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„Für eine Gesellschaft ist der Blick in die eigene Geschichte unerlässlich” – Wilfried Steiner im Interview

Autor Wilfried Steiner im Gespräch. Foto: Andrea Peller

Die Füße im Lavasand, der Kopf im Sternenhimmel: Adrian Rauch hat einen Traum. Auf La Palma das weltgrößte Spiegelteleskop sehen, einmal aus der geregelten Bahn ausbrechen, alles vergessen und in Gedanken mit dem Kosmos verschmelzen.

Doch vor Ort gestaltet sich alles anders als geplant. Vor der beeindruckenden Kulisse der Kanareninsel wird Adrian nach und nach in eine Geschichte verwickelt, aus der es kein Entrinnen gibt. Während sich seine Frau Karin die Zeit bei Surfstunden vertreibt, gerät der Hobbyastronom mehr und mehr in den Bann von Sara, die ihm ihr dramatisches Schicksal anvertraut. Und von diesem Augenblick an wird Adrian vom Strudel ihrer Erzählung mitgerissen. Statt in die Weiten des Orionnebels blickt er in einen tiefen Abgrund, von dem er sich unmöglich abwenden kann.

Der Sog des bildgewaltigen Romans von Wilfried Steiner ist unwiderstehlich, in „Der Trost der Rache” führt er uns über schwarze Lavastrände, den gewaltige Roque de los Muchachos, zwischen Blüten in allen erdenklichen Farben durch ein packendes Abenteuer, das philosophische Fragen von großer Tragweite aufwirft.

Wir haben uns mit dem Autor über die Hintergründe und Schauplätze seines neuen Romans unterhalten:

***

Das Gran Telescopio Canarias, Wilhelm Reich, eine Ornithologin, die auf Rache sinnt, Pinochet – ist es der Zufall, der diese außergewöhnliche Konstellation zustande bringt oder gibt es einen verborgenen roten Faden, der unvermeidlich zu diesem kuriosen Zusammentreffen führt?

Die Ausgangsidee war, zwei gegensätzliche Charaktere aus weit entfernten Regionen auf dem Gipfel des Roque de los Muchachos zusammenzuführen. Sara und Adrian haben ganz unterschiedliche Beweggründe und Schicksale; was sie vereint, ist der Wunsch, zum Gran Telescopio Canarias zu gelangen. Das hatte für mich eine gewisse strukturelle Symmetrie, die über bloßen Zufall hinausging.

Glauben Sie im echten Leben an den Zufall?

In einem naturwissenschaftlichen Sinn schon. Ohne das Prinzip des Zufalls wäre ja auch die Quantentheorie nicht denkbar. Die berühmte Kopenhagener Deutung spricht sogar von „objektivem Zufall”.

Gran Telescopio Canarias

Die Astronomie begeistert Adrian, den Protagonisten. In einem Spiegelteleskop, wie dem Gran Telescopio, das im Roman eine große Rolle spielt, wird – vereinfacht gesprochen – das Licht des Himmelskörpers über gekrümmte Spiegel reflektiert und gebündelt, sodass der Beobachter im Okular einen knappen Auszug der Wirklichkeit erhält. Sehen Sie Parallelen zum Schreiben?

Im Prinzip ein schönes Bild – wenn man davon absieht, dass bei großen Spiegelteleskopen heute niemand mehr durch ein Okular schaut. Die Astronomen sitzen vor Bildschirmen und studieren Computerdateien. Das hat vielleicht auch Parallelen zum Schreiben, nur leider nicht so romantische …

Der Blick in die Sterne ist ja zwangsläufig immer ein Blick in die Vergangenheit. Einer, der uns weiterbringen kann?

Das kann man auf mehreren Ebenen beantworten. Für eine Gesellschaft ist der Blick in die eigene Geschichte unerlässlich, wenn sie sich weiterentwickeln will. Wozu es führt, wenn ein Staat seine eigene Historie beschönigt, konnte man gerade in Österreich gut beobachten.

Dem einzelnen Menschen schadet es auch nicht, sich mit seinen Anfängen zu beschäftigen, wenn er wissen will, was ihn so umtreibt. Jede körperliche Verkrampfung, sagt Reich, „enthält die Geschichte und den Sinn ihrer Entstehung”.

Astronomisch ist dabei ein Paradoxon interessant: Wenn ich mit immer besseren Teleskopen immer tiefer in die Frühzeit des Universums schauen kann, warum sehe ich am Ende nicht den Urknall selbst? Die undurchdringliche Wand, die das verhindert, ist 300.000 Jahre nach dem Beginn des Kosmos entstanden. Wenn die Wissenschaftler weiter zurückblicken wollen, müssen sie anders vorgehen: In riesigen Teilchenbeschleunigern wie dem LHC werden Protonen mit annähernder Lichtgeschwindigkeit aufeinander geschossen. Das ultraheiße Plasma, das dabei entsteht, kommt dem Ursprung der Welt näher als jedes noch so hochgerüstete Weltraumteleskop. Dieses Phänomen wird eine wichtige Rolle in meinem nächsten Roman spielen …

Lavafelder auf La Palma

In Ihrem Roman geht es in letzter Instanz um eine weitreichende moralische Frage: Gibt es Umstände, die Rache als Handlungsmotiv legitimieren?

Die erste Antwort muss natürlich sein: Ich bin gegen Selbstjustiz. Denn darauf läuft die Frage ja hinaus. Aber was genau bedeutet in diesem Zusammenhang „legitimieren”? Das Spannende (und Schwierige) ist ja gerade, dass es Einzelfälle gibt, die die Striktheit der allgemeinen Antwort ins Wanken bringen. Wenn ich einem Mann gegenüberstehe, der meine halbe Familie ausgerottet hat, und ich besitze eine Waffe – was würde ich tun? Oder anders: Würde ich jemanden, der in einer solchen Situation den Täter ermordet, als schuldig empfinden? Und weiter: Selbst wenn ich persönlich die Motive verstehen könnte, müsste ich nicht trotzdem dafür plädieren, dass ein Gericht über diesen Fall urteilt?

Kann Vergeltung jemals für Gerechtigkeit sorgen?

Wahrscheinlich nicht. Doch die haarsträubenden Ungerechtigkeiten, die in der Geschichte immer wieder auftreten, etwa die völlige Straffreiheit von Massenmördern und Folterern, erzeugen eine Form von Empörung, die es nachvollziehbar erscheinen lässt, wenn ein Opfer zur Tat schreitet.

Menschenrechtsverletzungen, Konzentrationslager, zehntausende Ermordete, unzählige Verschwundene – die Gräueltaten des Pinochet-Regimes liegen noch nicht sehr lange zurück und sind doch erstaunlich wenig präsent in unserer Wahrnehmung. Woran liegt das?

Es wäre zu leicht, das mit den üblichen Verdrängungsprozessen allein zu erklären. Auch Aspekte der Geschichtsfälschung bzw. die Art der Aufarbeitung haben dazu beigetragen. Zugespitzt könnte man sagen: In einer Welt, in der Menschen wie Henry Kissinger als Helden verehrt und mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet werden, stimmt irgendetwas mit dem Informationsfluss nicht. Und die Vorstellung, bestimmte völkerrechtliche Verbrechen tangierten uns nicht, weil sie in weit entfernten Ländern stattfänden, ist trügerisch.

Sind uns Chile und Pinochet letztlich doch näher als wir glauben?

Ein beispielloser Vorgang: Im Jahr 1973 wurde die demokratisch gewählte Regierung Chiles unter Salvador Allende mit Unterstützung der CIA gestürzt. Es folgten Jahrzehnte des Terrors unter Pinochet. Foto: © Biblioteca del Congreso Nacional de Chile

Sie sollten uns näher sein. Denn der Vorgang war einzigartig: Eine demokratisch gewählte Regierung wurde mithilfe der CIA einfach weggeputscht, weil sie den finanziellen Interessen der kapitalistischen Staaten im Weg war. Als die Generäle und die DINA mit den Folterungen und den Morden begannen, zuckten die USA mit keiner Wimper. Im Gegenteil: Das Feld wurde bereitet, um die Chicago Boys ohne Belästigung durch Gewerkschaften ihre ökonomischen Experimente durchführen zu lassen. Heute beobachten wir ähnliche Prozesse: Für Profit wird über Leichen gegangen, und das oft unter dem Deckmantel der Friedensstiftung. Und dass auch in einem europäischen Land rasch diktatorische Strukturen entstehen können, sehen wir jeden Tag.

Das gilt auch für den spannenden Fall Wilhelm Reich, der in Ihrem Roman vorkommt. Hat der Wissenschaftler Wilhelm Reich Antworten für die heutige Zeit?

In manchen Bereichen durchaus! Nicht umsonst war Reich ein Held der Studentenbewegung. Seine Arbeiten über Sexualität und die Funktion des Orgasmus, verschiedene Ansätze der Charakteranalyse und der Vegetotherapie sind immer noch aktuell. Reichs Einsatz für „proletarische” Sexualberatungsstellen in Wien und Berlin finde ich bewundernswert. Und „Die Massenpsychologie des Faschismus”, schon 1933 verfasst, ist immer noch mehr als lesenswert und hat auch ganz zentrale spätere Arbeiten zu diesem Thema inspiriert, etwa Klaus Theweleits „Männerphantasien”.

