er ist ein pflichtbewusster Staatsdiener, aber zugleich auch ein sich selbst treuer Mensch, der es sich nicht so leicht machen will, den Zwiespalt zwischen Gesetz und Menschlichkeit zu ignorieren.

Alfred Komarek versteht es meisterhaft, diese Konflikte und Interessenskollissionen – mit denen alle mit der Strafverfolgung betrauten Personen und Organe, vom ermittelnden Polizisten bis hin zum Richter, die in ihrem Beruf eine Verpflichtung und einen Dienst am Menschen sehen, zwangsläufig immer wieder konfrontiert werden – einzufangen und bietet in seinen Romanen Lösungen an, die puren Juristen vielleicht nicht gefallen mögen, die aber Leser*innen, die diese Konflikte verinnerlichen können, im Endeffekt sehr befriedigen.

 

Foto: János Kalmár.

Damit sind Alfred Komareks Kriminalromane zugleich auch als Plädoyers für Toleranz und Menschlichkeit im Umgang mit Justiz und Verbrechen zu verstehen – nicht in dem Sinn, dass Komarek des Verbrechen beschönigen oder gar gutheißen würde, aber insofern, als er nachdrücklich darauf hinweist, dass eine eindimensionale, bloß am Buchstaben des Gesetzes ausgerichtete Sichtweise auf das Verbrechen nicht ausreichend ist, um die menschliche Dimension beider Seiten.

 

Der nachhaltige kulturelle und gesellschaftliche Wert von Alfred Komareks Gesamtwerk – seinen „Polt“-Kriminalromanen, der Roman-Serie rund um Daniel Käfer, die im Salzkammergut angesiedelt ist, wie auch seinen literarischen Reportagen und Landschaftsbüchern – liegt darüber hinaus in seiner von tiefem Verständnis und Sympathie getragenen, dabei aber nie beschönigenden oder idyllisierenden Landschaftsporträts. Mit seinen literarischen Darstellungen besonderer österreichischer Kultur- und Lebensräume wie des Waldviertels oder des Salzkammerguts weckt er ein dauerhaftes Bewusstsein, dass eine Region weit mehr ist als die Summe ihrer Sehenswürdigkeiten oder Traditionen, weit mehr als ihre touristische Selbstinszenierung. Gerade im Blick auf die Details, in der Konzentration auf das Unspektakuläre, Unauffällige und Stille macht Alfred Komarek deutlich, dass der Charakter einer Landschaft in ihren Bewohner*innen, in der Authentizität ihres Alltags besteht, und nicht in der touristischen Selbstvermarktung, im Beharren auf erstarrte Traditionen oder in der ängstlichen Abgrenzung vor dem Fremden.
Auch damit leistet Alfred Komarek einen Beitrag für ein ausgewogenes, tolerantes, weltoffenes und selbstbewusstes Verständnis österreichischer Kultur, der weit über die Landesgrenzen hinaus hörbar ist und wahrgenommen wird.

 

„Gasperlmaier hängt noch immer das Image des Tollpatschs nach.“ – Herbert Dutzler im Interview

Franz Gasperlmaier hat bereits im Bergwerksstollen ermittelt, sich im Fasching als Trommelweib getarnt, bei Verfolgungsjagden auf Gebirgsstraßen geschwitzt und dabei diverse Verbrecher*innen gestellt. Herbert Dutzler verrät uns, was „Letztes Zuckerl” für den Franz bereithält und inwiefern sich der Ermittler der Herzen über die Jahre verändert hat.

 

Seit Jahren dürfen wir Franz Gasperlmaier bei seinen Ermittlungen begleiten – in „Letztes Zuckerl“ bereits zum elften Mal. Was würdest du sagen, inwieweit hat sich Gasperlmaier in all den Jahren weiterentwickelt und inwiefern ist er der Alte geblieben? Und wie hat sich die Beziehung zwischen dir und deiner Romanfigur verändert?

