Kategorie: Allgemein

Familiengeschichte, die auch Weltgeschichte ist – Wolfgang Paterno im Interview

Lange vor der Geburt seines Enkels Wolfgang wurde Hugo Paterno umgebracht. Der Zollbeamte aus Vorarlberg und strenggläubige Katholik wurde Opfer der im Nationalsozialismus so alltäglichen wie folgenschweren und erbarmungslosen Praxis der Denunziation. In „So ich noch lebe … Meine Annäherung an den Großvater. Eine Geschichte von Mut und Denunziation“ erzählt Wolfgang Paterno vom Schicksal seines Großvaters – und von der Spurensuche in Briefen, Familienfotos, Protokollen und Prozessakten.

Wie ist es ihm dabei ergangen? Wie steht es um die Aufarbeitung ähnlicher Fälle in Wissenschaft und Gesellschaft? Und ist er seinem Großvater durch die Arbeit am Buch nähergekommen? – Zu diesen Themen stand der Autor uns Rede und Antwort.

Das Schicksal Ihres Großvaters ist ein individuelles, gleichzeitig steht es exemplarisch für die Zeit: Die Denunziation war ein Massenphänomen des Nationalsozialismus. Warum?

Der NS-Staat war auf Verleumdung, Verfolgung und Vernichtung aufgebaut. Das niederträchtige Instrument der Denunziation war das entsprechende Hilfsmittel. Zwischen 1938 und 1945 stand auch in Österreich die Verleumdung von Freunden, Vorgesetzten, Nachbarn, Familienmitgliedern und Arbeitskollegen an der Tagesordnung. Im Gegensatz zu anderen Regimen, wie etwa der DDR-Diktatur, war der NS-Staat kaum auf bezahlte Spitzel angewiesen. Insbesondere der Tatbestand der „Wehrkraftzersetzung“ wurde dazu instrumentalisiert, jede kritische Äußerung und jedweden Pessimismus zu kriminalisieren. Menschen wurden zum Tode verurteilt, weil sie beim „Fremdhören“ ausländischer Radiosender ertappt wurden. Die Bregenzerin Karoline Redler wurde verleumdet, weil sie sich einer Arztpraxis gegenüber zwei parteitreuen Patientinnen aus Lustenau vermeintlich abfällig über das Hitler-Regime geäußert hatte. Anfang November 1944 wurde sie in Wien hingerichtet.

Wie steht es um die wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufarbeitung dieser Fälle?

Wolfgang Paterno – Enkel von Hugo Paterno und Autor von „So ich noch lebe … Meine Annäherung an den Großvater. Eine Geschichte von Mut und Denunziation“. Wolfgang Paterno ist Redakteur des Nachrichtenmagazins profil, er veröffentlichte zahlreiche Artikel sowie Bücher zu historischen und literarischen Themen.

In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein tragbarer Wissenschaftszweig zum Phänomen Denunziation entwickelt. In Österreich wird das Thema bis heute nahezu totgeschwiegen – wissenschaftlich und gesellschaftlich. Selbst der schnelle Blick in die historischen Archive des Nachbarlands offenbart umfangreiche Bibliografien zu dem Thema. Die Nachforschung „Denunziert“ der Politikwissenschaftlerin Nina Scholz und des Historikers Herbert Dohmen mit Schwerpunkt auf der Verleumdung jüdischer Personen in Wien ab März 1938 war zum Zeitpunkt ihres Erscheinens 2003 hierzulande eine der ersten Untersuchungen, die sich dezidiert mit der systematischen Verhetzung und Anzeige von Freund und Feind im „angeschlossenen“ Österreich auseinandersetzte. Seitdem ist auf dem Feld mit Ausnahme der Studie „,Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant‘“ (2007) des Grazer Historikers Heimo Halbrainer, für die 1.230 Grazer Denunziationsfälle herangezogen wurden, nicht allzu viel passiert.

Wie hat sich die Recherche zu Leben und Schicksal Ihres Großvaters dargestellt?

Früh konturierte sich folgende Faustregel bei der Recherche: Je weiter die Archive geografisch von Hugos ehemaligem Lebensmittelpunkt entfernt lagen, desto leichter fiel die Nachforschung. In Vorarlberg herrschte anfangs bockige Verweigerung, die Berliner Archive wickelten sämtliche Nachfragen so nüchtern wie empathisch ab. Am Ende waren es zahllose Telefonate, über 500 E-Mails an Bibliotheken und Archive sowie zahlreiche Recherchereisen, die den Weg – und die vielen Umwege – zum Großvater ebneten. Und immer wieder diese kleinen großen Momente: Im Posteingang trifft eine E-Mail vom Deutschen Bundesarchiv ein, die vermeldet, man habe über 100 Seiten Dokumente zum Fall Hugo Paterno gefunden. Luftsprünge jedes Mal

Blieb Ihnen bei all diesem historischen Kontext und dem vom Nationalsozialismus überschatteten Schicksal noch die Kraft, zu Ihrem Großvater durchzudringen – zum Menschen Hugo Paterno?

Am Ende bleibt der wohl beste Beweggrund für die Aufarbeitung von Geschichte. Es war reine Neugier auf ein mir völlig unbekanntes Leben, dem ich letztlich ja mein eigenes Dasein verdanke. Zu einem irgendwie gearteten Fazit fühle ich mich im Fall meines Großvaters nach wie vor außerstande. Hugo bleibt das Familiengespenst, auch wenn es inzwischen weitaus weniger herumspukt.

Wer war Hugo Paterno? Welche Menschen, welche politischen und gesellschaftlichen Mechanismen haben ihn auf dem Gewissen? Wie gehen die Hinterbliebenen mit diesem Schicksal um – die Nachkommen der Opfer, aber auch der Täter? Diesen Fragen widmet sich Wolfgang Paterno in seinem Buch, einer eindrücklichen, zutiefst persönlichen und hervorragend recherchierten Dokumentation eines menschlichen Schicksals in der Maschinerie der nationalsozialistischen Unrechtsjustiz.

Hier geht’s zum Buch.

„Vielleicht ist das ganze Leben ja auch dazu da, die Sprachlosigkeit zwischen denen, die man liebt, und einem selbst zu überbrücken“ – Andreas Neeser im Interview

In seinem neuen Roman „Wie wir gehen“ erzählt Andreas Neeser davon, was Söhne und Töchter mit ihren Vätern verbindet – und was sie voneinander trennt. Dabei spürt er dem widersprüchlichen Streben nach echter Zugehörigkeit nach. Wie kann man sich näherkommen, ohne einander zu erdrücken, wie unabhängig sein, ohne sich völlig zu distanzieren?

Über familiäre Mechanismen, Generationenkonflikte und die Vielgestalt der Sprachlosigkeit haben wir ihn in unserem Interview befragt.

Es beginnt mit einem Diktiergerät: Mona möchte die Leere überwinden, die zwischen ihr und ihrem 83-jährigen, kranken Vater Johannes zeit ihres Lebens bestand. Kann Sprache die Leere zwischen zwei Menschen überwinden?

Andreas Neeser, geboren 1964, lebt in Suhr bei Aarau. Studium der Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Von 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses Lenzburg. Seit 2012 freier Schriftsteller. Zahlreiche Buchveröffentlichungen im Bereich Lyrik und Prosa. Für seine vielfältigen literarischen Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2012 mit Atelierstipendien im Künstlerhaus Edenkoben und im Schriftstellerhaus Stuttgart sowie 2014 mit einem Werkbeitrag der Kulturstiftung Pro Helvetia. www.andreasneeser.ch Foto: Ayse Yavas

Ich glaube, dass die Sprache dazu beitragen kann, doch zuerst braucht es den Impetus des Menschen. Der Mensch muss auf den anderen zugehen. Also muss sich zuerst einmal das Herz öffnen, dann kann Sprache solche Distanzen überwinden, durchaus. Aber Sprache allein schafft das im richtigen Leben nicht. In der Literatur schon.

Mit den heutigen technischen Hilfsmitteln ist Kommunikation oberflächlich gesehen allgegenwärtig und schneller denn je. Ist die Sprachlosigkeit dadurch geringer geworden?

Die modernen Medien haben die Sprachlosigkeit verändert. Es ist eine andere Sprachlosigkeit als früher, weil es heute viel mehr Möglichkeiten gibt zu reden. Wenn man es dann nicht tut, ist die Sprachlosigkeit eine andere.

In „Wie wir gehen“ hat die Sprachlosigkeit ja sehr viele Gesichter…

Ja, ich glaube, es gibt eine Form der Sprachlosigkeit, die in gewissem Sinne überdeckt ist von Sprache. Man kann natürlich ganz viel reden – wenn man dann nicht über das Eigentliche spricht, entsteht ja in einem gewissen Sinn Sprachlosigkeit, weil thematisch ausgespart wird, was eigentlich gesagt sein sollte. Und auch das ist eine Form von Sprachlosigkeit, die man allerdings nicht hört.

Man kann sich ja um Kopf und Kragen reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Und das passiert auch gewissen Figuren, die in diesem Buch vorkommen. Da wird zwar auch ganz viel geredet, ein Leben lang. Aber da ist dann doch diese Aussparung, diese Lücke, und eben dann letzten Endes die Sprachlosigkeit. Und vielleicht ist das ganze Leben ja auch dazu da, die Sprachlosigkeit zwischen denen, die man liebt und einem selbst zu überbrücken.

Ist die Suche nach Sprache – nach Benennung und Beziehung – eine Allegorie für unser Leben?

Ja! Ich glaube, im Leben geht es immer auch ums Benennen. Und wenn man so weit kommt, dass man etwas benennen kann, dann hat das eine gewisse Relevanz im eigenen Leben, dann gewinnt es an Bedeutung für das eigene Leben – und das seines Gegenübers.

Die Sprachlosigkeit (im wörtlichen Sinn) zwischen Söhnen und Töchtern und ihren Vätern zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Johannes wird in einem beklemmenden Haushalt des Schweigens groß. Seine Tochter Mona und er umarmen sich an seinem 83. Geburtstag zum ersten Mal und finden keinen Draht zueinander. Noelle, Monas Tochter und Johannes Enkelin‘, bricht die Beziehung zu ihrem Vater ab. Ist die Suche nach einer gemeinsamen Sprache, das Überwinden des Schweigens eine Aufgabe, der sich jede Generation neu stellen muss?

Ich glaube, es ist eine Art zur Sprache kommen – das Erwachsenwerden zum Beispiel, überhaupt auch das Zurechtfinden im eigenen Leben ist ein Prozess, den man so bezeichnen könnte: „zur Sprache kommen, zur Sprache finden“. Das alles hat auch ganz viel mit Emanzipation zu tun. Die Erlebnisse bei der Arbeit an meinem Buch haben mir nahegelegt, dass es früher sehr viel schwieriger war. Und auch nicht.

Schwieriger insofern, als früher ganz vieles einfach sehr klar war. Der eigene Weg für einen jungen Menschen war erstmal nicht vorgesehen, es war vielmehr einer vorgegeben – von den Eltern, von der Familie, und insofern war es eben auch kein eigener. Und über die Generationen hat es dann zusehends auch immer mehr Möglichkeiten gegeben für junge Menschen, sich eben doch irgendwo in einer Nische auf den eigenen Weg zu machen.

Für Johannes ist dies in seiner Zeit undenkbar, er wird im Buch als sogenannter Verdingbub eingesetzt. Was sind Verdingkinder?

Unter Verdingkindern versteht man Kinder, die weggegeben wurden von ihren Eltern, die zum Teil auch weggeholt wurden, und zwar einfach weil ihre Familie nicht genug Geld hatte, diese Kinder zu ernähren. Das war der häufigste Grund. Verdingt wurden sie dann insofern, als sie an einem fremden Ort arbeiten mussten. Das waren ganz billige Arbeitskräfte. Kinder, die man missbraucht hat, oft auch physisch. Dies ist ein ganz, ganz trauriges Kapitel.

Speziell in der Schweiz ist man seit einigen Jahren dabei, das aufzuarbeiten. Da gibt es wirklich Unglaubliches, das lange Zeit verdeckt, von der Gesellschaft auch nicht gehört wurde, denn diese Verdingkinder hatten keine Stimme, auch später als Erwachsene nicht. Sie wurden nicht gehört, und das hat sich glücklicherweise jetzt geändert. Das hilft zwar nicht, irgendetwas wiedergutzumachen, das ihnen widerfahren ist. Aber allein eine Stimme zu haben, ist für diese Menschen, die heute alle sehr betagt sind, sehr wichtig.