Und der Esoteriker?

Der schleichende Übergang vom marxistischen Psychoanalytiker zu jemandem, der Wolken mit Orgon-Energie beschießt, um es regnen zu lassen, wirkt von außen betrachtet verblüffend und bestürzend. Die Faszination liegt aber darin, die psychische Entwicklung Reichs anhand seiner eigenen Theorien zu studieren, gewissermaßen den Esoteriker mit der Brille des Analytikers zu betrachten. Darüber hinaus hege ich durchaus Sympathien für den „verrückten” Reich, auch wenn der Orgonakkumulator wohl nicht wirklich funktioniert …

Das tragische Schicksal, das Reich widerfährt, ist bemerkenswert. Innerhalb kurzer Zeit wird in den USA eine Kampagne gegen ihn lanciert, sein Lebenswerk zerstört, er stirbt im Gefängnis unter ungeklärten Umständen. Was war so gefährlich an seinen späten, streitbaren Theorien, dass er so unerbittlich verfolgt wurde?

Begonnen hat es mit dem Artikel „The Strange Case of Wilhelm Reich” in der New Republic vom 26.Mai 1947. Darin behauptet Mildred Brady (selbstverständlich fälschlicherweise), Reich verspreche jedem, der den Orgonakkumulator bei ihm gegen Bezahlung ausleihe, orgastische Potenz. Daraufhin begann die Food and Drug Administration  ihre Kampagne gegen Reich. Dahinter standen mächtige Interessen der Pharma- und der Atomindustrie. In die Ermittlungen investierte der Staat zwei Millionen Dollar. Dass der „riesige Jude mit deutschem Akzent, der Bolschewist gewesen war und nun nackte Menschen in Schränken zum Orgasmus kommen ließ” (Harry Mulisch) im Amerika der Vierziger- und Fünfzigerjahre zu einem Feindbild avancieren musste, ist leicht vorstellbar.

Wilfried Steiner: Der Trost der Rache

 

 

„Es ist ein Herzensbuch. Gescheit, politisch aufklärend, obendrein ein hochspannender Krimi.”
Neues Volksblatt, Christian Pichler

„Die Schönheit lässt sich nur an ihren Brüchen erkennen. Der Tod des Vaters setzt die Geschichte des Adrian Rauch in Bewegung. Er verlässt seine geregelten Bahnen, um den Blick ins All zu richten. Seine Leidenschaft führt ihn von universaler Wahrheit auf den Boden der Wirklichkeit, in knallharte Verdichtung. Und das in einer sorgfältigen, aufmerksamen und klugen Sprache.”
Jurybegründung des Floriana Literaturpreises 2016

Lies jetzt rein!

„Heimat sind für mich Menschen, Literatur und Musik” – ein Gespräch mit Selim Özdogan

Selim Özdogan. Foto: Tim Bruening

Nach den Romanerfolgen Die Tochter des Schmieds und Heimstraße 52 erzählt Selim Özdoğan die Geschichte seiner Protagonistin Gül weiter, mit der er bereits einen großen Leserkreis in seinen Bann gezogen hat. Eine einfache Frau mit wenig Bildung, aber mit einem guten und weisen Herzen, voller Lebenserfahrung. Sie erfährt, was es bedeutet, Heimat zu verlieren und neue Heimat zu finden – nicht nur durch die Migrationserfahrung, auch durch die Entfremdung von der Familie und von der Welt der Kindheit. Mit der Zeit jedoch lernt sie umzugehen mit den Schmerzen, die einem das Leben zufügt. Denn da ist das Licht, das immer noch brennt, nämlich im eigenen Herzen.

Wir haben mit Selim Özdogan über Zerrissenheit, Identität und über Sprache gesprochen. Kann ein Buch die öffentliche Wahrnehmung einer Bevölkerungsgruppe beeinflussen? Kann ein Roman die Art und Weise verändern, wie wir über Themen wie Heimat sprechen? Oder sind Geschichten in erster Linie Geschichten und sollten nicht für politische Erklärungen vereinnahmt werden?

Sehen Sie selbst – ein aufschlussreiches Interview zu einem lesenswerten Buch:

„Es gibt zwei große Fehler, die man in seinem Leben machen kann: Der erste ist, die Heimat zu verlassen, der zweite ist zurückzukehren.“


Yılmaz spricht in „Wo noch Licht brennt“ ein universelles Dilemma an, das den allermeisten bekannt sein dürfte, die ihr Zuhause zurückließen und in der Ferne von der alten Heimat träumen. Es ist kein einfaches Verhältnis, das man zu seinem „Vaterland“ und zur „neuen Heimat“ unterhält, oder?

Das ist eine Aussage, die erstmal gut klingt, aber in dem Roman ja ein paar Sätze später wieder gebrochen wird, weil Yılmaz selbst merkt, dass er da romantisiert.

Da ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, wie sich dieses Spannungsfeld von alter und neuer Heimat anfühlt, aber ich glaube, die Sehnsucht nach Geborgenheit und Zugehörigkeit ist eine menschliche Konstante, die sich mal mehr und mal weniger bemerkbar macht, abhängig von den eigenen Veranlagungen und der eigenen Biographie.

Reichen die ständig wiederkehrenden Schlagworte wie Integration, Inklusion oder das vielzitierte „Zwischen-den-Kulturen-Sein“, um die komplexen Gefühle zu beschreiben, die auch die Figuren in deinem Roman umtreiben?

Ich empfinde Wo noch Licht brennt nicht als einen Roman, der sich mit kulturellen Unterschieden und den daraus resultierenden Problemen und Möglichkeiten beschäftigt, sondern als ein Buch, das einfach nur versucht, möglichst nah bei seiner Hauptfigur zu bleiben.

Brauchen wir eine neue Sprache, neue Narrative, um das zu beschreiben, begreifbar zu machen?

Ich glaube nicht, dass es eine neue Sprache braucht. Sprachgebrauch hat sich im Laufe der Jahrzehnte geändert. Aus Gastarbeitern sind Ausländer geworden, aus Ausländern Migranten, aus Migranten Menschen mit Migrationshintergrund. Wenn wir heute ein Wort wie Parallelgesellschaft benutzen ist klar, dass wir damit nicht die Welt des Literaturbetriebs mit seinen eigenen Gesetzen und Regeln meinen. Mir scheint, man findet schneller eher neutral klingende Wort, als sich das Bewusstsein für bestimmte Dinge ändert.

Das, was wir neuerdings gerne Narrativ nennen, also eine Geschichte, die wir auf die Wirklichkeit legen, um Ursachen und Folgen sichtbar zu machen, bleibt immer das: eine Geschichte. Ich glaube, es würde helfen, wenn diese Geschichte sich verschiebt, weg davon kulturelle Unterschiede zur Abgrenzung heranzuziehen, hin dazu menschliche Gemeinsamkeiten greifbarer zu machen.

Fuat scheint im Roman immer unzufrieden zu sein: In Deutschland stört er sich an der Mentalität seiner Umgebung, in der Türkei sehnt er sich nach deutscher Gründlichkeit:

„Gibt es denn kein Maßband und keinen Zollstock in diesem Land? Kann es sein, dass mir ein erwachsener Mann erzählt, bei einer Treppe könnten halt nicht alle Stufen gleich hoch sein, die letzte würde nie hinkommen? Ich bin von Idioten umgeben, seitdem wir dieses Haus renovieren, bin ich nur von Idioten umgeben“.

Fuat ist ein Mensch, der gerne zetert. Seine Unzufriedenheit betrachte ich nicht als in erster Linie von einem Mangel geprägt, den er empfindet, sondern von dem Wunsch sich selber als klüger, besser, geschickter, gerechter zu sehen.

Kann ein Roman die Probleme, Gedanken, Erlebnisse von Menschen wie Gül oder Fuat von einer anderen Seite beleuchten, als dies in der tagtäglichen medialen Repräsentation geschieht?

Ja, einerseits kann ein Roman schon aufgrund seiner Länge ganz anders arbeiten, genauer, differenzierter darstellen, andererseits darf man sich aber nichts vormachen. In der Regel prägt selbst ein Bestseller das öffentliche Bewusstsein weniger als die allgegenwärtige Medienlandschaft.

Kann uns ein Roman in Zeiten der wachsenden politischen Spannungen zwischen Ankara und Berlin Erklärungen liefern? Vielen Menschen war es zum Beispiel angesichts der Volksabstimmung über Erdoğans Präsidialsystem vollkommen unerklärlich, wie so viele ExiltürkInnen entschieden haben.

Ein großes interkulturelles Missverständnis?