Gasperlmaier hängt immer noch das Image des Tollpatschs nach, das ich ihm zu Beginn der Serie selbst verpasst habe. Mittlerweile hat er das Ungeschickte, Umständliche äußerlich abgelegt, das Zögerliche und Nachdenkliche aber sind ihm geblieben. Ich lasse Gasperlmaier nämlich immer noch sehr zaghaft auf Neues, Unerwartetes und Ungewöhnliches reagieren, das bringt auch Spannung in die Figur, sie muss sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen, wie zum Beispiel den Entwicklungen in seiner Familie.

 

Foto: © Haymon Verlag/ Fotowerk Aichner.

Ein altbekanntes Sprichwort lautet „Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen“. Glaubst du, Gasperlmaier würde diesem Spruch zustimmen?

Ja, sicher. Er macht sich um das Wohlergehen seiner Kinder und Enkel viele Gedanken, die ihm manchmal auch den Schlaf rauben. Da Gasperlmaier bereits im ersten Band fast erwachsene Kinder hatte, fehlt mir leider der Einblick in ihre frühe Kindheit und Jugend – welche Rätsel sie ihm damals aufgegeben haben, verbleibt im Dunkel der Vergangenheit. Aber vielleicht gibt es ja einmal einen Band „Gasperlmaier – the early years“!

 

Auch Internetkriminalität wird in „Letztes Zuckerl“ thematisiert. Musstest du selbst schon mal Erfahrungen mit Internettrollen machen?

Das ist mir bisher zum Glück erspart geblieben – obwohl: Bei einigen Büchern tauchten auf der Seite eines bekannten Onlineshops sehr kurz nach dem Erscheinen anonyme Ein-Stern-Bewertungen ohne Kommentar auf – da habe ich mir schon Gedanken gemacht, wer da wohl dahinterstecken könnte!

 

Wer auf der Suche nach einer Wohnung oder einem Eigenheim ist, weiß: Es ist schwierig, etwas Passendes und noch schwieriger, etwas Leistbares zu finden. Selbst im idyllischen Altaussee versucht jemand, dubiose Immobiliendeals zu machen. Hattest du selbst bereits mit Immobilienhaien zu tun?

Da muss ich ein wenig weiter zurückgehen: Während des Studiums habe ich mit meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau in einer Garçonnière in Salzburg gewohnt. Der Besitzer verfügte, Gerüchten zufolge, über ca. 80 Wohnungen in Salzburg und hat während der insgesamt 5 Jahre, die wir dort verbrachten, die Miete um ca. 50% erhöht – da konnten wir zum ersten und einzigen Mal spüren, wie schwierig es sein kann, in Gegenden leistbares Wohnen zu finden, die sehr stark nachgefragt sind.

 

Der Franz ist traditionsverbunden, aber auch immer wieder bereit, sich auf Neues einzulassen. Was beschäftigt ihn derzeit? Was tut sich in seinem Leben?

Da gibt es tatsächlich einiges. Gasperlmaier macht sich zu viele Gedanken darüber, ob die Partner seiner Kinder auch wirklich die richtigen für sie sind. Da ist einmal Richelle aus Vancouver, die für seinen Geschmack etwas zu mondän und zu wenig naturverbunden ist. Ob das in Altaussee gut gehen kann, fragt er sich oft. Und die Frau seiner Tochter ist ja bekanntlich Journalistin, und er hat es nicht so gern, wenn sie zusammen mit seiner Katharina in Altausseer Interna herumwühlt. Und zu guter Letzt fragt er sich natürlich auch, ob er es bei der Polizei bis zur Pension schaffen wird – nach einem durchaus unerfreulichen Erlebnis im „Letzten Zuckerl“, über das nichts verraten werden soll. Aber es ist ihm ja schon einige Male übel mitgespielt worden, das darf man hier nicht vergessen!

 

Altausseer Landidylle, Opafreuden und Internetkriminalität  findest du in „Letztes Zuckerl” von Herbert Dutzler.