Steht der Verdingbub – soziologisch gesprochen – auch für eine bestimmte Haltung, für die Perspektive einer Generation ihren Kindern gegenüber?

Ich habe die ganze Geschichte bewusst nicht geografisch verortet, zeitlich weiß man natürlich, wir reden vom 20. Jahrhundert und die Geschichte erstreckt sich ins 21. Jahrhundert. Aber geografisch ist das nicht so genau lokalisiert, um eben zu zeigen: Es sind Mechanismen, die hier am Werk sind, familiäre Mechanismen, die im Grunde genommen nichts mit Geografie zu tun haben. Dieser Prozess „wie wir gehen“ betrifft jeden. Den Weg ins eigene Leben finden, durch das eigene Leben hindurch und letztlich – das betrifft besonders eine der Figuren – wie man dann auch aus dem Leben wieder hinausgeht.

Es geht um Emanzipation, auch und gerade um Emanzipation von den Vätern. Johannes hatte nie eine Chance. Er wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, zu überlegen, ob er denn nicht eine Chance hätte. Seine Tochter Mona hat dann eben doch ihren Weg gefunden. Das war nicht einfach, das geschah auch um den Preis der Beziehung zu ihrem Vater. Der konnte einfach nicht mithalten mit ihren Ambitionen, ihrem Studium. Er konnte sie da nicht mehr begleiten, also hat sie den Weg alleine in Angriff genommen.

Noelle, die Kleinste, stellt sich dann einfach da hin und sagt „mein Vater ist ein Arschloch, der ist tot für mich“. Ohne mit der Wimper zu zucken. Mit so einer Selbstverständlichkeit.

Und wenn man sich vor Augen führt, dass da ja nicht einmal 100 Jahre dazwischenliegen, hat mich das sehr fasziniert, diese Emanzipationsbewegung der Kinder gegenüber ihren Vätern.

Ist das auch eine Emanzipationsbewegung, die mit dem Finden der richtigen Worte einhergeht?

Ja, und die Figuren, die sich immer auch verhaken ineinander, gerade auch über die Sprache, die sich immer wieder zuschütten mit Mitleid, versinken im Selbstmitleid – das ist ja eine ganz traurige Spirale.

Mir war es aber gleichzeitig ganz wichtig, diesen Johannes trotz allem letztendlich auch als ganz witzigen Typen zu zeichnen. Der entpuppt sich ja am Ende als geradezu humorvolle, originelle Gestalt. Um zu zeigen: Das Leben hat ihn nicht von Anfang an vollständig zerstört, er hat sich da irgendwie auch rausgezogen aus diesem Verdingkindersumpf. Das habe ich ihm so gegönnt!

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Eine Suche nach gemeinsamer Sprache, nach einem Mittel, die Leere und das Missverstandensein zu überwinden, eine feinsinnige und poetische Erzählung von Zugehörigkeit, Unabhängigkeit und echter Verbundenheit  – das erwartet Sie in Andreas Neesers berührendem Familienroman. Lesen Sie jetzt rein!

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Unerschrocken und wach, von leuchtend-punkiger Poesie: Aufzeichnungen aus dem Haus der Unglaublichkeiten (Leseprobe)

In diesem Haus tanzen alle aus der Reihe.
Ein brütend heißer Juli im ostukrainischen Makijiwka – und ein Haus, das es in sich hat: Im Erdgeschoss feiern die durchgeknallte Lebefrau Vira und ihre mit Schrotflinten und Wodka bewaffneten Bodyguards apokalyptische Feten. Ein paar Türen weiter schmieden zwei expansionswütige Business-Profis Pläne, um den Obst- und Gemüsemarkt der Region an sich zu reißen. Zwei Stockwerke höher leben Olga, die sich für eine Nachfahrin des französischen Königshauses hält, und Firman, der sämtliche Lenin-Denkmäler der Stadt zu Fall bringen will. Dann ist da noch der junge Mann aus der berüchtigten Spezialeinheit Berkut, der sich bei einem Einsatz in eine Demonstrantin verliebt. Und was hat es eigentlich mit der Gruselwohnung auf sich, in der es spuken soll?

Leseprobe zu: Märchen aus meinem Luftschutzkeller

Wohnung 14
Gerhard Freis Jugendjahre
Wer Gerhard Frei war, weiß heute niemand mehr. Vor über sechzig Jahren war der Name hier in der Stadt in aller Munde.
Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches kam Frei wie Tausende andere Deutsche als Kriegsgefangener hierher zu uns und musste auf dem Bau arbeiten. Er war kurz vor Berlin gefangengenommen worden. Erst als er von der Kapitulation erfuhr, streckte er die Waffen, und seit er in Gefangenschaft war, verhielt er sich still und fügsam.
Äußerlich wirkte er nicht älter als fünfunddreißig und sah gut aus, deswegen hatte die Frau, die die Gefangenen registrierte und ihnen die Arbeiten zuteilte, ein besonderes Auge auf ihn. Gerhard Frei saß aufrecht vor ihr und wippte leicht mit dem Stuhl. Ein großer, schlanker Blondschopf. Er lächelte freundlich und schwieg. Nur seine grauen, müden Augen schauten kühl durch die Brille. Die Frau sah ihn an, kurz blieb ihr Blick an dem kindlich blonden Strubbelkopf hängen. Sie musste an Wassyl denken, ihren Mann, der 1941 eingezogen und bei der Befreiung von Kiew als Kanonenfutter geopfert worden war, und seufzte. Ende November hatte man ihr die Gefallenenmeldung überstellt und ihr – pünktlich zum Jahrestag der Oktoberrevolution – zur Einnahme Kiews gratuliert. Für sie war das kein Trost, sie begriff die Symbolkraft und die historische Bedeutung dieser militärischen Operation nicht, vielleicht weil Wassyl wirklich ein Teil von ihr gewesen war, der obere Teil, um genau zu sein. Wassyl hatte sie immer angehalten, Kopf und Herz gleichermaßen zu gebrauchen. Jetzt war Wassyl tot, ein MG-Schütze hatte ihn in den kalten Dnipro befördert, und seitdem fühlte sie sich wie amputiert, als wäre sie nur ein halber Mensch, als fehlte ihr die obere Hälfte. Sie konnte keine Lust mehr empfinden außer auf Essen und auf einen Mann.
„Sag mal, …“ – sie stockte, weil sie den deutschen Namen des Gefangenen nicht so schnell herausbrachte – „Gerhard, warst du vielleicht gerade in Kiew, als unsere Armee die Stadt befreit hat?“ Frei schaute sie noch konzentrierter an. Er konnte kein Ukrainisch, außer „Kiew“ und seinem Namen hatte er nichts verstanden. Er schwieg und überlegte, was sie wohl von ihm wollte. Vorsichtshalber schüttelte er den Kopf. ‚War er also nicht‘, dachte sie und seufzte noch einmal. Dann vertiefte sie sich in seine Papiere. Die nächsten Minuten vergingen unter dem gleichmäßigen Ticken der Wanduhr und dem Rascheln der Seiten. Plötzlich stutzte die Frau. Als sie den seltsamen Vermerk sah, runzelte sie die Stirn, rieb sie. Zog die Augenbrauen hoch. Blätterte ein paar Seiten zurück, las etwas nach, sprang zum Ende der Unterlagen, dann wieder zum Anfang, presste ihre Finger gegen die pulsierenden Schläfen und las alles noch einmal ganz aufmerksam durch. Das Ergebnis missfiel ihr, sie schaute Frei verunsichert an. Der Gefangene saß immer noch aufrecht und wippte leicht mit dem Stuhl, um seinen Mund spielte ein feines Lächeln.

Oleksij Tschupa (Autor)

„Walera!“ – die Frau nahm das Glöckchen, das neben ihr auf dem Tisch stand – „Walera, kannst du mal kurz kommen?“ Im Nebenraum polterten Schritte, einige Sekunden später wurde die Tür aufgerissen, und Walera, der Übersetzer, kam herein. „Was gibt‘s, Genossin Mykytenko?“, ratterte er nur halb korrekt, aber in aufrechter Haltung. „Komm mal her und sieh dir das an“, rief sie und winkte ihn mit einer Hand heran, während sie mit der anderen auf den Stapel Dokumente wies, der vor ihr lag. Walera beugte sich über den Tisch und starrte auf die Stelle, auf die die Frau getippt hatte. Dann durchforstete er, wie Mykytenko eben, den gesamten Ordner und schaute sie verwirrt an: „Völlig verrückt. Sicher ein Irrtum oder ein Witz.“ „Jetzt frag ihn doch, Walera, na, mach schon!“ Walera richtete sich auf, und während er vor dem Stuhl, auf dem der Gefangene saß, auf und ab lief, bediente er sich der deutschen Sprache. Allerdings sprach er Frei nicht direkt an, sondern schleuderte die Wörter und Sätze einfach in den Raum: „Wie heißen Sie?“ „Gerhard Frei.“ „Geburtsort?“ „Köln.“ „Geburtsjahr?“ „1611“, antwortete Frei gelassen und lächelte bissig.

„Bringen Sie da auch nichts durcheinander?“, hakte Walera nach. „1611“, wiederholte der Gefangene laut und deutlich und räkelte sich, dass seine Gelenke knackten.

„Wissen Sie, welches Jahr wir jetzt haben?“ „Ja, natürlich“, sagte der Deutsche und lächelte weiter. Walera drehte sich zu seiner Chefin um und sagte: „Der Deutsche hier behauptet, fast 350 Jahre alt zu sein. Angeblich wurde er Anfang des 17. Jahrhunderts geboren.“ Um seine Worte zu bekräftigen, tippte Walera mit dem Finger auf das Datum, das Genossin Mykytenko stutzig gemacht hatte. „Aber das kann doch nicht sein, das verstehst du doch.“ „Ja.“ Walera drehte sich noch einmal zu Frei um. „Sie wollen also über 300 Jahre alt sein?“ „Ja.“ „Wurden Sie bei Ihrer Gefangennahme nach Ihrem Geburtsdatum gefragt?“ „Ja.“ „Und alle haben das so hingenommen?“ „Ja“, antwortete der Deutsche zum dritten Mal. Walera fragte sich, wie es allen Verantwortlichen in der Armee entgangen sein konnte, dass der Gefangene über 300 Jahre alt sei, und konnte es nicht fassen. „Na gut, vielleicht haben sie das einfach so hingeschrieben, ohne groß nachzudenken“, sagte er unwirsch. „Aber wir müssen der Sache nachgehen.“ „Tun Sie das!“ Frei lächelte überheblich. „Still!“, mischte sich Genossin Mykytenko ein, die dem Gespräch nicht folgen konnte, aus dem Lächeln des Deutschen allerdings schloss, dass er überlegen war. Walera machte eine beschwichtigende Handbewegung, die Frau setzte sich, Frei schwieg. „Wie haben Sie die 300 Jahre denn geschafft?“ „Ganz einfach.“ „Ich kenne niemand anderen, der so alt ist.“ „Ich auch nicht.“ „Und wie haben Sie das bewerkstelligt? Und noch dazu in einer, wenn ich so sagen darf, mehr als ansprechenden Aufmachung?“ Er spielte auf Freis jugendliches Aussehen an. „Sie glauben mir ja sowieso nicht.“ „Erklären Sie es mir, ich gebe mir Mühe.“ Mit einem süßlichen Geheimdienstler-Lächeln ging er auf den Gefangenen zu.