In erster Linie gibt es Verkürzungen und Dekontextualisierungen. So sind es in Deutschland, wenn wir uns die  Zahlen genauer anschauen, etwas mehr als 10% der Türkeistämmigen, die für das Präsidialsystem gestimmt haben, denn die Wahlbeteiligung war eher gering. Diese Menschen sind in den Schlagzeilen und werden als „die Türken in Deutschland“ betitelt. Als Zahl wird 60% genannt. Was stimmt, es geht um 60% der abgegebenen Stimmen, aber das ist halt nicht respräsentativ für „den Türken“. Man kann diese Wahlentscheidung nicht nachvollziehbar finden und problematisch, aber darum geht es in der Berichterstattung meistens nicht. Es haben auch Menschen in Frankreich und in den USA in den letzten Monaten so gewählt, dass man das problematisch finden kann. Und auch dort wird nach Antworten gesucht, aber ich habe das Gefühl, dass es nicht darum geht, diese Menschen wirklich zu verstehen, sondern darum klug klingende Theorien zum Warum zu haben.

Der Roman scheint mir nicht der richtige Ort, um diese Art von Fragen und Problematiken zu behandeln, aber wenn jemand etwas anderes behauptet, würde ich auch nicht widersprechen. Literatur lebt von Vielfalt.

„Medien bilden den Teil der Realität ab, der Leser/Klickzahlen bringt. Menschen wie Gül gehören nicht dazu.”

Bei der Lektüre von Wo noch Licht brennt wird einem vor Augen geführt, dass die kopftuchtragenden türkischen Mütterchen, die uns tagtäglich in den Öffis über den Weg laufen, die wir im Supermarkt, im Kindergarten oder im Park treffen, selbstverständlich handelnde, selbstbestimmte Menschen mit Überzeugungen sind, die über ihr Schicksal verfügen, die Entscheidungen treffen, die erzählenswerte, spannende Sachen erleben usw.

Warum treten Frauen wie Gül, die uns in unserem Alltag ständig begegnen, so selten in unserer medialen Wahrnehmung in Erscheinung?

Sie fallen nicht negativ auf. Sie bringen niemanden um, sie hinterziehen keine Steuern, sie prollen nicht herum, sie werden nicht geschlagen, sie wählen möglicherweise nicht mal Erdoğan. Medien bilden den Teil der Realität ab, der Leser/Klickzahlen bringt. Menschen wie Gül gehören nicht dazu.

Sprachen eröffnen neue Welten, hinter Sprachen verbergen sich Denksysteme mit jeweils ganz eigenen Selbstverständlichkeiten, eigenen Regeln. Kann eine Sprache auch Heimat bedeuten?

Ja, Sprache kann auf jeden Fall auch Heimat sein. Die Figur Suzan verbringt in dem Buch die meiste Zeit ihres Lebens in Italien ohne die Türkei zu vermissen. Doch dann sehnt sie sich im hohen Alter zurück nach der Sprache.

Deine Kinder wachsen mehrsprachig auf, oder? Was bedeutet das in Hinblick auf das Thema „Heimat“?

Ich bin zweisprachig aufgewachsen und habe das immer als Gewinn empfunden. Ein Gewinn, den ich versuche an meine Kinder weiterzugeben, indem ich konsequent türkisch mit ihnen spreche, obwohl sie in einer fast ausschließlich deutschsprachigen Umgebung aufwachsen. Ich weiß nicht, ob und wie meine Kinder den Heimatbegriff eines Tages für sich selbst füllen werden. Heimat sind für mich Menschen, Literatur und Musik. Aber das ist nur etwas, was ich für mich gefunden habe, und nicht etwas, das ich bewusst meinen Kindern vermitteln möchte. Sprache aber schon.

Ein türkisches Sprichwort besagt: „Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen.” – („Bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki insan.”). Inwiefern trifft das auch auf dich zu?

Es ist ein Sprichwort das zu leicht im Themenfeld von Zerissenheit gedeutet werden kann, zusammen mit den kulturellen Differenzen, dem Zwischen-Seiten-Stehen usw.

Eine Sprache ist eine Perspektive auf die Welt, und je mehr Perspektiven man einnehmen kann, desto größer wird das eigene Verständnis. Aber die Fähigkeit, Perspektiven zu verstehen, ist nicht allein auf Sprachkenntnisse beschränkt.

Gibt es Dinge, die man etwa in türkischer Sprache treffender ausdrücken kann als auf Deutsch?

Ich glaube, man kann sich in jeder Sprache etwa gleich gut bestimmten Dingen annähern. Mal schneller, mal langsamer. Ich empfinde Türkisch als die emotional präzisere Sprache. Es gibt drei verschiedene Worte für Herz, abhängig davon, ob wir das Organ meinen, ob wir eher einen Gemütszustand meinen oder eine emotionale Bewegung Richtung Angst oder Mut. Das heißt aber nicht, dass man diese Dinge auf Deutsch nicht ausdrücken kann, man braucht aber halt mehr als ein Wort, man muss einen Kontext schaffen oder man muss den Kontext nehmen, der schon vorgefertigt ist. Bei „mir ist ganz schwer ums Herz“ meint man etwas anderes als bei „sich ein Herz nehmen“. Im Türkischen würde man zwei verschiedene Worte gebrauchen. Einerseits sind die Wörter genauer, andererseits geht es eben auch ohne diese Unterscheidung.

Was dennoch verloren geht ist eine Art von Haltung dem Leben gegenüber, die zu dieser Unterscheidung geführt hat. Das kann aber  Sprache nicht allein transportieren, dafür braucht man auch den kulturellen Kontext, der sich wiederum nie ganz von der Sprache trennen lässt.

 

 

Werfen Sie hier einen Blick in Selim Özdogans einfühlsamen Roman über Heimat, kulturelle Identität und das Leben zwischen zwei Welten.

„Özdoğan (…) hat mit diesem Roman ein wichtiges Buch geschrieben, denn es erzählt uns vom Innenleben einer fremden Lebenswelt. Von Heimat und Fremde und Zukunft auch. Ohne Sentiment und ohne Schwafelei. Einfach gelungen!“

Buchkultur, Horst Steinfelt

Fabelhaft, verrückt und ungeschminkt: „Fütter mich” von Cornelia Travnicek – Leseprobe

Literatur geht durch den Magen. Im Erzählband „Fütter mich“ von Cornelia Travnicek ist der Titel Programm, es geht ums Fressen und Gefressenwerden – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Travnicek serviert dem Leser elf berührend-skurrile Erzählungen, die der Realität gefährlich nahe kommen. Sie erzählt von Menschen, die getrieben sind vom Hunger nach den essentiellen Dingen des Lebens: Liebe, Anerkennung und Zuneigung.

Das folgende Appetithäppchen stammt aus der Erzählung „Ouroboros“.

Foto: Volkskultur NOE Lackinger

Was der Mensch alles von sich frisst, murmelte er und man konnte ihn dabei nicht richtig verstehen, der Lärm der Straßenbahn, die Leute. Was der Mensch alles von sich frisst, sagte er wieder, wenn er in der Nase bohrt, in seinen Ohren, wenn er sich am Kopf kratzt und dann an den Nägeln kaut, sagte der Mann etwas lauter, und alle taten, als würden sie nicht so genau hinhören, sie saßen ganz still. Wenn der Mensch sich die Hände nicht wäscht nach dem Urinieren, nach dem er sein Geschlecht anfasst, was er da alles von sich frisst, ging es weiter, was an den Fingern hängenbleibt, was für ein Grind sich unter seinen Fingernägeln ansammelt, wie er mit der Nahrung in den Mund geschoben wird, der Grind, was er alles von sich frisst der Mensch, Hautfetzen von seinen Fingern kaut, und so weiter. Autokannibalismus, sagte der Mann, Autokannibalismus, sagte er noch einmal etwas lauter, und niemand brauchte mehr so zu tun, als würde er nicht zuhören, sich selbst auffressen und wieder nachwachsen, fügte er hinzu, wie die Gesellschaft, schrie er hinaus und alle konnten es hören.

Ein Mädchen sah den Mann etwas seltsam an, nicht aus den Augenwinkeln, ganz unverhohlen sah es ihn an, vom wirren Haar bis zu den alten Schuhen, einmal von oben nach unten und wieder zurück sah es ihn an, dann stieg es aus.

Der Mann zog den Schleim in seiner Nase hoch, lauter als der Straßenlärm, Autokannibalismus sagte er ein letztes Mal, diesmal ganz leise, sodass niemand es hörte, sondern nur von seinen trockenen Lippen las und auf einmal sah man alles an ihm, die spröde Lippenhaut, die er mit den Zähnen in den Mund zog, das Fett in seinem glänzenden Gesicht, den Talg, der aus den Poren quoll, die Haare in seiner Nase, den Rand unter den Nägeln, den Grind, den Menschen, den Mensch in seiner ganzen Hässlichkeit. Jedes Jahr dasselbe, sagte der Mensch, der Mann, alle Jahre wieder, schnäuzte er sich, im Herbst fängt es an und hört bis Ostern nicht mehr auf, die Nase läuft, und jedem war, als hätte er ihn dabei angesehen, als er das sagte, und jeder tat wieder so, als hätte er nie zugehört, wendete sich ab.