 

Full House bei den Gasperlmaiers!
Die bereits erwachsenen Kinder kehren mit ihren Familien zurück ins elterliche Nest und auch außerhalb des Gasperlmaier-Hauses geht es rund: Zuerst geschieht ein Unfall mit Todesfolge, dann gräbt ein Hund nicht etwa ein Stöckchen, sondern eine Leiche aus dem Schnee. Dass es Franz Gasperlmaier bei seinen Ermittlungen mit Männern zu tun bekommt, die sich mit Frauenhass brüsten, jemand um jeden Preis Altausseer Immobilien ergattern will und ein Hauch von Marihuanaduft in der Luft liegt, lässt seinen Vorsatz, es ruhiger anzugehen, gehörig wackeln.

 

Komm mit ins Ausseerland! Hier geht’s in die Welt von Franz Gasperlmaier.

Kriminell gute Weihnachtsgeschenke: Spannung unterm Weihnachtsbaum

Jedem Tierchen sein Pläsierchen – und jedem Krimifan sein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk. Das Krimi-Genre ist so verschieden wie die Geschmäcker, und den perfekten Krimi zu verschenken ist in vielerlei Hinsicht das perfekte Weihnachtsgeschenk: herrlich spannende Lektüre für die nebeligen Feiertage, ein guter Grund zum Liegenbleiben nach übermäßigem Genuss von Weihnachtsleckereien und die Freude über ein persönliches und wirklich passendes Geschenk. Damit das Krimigeschenk auch bestimmt ins Schwarze trifft, haben wir für euch die besten Tipps zusammengestellt.

Rabenschwarz, rasant und unglaublich wortwitzig: „Strippen statt sticken!“ von Tatjana Kruse.

 

Für die Humorvollen

Swinging in Schwäbisch Hall: Ex-Kommissar Seifferhelds schlüpfrigster Fall
Seifferhelds Freund und Ex-Polizeikollege Dombrowski (der von der Sitte!) hat Sorgen. Sein Neffe ist nämlich in einen alles andere als sittlichen Fall verwickelt: Der Schriftsteller weilt gerade dank des Comburg-Stipendium im schönen Schwäbisch Hall. Weil man aber nicht immer nur arbeiten kann, sondern auch etwas Abwechslung und Inspiration braucht, hat Dominik Dombrowski einen privaten Swingerclub aufgesucht – rein aus Recherchegründen, versteht sich. Hüstel. Dort verbringt er einen sehr vergnüglichen Abend mit einer jungen Frau. Doch als er mitten in der Nacht in einem der Nebenzimmer aufwacht, liegt die Frau erdrosselt neben ihm.

Tatjana Kruse, ungekrönte Königin der Krimödie, schafft pro Seite mehr Anschläge auf das Zwerchfell als manch zweistündiger Kabarettauftritt – Lachmuskelkater vorprogrammiert!

Zwischen Familienwahnsinn und mörderischer Castingshow: „Letzter Tropfen“ von Herbert Dutzler.

 

Für den Serienliebhaber

Verbotene Pillen und verhängnisvolle Fotos: Gasperlmaier ermittelt am Catwalk
Nicht genug, dass die Dreharbeiten einer bekannten Model-Castingshow mitsamt schriller Modelmama die beschauliche Idylle in Altaussee stören. Jetzt wird auch noch der Set-Fotograf tot im See aufgefunden. Das kommt für Franz Gasperlmaier höchst ungelegen, hat ihn schließlich das Hochzeitsfieber gepackt. Bevor seine Tochter Katharina ihrer Stefanie das Ja-Wort geben kann, gilt es nun also nicht nur deren etwas eigenwillige Eltern kennenzulernen, sondern auch die Ermittlungen im Dunstkreis der TV-Show aufzunehmen. Was für ein Glück, dass ihm Frau Doktor Kohlross mit ihrem flotten Flitzer zur Seite steht. Schon bald zeigt sich: Die ungeschminkte Wahrheit hinter der Model-Castingshow ist alles andere als schön.