Gerhard Frei schaute ihn an und erzählte seine Geschichte: „Wenn du Deutscher wärst und in Köln leben würdest, könntest du mit dem Namen Frei was anfangen. Wir sind eine Dynastie von Zauberern. Mein Großvater konnte Kunststücke, gegen die eine Lebensverlängerung von dreihundert Jahren ein Klacks ist. Er kam auf den Scheiterhaufen, weil er verdächtigt wurde, mit dem Teufel im Bund zu stehen, was, mit Verlaub gesagt, auch stimmte. Leider bin ich nicht so mächtig, mein Großvater hat es nicht geschafft, mir alles beizubringen, aber fremde Seelen zu holen und den Körper jugendlich zu halten, dafür reicht es gerade noch. Wenn du mir nicht glaubst, können wir uns gern in hundert Jahren noch mal verabreden und das Thema wieder aufgreifen.“ „Na, ganz sicher. Soll das heißen, du bist unsterblich?“ „Na klar, du Trottel. Ich lebe das 336. Jahr, da liegt das doch auf der Hand, oder?“ „Nun gut. Dann treffen wir uns in 100 Jahren wieder.“ Er wandte sich von Frei ab, setzte sich neben seine Chefin, blätterte in den Unterlagen und fragte sie: „Ist der eigentlich mal beim Psychiater gewesen?“ „Ja, hier ist die Bescheinigung.“ Sie zeigte ihm ein Dokument. „Perfekt. Hier steht, er ist gesund.“ „Wieso?“ „Er hat mir gerade erzählt, er sei ein Zauberer und damit unsterblich. Wenn Sie mich fragen – der will sich einfach vor der schweren Arbeit drücken. Also …“ „Also“, griff Genossin Mykytenko seinen Gedanken auf, „geben wir ihm die schwerste Arbeit. Oder?“ „Genau. Wir schicken ihn zum Haus Nummer 166. Dort sind sie gerade beim Fundament und brauchen Leute für ganz verschiedene Arbeiten: Ziegel formen und schleppen, Zement mischen, Erde ausheben, tragen und so weiter. Da hat er einen Platz zum Zaubern.“ Zügig stellte die Frau den Zuweisungsschein aus, setzte einen Stempel drunter, rief zwei Wachleute, und schon fünf Minuten später wurde der gehässig lächelnde Frei zu dem Platz eskortiert, wo sieben Jahre Zwangsarbeit auf ihn warteten. Der Buschfunk trug die Geschichte durch die ganze Stadt, und eine Zeit lang war der Fall in aller Munde, irgendwann ließ das Interesse nach, und die Sache geriet in Vergessenheit. Niemand sprach mehr über den Deutschen. Und wenn es Walera und der Genossin Mykytenko nicht egal gewesen wäre, was aus Frei geworden war, hätten sie, als sie über drei Ecken davon hörten, dass jemand auf einer Baustelle einen Aufruhr angezettelt hatte, um das Dritte Reich hochleben zu lassen, darauf kommen können, dass es nur Frei gewesen sein konnte. An einem Herbstmorgen gab Frei das Zeichen, zu den Waffen zu greifen, aber im Nu hatten ihn die Schüsse mehrerer Wachleute niedergestreckt. Gerhard Frei sackte zusammen, fiel in die Grube, die für das Fundament ausgehoben worden war, eine schlecht fixierte Platte kippte um und zerquetschte ihn. Die anderen Gefangenen hatten es noch nicht einmal geschafft sich zu erheben, um die Wachleute zu überwältigen, da war ihr Anführer schon tot. Die Geschichte wurde allerdings vertuscht. Frei, von der Platte zerquetscht, wurde eine halbe Stunde später mit Erde zugeschüttet, und damit verschwanden auch alle Erinnerungen an ihn im Fundament des Hauses Nummer 166. Heute weiß niemand mehr, wer Gerhard Frei war. (…)

Du interessierst dich besonders für Literatur aus der Ukraine?
Dann bist du bei uns an der richtigen Adresse! Neben Oleksij Tschupa haben wir in Zusammenarbeit mit unseren Übersetzer*innen auch andere wundervolle ukrainische Stimmen ins Deutsche gezaubert: Andrej Kurkow, Serhij Zhadan, Maria Matios, Natalka Sniadanko, Kateryna Babkina, Jurij Wynnytschuk und Oleksandr Irwanez erzählen in ihren Büchern von der Buntheit eines Landes, seiner Bewohner*innen von heute und damals, von seiner Geschichte und dem Hauch Zukunft und Widerstandsgeist, der die literarischen Werke immer umweht. Viel Spaß beim Entdecken!

 

 

Trubel, Tumult und Tohuwabohu: ein kühner Roman aus der Ukraine
Exzentrische Hedonisten und Kleinganoven, einsame Existenzen und widerspenstige Underdogs – Oleksij Tschupa versammelt in seinem Roman eine anarchische Hausgemeinschaft, deren Schicksale fesseln und aufwühlen. Mit farbenprächtiger und virtuoser Sprache und feinem Gespür für das Tragikomische und die Absurditäten des menschlichen Daseins schafft der junge ukrainische Schriftsteller eine elektrisierende Atmosphäre, in der alles möglich zu sein scheint. Hier geht’s zum Buch!

„Eine Sprache bringt eine neue Welt mit sich.“ Ksenia Konrad im Videointerview

Raus aus der pulsierenden Metropole Moskau, hinein in die beschauliche Tiroler Provinz – diesen Schritt wagte die Russin Ksenia Konrad. Heute arbeitet sie als Deutschtrainerin für Migrantinnen und Migranten. Wie es ist, sich an einem fremden Ort zurechtzufinden, exotisch anmutende Gepflogenheiten richtig deuten zu lernen und den anfangs unverständlichen Dialekt zu enträtseln, davon kann sie ein Lied mit vielen Höhen und Tiefen singen. Im Interview spricht sie über ihren eigenen Weg nach Tirol, über ihre Herausforderungen als Deutschtrainerin, über Sprachen und neue Welten – und darüber, dass Fehler das Beste sind, was uns beim Lernen passieren kann.

Foto: Fotowerk Aichner

In Russland geboren, aber jetzt als Deutschlehrerin in Tirol. Wie bist du hier gelandet?

Ich lebe schon seit elf Jahren in Tirol, in Reutte, im Außerfern. Ich habe meinen Mann auf Sri Lanka im Urlaub kennengelernt, und dann ist irgendwas passiert, eine bestimmte Chemie, und ich habe mich entschieden, nach Tirol zu gehen. Also von Moskau – aus Russland.

Das klingt nach einem Kulturschock. War es das?

Ein Kulturschock war es nicht. Ich war schon davor sehr oft in Europa, in Deutschland und in Österreich. Aber ich habe mir das doch alles ein bisschen anders vorgestellt. Vor allem, was habe ich in Russland von Österreich gehört? Wien, Salzburg und ein bisschen Innsbruck, aber das ist eh Skifahren. Ich bin aber nicht in Innsbruck gelandet, sondern in einer kleinen, abgelegenen Ortschaft. Da habe ich schon einiges erlebt, von dem ich sagen kann: Am Anfang war es ziemlich schwer. Erst mal ziemlich weit weg von der Stadt, von Innsbruck. Zweitens sehr viel Natur, und so nah, und zwar täglich, von früh bis abends. Wenig Menschen, keine Autos, praktisch gar nichts. Jetzt ist es mittlerweile viel mehr geworden, aber damals war noch nichts. Rehe, Füchse, Tannenbäume, schöne Bergspitzen …

Gab es einen bestimmten Moment, an dem du dir dachtest, dass du jetzt endgültig an diesem Ort angekommen bist?

Ich denke mir immer, dass ich in Tirol angekommen bin, jedes Mal, wenn ich es nach Innsbruck schaffe. Am Wege über den Fernpass, da denke ich mir, ja, ich habe es geschafft. Und zweitens denke ich mir das jedes Mal zu Weihnachten. Wochen vor Weihnachten warte ich auf schöne Christbäume, auf mein „Ziachkiachl“, auf die schönen Lichterketten. Jedes Jahr, wenn ich da stehe und wenn die Engel singen, bin ich richtig angekommen, das ist jetzt meines. Seit Jahren singe ich sogar mit. Wenn unsere Blaskapelle singt „Du bist das Land, dem ich die Treue halte“, singe ich mit und stehe in der ersten Reihe. Das schockiert mittlerweile niemanden – ich mag das Lied sehr.

Schreibst du auf Deutsch oder auf Russisch?

Auf Deutsch. Ich denke auch auf Deutsch. Auf Russisch schreibe ich WhatsApp-Nachrichten, E-Mails, das schon. Aber sonst eigentlich alles auf Deutsch. Dann muss ich natürlich alles korrigieren: vom Tiroler Dialekt, vom Außerferner Dialekt, ins Hochdeutsch – schreiben tu ich im Dialekt.

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Was bedeutet es für dich, eine neue Sprache zu lernen?

Ich habe mit Englisch und Deutsch in der Schule angefangen. Wenn man so klein ist und eine Sprache lernt, dann lernt man nur bestimmte Vokabeln. Aber wenn man später mit einer Fremdsprache anfängt, wird es schwieriger. Dann ändert sich das komplette Weltbild und alles, was man früher – über sich selbst sogar – gewusst hat. Sprache ist ein Code, ein Programm im Kopf. Sobald du eine neue Sprache lernst, vor allem in einer neuen Umgebung, in einer fremden Umgebung, dann musst du ein neues Programm im Kopf starten. Und das ist schwierig. Aber wenn wir eine Sprache lernen, können wir uns selbst auch ändern. Man kann sogar seine Ängste bewältigen. Man kann sich selbst überwinden. Man kann sein eigenes Potential neu entdecken. Die Sprache ändert nicht nur unsere Lebenseinstellung, unsere Weltanschauung – eine neue Sprache kann uns auch dazu bewegen, eine neue Lebensgeschichte zu schreiben. Eine Sprache bringt nicht nur irgendwelche Artikel oder grammatikalische Formen, eine Sprache bringt eine neue Welt mit sich.

Welche Rolle spielen für dich dann Fehler?

Fehler sind die besten Dinge, die beim Lernen passieren können. Fehler geschehen spontan, unerwartet, unbewusst, und wenn man einen Fehler macht, das ist gerade der Punkt oder der Moment, in dem man sich selbst kennenlernt. Ich finde, es gibt keine Fehler im Leben. Alles passiert im richtigen Moment und zu seiner Zeit. Nur, weil das nicht in unser altes Denksystem passt, betrachten wir das im ersten Moment als Fehler. Sobald wir unsere Denkmuster ein bisschen ändern oder die Perspektive wechseln, sind die Fehler keine Fehler mehr. Das sind die richtigen Entscheidungen. Und ich muss sagen, ich habe keine Fehler gemacht – es waren die richtigen Fehler.

Was sind für dich die größten Herausforderungen als Deutschlehrerin?

Den anderen zu zeigen, dass die Sprache, wie ich schon gesagt habe, mehr ist als nur eine Kombination von irgendwelchen Regeln. Die Sprache ist eine Möglichkeit, eine Chance, etwas zu erreichen, was man bis jetzt noch nicht erreicht hat. Und die größte Herausforderung ist es, den Menschen diese Chancen und Möglichkeiten zu zeigen. Darum ist es sinnvoll, wenn man nicht von innen nach außen lernt, nicht von der Sprache oder vom Buch beginnt – oder mit dem Lernstoff – , sondern mit dem, was da draußen ist: mit der Umgebung, mit den Menschen auf den Straßen, mit den Feiertagen, mit den Nachrichten, mit allem, was drum herum ist. Und wenn das passiert, dann liegt die größte Herausforderung schon hinter mir.

 

 

Unkonventionell und ermutigend: Ksenia Konrad ist eine tatkräftige Frau, die etwas zu erzählen hat – schließlich kennt sie die Gefühlsskala beim Transfer in eine neue Kultur selbst nur zu gut. Mit viel Herz und Humor entlockt sie selbst aussichtslos scheinenden Situationen eine Portion heitere und motivierende Lebensphilosophie. In ihrem inspirierenden Buch berichtet sie schwungvoll und erhellend von ihrer eigenen Lebensgeschichte und von ihrer Arbeit mit MigrantInnen. Hier geht’s zum Buch!

Ein Buch über das Ankommen: mit einer neuen Sprache in ein neues Leben finden (Leseprobe)

Vor Jahren wagte eine junge Frau den großen Schritt und verließ ihre Heimat Russland, um in Österreich zu leben. Heute arbeitet sie als Deutschtrainerin für MigrantInnen, die sich in einer völlig neuen Umgebung mit zahlreichen ungeschriebenen Regeln zurechtfinden müssen: Mit Herz und Humor hilft sie ihnen durch den Sprachdschungel, durchlebt mit ihnen Wechselbäder aus Motivation und Ernüchterung, Selbstzweifel und Erfolgsgefühlen.
Mitreißend und erhellend erzählt Ksenia Konrad in diesem Buch Geschichten vom Ankommen: ihre inspirierende eigene, die berührenden der anderen, die erheiternden gemeinsamen. Und nicht zuletzt die Geschichte der Sprache, die ein Schlüssel nicht nur zur neuen Heimat, sondern auch zu einem ganz neuen Leben sein kann.