 

Draußen war noch Nachmittag, außerhalb der Straßenbahn, trotzdem war der Mann bereits am Weg in sein Lieblingslokal, er hatte nicht viel zu tun, er würde einen Tee trinken, wegen der Nase, einen Tee mit Rum, wegen der inneren Wärme. Wenn ihn jemand fragte, wie es ihm ging, dann sagte er immer, dass seine Nase so schnell liefe, dass er sie bald nicht mehr einholen würde, aber keiner lachte, dann bestellte er noch einen Tee und diesmal mit mehr Rum, wegen der inneren Wärme.

Er saß in seinem Lokal, denn wenn es nach dem Recht gegangen wäre, wäre es sein Lokal, er hätte es ersessen, in jahrelanger Sitzarbeit, in vielen Nachmittagen und Abenden. Er saß also in seinem Lokal und sah in den Tee, die Nase lief ihm und er zog den Schleim hoch, er war der einzige Gast um diese Uhrzeit zwischen Mittag und Abend, eine Zeit, in der andere Kaffee trinken, aber das hier, das war kein Kaffeehaus, er war alleine. Der Wirt war in die Küche verschwunden, schon länger, das geschah öfters und störte nicht, weil ja keine Gäste da waren, außer ihm, und er konnte sich auch selbst bedienen, wenn er wollte, wenn der Wirt gerade nicht da war. Da schwang die Türe auf und ein weiterer Mann kam herein, etwas jünger als er, etwas größer als er, und er setzte sich an den Tisch neben ihm. Der Mann senkte seine Nase Richtung Teetasse, der andere klopfte auf den Tisch, er rief nach Bedienung und der Wirt kam, der Wirt kam sogar erstaunlich schnell, was den Mann mit der Nase knapp über seiner Teetasse ärgerte, denn zu ihm kam der Wirt nie sofort und schon gar nicht so schnell, und so bestellte er gleich mit, aber diesmal keinen Tee, sondern auch ein Bier bitte, ein kaltes, ja. Scheiß auf die Nase, dachte er bei sich, wie er da so saß, hinüberäugend auf das Glas und den vollen Teller des Jüngeren am Nebentisch, der dort schweigend eine Zeitung ausbreitete, deren Format eher an eine Tischdecke erinnerte. Das Bier war wirklich kalt und die Nase begann wieder zu laufen, also holte er sein altes Taschentuch heraus, eines aus Stoff, blau-weiß kariert, ein richtiges Stofftaschentuch, leicht verkrustet, und da schnäuzte er sich hinein und das Geräusch war lauter als alles im Lokal, sodass der Jüngere aufsah und ihm einen Seitenblick zuwarf, anders als das Mädchen vorher, nur kurz und abschätzend, doch der Mann griff nach diesem Seitenblick wie nach einem Anker und wollte ein Gespräch daran vertäuen.

Im Herbst fängt es an, stellte er laut fest, damit der andere nicht so tun könnte, als hätte er nicht zugehört, und es hört bis Ostern nicht mehr auf, erzählte er weiter. Der Jüngere schien nicht zu reagieren, aber ein angedeutetes Nicken konnte leicht übersehen werden, er fuhr also fort mit seinem Gespräch, seinem Monolog, der ein Dialog werden sollte. Meine Nase läuft so schnell, die läuft mir bald davon, stieß er hervor und tatsächlich kam hinter der Zeitung ein Lachen hervor, die Zeitung senkte sich und der Jüngere kam dahinter hervor, das Unmögliche fand in diesem Moment statt, das Wunder seines Lebens, ein weiteres, so wie damals die eine Frau, die das Bett mit ihm teilen wollte, den Frühstückstisch, sie war schön gewesen, blond und kühl, eine Eisprinzessin, aber alle Wunder finden ihr Ende, also beeilte er sich, dieses am Leben zu halten, suchte verzweifelt nach einem weiteren Satz, aber über den hatte er noch nie nachgedacht, ein weiterer Satz war noch nie erforderlich gewesen, darum hob er nur sein Bierglas zu einer verbrüdernden Geste und der andere tat es ihm gleich.

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Das andere Geschlecht gibt Anlass zum Staunen

Auf herrlich vergnügliche Weise lotet Natalka Sniadanko Geschlechterverhältnisse aus und zwinkert uns schelmisch zu

Männer als Objekte weiblicher Studien

Olessja ist intelligent, selbstbewusst – und neugierig. Im Zentrum ihrer Beobachtungen steht von Beginn an die Leidenschaft, nein, stehen vielmehr die Leidenschaften. Im Laufe ihres Lebens hat sie eine beträchtliche Sammlung von ihnen angelegt, und an ihren Erkenntnissen zu den einzelnen Leidenschaften lässt sie uns nur allzu gerne teilhaben.

Die erste Leidenschaft ist – wie sollte es anders sein – die kindliche, wobei Olessja sogleich darüber aufklärt, „wann man damit anfangen sollte und worauf es nicht ankommt“. Die junge Ukrainerin verliebt sich ausgerechnet in einen langweiligen Bücherwurm namens Tolja, der sie zu ihrem großen Entsetzen zurückweist. Er kann nichts anfangen mit den poetischen Zettelchen, die Olessja ihm zusteckt. Nie wieder will sie sich von da an unglücklich verlieben, den Männern widmet sich die unabhängige Frau ab sofort ausschließlich mit Forschungsinteresse.

Olessja findet ihre Leidenschaften auf eigene Faust

Natalka Sniadanko, Foto: Kateryna Slipchenko

Die nächste Leidenschaft gilt einem Jungen, der in einer Trash-Metal-Band spielt. In der postsowjetischen Ukraine der späten 80er Jahre sind westliche Einflüsse spürbar, nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich. So stellt sich zum Beispiel die Frage nach der Crux des vorehelichen Geschlechtsverkehrs – Sünde oder notwendiger Versuch? Während die ältere Generation leidenschaftlich am Gebot der Keuschheit festhält, ist die neue von der eigenen Leidenschaft überrascht. Überrascht ist auch Olessja, als sie feststellt, dass das andere Geschlecht von ihrer Suche nach körperlicher Liebe manchmal durchaus überfordert ist.

Überrascht sind außerdem Olessjas Eltern, als Olessja nicht wie von ihnen geplant ein Informatik-Studium antritt, sondern sich lieber den Sprachen widmet. Denn eine ihrer großen Leidenschaften ist die Literatur, der sie viel Zeit und Muße widmet. Schließlich bietet sich – nach einem kurzen Zwischenspiel mit einem mausgrauen Mathematiker – die Möglichkeit eines Au-pair-Aufenthalts im fernen Freiburg im Breisgau.

Olessja setzt sich durch gegen die Bedenken ihrer Eltern: Obwohl kaum der deutschen Sprache mächtig, tritt sie, angezogen vom „magischen Klang des Namens Baden-Baden“, die Reise an. Bald schon kann sie Exemplare der männlichen Spezies beobachten, die aus anderen Kulturkreisen stammen, und so ihre Sammlung deutlich erweitern.

Gender-Gap und Culture-Clash – wozu im Manne Intellekt suchen?

Und spätestens hier beginnt ebenso munteres wie rasantes Jonglieren mit Kulturen, Geschlechtern und Nationalitäten, ein spielerisches Aufgreifen von Klischees und ein schmunzelndes Demontieren derselben.

Die deutsche Au-pair-Familie ist so, wie man sich eine deutsche Au-pair-Familie vorstellt. Freundlich, hilfsbereit, pünktlich, pedantisch mülltrennend und ein wenig starr in den eigenen Strukturen verhaftet. Doch Olessja fühlt sich höchst wohl in diesem Land, ergattert ein Studenten-Visum und bleibt in Freiburg, um fortan hier zu studieren.

Auf Wohnungssuche verschlägt es sie schließlich zu Berto, einem leidenschaftlichen Italiener, der an die eine wahre Liebe glaubt und sie gegen das Führen seines Haushaltes bei sich wohnen lässt. So kann Olessja ihrer Forschung alsbald ein mediterranes Forschungsobjekt hinzufügen.

Das Leben in Deutschland hält immer wieder spannende Erkenntnisse für Olessja bereit, etwa:

Leidenschaften gesammelt von Natalka Sniadanko

Andererseits – wozu im Manne Intellekt suchen?

Wenn Probleme mit dem Temperament oder der Potenz auftreten, muss man versuchen, die Situation irgendwie zu retten. Shakespeare zitieren, Mario Vargas Llosa oder, in besonders schweren Fällen, sogar Schewtschenko. Wenn aber alle primären und sekundären Geschlechtsmerkmale normal funktionieren, besteht im Prinzip keine Notwendigkeit, sich zu unterhalten.

Hermann und die Emanzipation

Und dann trifft sie Hermann, einen verschrobenen jungen Mann aus aristokratischem Hause, mit dem sie sich sogar besonders viel unterhält und den sie sogar mit zu ihren Eltern in die ukrainische Heimat nimmt. Hier, wo der Gender-Gap noch tiefer klafft als im fernen Deutschland, erlebt nun Hermann seinerseits einen Culture-Clash, als er versucht, den jungen Ukrainerinnen seine emanzipatorischen Vorstellungen nahezubringen und Olessjas Mutter kränkt, als er sich am Abwasch beteiligen möchte – „Hermann und die ukrainische Emanzipation. Zweiter – praktischer – Versuch“.