Mit einer großen Portion Sympathie für Land und Leute zeichnet Herbert Dutzler seine Heimat – nicht ohne kritische Blicke auf die Schattenseiten des Landlebens und den touristischen Ausverkauf der Region.

Dublin online und offline: „Unfollow Stella“ von Ellen Dunne.

 

Für die Kosmopolitin

Patsy Logan sucht nach einem Neustart … und bald auch nach einer Vermissten
Patsy Logan, Kriminalhauptkommissarin aus München, steht ein paar Monate vor ihrem 40er und ist frisch getrennt, in Dublin, in einer beruflichen sowie privaten Auszeit. Unschlüssig, wie sie das Chaos um ihren Neuanfang in den Griff bekommen soll, entschließt sie sich dazu, abzuwarten – und erst einmal gar nichts zu tun. Während ihre Gedanken immer wieder um ihre berufliche Zukunft kreisen, bietet sich der Fall der verschwundenen Stella als Ablenkung an. Sam Feurstein, Polizeiattaché in der österreichischen Botschaft in Dublin, bittet Patsy um Hilfe bei der Suche nach der jungen Frau. Gemeinsam beginnen Patsy und Sam, die letzten Tage vor Stellas Verschwinden nachzuvollziehen. Tauchen tiefer ein in Stellas Doppelleben auf der Schattenseite der Sozialen Medien – und setzen dadurch eine Spirale immer bedrohlicherer Ereignisse in Gang.

Ellen Dunnes Kriminalromane sind ein bisschen wie frisch gezapftes Guinness: herb, dunkel, besonders und erfrischend köstlich.

Unkonventionell, ungleich und unwiderstehlich: „Schattenriss“ von Theresa Prammer.

 

Für den Theaterbegeisterten

Verliebt, verlobt, … verschwunden: ein neuer Fall für Toni und Brehm
Während der Sommerferien arbeitet die Schauspielschülerin Toni Lorenz mit Privatdetektiv Edgar Brehm. Doch die Beschattung vermeintlich untreuer Ehegatten müssen die beiden jäh unterbrechen, als sie eine dringende Nachricht erreicht: Ein junger Mann ist verschwunden. Und der Anruf kommt von einer Person aus Edgars Vergangenheit, die er eigentlich liebend gerne vergessen wollte. Doch das Vorhaben, sich aus der Sache rauszuhalten, geht so gar nicht auf, als auch noch eine junge Frau vermisst wird. Die beiden Fälle hängen zusammen – und bald schon merken Toni und Edgar, dass es ganz schön schwierig wird, alle Beziehungswirren, die die Vermissten und ihre Familien verbinden, im Blick zu behalten. Was genau ist zwischen den Vermissten vorgefallen, und warum wusste niemand von ihrem Treffen?

Theresa Prammer gönnt uns keine Atempause: auf Theaterbühnen und Filmsets, auf den Straßen Wiens, von der Donau bis in den Prater lösen Toni und Brehm Fälle, die unter die Haut gehen.

Ungeschönt mit Durchschlagkraft: „Zwischen euch verschwinden“ von Gudrun Lerchbaum.

 

Für die Sozialkritische

Zwischen Unsichtbar-Werden und der Angst gefunden zu werden
Maria wechselt ihre Identitäten, arbeitet mal da mal dort. Immer wieder wird ihre prekäre Situation schamlos ausgenutzt. Sie schwankt zwischen Passivität und Selbstermächtigung, sucht den Weg des geringsten Widerstandes, fügt sich und passt sich ihrer Umwelt geschmeidig an … so lange, bis es ihr reicht. Dass der Tod ihrer Mutter nicht der einzige Todesfall ist, in den sie involviert ist, und dass Maria nicht nur von der Polizei gesucht wird, lässt das Spiel mit der Identität zur Überlebensstrategie werden.