Leseprobe zu: Alles außer fern.
Wie ich mich (fast unfallfrei) integriert habe – und die anderen auch

Willkommen im Trainingslager
Ermüdet lächelnd und angespannt locker sitzen diese mir noch komplett fremden Menschen im Kurs, die es innerhalb von ein paar Monaten schaffen werden, mir ans Herz zu wachsen. Sie versuchen meine Frage, wie es ihnen geht, mit einem neutralen „Es geht uns gut, danke“ zu beantworten. Manche schauen mich skeptisch an, andere ganz fröhlich. Skeptisch, weil sie vielleicht eine strenge, zugeknöpfte Klassendame mit einer altmodischen Steckfrisur und einer Professorenbrille erwartet haben. Fröhlich, weil sie jemanden als „Lehrerin“ bekommen haben, der in ihrem Alter ist, vielleicht ein bisschen jünger oder ein bisschen älter, aber auf jeden Fall nicht aus der Epoche der Minnesänger. Ja, und die ersten Flirtversuche lassen nicht lange auf sich warten: „Komme ich mit meinem Charme durch oder muss ich mein Gehirn doch anstrengen?“

Es dauert noch, bis aus einem Klassenzimmer in ihrer Vorstellung ein Diskussionsraum nach meiner Vorstellung entsteht und aus mir, der „Lehrerin“, eine Trainerin wird und – was mir viel wichtiger wäre – eine Begleiterin, die jeden auf sein Podest führt, an die Stelle, die er sich wünscht – oder sich unter meiner Kontrolle bald wünschen wird.

Ein Marathon ist für die meisten Läufer die größte Herausforderung. Der Deutschmarathon ist eine Challenge für die meisten Lernenden und Lehrenden. Wie beim Marathonlauf braucht man einen guten Trainingsplan. Lassen wir den Deutschmarathon beginnen!

Ksenia Konrad hat etwas zu sagen. Foto: www.fotowerk-aichner.at

Lehrerin oder Trainerin?
Oder: Was mache ich hier überhaupt?

„Frau Lehrerin! Frau Lehrerin, darf ich was fragen?“, hebt die jüngste Kursteilnehmerin aus Syrien eifrig die Hand, wie sie es brav in der Schule gelernt hat.

„Wenn du dich melden möchtest, musst du aufzeigen“, hat mich meine achtjährige Tochter zu Hause aufgeklärt. Diese Fertigkeit ist bei ihr schon so gut antrainiert, dass sie auch beim Mittagessen aufzeigt, wenn sie etwas sagen möchte, und sie gibt mir Bescheid, ob sie schon satt ist oder nur kurz aufs Klo geht. Manchmal erklärt sie es mir ausführlich mit der genauen Angabe der Zielrichtung, des Zeitraums und des vorhersehbaren Ergebnisses.

Dieses „Frau Lehrerin“ bringt mittlerweile die ganze Gruppe zum Lachen und es wird immer wieder zum Spaß gesagt oder um zu prüfen, wie ich diesmal darauf reagiere. Auf die Kleine, die mit ihrer fast gleichaltrigen Schwester ausnahmsweise in einer erwachsenen Gruppe Deutsch lernt, bin ich nicht sauer. Im Gegenteil, ich bin stolz darauf, wie sie sich durchsetzt und wie zielstrebig sie ist. Nur ist sie jetzt nicht in der Schule, sondern im Kurs – und zwar im Training.

Hier ist einiges erklärungsbedürftig: „Unterricht“ wird im Allgemeinen ja als Vorgang zur Aneignung von Wissen und zum Erlernen von Fertigkeiten verstanden. Meist findet dieser Vorgang unter Beteiligung von Lehrenden und Lernenden und in einer bestimmten Institution, zum Beispiel einer Schule, statt.

Lehren und belehren wollte ich nie, weil ich selbst immer noch belehrt werde. Der Lernprozess ist und war für mich wie Integration, das heißt: Auch ich muss etwas Neues lernen und nicht bloß mein Wissen vermitteln. Ich will mich entwickeln, mich verändern, nur so kann ich mir auch von den anderen positive Veränderungen erhoffen.

Wie setze ich das in meinem Sprachunterricht um? Ich mache ihn zum Sprachtraining!

Der Begriff „Training“ steht für Prozesse, die eine verändernde Entwicklung hervorrufen. „Trainingseffekte“ werden durch die Verarbeitung von Reizen hervorgerufen. Mein Kurs besteht also aus einer Folge von Unterrichts- bzw. Trainingseinheiten. Jedes Training ist auch ein Workshop. Nicht nur das Lernen, sondern auch das persönliche und das berufliche Vorwärtskommen stehen im Vordergrund. In der Praxis schaut das ganz grob so aus: Es werden Fragen gestellt, gemeinsam Antworten gesucht und Lösungen erarbeitet. Beim Training steht das eigene Tun im Zentrum, und genau das möchte ich fördern.

Deshalb bin ich eine „Trainerin“ und gestalte ein „Training“ im Kurs. Sollte man mich schon mit „Frau XXX“ ansprechen, dann bitte mit „Frau Trainerin“.

Wobei mir mein Vorname viel lieber ist.

Anna und Martha baden

„Anna und Martha baden.“ – Das war der erste deutsche Satz in meinem Leben. Ich habe ihn von meiner Oma gehört. Zwar kann ich mich nicht mehr erinnern, in welchem Zusammenhang, aber ich weiß noch ganz genau, dass Anna und Martha gebadet haben.

Meine Oma studierte Deutsch und Russisch an der Universität in Pensa und war im vierten Semester, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie sie in einem kalten Hörsaal im Seminar sitzt und den vorgetragenen Lernstoff mit gefrierender Tinte auf ein Stück Zeitungspapier kritzelt. Sie hat es mir nie in Einzelheiten erzählt, aber komischerweise stellte ich mir genau dieses Bild immer dann vor, wenn ich keinen Bock hatte, irgendwas zu lernen, oder mit mir selbst Mitleid hatte, wenn mir etwas zu schwierig und anstrengend vorkam. Später erweiterten Falco mein Vokabular und Rammstein meine Kenntnisse über Zeitformen, und die bezaubernde Deutschlehrerin im Gymnasium bewegte mich zum Germanistikstudium. Die Bekanntschaft mit der deutschen Sprache begann aber im Nominativ.

Schon von Geburt an, wenn ein Mädchen, ein Junge oder eine Deutschtrainerin zum ersten Mal die Welt erblickt, begrüßt die Welt sie im Nominativ. Die Blume ist schön. Die Sonne scheint. Das Auto fährt. Das Baby ist da. Ein neues Leben ist da, und da sind auch die Schmerzen, die Tränen, die Verwandten, die Sorgen, aber am wichtigsten die Eltern, die Freude, das Glück, die Hoffnung, die Entwicklung und nicht zuletzt der Deutsch- und Integrationskurs.

Jedes neue Leben auf der Welt beginnt mit dem Nominativ. In der „deutschen“ Welt noch dazu mit dem bestimmten Artikel, sonst wäre das Leben zu einfach. Also für männliche Substantive mit der (der Mann, der Junge), für weibliche mit die (die Frau, die Oma) und im Neutrum mit das (das Baby, das Mädchen). Womit das Wort „Mädchen“ den bestimmten Artikel „das“ verdient hat, ist das Erste, was manche Lernenden total verunsichert.

Das bedeutet dann, man ist ziemlich sicher, dass aus einem Baby (das Baby) ein Junge (der Junge) und irgendwann ein Mann (der Mann) wird. Bei einem Baby weiblichen Geschlechts ist es aber noch ziemlich fragwürdig, ob aus einem Mädchen (das Mädchen) tatsächlich eine Frau (die Frau) wird. Das ist die erste schockierende Nachricht für männliche und weibliche Teilnehmende in einem gendergerechten Kurs, in einem Anfängerkurs der Lernstufe A1.1.[1]*

Selbst der romantische Titel unseres Lern- und Arbeitsbuches steht im Nominativ: Lagune. Der Name vermittelt Ruhe und Entspannung. Das passende Titelbild bezaubert mit einer schimmernden, türkisblauen Meeresoberfläche, friedlich und erfrischend. Es erinnert mich an die vielversprechenden Bilder von Hotelzimmern und die traumhaften Aufnahmen in Urlaubskatalogen – sie wirken hypnotisch und locken uns an, bis man – nach Stunden in überfüllten Shuttlebussen – tatsächlich das Paradies erreicht hat.

Der schöne Schein trügt auch im Lehrbuch, schon auf Seite 3 zwingt gleich die erste Aufgabe jeden zur Ordnung: Ordnen Sie das Gespräch, Kreuzen Sie an, Ergänzen Sie. Und so taucht man ins Meer der deutschen Sprache ein, in stiller Hoffnung, irgendwann wieder lebendig aufzutauchen.

Ziel der Lernstufe A1.1 ist es unter anderem, sich im Wirrwarr der deutschen Artikel zurechtzufinden. In der Übung im Lehrbuch stehen alle Nomina im Nominativ: das Telefon, der Geldautomat, der Bus, das Taxi, die Bank. Auch die Fragen: Wie heißen Sie? Woher kommen Sie? Wie alt sind Sie? Wir lernen Buchstaben und Zahlen und wie man Menschen und Dinge kurz beschreibt und Menschen begrüßt.

In dieser paradiesischen Umgebung lebt und lehrt Ksenia Konrad: das Außerfern.

Den Herren im Kurs scheint es wirklich Spaß zu machen, Buchstaben und Zahlen zu nennen, wenn es um Autonummern geht, da kann man gleich einen VW mit einem Audi vergleichen. Bei den Damen sind Telefonnummern ein Renner, und je näher sie neben einem netten Nachbarn sitzen, desto lauter, deutlicher und inspirierender klingen sie. Alles, was mit positiven Anreizen gelernt wird, wird nachhaltig gelernt. Hören funktioniert normalerweise besser als Schreiben. Man hört die Welt um sich herum, auch wenn man manchmal nicht genau hinhört, hört man es trotzdem, die Geräusche werden vom Gehirn wie mit einem Spinnennetz aufgefangen. Es ist aber eine andere Sache, wenn man diese Töne und Klänge den Buchstaben zuordnen und sie in Form eines Wortes und einer Reihe von Wörtern aufs Papier übertragen muss, also sie zu schreiben. Ob Ansichtskarten, kurze Briefe oder E-Mails – es wird wöchentlich geschrieben.

Die E-Mails stürmen meine Mailbox wie die Nachbarn aus dem Ostallgäu unsere Supermärkte am Tag der Deutschen Einheit und wie wir die ihren an unserem Nationalfeiertag. Die günstige geografische Lage unserer Ortschaft verhindert das Verhungern und Verdursten der benachbarten Orte an den traditionell unerwarteten Feiertagen.

Meine Gewohnheit, das Handy am Wochenende mehrmals zu checken, erschwert den Teilnehmenden ihre kurzen Erholungspausen: Kaum haben sie ein bisschen Luft geschnappt und die Einkäufe erledigt, schon kriegen sie meine Rückmeldung und liebe Grüße. Alles wird aufmerksam gelesen, bearbeitet, Fehler werden unterstrichen und mit Farbe markiert, damit sie ihre Schwachstellen schneller erkennen und die Fehler ausbessern können. In einem persönlich adressierten Absatz findet jeder meine Empfehlungen und Anmerkungen.

„Liebe …, Hier ist M. auf Europa-Reise. Heute bin ich in Wien (München, Rom, Innsbruck usw.)“, so beginnen die Urlaubsgrüße. Urlaub und Freizeit sind ganz tolle Gesprächsthemen, finde ich und hoffe, mit ihrer Hilfe die Atmosphäre aufzulockern, so gut es geht, aber so richtig gut, wie ich mir das vorstelle, geht es dann doch nicht, weil es eben nicht nur um Hobbys und Interessen geht: Die neuen Verben und deren Konjugation bilden einen weiteren Schwerpunkt.

Die weiblichen Kursteilnehmer führen die Gespräche, bei denen es um sie geht, meistens mit Gefühl, darum wird jede zuerst persönlich gefragt, was sie gern in der Freizeit macht. Und es funktioniert: mit den Kindern spielen, shoppen, kochen. Die Männer im Kurs schauen sich gegenseitig kurz an, nicken einander zu, als würde der mentale Meinungsaustausch durch den Blickkontakt auf einer besonderen Ebene stattfinden, und einigen sich gleich nach den ersten zwei Minuten, dass sie alle ohne Ausnahme Fußball mögen. Jeder klingt so überzeugt, dass ich selbst fast bereit wäre, aus innigstem Verständnis und Solidarität einem Fußballklub beizutreten. Weiter versteinern die Männer beim Gespräch, wenn es um Lesen und Museen geht. Fußball und Spazieren sind eindeutig auf Platz 1 in der Hitparade der außergewöhnlichen Hobbys, gefolgt von Kochen. Der Wortschatz im Lehrbuch bietet uns aber viel mehr, zum Beispiel Segeln, Tauchen, Surfen. Ausgesprochen schöne und vor allem zu unserem Wohngebiet, den Tiroler Alpen, passende Freizeitangebote.