Doch man darf unbesorgt sein, denn Natalka Sniadanko liefert eine durchaus selbstironische „Gebrauchsanweisung für eine echte Galizierin“ gleich mit.

Pointiert, subtil, komisch: Ein furioser und höchst leidenschaftlicher Roman von Natalka Sniadanko.

Du interessierst dich besonders für Literatur aus der Ukraine?
Dann bist du bei uns an der richtigen Adresse! Neben Natalka Sniadanko haben wir in Zusammenarbeit mit unseren Übersetzer*innen auch andere wundervolle ukrainische Stimmen ins Deutsche gezaubert: Andrej Kurkow, Serhij Zhadan, Maria Matios, Oleksij Tschupa, Kateryna Babkina, Jurij Wynnytschuk und Oleksandr Irwanez erzählen in ihren Büchern von der Buntheit eines Landes, seiner Bewohner*innen von heute und damals, von seiner Geschichte und dem Hauch Zukunft und Widerstandsgeist, der die literarischen Werke immer umweht. Viel Spaß beim Entdecken!

Wenn nur noch Satire hilft: mit Andrej Kurkow Russland verstehen

Zwischen Stalin und „Tauwetter“, zwischen Terror und erstickten Hoffnungen auf Reformen: In der Nachkriegs-Sowjetunion wandert der junge Matrose Wassili Charitonow quer durch die Taiga Richtung Westen. Sein Ziel: Leningrad. In seiner Tasche führt er das Ende einer Bickford-Zündschnur, die an einen gestrandeten Kahn voller Dynamit im Japanischen Meer geknüpft ist. Mit einem Handgriff könnte er eine riesige Explosion auslösen und alles auf null setzen …

Von „geschlossenen Städten“ und „Musilags“

Foto: © Fotowerk Aichner

Auf seinem Weg Richtung Westen trifft Charitonow auf die Bewohner eines Landes im Ausnahmezustand: Da wären zum Beispiel die beiden Soldaten in der endlos weiten Menschenleere, die sich in einem ewigen Krieg und vom Feind umzingelt glauben und jedem Ankömmling mit größtem Misstrauen begegnen. Oder auch die Orchestermusiker, die wegen angeblich schief gespielter Töne in einem „Musilag“ gefangen gehalten werden; eine namenlose und auf Karten nicht auffindbare Stadt, in der ausschließlich Zwangsjacken hergestellt werden; ein Kriegsinvalide und ein ausgerissener Altgläubiger, die in den entlegensten Gebieten Sibiriens Radios verteilen, um den nicht vorhandenen Bewohnern von den Errungenschaften des Sozialismus zu künden; ein Gärtner, der sich um einen Zwangsarbeiterfriedhof kümmert, der sich so weit erstreckt, dass er nur durch tagelange Fußmärsche erfassbar ist …

Kurkows sympathischer und gutgläubiger Held Charitonow hat auf seiner Reise viel Zeit zum Nachdenken: Zwischen seinen Begegnungen liegen Tage und Wochen ohne Kontakt mit anderen Menschen und ohne von der Propagandamaschinerie beeinflusst zu werden. Die Tiefen und Abgründe der „sowjetischen Mentalität“ tun sich vor ihm auf, und er beginnt, zu zweifeln und das System zu durchschauen. Langsam keimt in ihm der Gedanke, ob er nicht einfach alles in die Luft sprengen sollte.

Herzlich willkommen in der Welt des Herrn Bickford!

Fantastisch mutet sie an, diese Welt: Surreal wirken ihre Bewohner, surreal wirken auch ihr Verhalten und ihr Leben. Doch Andrej Kurkow zeichnet ein weitaus realistischeres Bild des einstigen Riesenreiches, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, denn die unzählbaren Opfer der Stalinschen „Säuberungen“, die politische Propaganda und die „geschlossenen Städte“ sind Fakten – und keine Fiktion. Unter den Eindrücken der verlorenen Perestrojka und der gescheiterten politischen und gesellschaftlichen Wende der 1990er, erhellt der ukrainische Bestsellerautor mit einem Blick durch die satirische Brille die „sowjetische Mentalität“, die noch heute die Geschicke Russlands lenkt.

Andrej Kurkow verortet seinen Roman im Dunstkreis der letzten Züge des Zweiten Weltkriegs und der „Tauwetterzeit“ unter Nikita Chruschtschow. Zwar entspricht das Russland von heute nicht der UdSSR von damals, dennoch zeigen sich bei näherem Hinsehen frappierende Parallelen zwischen Kurkows Roman und dem Russland des 21. Jahrhunderts: nur scheinbar hinter sich gelassene totalitäre Systeme, eine zur Stagnation gekommene Aufbruchsstimmung, nicht vollzogene Reformen, Unbeweglichkeit aufgrund starrer bürokratischer Apparate, das Gefühl von Gegnern und Feinden umzingelt zu sein, immer noch vorhandene ideologische Schranken und der Glaube an einen politischen „starken Mann“. – Ein ewiger Kreislauf, aus dem die Menschen sich selbst nicht befreien können? Kein Platz für Bewegung und Zweifel?

Der „sowjetischen Mentalität“ auf der Spur

Wer sind diese Menschen, die die Maschine am Laufen halten? Andrej Kurkows Figuren sind keine ideologische Schergen, gnadenlose Diktatoren oder böse Menschen. Sie sind vielmehr geprägt von Jahren der ideologischen Erziehung und Indoktrinierung. Seine Figuren sind „Sowjetmenschen“ – nicht besser oder schlechter als andere. Der Autor der Erfolgsromane „Picknick auf dem Eis“ und „Der Milchmann in der Nacht“ bildet eine Welt nach, die fantastischer wirken mag, als die Wirklichkeit, und dennoch erscheint uns die tatsächliche Lebensrealität durch die satirische Brille viel klarer, als es vermeintlich leicht verständliche Fakten tun. Ein brandaktuelles, erhellendes, und trotz seiner Ernsthaftigkeit unterhaltsames Buch, das hilft, das heutige Russland zu begreifen.

Begleiten Sie den jungen Matrosen auf seiner märchenhaft-melancholischen Reise und erkunden Sie mit ihm die „sowjetische Mentalität“. Wird Charitonow es bis nach Leningrad schaffen? Und wird der große Knall am Ende folgen?

Andrej Kurkow: Die Welt des Herrn Bickford

Du interessierst dich besonders für Literatur aus der Ukraine?
Dann bist du bei uns an der richtigen Adresse! Neben Andrej Kurkow haben wir in Zusammenarbeit mit unseren Übersetzer*innen auch andere wundervolle ukrainische Stimmen ins Deutsche gezaubert: Oleksij TschupaSerhij ZhadanMaria MatiosNatalka Sniadanko, Kateryna BabkinaJurij Wynnytschuk und Oleksandr Irwanez erzählen in ihren Büchern von der Buntheit eines Landes, seiner Bewohner*innen von heute und damals, von seiner Geschichte und dem Hauch Zukunft und Widerstandsgeist, der die literarischen Werke immer umweht. Viel Spaß beim Entdecken!

Die Welt ruft! Kateryna Babkinas Romandebüt entführt uns auf eine Reise voller Überraschungen quer durch Europa

„Heute fahre ich nach Morgen“: Hunger nach Leben und Antworten ist der Motor, der die bezaubernde Protagonistin des ukrainischen Jungtalents Kateryna Babkina auf ihrer sinnlichen Fahrt ins Unbekannte antreibt. Wir dürfen sie dabei auf dem Rücksitz eines alten Lada begleiten

Die selbstbewusste und abenteuerlustige Künstlerin Sonja genießt ihr Leben in vollen Zügen: Sie ist jung, kreativ und darüber hinaus auch noch wunderhübsch. Sonja saugt alles, was ihr unbeschwertes Leben ihr beschert, in sich auf. Sie tanzt viel, träumt viel, verliebt sich gerne, malt gerne. Ganz ungezwungen, ganz ohne Gedanken an morgen. Warum auch? Schließlich bringt jeder Tag ohnehin etwas Neues, aber doch nichts Aufreibendes, über das man sich große Gedanken machen müsste. Dazu noch eine Liebesgeschichte mit dem aufregenden Luis. Beziehungsstatus? Unbekannt. Aber wieso sich festlegen, wenn es auch so schön und viel unkomplizierter ist.