Gudrun Lerchbaum nimmt uns mit auf eine rasante Reise entlang der Schicksale jener Frauen, die ungesehen bleiben: da ist die pflegende Angehörige schwerkranker Eltern, da ist die Kellnerin in Schwarzarbeit, die ausgebeutet und erpresst wird, da ist die Ehefrau, die sich vor ihrem prügelnden Mann ins Frauenhaus rettet, und die 24-Stunden-Pflegekraft, von der viel mehr als nur Pflege erwartet wird.

Ein knallbunter Kriminalfall: „Lemmings Blues“ von Stefan Slupetzky.

 

Für die Tierfreund*innen

Wem hängen sie nicht schon längst zum Hals heraus? Die dauernden Sorgen um Corona, den Klimawandel und die generelle Weltlage …
Dem Lemming geht es ganz genauso. Deshalb steht für ihn fest: Wenn er Schriftsteller wäre, würde er diese Themen ruckzuck abarbeiten und sich dann endlich mit dem wirklich Wichtigen beschäftigen: seinem neuesten Fall. Der nämlich beschert ihm einen neuen Gefährten: Kuli, eigentlich Herkules, den Mops. Kuli befindet sich auf mysteriöse Weise plötzlich in seiner Detektei, scheint philosophisch versiert zu sein – und schwebt in Lebensgefahr. Denn eine Gruppe Schweißerbrillen tragender Wahnsinniger, die ihrer ganz eigenen Wahrheit anhängt, ist hinter ihm her. Und der Lemming? Der weiß plötzlich selbst nicht mehr so genau, was eigentlich wahr ist …

Stefan Slupetzkys Romane sind wie gute Musikstücke, die dich vor sich hertreiben, animieren und dann wieder sanft umschmeicheln. Mit Leopold „Lemming” Wallisch tauchst du ein in eine Welt, die permanent ihre Farben verändert, bis du nicht mehr weißt, was eigentlich real ist. Was im Übrigen ziemlich schön sein kann.

Rasante Action mit psychologischem Twist: „Böse Hoffnung“ von Thomas Baum.

 

Für die Adrenalin-Junkies

Kommissar Worschädl in seinem bisher persönlichsten Fall
Worschädl hat Schädlweh. Denn wieder einmal werden seine Kollegin Sabine Schinagl und er zu einem Verkehrsunfall gerufen – und das bei 36 Grad im Schatten. Was sollen sie als Kripo-Team dort? Am Tatort wird klar: Clemens Löffler, Motorradfahrer und Controller am Linzer Flughafen, wurde absichtlich überfahren – das bestätigt dem Linzer Ermittlerduo auch ein Augenzeuge. Als es ein zweites Mordopfer gibt, sind sich Worschädl und Schinagl sicher: Hier hütet jemand Geheimnisse. Um jeden Preis. Die beiden versuchen – entgegen aller polizeiinternen Widerstände –, mehr Klarheit in Löfflers Machenschaften zu bringen: Was genau geht am Zoll des Flughafens vor sich?

In einem atemberaubend temporeichen Fall muss Thomas Baums Ermittlerteam einige Regeln brechen, um Geschäfte aufzudecken, die zeigen: Wenn es um Einfluss und Geld geht, ist manchen Menschen kein Preis zu hoch.

Und für alle, die noch viel  mehr Krimi-Auswahl brauchen: Hier gibt es die besten Bücher für eine gelungene Bescherung!

Wir wünschen fröhliches Stöbern!

Lebende Vögel, hochpreisige Uhren und in Wein eingelegte Schlangen: Was sich in den Koffern von Reisenden versteckt. Ein Blick in den Alltag von Zollbeamt*innen.

In „Böse Hoffnung“ lässt Thomas Baum sein Ermittlerteam Robert Worschädl und Sabine Schinagl am Linzer Flughafen ermitteln, um düstere Machenschaften aufzuklären. Gerhard Matzer vom Zollamt Österreich kennt sie alle: die kreativsten Schmuggel-Verstecke und die absurdesten Güter, die am Zoll vorbei geschmuggelt werden.