Ein sanfter Übergang von diesen Vokabeln zur Realität gelingt mir nicht so ganz, als mir Sido plötzlich zu Hilfe kommt: „Gitarre! Ich spiele nicht Fußball. Ich spiele Gitarre.“
Er löst damit einen Ausruf der Verwunderung und Begeisterung aus: „Stricken. Ich stricke gern am Wochenende!“, schreit Tina.
„Ich male in der Freizeit. Ich kann nicht gut malen, aber ich male gern“, verrät uns Kilu.
„Und du, was machst du gern, Kecheli?“, frage ich.
„Ich spiele Klavier“, flüstert er verlegen. Später werde ich erfahren, dass sein Vater ihm das Klavierspielen beigebracht hat. Kecheli ist nie in die Musikschule gegangen.
„Toll! Schöne, interessante Hobbys. Vielleicht gibt es noch andere Hobbys, ein Hobby, das ihr alle habt?“
„Kochen. Ich koche gern. Nein, Entschuldigung, ich backe zu Hause. Kuchen“, teilt uns Mira fröhlich mit.
„Grammatik lernen! Natürlich!“, rutscht es Sakim raus.

Die Gruppe bricht in schallendes Gelächter aus – und ich auch. Wenn man gemeinsam lachen kann, dann kann man auch zusammenarbeiten.

Im nächsten Unterricht werden kleine, selbstgebackene Muffins in Begleitung der Gitarrentöne verteilt und die großen Kinder stopfen sie sich energisch rein. „Mit vollem Mund lassen sich die Verben einfacher konjugieren“, stelle ich fest.

 

 

Unkonventionell und ermutigend: Ksenia Konrad ist eine tatkräftige Frau, die etwas zu erzählen hat – schließlich kennt sie die Gefühlsskala beim Transfer in eine neue Kultur selbst nur zu gut. Mit viel Herz und Humor entlockt sie selbst aussichtslos scheinenden Situationen eine Portion heitere und motivierende Lebensphilosophie. In ihrem inspirierenden Buch berichtet sie schwungvoll und erhellend von ihrer eigenen Lebensgeschichte und von ihrer Arbeit mit MigrantInnen. Hier geht’s zum Buch!

[1]* Diese Einteilung beruht auf dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen, der bei der Einschätzung des Sprachniveaus helfen soll und grundsätzlich in sechs Stufen gegliedert ist: Unter A1 und A2 fällt die elementare Sprachanwendung, unter B1 und B2 die selbstständige und unter C1 und C2 die kompetente Sprachanwendung. Sprachkurse werden oftmals genauer unterteilt, z. B. in A1.1 und A1.2 usw.

„Die Zukunftsgestaltung ist davon abhängig, wie wir die Vergangenheit interpretieren.“ Christoph W. Bauer im Videointerview

Es sind Niemandskinder ganz unterschiedlicher Art, denen Christoph W. Bauer in seinem Roman nachspürt – verdrängt aus der Ordnung der Welt, gebunden an eine fremde Vergangenheit, vergessen für eine lebenswerte Zukunft. Ein Reigen von Abwesenden, während im Hintergrund sich eine weitere Hauptfigur erhebt: ein Paris zwischen dem Glanz seines Zentrums und der Düsternis seiner Peripherie, gezeichnet von der Bedrohung des Terrors im Alltag.

Wie war es für dich, den Roman in Paris, einem so illustren Schauplatz der Weltliteratur, anzusiedeln?

Foto: Fotowerk Aichner

Im Wissen, dass es natürlich eine der in der Literatur am meisten besprochenen Städte ist, war das schon eine Herausforderung, gerade Paris als Hauptschauplatz zu nehmen. Aber es war natürlich auch ein Reiz, das zu machen, und ich habe mich da auch gar nicht so sehr orientiert an anderen, die ebenfalls Paris als Hauptschauplatz haben, sondern ich habe versucht, meine Sicht auf diese Stadt eben in diesen Roman einfließen zu lassen.

Hat sich die Stadt – und dein Bild von ihr – im Zuge deiner Reisen und Recherchen gewandelt?

Es hat sich komplett geändert eigentlich. Ich war ja seit 2015 meist dann fast monatlich unterwegs, immer ein paar Tage in Paris. Und dann hatte ich die Möglichkeit, 2019 zwei Monate am Stück dort zu leben. Und zwar wirklich mitten im Zentrum der Stadt, also fünf Minuten von Notre-Dame entfernt. Und da hat sich der Blick dann schon geändert, weil ich dann nicht mehr so sehr Gast war in einem Hotelzimmer, sondern ich hatte ein kleines Atelier, ich musste selbst einkaufen gehen. Und das hat sich dann verändert, und vor allem wurde mir – das ist mir schon in den letzten Jahren aufgefallen – bewusst, wie groß die Armut auch in der Stadt ist, also wie viele in Zelten übernachten oder in Schlafsäcken, mitten im Zentrum der Stadt. Und das ist mir in den früheren Jahren so sehr nicht aufgefallen.

Der zaudernde Protagonist, der sich zu keiner Haltung durchringen kann – Ist das ein unbesungener Held unserer Zeit, ein Symptom unserer Gesellschaft?

Ja, je nachdem, wie man ihn interpretiert natürlich. Er zaudert, er zaudert aber vor allem auch aus dem Grund, weil er sich gegen alle Zuschreibungen und Mutmaßungen und zu raschen Meinungen verwehrt. Das will er nicht. Ich weiß nicht, ob das typisch ist für diese Zeit, weil wir ja doch in einer Zeit der Meinungsmache leben und er will eigentlich aus dem ausscheren. Insofern wird es wahrscheinlich einige geben, die das auch machen. Und, der unbesungene Held, das gefällt mir eigentlich gut, ja.

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Spiegelt sich dieses Zögerlich-Tastende des Zauderers auch in der sprachlichen Gestaltung des Romans?

Das, glaube ich, spiegelt sich jetzt schon im Aufbau des Romans und in der Sprache des Romans wider. Da kommen ja mehrere Sprachebenen aufeinander. Aber das zeigt schon auch die Charakteristik der Figur und die Figur ist ja der Ich-Erzähler auch. Deswegen habe ich das schon versucht, im Aufbau, in der Struktur, in diesen Suchbewegungen, in diesem Sich-voran-Tasten, irgendwie wirklich auch manifest zu machen und die Figur dadurch eigentlich noch stärker zu verbildlichen; vor Augen zu führen, wie er da durch die Stadt geht und wie er von einem Archiv ins andere geht und so weiter.

Das Erforschen der eigenen Erinnerung ist ein treibender Motor in „Niemandskinder“. Kann der Blick in die Vergangenheit zur Gestaltung unserer Zukunft beitragen?

Davon gehe ich aus. Ich glaube, die Zukunftsgestaltung ist davon abhängig, wie wir die Vergangenheit interpretieren und was wir aus der Vergangenheit für Lehren ziehen. Ich weiß schon, da gibt es immer dieses „Man lernt nichts aus der Vergangenheit“. Aber ich glaube schon, dass uns das weiterhelfen kann im Miteinander und wie wir einfach miteinander umgehen. Also, ich kann ja nur von mir selbst sprechen, ich lerne aus einem Blick in die Vergangenheit für die Gegenwart etwas, aber auch für die Zukunft, für das Kommende.

Wer sind diese „Niemandskinder“, nach denen der Protagonist forscht?

In erster Linie – er ist ein Historiker – und in erster Linie forscht er nach – und zwar sind das Kinder, die während der Besatzungszeit aus Verbindungen hervorgegangen sind, also ob das jetzt französische Soldaten waren oder amerikanische – Ich habe mich hier auf die französischen konzentriert. Und diese Kinder sind ohne ihre Väter aufgewachsen. Oft wussten die Väter gar nicht, dass sie Väter sind. Ja, die wurden gleich an den nächsten Kriegsschauplatz weitertransferiert. In der Nachkriegsgesellschaft war das natürlich sehr schwierig für diese Kinder. Sie haben dunklere Hautfarbe gehabt mitunter. Und der Allgemeinbegriff hat sich dann durchgesetzt: Das sind „Niemandskinder“. Die Niemandskinder der anderen Art, die im Roman auch eine Rolle spielen, haben ja auch – es geht ja in diesem ganzen Roman um Kindheiten und um Verlust und um Sehnsucht, um Liebe auch – die haben ebenfalls ihre eigene Geschichte zu tragen, ihre eigene Kindheit zu tragen, und deswegen sind es Niemandskinder unterschiedlicher Art. Aber eigentlich habe ich den Begriff hergeleitet eben von den Kindern der Besatzungssoldaten, die man damals „Niemandskinder“ genannt hat.

Österreich scheint sich kaum an die Niemandskinder zu erinnern. Wie gestaltet sich die Aufbereitung ihrer Schicksale in Frankreich?

Eigentlich ist es in Frankreich ganz ähnlich. Also diese Besatzungs- oder Befreiungszeit, diese Jahre in Österreich, diese zehn, die haben überhaupt keine Spuren im Gedächtnis hinterlassen. Und mir ist das aufgefallen, oft, wenn ich dort auch gefragt habe, wenn ich recherchiert habe, dass mich wirklich manche erstaunt angeschaut und gesagt haben: „Und warum – Warum waren die in Tirol? Warum waren die in Vorarlberg?“ Und das ist auch bei uns so in Österreich. Und was die Niemandskinder angeht, hat man sich da eher immer konzentriert so auf Wien, auf die Kinder russischer Soldaten, auch auf die Kinder von GIs in Deutschland vor allem. Und die Kinder der französischen Soldaten, die sind irgendwie in Tirol ganz wenig thematisiert worden, mehr schon in Vorarlberg, wo die Truppen auch länger waren als in Innsbruck oder in Tirol.

 

Das Jahr 2015 ist wenige Tage alt, als Paris von einem Terroranschlag erschüttert wird, der die Seele der Stadt über Nacht verändert. Mittendrin ein junger Historiker, auf der Suche nach einer vergangenen Liebe. Es ist über zehn Jahre her, dass Samira und er getrennte Wege gegangen sind. Wohin er auch kommt, erfassen ihn Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Dabei ist es vordergründig eine andere Frau, der er auf der Spur ist – Marianne, Kind einer österreichischen Mutter und eines marokkanischen Vaters, seit bald vier Jahrzehnten vermisst. Eine Zeitungsmeldung mit ihrem Bild hat ihn elektrisiert: Ihr Gesicht ähnelt dem Samiras frappierend …

Zum Buch

Eine ergreifende Coming-of-Age-Story zwischen Schläfenlocken und Jeans (Leseprobe)

Ezra Kramer besucht eine konservative jüdische High School in Boston, sein Traum aber ist die Freiheit: eine Karriere als Fotograf in New York. Die Sehnsucht, aus der ultraorthodoxen Gemeinde auszubrechen, teilt er mit seinem besten Freund Carmi. Gemeinsam und doch jeder auf sich gestellt, wagen die beiden den entscheidenden Schritt in eine aufregend freie Welt.

„Eindringlich, intensiv und glaubwürdig zeichnet der Autor Ezras Aufbruch in die Freiheit … Ein großartiges Plädoyer für Selbstbestimmung und den Glauben an die eigene, künstlerische Kraft.“
Buchmedia

„von einer wohltuenden Frische“
La Repubblica, Susanna Nirenstein

Ezra Kramer besucht eine konservative jüdische High School in Boston, aber eigentlich träumt er von einer Karriere als Fotograf in New York. Dafür müsste er aus seiner ultraorthodoxen Gemeinde ausbrechen, die einen ganz anderen Weg für ihn vorsieht …

Leseprobe aus „Weitwinkel“

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Es krachte

und ich saß allein im Auto, blieb aber unverletzt, weil es in dieser Welt nicht die Unfälle sind, die Wunden zufügen, sondern die Menschen mit ihren Worten und dummen Ideen. Der Motor war durchgebrannt, aus der Stereoanlage kam weiterhin Musik, und das war ebenso unpassend wie zuvor meine Aktion, Vater das Auto zu stehlen und mich in die Nacht davonzumachen. Ich stieg nicht aus, holte keine Hilfe, klopfte nicht an die Tür des nächsten Hauses, sondern blieb einfach sitzen, was völlig unsinnig war, und hoffte wohl zu ersticken. Eine Frau aus der Nachbarschaft, die vom Geruch nach Verbranntem wach geworden war, rief die Rettung. Die Polizei kam, ein Abschleppwagen brachte das Auto weg.