So könnte es ewig weitergehen, ewig dahinfließen wie die langsam vergehenden und heißen ukrainischen Sommertage … Doch inmitten der leichtfüßigen Idylle nimmt die Sorglosigkeit ein abruptes Ende: Über Nacht wird sie von Luis verlassen. Dann eine Party. Eine Nacht mit einem Unbekannten. Und schließlich die Gewissheit: Sie ist schwanger

Ein Kofferraum voller Fragen, Abenteuerlust und Poesie

Kateryna Babkina, eines der jüngsten, vielseitigsten und vielversprechendsten Talente der Ukraine. Foto: Alina Kondratenko

Das ist der Ausgangspunkt dieser mitreißenden Geschichte, mit der nun erstmals eine deutsche Übersetzung des Romandebüts von Kateryina Babkina vorliegt. Die Autorin, Dichterin und Drehbuchautorin ist eine der jüngsten, vielseitigsten und vielversprechendsten Talente der Ukraine. Selbst vom Lebensgefühl der Generation Y geprägt, kennt sie die Fragen, die sich einer Generation stellen, der zwar alle Türen offenstehen, die aber nicht weiß, was sich in der Welt und Zukunft dahinter verbirgt, nur zu gut. Feinfühlig gelingt ihr die Schilderung der Sinnsuche ihrer Romanheldin von „Heute fahre ich nach Morgen“, auf die sich diese nach dem ersten Schock der Ereignisse einlässt.

Sonja war von der Schwangerschaft derart geschockt, dass sie lange in den hintersten Ecken ihres Inneren kramte, trockene Erinnerungen und feuchte Gefühle, winzige Splitter kleinster Dinge und das leise Stöhnen fremder Geheimnisse durchforstete und trotzdem nicht wusste, wie sie das bewerten sollte, was da gerade mit ihr passierte.

Von der ungeplanten Schwangerschaft überrumpelt, wird Sonja mit ganz neuen Fragen konfrontiert, die sie dazu bringen, sich mit ihren Wurzeln auseinanderzusetzen: Wo will ich hin? Was will ich mit meinem Leben anfangen? Wie bringe ich mich selbst in Einklang mit dem, was da gerade in meinem Bauch heranwächst? Woher komme ich selbst? Und wo zum Teufel steckt eigentlich mein Vater? Angeregt durch ihre Schwangerschaft, will sie den ihr bisher unbekannten Vater endlich finden. Vielleicht wird ihr dann klar, was „Blutsbande“ zwischen Eltern und ihren Kinder sind?

Die ungewohnte Situation ist für Sonja ein grober Einschnitt, aber auch eine neue Perspektive: Die Vergangenheit lässt sich erkunden, aber das alte Leben nicht mehr herstellen. Dafür eröffnen sich ihr bisher unbekannte Wege und Horizonte. Mutig beschließt sie, endlich ins Morgen zu starten.

Von fliegenden Elchen und schlafenden Drachen – die fabelhafte Welt der Sonja

Eine traumhafte Reise: Heute fahre ich nach Morgen

Lebendig und beschwingt erzählt Kateryna Babkina von der Gefühlswelt einer jungen, modernen Frau und würzt ihren Text mit fantastischen Elementen. Auf ihrer Reise begegnen Sonja skurrile Gesichter mit noch skurrileren Geschichten. Da ist zum Beispiel der kleine Besnyk, der zusammen mit seiner Familie in einer versteckten Hochhaussiedlung im Wald vor Sonjas Heimatstadt lebt. Oder das homosexuelle Pärchen Po und Pu, das sie noch aus Schultagen kennt. Und dann erst der geheimnisvolle Kai, der mit seiner ungewöhnlichen Geschäftsidee, Wunder zu verkaufen, durch Europa zieht. Sonjas Reise ist abenteuerlich, traumhaft und erfrischend verrückt!

Kateryna Babkina schafft es, in ihrem Roman die ernsten Lebensfragen einer ganzen Generation zu stellen, auf ungezwungene, humorvolle und poetische Art. Und auf eine ziemlich spritzige noch dazu, denn Sonja macht sich hinter dem Steuer ihres alten Lada auf die Reise. Eine Reise als Selbstfindung, zum Sortieren des eigenen Lebens, der eigenen Ängste, Sehnsüchte, Wünsche und Ziele. Aus der Ukraine nach Polen, von Krakau nach Katowice, in die pulsierende Metropole Berlin, von dort aus nach – aber halt, zu viel wollen wir nicht verraten!

Folge Sonja auf ihrer Reise quer durch Europa und genieße diesen engen Tanz von Poesie und Prosa.

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Schreiben, wo der Puls der Zeit pocht: Das „Logbuch der Gegenwart” von Aleš Šteger

Einmal im Jahr sucht sich Aleš Šteger einen Tag und einen Ort aus, setzt sich dort zwölf Stunden hin und fasst seine Eindrücke in Worte. Stets sind es Orte, an denen der Puls der Zeit besonders spürbar pocht, Orte, an denen er als Schriftsteller den Finger mitten in die Wunden unserer Gesellschaft legen kann. Das ist Literatur in Echtzeit – ungefiltert und einzigartig in ihrer Unmittelbarkeit.

Belgrad, 2. August 2015. Foto: Aleš Šteger

Die Regeln des ‚Spiels’, das ich mir da ausgedacht habe, sind einfach. Den Schreib-Ort vorher auszusuchen. Einen öffentlichen Raum, wenn möglich. Einen Ort, der eine lebhafte, aber unberechenbare Geschichte erzählt. Den Termin für das Schreiben im Voraus festzulegen. Wenn möglich, ein Datum zu wählen, das mit einer bestimmten Menge an Gedenk-Gepäck beladen ist. Die Schreibzeit, in welcher der Text geschrieben werden soll (oder auch nicht), auf nicht mehr als zwölf Stunden zu beschränken. Keine Bücher oder Zeitungen, keine Notizen, die man im Voraus vorbereitet, mitzunehmen, keine grundlegenden Bezugspunkte, keine Interaktion mit der Welt des Internets. Nur ein äußerlicher Inkubationsreiz, um zu schreiben, ein frei Haus geliefertes und fragiles Sicherheitsnetz des Flüchtigen und des Ausgesetzt-Seins. Nur der Glaube an die Zeit, an das Hier und Jetzt. Und an die Worte. Die Worte …“

Fukushima und Minamisōma – 16. Juni 2013. Foto: Aleš Šteger

Es sind seltene Momente der Wachheit, die aus ebendiesen Worten entstehen, eine besondere Art der Wachheit, spürbar auch in den Texten. Für den aktuellsten hat Šteger sich in Belgrad gegenüber der Busstation postiert – jener Busstation, die gleichzeitig die zentrale Stelle ist für syrische Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Ungarn.

Ein weiterer Text entstand nahe des Atomkraftwerks von Fukushima, und zwar in der Bibliothek, wo Familien jetzt ihre Freizeit verbringen, weil der Park kontaminiert ist.

Vor der Bibliothek in Minamisōma steht ein Messgerät, das die Strahlungswerte in der Luft zeigt. Keine Zeit, keine Temperaturanzeige, stattdessen Millisieverts. Diese Uhr ruft eine andere Welt auf als unsere. Selbst wenn die süßeste Musik von Chopin erklingt in dieser Bibliothek, es ist unmöglich, sich vom Gefühl, dass die Zeit hier anders gezählt wird, zu verabschieden, dass mit dem 11. März eine neue Zählung eingesetzt hat, eine Zählung nach der Zeit, als es die Zeit noch gab, das Zählen der Zeit in eine Zeit, die verschoben war, in der wir noch am Leben sind (aber nicht wissen, ob das morgen auch noch der Fall sein wird).

Šteger, „wichtigster slowenischer Schriftsteller seiner Generation“ (DIE WELT, Richard Kämmerlings), leiht uns seine Augen, und er öffnet die unseren für einen exakten und zugleich doch poetischen Blick auf die Welt. So entsteht ein eindringlicher und hochbrisanter literarischer Lokalaugenschein – berührend und aufrüttelnd.

„Es geht um eine doppelte Wachheit. Ein Wachsein in der Sprache. Und wach zu sein als Mensch, der ans Ende von etwas gelangt ist. Ans Ende der Geschichten, ans Ende der Zeit. Eine Idee, die durch Beobachtung und Abstand geboren wird.“

Belgrad, 2. August 2015. Foto: Aleš Šteger

Aus Štegers präzisen Beobachtungen ergibt sich wie aus Mosaiksteinchen ein Bild unserer Zeit, kongenial vervollständigt durch die zahlreichen Fotografien des Autors. Dieses Ausnahmeprojekt ist auf zwölf Jahre angelegt und erscheint bei Haymon in drei Bänden.

In Logbuch der Gegenwart. Taumeln geht Aleš Šteger dorthin, wo die Wunden unserer Zeit klaffen: Nach Ljubljana, zum Platz der Republik, am Tag des prophezeiten Weltuntergangs; nach Minamisōma nahe dem Atomkraftwerk von Fukushima; nach Mexico City während einer Demonstration gegen den Umgang der Regierung mit dem Mord an 43 Studenten; nach Belgrad, Busstation, Zwischenstopp syrischer Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Ungarn – mit einem Blick durch seine Augen führt uns Šteger direkt in das Herz des Phänomens.