 

Für Privatpersonen ist der Zoll oft etwas, dem sie gern heimlich entgehen würden, um Geld zu sparen. Was sind die kreativsten Verstecke oder Aktionen, mit denen Menschen versuchen, den Zollgebühren zu entkommen?

Schmuggelverstecke sind meist abhängig von der Art der Ware, die am Zoll vorbei in die Zollunion verbracht werden sollen. Zum Beispiel werden Schmuck oder hochpreisige Uhren getragen oder am Körper versteckt. Zigaretten und andere Tabakwaren werden oftmals aufwendig in bauartbedingte Hohlräume bei Kraftfahrzeugen eingebaut oder es werden hierzu extra Umbauten (doppelter Boden, …) an Kraftfahrzeugen vorgenommen.

 

Welche geschmuggelten Waren sind die skurrilsten?

Lebende Vögel wurden in leeren aufgeschnittenen Plastikflaschen im Reisegepäck aus Südamerika nach Österreich geschmuggelt und am Flughafen Wien entdeckt und beschlagnahmt. Die überlebenden Tiere wurden in entsprechende Quarantänestationen gebracht. Leider werden insbesondere im Bereich des Artenschutzes noch immer skurrile Dinge, wie in Wein eingelegte Schlangen, so genannte Snake Wines, oder auch Krokodilköpfe geschmuggelt.

 

Bei Schmuggelware denkt man oft an Zigaretten, Markenware oder auch Medikamente. Welche Produkte versuchen Personen häufig durch den Zoll zu schleusen, von denen man es nicht erwarten würde?

Es wird häufig versucht Waren, wie Fleisch, Käse, Honig, Eier, lebende Pflanzen, Gemüse und andere Lebensmittel, welche aus tierseuchenrechtlichen oder phytosanitären Gründen nicht eingeführt werden dürfen, in die Union zu verbringen. Es müssen jedes Jahr mehrere Tonnen solcher vom Zollamt beschlagnahmter und eingezogener Waren (hauptsächlich Fleisch, Milchprodukte und Gemüse) vernichtet werden.

 

Was passiert mit der Ware, für die Personen keine Zollgebühren bezahlen möchten?

Im Falle des Schmuggels ist nach dem Finanzstrafgesetz neben einer Geldstrafe auch grundsätzlich der Verfall (d.h. die Ware geht in das Eigentum des Staates Österreich über) vorgesehen. Verwertbare Waren, wie Schmuck, Uhren, … werden in der Folge oft versteigert.
Unter bestimmten Voraussetzungen ist es möglich, dass die Ware auch den Schmuggler*innen wieder überlassen wird. Dies kann entweder durch Rückkauf der für verfallen erklärten Ware oder durch Entrichtung des doppelten auf der Ware lastenden Abgabenbetrages (einfache Abgaben max. 1000 Euro) sein. Waren, bei denen der Besitz verboten ist (z.B. verbotene Waffen) oder bei deren Einfuhr besondere Voraussetzungen erfüllt werden hätten müssen (z.B. Vorlage bestimmter Zeugnisse, Bewilligungen oder anderer Dokumente) dürfen jedoch nicht überlassen werden.
Waren die nicht verwertet werden können, sind unter Aufsicht zu vernichten (dazu gehören Fleisch, Zigaretten, illegale Arzneiwaren, …).

 

Bei welchen Produkten denken viele Menschen, dass es illegal wäre, sie über die Grenze zu führen, obwohl sie tatsächlich erlaubt sind?