Nach dem Unfall musste Vater ziemlich viel Geld lockermachen, um den Wagen zu reparieren, und Mutter machte ziemlich viel Tränen locker. Einige Wochen lang schaute sie mich mit gebrochenem Blick an, als ob ich wie der Motor von einem Moment auf den anderen in die Luft gehen könnte.

Ganz Brighton sprach darüber, vom Jungen, der um drei Uhr morgens das Auto des Vaters gestohlen und demoliert hatte. Judy Franzman von der koscheren Bäckerei sprach darüber, Binyomin Fischer mit seiner Frau, Mutter und Vater sprachen mit dem Rabbiner darüber.

Der Einzige, der nicht darüber sprach, war ich.

Der junge Turiner Simone Somekh lebt als Autor und Journalist in New York. Sein Debütroman „Weitwinkel“ wurde 2018 mit dem Premio Viareggio für das erste Werk und mit dem Premio Letterario ADEI-WIZO Adelina della Pergola ausgezeichnet. – Foto: Privat

EINS
Tante Suzie bot mir zu essen an

und ich lehnte ab. „Du rufst mich an und bittest um Hilfe, weigerst dich dann aber, von meinen Tellern zu essen?“, sagte sie sichtlich verärgert. Tante Suzie sah mit ihrer rabenschwarzen Mähne sicher meiner Mutter ähnlich, bevor sich diese den Kopf bedeckte und lange züchtige Kleider trug. Eine Frau, die selten lächelte, aber im Gegensatz zum ersten Eindruck, den man von ihr gewann, voller Lebenslust war.
Von meinen Tellern hatte sie gesagt, nicht von meinen Speisen. Darum ging es nämlich: nicht um die Speisen, die auf den Tellern serviert wurden, sondern um die Teller selbst. Tante Suzie hätte mir nie Hummer angeboten oder Bauchspeck oder andere verbotene Speisen, doch allein die Tatsache, dass auf den Tellern auch nur einmal eine solche gelegen haben mochte, machte diese unrein und unbrauchbar.
„Ich habe keinen Hunger“, log ich.
„Dann schau mir zu, während ich esse, denn ich bin hungrig, und zwar ziemlich.“
Sie begann zu kauen, und ich sah ihr wie verlangt dabei zu. Der Mensch kann wirklich abstoßend sein, wenn er isst, dachte ich.
Also wandte ich meinen Blick von ihrem Mund ab und betrachtete das Esszimmer. Es war klein, ein paar Bilder und Nippes schmückten den schlecht beleuchteten Raum.

Tante Suzie nahm ihre Befragung wieder auf: „Wann hältst du den Zeitpunkt für gekommen, mich über den Grund deines Anrufs aufzuklären, Ezra?“
„Jetzt“, sagte ich. Ich zog ein weißes Kuvert aus meinem schwarzen Rucksack hervor, in dem ich Kopien der Fotografien aufbewahrte, wegen derer ich von der High School verwiesen worden war. Tante Suzie betrachtete die Fotos, unschlüssig, wie sie darauf reagieren sollte.

Schließlich entschied sie sich für eine eigenartige Mischung aus verlegen, erschüttert und schelmisch, wobei sie in Wirklichkeit sicher nicht allzu überrascht war.
„Wer ist das?“
„Malka Portman“, antwortete ich, „die Schwester eines Schulkollegen, Moshe Portman. Sie ist schön, nicht wahr? Ihr Bruder prahlt immer damit, wie schön sie ist, also kam mir die Idee, sie in die Jungenetage zu schmuggeln, und dort habe ich sie dann in die Toilettenräume gebracht. Das sind meine besten Fotos, bisher.“
Tante Suzie sah ein Foto nach dem anderen an, und eines nach dem anderen drehte sie beim Weglegen so um, als hätte sie in jedem einzelnen die ganze Macht der Gesetzesübertretung wahrgenommen, und zwar nicht nur der Gesetze der Yeshiva High School.
„Mutter und Vater werden begeistert sein“, meinte sie ironisch.
„Nun, sie haben sie nicht gesehen. Aber sowohl Malka als auch ich wurden von der Schule verwiesen, und ich bin sehr glücklich darüber. Denn nun muss ich nicht mehr darum kämpfen, mich in einer anderen High School einschreiben zu dürfen.“

Durch das Objektiv seiner Kamera erlebt Ezra die Welt aus einer ganz neuen Perspektive.

Natürlich hatte ich den Verweis nicht geplant. Niemand durfte die Fotos sehen, auch wenn ich im Innersten davon überzeugt war, dass sie mir eines Tages nützlich sein würden, sollte ich ernsthaft Fotograf werden wollen. Frauen zu fotografieren war in meiner Gemeinschaft ein Tabu. Oft kamen die Schüler bis zum Abschluss der High School, ohne einem Mädchen in die Augen geblickt zu haben. Ich hatte in die Augen von Malka Portman geschaut, und ich hatte sie fotografiert.
Die Fotos waren wunderbar, tausendmal besser als jene, die ich zu den Hochzeiten und den Bar-Mizwas machte, wo die Fotografierten von einer geologischen Schicht Make-up überzogen waren und die Lichter so gedimmt, dass sogar die Falten der ältesten Frauen verschwanden.

Ezra Kramer hatte seit jeher Eltern und Lehrern Sorgen bereitet. Jetzt wird er den Eltern aller Mädchen der Gemeinde Sorgen bereiten; und er wird, so dachte ich, jetzt auch den Rabbinern Sorgen bereiten. Erstmals wurde mir die Tragweite dessen, was ich getan hatte, bewusst. Ich war stolz auf die Fotografien, aber die Folgen dieser Schnappschüsse, die Frau Portman gefunden hatte, als sie das Zimmer ihrer Tochter aufräumte, waren verhängnisvoll.

Judy Franzman würde mir nie wieder einen Keks anbieten, wann immer ich bei ihr auf einen Gruß im Geschäft vorbeischauen würde. Vater und Mutter würden mich vielleicht von zu Hause vertreiben. Vielleicht würde man mich für immer aus der Gemeinde ausschließen. Vielleicht hatte Ezra Kramer in der unbändigen Genialität eines fünfzehnjährigen Künstlers den Fehler seines Lebens begangen. Vielleicht wäre es besser gewesen, in jener Nacht im verqualmten Auto zu sterben.

Eine Geschichte über den Traum von Freiheit und eine außergewöhnliche Freundschaft: Simone Somekhs Roman „Weitwinkel”

 

 

Mit dem Premio Viareggio für das erste Werk bekam Simone Somekh 2018 für „Weitwinkel“ einen der prestigeträchtigsten Literaturpreise Italiens zugesprochen und darf in einer Reihe mit namhaften Vorgängern wie u. a. Roberto Saviano („Gomorrha“) genannt werden. Eindringlich zeichnet der junge Turiner Autor Ezras Aufbruch in die Freiheit, der auch bedeutet, familiäre Geborgenheit hinter sich zu lassen. Ein ebenso berührender wie lebensnaher Roman über Selbstermächtigung, Glaube in der modernen Welt und Kunst als Rebellion. – Hier geht’s zum Buch.

Jetzt reinlesen: Kaschmirgefühl

Gottliebs Tage sind nicht gerade von Leidenschaft erfüllt. Als Krankenpfleger im Hospiz ist er täglich mit dem Tod konfrontiert, Romantik im Privatleben: Fehlanzeige. Zu lange schon ist er Single, lebte bis vor Kurzem mit seiner Mutter zusammen.

Von Einsamkeit getrieben ruft Gottlieb eines Nachts bei einer Sexhotline an. Ein Knistern in der Leitung, dann hört er zum ersten Mal Maries Stimme – und mit einem Schlag verändert sich alles.

Jetzt reinlesen und reinhören: 

Leseprobe

– Hörst du mich?
– Ja.
– Ich bin Yvonne. Und ich werde mich jetzt um dich
kümmern. Ich werde dafür sorgen, dass du diesen
Anruf nie wieder vergisst.
– Ich habe das hier noch nie gemacht.
– Das macht gar nichts. Du sagst mir, worauf du stehst,
und dann machen wir alles, was du dir vorgestellt
hast.
– Ich habe mir nichts vorgestellt.
– Ach, komm schon, Süßer.
– Wirklich nicht. Ich weiß nicht, wie das hier funktioniert.
Ob ich das überhaupt kann. Fühlt sich irgendwie
komisch an.
– Jetzt mal ganz langsam. Du bist doch scharf, oder?
Sonst hättest du kaum hier angerufen. Also hör auf
nachzudenken und entspann dich. Es gibt hier keine
Regeln, kein richtig oder falsch. Es geht nur darum,
dass wir beide ein bisschen Spaß miteinander haben.
– Ich bin mir nicht sicher.
– Mach dir keine Sorgen, gemeinsam bekommen wir
das hin. Kannst mir vertrauen, ich bin richtig gut in
meinem Job. Ich verspreche dir, dass du gleich den
Orgasmus deines Lebens haben wirst.
– Danke.
– Du bedankst dich?
– Ja.
– Aber wofür denn?
– Dafür, dass Sie mich nicht auslachen.
– Sie? Du bist ja süß. So schüchtern, das mag ich. So
einer wie du ist mir tausendmal lieber als all diese
Typen, die nach vier Minuten auflegen und sich nicht
mal verabschieden, geschweige denn sich für irgendwas
bedanken. Freut mich wirklich sehr, dass du so
höflich bist. Und dass du unter all den Frauen da
draußen gerade mich angerufen hast.
– Das war Zufall.
– Das denke ich nicht. Ich weiß, das klingt verrückt,
aber seit ich heute Morgen aufgewacht bin, warte
ich insgeheim darauf.
– Worauf?
– Auf einen Anruf, der mein Leben verändern wird.
Auf einen Mann, den ich glücklich machen kann. Auf
einen, der vielleicht auch mich glücklich machen
wird.
– Sagen Sie das zu jedem?
– Ja.
– Funktioniert es?
– Meistens. Aber jetzt mach erst mal deine Augen zu.
– Was soll ich?
– Du sollst deine Augen zumachen.
– Und wozu soll das gut sein?
– Ich bin dir näher, wenn sie zu sind. Also mach einfach,
was ich dir sage, und alles wird gut.
– Sie sind jetzt zu.
– Sehr gut. Und jetzt möchte ich wissen, für wen ich
mich ausziehe. Wie heißt du, mein Süßer?
– Joe.
– Echt jetzt?
– Ja.
– Du heißt doch nie im Leben Joe.
– Warum denn nicht?
– Weil du schüchtern bist. Und schüchterne Männer
heißen nicht Joe. Außerdem hast du deine Augen
offen.
– Woher wollen Sie das wissen?
– Ich mach das hier schon ziemlich lange.
– Ich fühle mich unwohl, wenn die Augen zu sind.
Wie gesagt, es ist das erste Mal, dass ich so etwas
mache.
– Dann lass sie offen. Aber bitte lüg mich nicht mehr
an, Joe.
– Ich lüge nicht.
– Alle lügen, glaube mir. Das fängt beim Namen an
und hört beim Aussehen auf. Du erzählst mir doch
sicher gleich, dass du eins neunzig groß bist, schlank
und muskulös, und dass du es eigentlich gar nicht
nötig hättest, hier anzurufen. Stimmt’s?
– Nötig habe ich das tatsächlich nicht.
– Wusste ich’s doch.
– Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt auflege.
– Aber warum denn?
– Weil ich mir das anders vorgestellt habe.
– Wie denn? Sag es mir.
– Nicht so.
– Rede ich dir zu viel?
– Nein. Ich dachte einfach, dass es anders abläuft. Entschuldigen
Sie bitte. Ich wollte Sie nicht kränken
oder zurückweisen.
– Du willst mich nicht zurückweisen? Du hast das
Konzept wohl nicht verstanden. Du bist es, der hier
anruft. Du willst etwas von mir, und nicht ich von
dir.
– Ich wollte Sie wirklich nicht verärgern.
– Hör endlich auf mich zu siezen. Sag mir lieber, was
ich für dich tun kann. Wie du es gerne hättest. Ent13
täusch mich jetzt nicht, Joe. Auf welche Schweinereien
stehst du?
– Sie sind seltsam.
– Was bin ich?
– Seltsam.
– Weil ich dir nicht sage, dass du der Größte bist, oder
was? Weil ich nicht stöhne? Ich bin dir zu wenig
Nutte, richtig?
– Nein, das ist es nicht.
– Soll ich dir sagen, dass ich nackt bin? Dich einfach
nur geil machen?
– Nein.
– Du willst dir ganz gemütlich einen runterholen,
genau so ist es doch, oder?
– Nein, so ist es nicht.
– Wie ist es dann, verdammt noch mal? Denkst du,
du kannst hier anrufen und mich beleidigen? Willst
du mich erniedrigen, dich abreagieren, deinen Frust
an mir abarbeiten?
– Es gibt keinen Grund, mich so anzufahren. Ich habe
Ihnen nichts getan.
– Dir. Ich habe dir nichts getan.
– Ich dachte, das hier ist eine Sexhotline.
– Ist es auch. Aber wir spielen hier nach meinen
Regeln.
– Ich glaube nicht, dass ich das will.
– Du willst. Sonst hättest du bereits aufgelegt.