Der zweite Band der Reihe – Logbuch der Gegenwart. Aufbrechen führt uns nach Shanghai, wo der slowenische Schriftsteller vom Alltag unter Überwachung durch Künstliche Intelligenz berichtet. Mit den russischen Solowezki-Inseln betritt er heiligen Boden mit traumatischer Gulag-Vergangenheit. Im sächsischen Bautzen besucht er ein ehemaliges Stasi-Gefängnis und wird mit dem Rechtsruck in Politik und Gesellschaft konfrontiert. Ein weiteres Ziel ist das südindische Kochi.

Christoph W. Bauer und Andreas Neeser unter den Lyrik-Empfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Zwei Autoren des Haymon Verlags, der Österreicher Christoph W. Bauer und der Schweizer Andreas Neeser, stehen mit ihren aktuellen Gedichtbänden auf der Liste der renommierten Lyrikempfehlungen 2016 – wir freuen uns!

Die Lyrik-Empfehlungsliste erscheint jährlich. Sie wird präsentiert von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und der Literaturwerkstatt Berlin in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bibliotheksverband.

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Empfehlung von Michael Krüger

Stromern heißt so viel wie ziellos wandern, sich herumtreiben (statt zu arbeiten), streunen oder strolchen, in Österreich heißt es: strawanzen.

Der aus Innsbruck stammende Dichter Christoph W. Bauer bevorzugt natürlich die erste Bedeutung: die nicht auf ein Ziel hin gerichtete Bewegung. Ersetzt man Bewegung durch Schreiben, hat man die Definition der Poesie, wie sie Paul Valéry gegeben hat.

Bauer, 1968 in Kärnten geboren, hat sich als Begleitung für seine sehr unterschiedlichen Wanderungen den französischen Dichter des Spätmittelalters François Villon gewählt, den großen Dichter von Balladen über die Zweifelhaftigkeit des Ruhms, der Ehre, der Anständigkeit. Mit Villon ist er unterwegs in Kärnten oder Paris, in den Welten der Mythologie und der sehr realen Gegenwart. Bauer ist ein belesener Dichter und ein Kenner der Geschichte der Formen, aber auch ein Eulenspiegel, der vermischen und verwandeln kann:

fremd bin ich eingezogen unter meine haut, beginnt ein Gedicht, das mit der Zeile endet: ich weiß nur eins: fremd zieh ich wieder aus.

Es wäre schön, wenn dieser kluge Vagant bei uns etwas bekannter würde!

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Empfehlung von Daniela Strigl

Andreas Neeser ist kein Freund großer und vieler Worte.

Seine Erkundungen im Zwischenmenschlichen, im Naturraum draußen und drinnen, im Kopf des Ichs, sind beeindruckend konzentriert, wirken wie hingetupft und nehmen doch präzise Gestalt an. Man könnte an Aquarelle denken, aber meist düster getönt:

Seit Jahren mein einziger Bruder / kriech ich beim Rastplatz ans Ufer / im fahleren Licht / bin ich nichts als mein dunkelstes Wort.

(Drei Schwestern)

Im Zyklus Schichten von Haut entblättert Neeser kunstvoll die Zwiebelhäute der Erinnerung, die zusammenhängen wie die einzelnen durch einen jeweils weiterwandernden Vers miteinander verknüpften Gedichte. Die Kindheit ist es, die den Erwachsenen im Halbschlaf bespricht, die handfest und körperlich wird:

ein paar Krautstiele wachsen mir mundartlich / urlaut / im Gaumen / behauptet die Sprache die Herkunft, Geruch und Geschmack.

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Nicht nur in ihren Heimatländern Österreich und Schweiz zählen Christoph W. Bauer und Andreas Neeser zu den wichtigsten Lyrikern. Ihre Dichtkunst bereichert den gesamten deutschsprachigen Raum, was die Wahl auf die renommierte Lyrik-Empfehlungsliste 2016 bestätigt.

Von Karl May bis Elfriede Jelinek, von Lwiw bis Berlin – dürfen wir vorstellen: Natalka Sniadanko!

„Chrystyna und Solomija sind jung, klug und selbstbewusst“, heißt es über Natalka Sniadankos Romanheldinnen, und das kann von der Autorin erst recht behauptet werden.

Genauer betrachtet: eine seltene Sprachbegabung, charmante Klugheit und großartiger Humor zeichnen die Lwiwer Schriftstellerin aus. Als Verfasserin von mehreren Romanen sowie Übersetzerin und Journalistin hat sie sich in ihrer Heimat, der Ukraine, ebenso wie in Deutschland und Polen einen Namen gemacht. Unter ihren Übersetzungen aus dem Deutschen und Polnischen finden sich Bestsellerautoren, Klassiker und Nobelpreisträger: von Elfriede Jelinek und Günter Grass bis Franz Kafka und Friedrich Dürrenmatt, von Zbigniew Herbert und Czesław Miłosz bis Judith Hermann und Feridun Zaimoglu. Und nicht zuletzt ist Karl May zu nennen, dessen weltberühmter „Winnetou“ mit Sniadankos Übersetzung erstmals auf Ukrainisch zugänglich ist.

Als Autorin gehört Sniadanko der Generation von Serhij Zhadan und Tanja Maljartschuk an, lange etablierte und international bekannte ukrainische Autoren wie Juri Andruchowytsch und Andrej Kurkow sind hingerissen von Sniadankos erzählerischem Talent – das unter anderem in ihrem Roman „Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen“ zu genießen ist, der 2016 übersetzt von Lydia Nagel bei Haymon erschien.

Natalka Sniadanko, Foto: © Kateryna Slipchenko

Sniadanko, die selbst mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat, schickt darin zwei Musiklehrerinnen von Lwiw, dem „Berlin der Westukraine“, ins wahre Berlin. Von ihren Erfahrungen dort, zwischen eigenwilligen Arbeitgebern und komplizierten Liebesgeschichten, weiß Sniadanko auf höchst unterhaltsame, und auch berührende Weise zu berichten. Und wie tief Sniadanko unter die Haut der Stadt Berlin eindringt, bekommt man bei der Lektüre angenehm zu spüren. Ein Leben zwischen zwei vermeintlichen Heimaten also, zwischen zwei Mentalitäten – spannend nicht zuletzt in Zeiten wie diesen, wo es allerorten darum geht, sich in der Fremde einzurichten, sich mit Fremden vertraut zu machen.

Von dieser Erfahrung hat Sniadanko bereits in ihrem Debütroman „Sammlung der Leidenschaften“ furios witzig und geistreich erzählt: Eine ukrainische Studentin in Freiburg im Breisgau, zwischen deutschen Gutmenschen und italienischen Machos – da ist der Culture Clash vorprogrammiert, den die Autorin klug und humorvoll in Szene setzt. In der Ukraine als Kultroman gefeiert, ist der Roman seit 2017 übersetzt von Anja Lutter bei Haymon erhältlich.

Du interessierst dich besonders für Literatur aus der Ukraine?

Dann bist du bei uns an der richtigen Adresse! Neben Natalka Sniadanko haben wir in Zusammenarbeit mit unseren Übersetzer*innen auch andere wundervolle ukrainische Stimmen ins Deutsche gezaubert: Andrej Kurkow, Serhij Zhadan, Maria Matios, Oleksij Tschupa, Kateryna Babkina, Jurij Wynnytschuk und Oleksandr Irwanez erzählen in ihren Büchern von der Buntheit eines Landes, seiner Bewohner*innen von heute und damals, von seiner Geschichte und dem Hauch Zukunft und Widerstandsgeist, der die literarischen Werke immer umweht. Viel Spaß beim Entdecken!

„Es gibt keine kulturelle Identität” – ein Gespräch mit Selim Özdogan

Warum die Weihnachtsbeleuchtung auf der İstiklal Caddesi nie ausgeht, wie es ist, in mehreren Kulturen aufzuwachsen und was das alles mit Heimat zu tun hat – dies und noch einiges mehr haben wir Selim Özdogan zum Erscheinen seines neuen Romans Wieso Heimat, ich wohne zur Miete  gefragt.

Das Gespräch führte Georg Hasibeder, Lektor des Haymon Verlags.

Heimat, was ist das eigentlich? Findet man die Heimat im Reisepass, im Meldeschein oder in der Geburtsurkunde? Oder ist Heimat eher ein Gefühl?

Foto: © Tim Brüning

Für die meisten Menschen ist Heimat ein Ort, mit dem man ein bestimmtes Gefühl verbindet. In diesem Sinne kann ich mit dem Begriff nicht viel anfangen, einfach weil Gefühle von Verbundenheit, Geborgenheit und Sicherheit keine Resonanz gefunden haben in dem Raum, in dem ich aufgewachsen bin.

So ist Heimat für mich frei geworden als Begriff, den ich selber füllen konnte. Mit Literatur, mit Musik und mit Menschen, die mir das Gefühl von Verbundenheit und Kontakt geben können.

Du bist selbst Deutschtürke und zweisprachig aufgewachsen. Empfindest du dich als jemanden, der in, oder zwischen, zwei Kulturen lebt?