Zigaretten für nicht kommerzielle Zwecke (zur Abdeckung des Eigenbedarfs) dürfen aus einem Drittland in die Union eingeführt werden. Zu beachten ist jedoch, dass die Menge an Zigaretten, welche die Freimenge von 200 Stück überschreitet, beim Zollamt gestellt und zumindest mündlich angemeldet werden muss. Dies bedeutet z.B. am Flughafen, dass sich der Reisende in den „Rotkanal“ begeben und dort die Zigaretten mündlich erklären muss. Das Zollorgan überprüft die gemachten Angaben und berechnet die Höhe der zu entrichtenden Abgaben und teilt dies dem Reisenden mit. Nach Entrichtung dieser kann der Reisende mit den Zigaretten die Reise fortsetzen.
Waren, die keinen Verboten oder Beschränkungen unterliegen, können grundsätzlich unter Beachtung der geltenden Reisefreimengen und Reisefreigrenzen eingeführt werden. Wird eine Freimenge oder Freigrenze (z.B. Freigrenze von 430 Euro bei Waren, die im Luftverkehr durch Personen die 15 Jahre oder älter sind eingeführt werden) überschritten oder die Ware unterliegt einem Verbot oder einer Beschränkung unabhängig vom Wert, ist diese beim Zollamt zumindest mündlich anzumelden.

Beispiel: Die Einfuhr einer hochpreisigen Uhr aus Schweiz nach Österreich ist grundsätzlich erlaubt, übersteigt der Wert der Uhr die Reisefreigrenze von 430 Euro im Flugverkehr oder von 300 Euro bei der Einreise im Straßenverkehr, ist der Reisende verpflichtet die Uhr beim Zollamt an der Grenzzollstelle von sich aus anzumelden. Ist die Uhr mit einem Uhrband aus Krokodilleder ausgestattet, welches dem Artenhandelsgesetz unterliegt, ist unabhängig vom Wert der Uhr, diese beim Zollamt zu gestellen und von sich aus anzumelden. Die Einfuhrgenehmigung nach dem Artenhandelsgesetz ist dem Zollamt vorzulegen.

 

Welche ungerechtfertigten Vorurteile gibt es gegenüber dem Zoll?

Viele verbinden mit dem Zoll nur Kontrollen am Flughafen oder an der Zollgrenze zur Schweiz oder Liechtenstein. Tatsächlich nimmt der Zoll sehr viele Aufgaben zur Abwicklung des Warenverkehrs aus bzw. in Drittländer wahr. In einem Europa der offenen Grenzen hat sich das Gesicht des Zolls gewandelt. Neben der Erhebung von Steuern und Zöllen an der Grenze hat der Zoll heute noch viele andere wichtige Aufgaben: die Gewährleistung eines reibungslosen internationalen Warenverkehrs und eines fairen Wettbewerbs, der Schutz für Mensch, Tier oder Pflanzen, Wirtschaft und Umwelt im internationalen Warenhandel und damit im Binnenmarkt. Die Kontrollen des Zoll dienen aber auch dem Schutz der Verbraucher*innen vor mangelhaften Waren oder vor gefälschten Produkten. Durch Kontrollen im Bereich Artenschutz trägt er zum Erhalt der Artenvielfalt bei. Bargeldkontrollen fallen ebenfalls in das Aufgabenfeld des Zolls.

 

Rasante Action mit psychologischem Twist: „Böse Hoffnung“ von Thomas Baum.

 

Clemens Löffler, Motorradfahrer und Controller am Linzer Flughafen, wurde absichtlich überfahren – das bestätigt dem Ermittlerduo Robert Worschädl und Sabine Schinagl ein Augenzeuge. Als es ein zweites Mordopfer gibt, sind sich Worschädl und Schinagl sicher: Hier hütet jemand Geheimnisse. Um jeden Preis. Entgegen allen polizeiinternen Widerstände versuchen die beiden Klarheit in Löfflers Machenschaften zu bringen.
Worschädls Frau Karoline hat in der Zwischenzeit andere Sorgen: Ihre beste Freundin ist an Krebs erkrankt, doch die Therapie schlägt nicht richtig an. Das Seltsame: So geht es auch anderen Patient*innen, die dasselbe Medikament bekommen. Je mehr Karoline in dieser Causa recherchiert, desto mehr bringt sie sich selbst in Gefahr …

Mehr Infos zu dem Buch gibt es hier.