– Ich wollte dir wirklich nicht zu nahe treten.
– Du bist wirklich süß. So einen wie dich habe ich
selten.
– Das alles hier ist ein großes Missverständnis. Ich
wollte dich nicht erniedrigen. Tut mir wirklich leid.
– Bleib locker, Joe. Ich hab doch nur Spaß gemacht.
Wollte sehen, wie du reagierst, wenn man dich
anpflaumt. Quasi ein Belastungstest gleich zu
Beginn. Ich würde sagen, du hast ihn bestanden.


– Warum tust du das?
– Damit das Ganze ein bisschen spannender wird.
Wir beide wollen uns ja nicht langweilen, oder?
Außerdem weiß ich jetzt, mit wem ich es zu tun
habe. Du scheinst ein sensibler Mann zu sein. Ein
Frauenversteher. Ist selten heutzutage. Gefällt mir,
Joe. Und deshalb darfst du dir jetzt auch etwas wünschen.
Egal was, ich mache es.
– Ich muss jetzt auflegen.
– Aber warum denn?
– Das ist mir zu schräg hier. Du bist mir zu schräg.
– Ach, komm schon, Joe. Jetzt wird es doch richtig
gemütlich. Wir lernen uns gerade erst kennen. Ich
denke, dass das Ganze auch für mich spannend werden
könnte. Wenn ich mir vorstelle, was du gleich
mit mir machen wirst, werde ich ganz feucht.
– Es tut mir leid.
– Was tut dir jetzt schon wieder leid?
– Ich muss meine Mutter ins Bett bringen.
– Du musst deine Mutter ins Bett bringen? Habe ich
das gerade richtig verstanden?
– Sie schläft. Tief und fest neben mir auf der Couch.
Wenn sie die ganze Nacht hier liegt, jammert sie
morgen wieder, dass sie Kreuzschmerzen hat.
– Was um Himmels willen redest du da?
– Sie ist vor dem Fernseher eingeschlafen, ich wollte
sie nicht wecken.
– Spinnst du?
– Sie hat nur mich. Ich kümmere mich um sie.
– Du rufst bei einer Sexhotline an, während deine
Mutter neben dir schläft?
– Ja.
– Das glaub ich jetzt nicht.
– Ist aber so.
– Da habe ich mich wohl getäuscht in dir. Schade. Du
bist auch nur einer dieser Spinner, die mir mein
Leben schwermachen.
– Aber es kann dir doch egal sein, ob sie da ist oder
nicht.
– Glaubst du wirklich, dass ich es mit dir mache, während
deine Mutter neben dir sitzt? Ich mag es zwar,
wenn nicht immer alles ganz nach Plan läuft, aber
das geht zu weit.
– Wenn man der Statistik glaubt, erledigst du ohnehin
deine Hausarbeit, während du mit mir telefonierst.
Wahrscheinlich bügelst du gerade.
– Drehst du jetzt völlig durch?
– Ich habe ein bisschen im Internet recherchiert, bevor
ich diese Nummer gewählt habe. Es heißt, dass diese
Frauen etwas ganz anderes machen, während sie
telefonieren.
– Diese Frauen?
– Ja. Außerdem habe ich gelesen, dass es darum geht,
die Anrufer so lange wie möglich in der Leitung zu
halten.
– Du bist ja ein ganz Schlauer.
– Ich würde sagen, du bist außerordentlich gut. Auch
wenn es ziemlich ungewöhnlich sein dürfte, wie du
es machst. Wahrscheinlich kann nicht jeder damit
umgehen, dass du so durchgeknallt bist, oder?


– Weißt du was, Joe?
– Was denn?
– Du kannst mich mal.

– Hörst du mich?
– Ja.
– Ich bin Yvonne. Und ich werde mich jetzt um dich
kümmern. Ich werde dafür sorgen, dass du diesen
Anruf nie wieder vergisst.
– Fängst du immer so an?
– Du schon wieder?
– Ja.
– Was soll das? Mit Perversen will ich nichts zu tun
haben, ich denke, das habe ich klargemacht. Weck
deine Mama auf und geh mit ihr ins Bett, wenn du
willst. Aber mich lässt du bitte in Ruhe.
– Es gibt keine Mama auf der Couch. Die habe ich
erfunden. Wollte nur sehen, wie du reagierst. Quasi
ein Belastungstest gleich zu Beginn. Ich würde sagen,
du bist durchgefallen.


– Du hast mich verarscht?
– Ja. So wie du mich vorhin. Ist nur fair, finde ich.
– Respekt. Hätte ich dir gar nicht zugetraut.
– Das freut mich, Yvonne.
– Das war ziemlich abgefahren, Joe.
– Danke.
– Ich muss zugeben, ich habe wirklich gedacht, dass
du völlig humorlos und verklemmt bist.
– Bin ich das nicht?
– Schaut nicht so aus. Deshalb schlage ich vor, dass
wir noch mal von vorne anfangen. Wir gehen die
ganze Sache langsam und behutsam an. Wie du nämlich
schon richtig gesagt hast, geht es hier darum,
den Anrufer so lange wie möglich in der Leitung zu
halten. Damit ich so viel Geld wie möglich verdiene.
– Du bist witzig.
– Ja, das bin ich wohl.
– Und sehr ehrlich.
– Da muss ich dich leider enttäuschen.
– Du heißt also nicht Yvonne?
– Natürlich nicht.
– Und du schaust auch nicht so aus wie auf der
Anzeige?
– Auf welcher denn? Ich habe in verschiedenen Zeitungen
inseriert. Mit unterschiedlichen Fotos. Welches
hast du vor dir?
– Blond, große Brüste.
– Oh ja, die ist heiß. Das Foto funktioniert am besten.
– Wer ist die Frau?
– Keine Ahnung, ich hab das Foto aus dem Netz
geklaut.
– Aber das ist doch strafbar, oder? Warum erzählst
du mir das?
– Weil ich mich dir zuliebe bemühe, ehrlich zu sein.
– Aber es fällt dir schwer.
– Ja. Weil es am Ende nur darum geht, Illusionen zu
verkaufen. Wenn die Männer da draußen große
Brüste wollen, habe ich große Brüste. Wenn sie auf
kleine stehen, habe ich kleine. Ich bin alles, was du
dir wünschst, Joe.

– Also was macht dich an? Warum hast du mich angerufen?
– Das ist eine gute Frage.
– Darf ich raten?
– Ja.
– Du bist verheiratet, in deiner Ehe läuft es nicht mehr
so richtig. Du bist verzweifelt und wolltest endlich
wieder mal Dampf ablassen. Richtig?
– Falsch.
– Dann bist du einer dieser einsamen Kerle, die niemanden
haben, mit dem sie reden können. Du hattest
seit Monaten keinen Sex, wahrscheinlich schon
seit Jahren nicht. Und jetzt hast du dich nach langem
Hin und Her endlich dazu durchgerungen, bei
dieser Nummer anzurufen.
– Nein, so ist es auch nicht.
– Wie ist es dann, Joe?
– Ich bin glücklich verliebt.
– Ich verstehe. Und deshalb rufst du die Frau mit den
großen Titten an.
– Es ist kompliziert.
– Ich habe Zeit, Joe. Und ich höre dir gerne zu. Aber
weil ich heute einen guten Tag habe, sage ich es dir
noch einmal. Dieses Gespräch kostet Geld. Vor allem,
wenn du dich entschließt, länger auszuholen.
– Geld spielt keine Rolle.
– Das sagst du jetzt. Aber nachher bereust du es. Es
wäre nicht das erste Mal, dass sich hier einer um
den Verstand redet. Wenn du also möchtest, kann
ich mein Strickzeug kurz zur Seite legen, und wir
machen es miteinander.
– Strickzeug? Kein Scherz?
– Kein Scherz. Ich bin nackt, und ich stricke. Sitze in
meinem Schaukelstuhl und warte darauf, dass aus
dieser verdammten Wolle ein Pullover wird. Aber
leider ist die Sache wesentlich schwieriger, als ich
mir das vorgestellt habe. Ich bin völlig unbegabt,
was das Stricken angeht.


– Du bist also nackt?
– Ja. Da ist nur der Wollfaden auf mir.
– Erzähl mir mehr.
– Ich dachte, du wolltest mit mir über deine wunderbare
Beziehung reden.
– Wie schaust du wirklich aus? Kleine Brüste?
– Was denn nun, Joe? Doch die Sexhotline?

– Ficken oder reden, Joe? Du musst dich entscheiden.
– Reden. Wie gesagt. Ich bin verliebt.
– Noch mal, Joe. Warum rufst du hier an?
– Wir telefonieren doch nur. Es ist nichts passiert.
– Noch nicht, Joe. Aber der Wollfaden, der zwischen
meinen Beinen liegt, sagt mir, dass es nicht mehr
lange so bleiben wird. Kaschmir, Joe. Diese wunderbare
Wolle ist wie ein Finger, der mich da unten
berührt. Wenn ich weiterstricke, läuft der Faden
genau über meine feuchte Muschi.
– Muschi?
– Ja, Joe. Muschi.
– So hat meine Mutter dazu gesagt, als ich ein Kind
war.
– Du kannst sie auch Fotze nennen. Oder Möse, wenn
dir das lieber ist. Wichtig ist nur, dass sie nass ist.
Und dass sie sich jetzt durchaus vorstellen könnte,
wie du sie leckst.
– Hör bitte auf, so zu reden.
– Wie rede ich denn?
– Das ist ordinär. Und widerlich. Ich will das so nicht.
– Aber ich spüre doch, dass du heiß bist, Joe. Am liebsten
würdest du mir mein Strickzeug aus der Hand
reißen und über mich herfallen, stimmt’s?
– Nein.
– Warum nicht?
– Ich kann nicht.
– Schämst du dich?
– Nein.
– Doch, das tust du, Joe. Das alles hier passt nämlich
nicht in deine Welt. Es ist dir peinlich, dich mit
einer wie mir über ihre feuchte Muschi zu unterhalten.
So ist es doch, oder? Deine Geliebte könnte
ja davon erfahren. Sie würde dir das nie verzeihen,
richtig?
– Richtig.
– Das ist Schwachsinn, Joe. Und weißt du auch,
warum? Es gibt gar keine Geliebte. Und du bist auch
nicht glücklich, du bist allein da draußen. Und nur
aus einem einzigen Grund rufst du die Tittennummer
an. Weil da sonst keiner ist, der dich in den Arm
nimmt, Joe. Niemand außer mir.
– Du irrst dich.
– Und du bist feige. Traust dich nicht. Tust nicht, was
du gerne tun möchtest.
– Das ist lächerlich. Ich muss mir das hier nicht anhören.
– Du bist dir also zu gut dafür, es der versauten
Schlampe am Telefon zu besorgen. Du hältst dich
für etwas Besseres, nicht wahr? Aber das ist lächerlich,
Joe. Weil du in Wirklichkeit doch nur ein verklemmter
kleiner Scheißer bist. Einer, der mir Märchen
erzählt, weil er nicht imstande ist, sich ein
einziges Mal im Leben fallen zu lassen.

– Du bist eine traurige Figur, Joe. Du verschwendest
dein Geld. Und meine Zeit.
– Dann lege ich jetzt besser auf.
– Nein, das tust du nicht. Wir sind noch nicht fertig
miteinander.
– Doch, das sind wir.