Ich habe dieses ‚Zwischen-zwei-Kulturen-leben’ nie ganz verstanden. Jeder Mensch erfüllt verschiedene Rollen in seinem Leben, trotzdem sagt man nie, jemand würde zwischen seinen Rollen leben. Der Arbeitgeber erwartet etwas anderes als der Partner und der etwas anderes als die Kinder und die Freunde wollen etwas ganz anderes. Je nach Zusammenhang benimmt man sich anders. Das ist völlig normal und führt auch schon mal zu Spannungen. Wenn man in mehr als einer Kultur aufgewachsen ist, kommt die Kultur halt noch hinzu.

An deinem neuen Roman hast du u.a. während eines Schreibaufenthalts in Istanbul gearbeitet. Wie hast du die Stadt erlebt?

Ich bin ja kein Freund von Metropolen, die übervoll sind und sich von Menschen ernähren. Aber Istanbul mochte ich sehr gerne, auch weil meine Zeit von vorneherein begrenzt und damit klar war: Ich werde wieder gehen. Das hat dazu geführt, dass ich Widersprüche, Irrsinn, Gentrifizierung, Chaos und Stau ohne Mühe aushalten konnte.

Die Sprache zu können hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich mich wohl gefühlt habe. Die Kontaktfreudigkeit in unterschiedlichsten Zusammenhängen hat dazu geführt, dass ich selber offener durch die Stadt gehen konnte. Ich mochte dieses Quirlige, Lebendige, die Kreativität, die Bereitschaft, Pläne und vorgefertigte Muster zu vergessen und nach Lösungen dann zu suchen, wenn man sie braucht.

Gibt es in Istanbul tatsächlich das ganze Jahr über weihnachtliche Beleuchtung? Findet man in der Stadt tatsächlich leichter eine Kirche als eine Moschee? Und begegnet man tatsächlich christlichen Missionaren, die Gratisbibeln verteilen?

Ja, es gibt auf der İstiklal Caddesi tatsächlich das ganze Jahr über Weihnachtsbeleuchtung. Und in Beyoğlu, dem ehemaligen Pera, das hauptsächlich von Europäern bewohnt wurde, gibt es wahrscheinlich tatsächlich mehr Kirchen als Moscheen. Und ja, es gibt Missionare, die in der Fußgängerzone und auf den Prinzeninseln Bibeln verteilen.

Liegt Istanbul (nicht streng geographisch betrachtet) näher an Kars – der ostanatolischen Stadt, aus der Krishnas Vater Recep stammt – oder näher an Freiburg – der deutschen Stadt, in der Krishna später lebt?

Istanbul ist eine Stadt, die auf den ersten Blick modern wirkt, westlich, an manchen Stellen amerikanisch. Somit wäre es näher an Freiburg. Auf den zweiten Blick ist diese Stadt geprägt von einer immensen Zuwanderung der Landbevölkerung in den letzten Jahrzehnten. Ist also deutlich anatolisch geprägt. İzmir, wo es diese Zuwanderung in dieser Form nicht gibt, ist in vielerlei Hinsicht eine modernere, westlichere Stadt als Istanbul.

Proteste am Taksim-Platz 2013. © Fleshstorm (Own work) via Wikimedia Commons

Die gewaltsamen Proteste im Gezi-Park in Istanbul spielen eine wichtige Rolle in deinem Roman. Oberflächlich ging es dabei um den Widerstand gegen die Bebauung einer Grünfläche, aber worum ging es eigentlich?

Es geht um die Richtung, in die das Land seit Jahren steuert: weniger persönliche Freiheit, weniger Demokratie, weniger Selbstständigkeit, mehr Ausbeutung, mehr Gewalt, mehr Chaos, mehr Autorität. Der Park war nur der Auslöser, der das Unbehagen über diese Richtung zum Ausdruck gebracht hat.

Aus deutschsprachiger Perspektive ist das „Phänomen Erdoğan“ nicht leicht zu verstehen. Wer trägt in der heutigen Türkei das System Erdoğans, wer sind seine Gegner?

Erdoğan-Gegner und Gezi-Sympathisanten finden sich quer durch alle Gesellschaftsschichten und Generationen. Wer genau die Befürworter sind und wer die Gegner, lässt sich nicht so leicht in wenigen Sätzen wiedergeben.

Dass die Dinge komplex sind, kann man auch daran ablesen, dass die hiesige Lesart jahrelang war, dass Erdoğan die Demokratisierung des Landes vorantrieb, indem er das Militär schwächte. Und dann hat man sich gewundert, woher denn dieser Autokrat kommt.

Dein Romanheld Krishna Mustafa beschäftigt sich viel mit dem Islam – so viel, dass er schließlich in seiner deutschen Heimat in Verdacht gerät, sich zum gewaltbereiten Islamisten zu radikalisieren. Wo verläuft in Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, der Mittelweg zwischen hysterischer Panikmache und berechtigter Vorsicht?

Ich glaube nicht, dass es um einen Mittelweg geht, sondern darum, die Dinge in Relation zu setzen. Eine größere Perspektive zu entwickeln. Das war allerdings nicht das Thema des Romans, hier ging es mir eher darum, die Hysterie als Hysterie darzustellen und nicht als ein Streben nach Sicherheit.

Radikalisierung ist ja kein Problem, das dem Islam innewohnt, auch wenn das gerne behauptet wird. Genauso wenig wie Gewaltbereitschaft. Es gab und gibt scheinbar politisch motivierten Terrorismus, von links wie von rechts, es gab und gibt scheinbar religiös motivierten Terrorismus. Schuld sind aber nicht die Religion oder die Ideologie. Radikalisierung und Gewaltbereitschaft sind in erster Linie psychologische Probleme und nicht politische oder religiöse. Religion und Politik sind hier nur Zuschreibungen, die dazu beitragen, die Empathie der Menschen zu mindern. Wenn ich überzeugt davon bin, dass die andere Gruppe aufgrund ihrer Einstellung, Religion, Hautfarbe, Ethnie oder sonst was tatsächlich anders ist als meine eigene Gruppe, kann ich sie entmenschlichen, kann ich mich innerlich so weit von diesen Menschen distanzieren, dass ich ihnen unmenschlich erscheinende Dinge antue und mir nicht denke: Das sind auch nur Mütter und Väter und Kinder, die Sorgen und Ängste und Nöte und Sehnsüchte haben, genau wie ich auch. Die Würde des Menschen ist unantastbar, sagen wir, aber sie wird antastbar, wenn ich den anderen aufgrund irgendeiner Zugehörigkeit als grundsätzlich anders betrachte als mich selber.

Die für mich interessante Frage ist, warum wir eine Gesellschaft sind, die das Problem der Radikalisierung mitproduziert. Globalisierung meint ja, dass die Grenzen weitgehend offen sind für Informationen, Waren und Geld. Aber nicht für Menschen. Wir sind die Nutznießer dieser Situation. Wir leben in einer Welt, die ungerecht ist. Es geht uns auch deswegen so gut, weil es anderen Menschen woanders schlechter geht. Ungerechtigkeit ist ein Fakt. Das scheint mir ein Ausgangspunkt zu sein, der zur Radikalisierung führen kann. Ich weiß nicht, was wir konkret dagegen tun können, aber es ist ein Gemeinplatz, dass man nicht weiterkommt, wenn man die Schuld immer nur bei den anderen sucht.

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Dein Romanheld Krishna Mustafa ein eigenwilliger Typ, mit einer kindlichen Naivität und Neugier begabt. Wie ist es dir in den Monaten, die du schreibend mit ihm verbracht hat, ergangen?

Ich mag Krishna Mustafa gerne, auch weil er mich anfangs beim Schreiben oft dazu gezwungen hat umzudenken. Er fühlt sich selten persönlich angegriffen, egal, was passiert, er ist fast nie beleidigt und fühlt sich nur in Ausnahmefällen ungerecht behandelt. Er hat in der Regel eine Perspektive, die es ihm ermöglicht, bei Widrigkeiten heiter zu bleiben.

In den ersten Kapiteln hat Krishna häufig so reagiert, wie ich es vielleicht tun würde und wie es auch für natürlich halte. Das musste ich dann streichen und musste diesen Schalter im Kopf finden, den man umlegen muss, damit das Ganze mehr Humor bekommt, Humor in dem Sinne, dass man auch Abstand zu der Situation findet und neue Interpretationsmöglichkeiten für das Geschehene. Dieser Schalter ist mir nach dem Schreiben geblieben und bereichert mich weiterhin.

In Wieso Heimat, ich wohne zur Miete trifft Till Eulenspiegel auf Forrest Gump. In einem leuchtend-bunten Road Trip zu den eigenen Wurzeln jongliert Selim Özdogan mit Pegida, Starbucks, Dschihad und Gezi-Park und gleitet mit spielerischer Leichtigkeit über das Minenfeld der political correctness hinweg.

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Selim Özdogan liest dieses Jahr auf Einladung von Stefan Gmünder bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur und nimmt am Wettlesen um den Ingeborg Bachmann Preis teil!

Alle Informationen und das Videoporträt unseres Autors gibt es hier: Selim Özdogan beim Ingeborg Bachmann Preis 2016.