 

 

Gibt es Schöneres, als zwei Menschen zuzuschauen, wie sie sich ineinander verlieben?

Große Emotionen und die nötige Portion Spannung treffen in Bernhard Aichners „Kaschmirgefühl“ aufeinander. Wir alle kennen die Sehnsucht nach einem glücklicheren Leben, und diese Sehnsucht ist es, die Gottlieb und Marie immer weitertreibt – mit Wucht in die offenen Arme des Anderen …


Zum Buch

Andrej Kurkow über seinen neuen Roman „Kartografie der Freiheit“

Drei junge Paare aus Litauen wollen in Andrej Kurkows „Kartografie der Freiheit“ den europäischen Traum von einer besseren Zukunft zum Leben erwecken. Schnell holt sie jedoch die schmerzhafte Realität ein – entgegen dem Ideal eines Europas ohne Grenzen spalten sich Union und Gesellschaft in vermeintlich „alte“ und „neue“ Europäer. Plötzlich finden sich die jungen Paare als Fremde an den gesellschaftlichen Rand und in den finanziellen und persönlichen Ruin gedrängt. Warum es für den Autor auch zwei Arten von Europäern gibt und warum er von dem Land Litauen so fasziniert ist, erzählt er in seinem Nachwort.

Auszug aus „Kartografie der Freiheit“:

Flüchtlinge sind in den letzten Jahren in Europa zu einem zentralen Thema geworden. Immer wieder wurde die Befürchtung geäußert, Europa könne daran zerbrechen. In meinem Roman geht es nicht um Flüchtlinge. In meinem Roman geht es um Europäer, die den Wegfall der Grenzen und die europäische Zusammengehörigkeit ernst nehmen. In meinem Roman geht es um junge Leute, um Litauer, die die Rückkehr ihres Landes nach Europa als ein Signal verstehen, das „europäische Glück“ zu suchen und zu finden, als Anlass, in dem europäischen Traum „aufzugehen“: in Paris, London, Venedig und anderswo. Der europäische Traum war nie so konkret wie der American Dream. Ihn zu verstehen und zu ergründen, steht noch aus. Nicht nur für die Figuren in meinem Buch, sondern für uns alle. Warum geht es in meinem Buch um Litauen und die Litauer? Weil der einstmals größte Staat Europas – das Großfürstentum Litauen – heute ein kleines Land am Rand der Europäischen Union ist, das die anderen Europäer aus Mangel an Zeit übersehen. Im „alten Europa“ nennt man die Litauer oft in einem Atemzug mit Bosniern, Serben, Bulgaren, Polen und Ungarn und impliziert, diese Migranten seien eigentlich gar keine richtigen Europäer, auch wenn sie aus Mitgliedsländern der Europäischen Union kommen. Das „neue“ – östliche – Europa ist für die Bewohner des „alten“ Europas nach wie vor etwas nicht ganz Dazugehöriges, Unverständliches, beinahe Fremdes. Das hat auch damit zu tun, dass man viel Zeit investieren und sich mit der Geschichte und Kultur der Länder auseinandersetzen muss, wenn man dieses Europa, das so neu eigentlich gar nicht ist, verstehen will. Litauen ist nur eines dieser Länder. Bevor ich „Kartografie der Freiheit“ geschrieben habe, bin ich zwölf Jahre lang nach Litauen gereist. Jahr für Jahr, mehrere Male. Ich wusste am Anfang nichts. Irgendwann war ich unheimlich fasziniert von diesem unglaublich interessanten Land, seinem Volk, seiner Geschichte und Kultur. Ich lernte Litauisch, um noch besser zu verstehen, wie die Menschen denken. Länger als alle anderen Völker in Europa waren die Litauer Heiden. Die Black Boxes für die sowjetischen Flugzeuge wurden nur in Litauen hergestellt. Ich frage mich immer noch, ob diese beiden Tatsachen etwas miteinander zu tun haben. Mehr als andere Länder leidet Litauen unter dem europäischen Traum: Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung sind auf der Suche nach dem europäischen Glück ins alte Europa ausgewandert, haben ihre Heimat verlassen, aber nicht vergessen. Die Osteuropäer träumen noch von einem Europa, in dem sie satt und glücklich sind und von Unheil verschont bleiben.

Andrej Kurkow wohnt in Kiew und beherrscht insgesamt elf Sprachen, unter anderem Litauisch. Foto: Fotowerk Aichner

Die Bewohner des alten Europas haben sie etwas Banales, Altmodisches und Lästiges, das ihren Erwartungen und Hoffnungen nicht gerecht geworden ist. In meinem Roman gibt es sozusagen zwei Europa: das alte und das neue und damit natürlich auch zwei Gruppen von Europäern. Die einen glauben an Europa und knüpfen all ihre Hoffnungen daran, die anderen leben einfach in Europa, ohne es bewusst wahrzunehmen. Diese beiden Europa werden in meinem Roman von den Gedanken und Wanderungen einer mir sehr wichtigen Figur verbunden: von Kukutis. Er ist weniger realistisch als die anderen Protagonisten. Halb mythische Figur, halb Mensch, stolzer Besitzer von sechs Pässen, hat er den Ersten Weltkrieg miterlebt und den Zweiten als Augenzeuge erlebt.

Er folgt den jungen Litauern, die ihr Land verlassen haben, und weiß schon vor ihnen, wo und wann ihnen ein Unglück zustoßen wird. Kukutis ist unterwegs, um ihnen zu helfen, weiß aber, dass er nie rechtzeitig zur Stelle ist. Und das ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass er im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hat und nun mit einem gesunden Bein und einer Holzprothese nicht besonders schnell vorwärts kommt. Er ist die gute Seele all jener Litauer, die ihre Heimat verlassen haben. Aus der eigenen Erfahrung kennt er noch die Zeit, als West- und Osteuropa ein Ganzes, einfach Europa waren. Das ist für ihn bis heute so. Wie auch für mich, den Autor.

Ich habe den Roman 2012 zu schreiben begonnen. 2013 wollte die ukrainische Regierung den europäischen Weg nicht fortsetzen und dem Volk den europäischen Traum nehmen. Die Menschen in der Ukraine haben daraufhin eine Revolution gestartet und eine neue Staatsmacht gewählt, die das Land wieder auf europäischen Kurs gebracht hat. Wegen der Ereignisse von 2013/2014 habe ich die Arbeit an dem Roman unterbrochen. Erst 2015 konnte ich weiterschreiben. Ich war und bin bis zum heutigen Tag gleichzeitig Europa-Optimist und Europa-Realist. Vielleicht hat deswegen mein Roman nichts von einem Märchen.

Andrej Kurkow

 

Hier geht es zu Kurkows neuem Roman Kartografie der Freiheit!

 

Kurkow muss nicht böse oder radikal sein, um mitten ins Herz zu treffen.“
Der Stern, Annett Klimpel

„Spannung, Einfühlung, Witz und Zynismus“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Hannes Hintermeier  (aus den Pressestimmen zu „Der wahrhaftige Volkskontrolleur“)

„Ich werde wahrscheinlich bis zum letzten Atemzug arbeiten.“ Michael Krüger im Videointerview

Michael Krüger erzählt von verschiedenen Arten von Flucht in seinem neuen Roman: der Flucht aus dem Leben, der Flucht in ein Leben, der Flucht voreinander, der Flucht zueinander, nicht zuletzt auch von der Flucht vor dem Ruhestand. Und er zeichnet wie nebenbei das wunderliche Gesicht der Gegenwartsgesellschaft – melancholisch und hochkomisch, resignativ und unverbesserlich hoffend.

Der Schriftsteller, Verleger und Herausgeber feiert seinen 75. Geburtstag – und findet die Vorstellung, nichts mehr zu tun, aberwitzig.

Der Erzähler deines Romans „Vorübergehende“ ist ein Getriebener – weshalb flieht er den beschaulichen, schönen Lebensabend?

Ja, das ist eine eigene Erfahrung. Ich weiß eben nicht, was ist ein schöner Lebensabend? Ich bin ja nun auch nicht mehr der jugendliche Held und habe mich immer gefragt … Die Vorstellung, nichts mehr zu tun, ist so aberwitzig. Das heißt, es ist ein Ethos, dass man immer weitermacht. Das steckt irgendwie in einem drin. Würde ich Boule spielen oder Skat oder so etwas, dann würde ich abends ins Gasthaus gehen und spielen. Aber ich kenne das nicht, kann das nicht. Ich werde wahrscheinlich bis zum letzten Atemzug selber immer arbeiten. Und natürlich ist das eine Projektion auf diesen Mann, der immer aufhören will, vor allem weil er eine Arbeit macht, die er durchschaut hat. Weil er sieht, dass Menschen, die sich nach dieser Idee von Arbeit richten, natürlich auch viel zugrunde richten. Wir haben den Fall ja überall in der Politik: Einer kann nicht loslassen. Im Theater, überall. Es gibt Intendanten, die nach fünf Jahren aufhören, und es gibt Intendanten, die bis zum letzten Blutstropfen unbedingt Theaterleiter sein wollen. Und ein bisschen von dieser Ausweglosigkeit zwischen dem einen Extrem und dem anderen steckt in dieser Person. Er ist ja Coach. Das heißt, er geht durch die Welt und versucht, den Leuten klar zu machen, wie sie Schwächen schwächen und Stärken stärken. Eine uralte, nicht besonders originelle Form der Unternehmensberatung, die aber nach wie vor und bis heute in vielen Unternehmen angewandt wird. Warum kann man sich nicht verbessern in der Arbeit, in Abläufen etc.? Und nur weil man alt ist, kann man ja den Tod nicht überlisten. Man kann also die Zeit vor dem Tod Schwächen schwächen, Stärken stärken … Das haut nicht hin. Das heißt, er kann nur eins machen, er kann so weitermachen wie bisher, um auf diese Weise dem Tod mitzuteilen: Bei mir hast du nichts zu suchen, es geht bei mir weiter. Aber das ist natürlich eine Selbstlüge und ein Selbstbetrug. Ein bisschen etwas von diesem Problem wollte ich in diesem Buch verhandeln.

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Und dieser Coach glaubt also, dass er seinem Leben Sinn geben kann, wenn er einem unbekannten Mädchen hilft?

Ja, das ist … da steckt natürlich eine lange Überlegung, die jetzt gar nichts mit dem Roman zu tun hat, aber die in dem Roman verhandelt wird, drin. Nämlich – das ist ja ein Mensch, der die Sprache des Erzählers nicht kann, mehr oder weniger stumm sitzt sie ihm gegenüber – und die Frage ist: Wie gehen wir mit dem Fremden um? Was machen wir mit dem Fremden? Wir können natürlich sagen, wie in vielen Ländern mittlerweile, wir machen die Grenze dicht und die sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst. Aber das ist natürlich die peinlichste Art und Weise, mit Menschen umzugehen, die nicht die eigene Sprache sprechen, den eigenen kulturellen Hintergrund haben, die die gesellschaftlichen Codes nicht kennen und so weiter. Deshalb dachte ich mir, das ist ganz gut, dass so einer, der immer auf den richtigen Effekt hin sein Leben organisiert hat, der wird plötzlich von einer Sprachlosen überrumpelt. Er, der alle Probleme zu verbalisieren gelernt hat … Das war sein Leben: „Wo ist das Problem? Wir müssen es besprechen und dann machen wir eine bessere Lösung.“ Aber ich bin nicht der Meinung, dass in ganz substantiellen Fragen der Gesellschaft wirkliche Verbesserungen zu machen sind. Wir sind eben sehr sterbliche und sehr randständige Figuren und haben uns gerade einmal so eingerichtet, dass jetzt für ein paar Jahrzehnte Frieden war. Aber wir tun so, als sei das die höchste Form des Zusammenlebens überhaupt. Und ich glaube überhaupt nicht daran. Und ich bin sehr davon überzeugt, dass das Fremde, wenn es bei uns selbst einbricht, uns noch einmal zu einem ganz anderen Leben verführen könnte. Das heißt, wir könnten nachdenken und mit denen etwas entwickeln, was zu unser aller Nutzen ist und der ganzen Welt nutzt, weil man etwas jetzt vormachen könnte. Stattdessen haben alle Angst, machen die Grenzen zu, schotten sich ab, wollen nichts damit zu tun haben und tun so, als lebten wir in Europa auf einer Insel der Seligen, die nicht von Unbefugten betreten werden darf. Dieses Schild: „Für Unbefugte Betreten verboten!“ Das ist so ganz gegen meine Haltung im Leben. Und ich finde: Wenn ein bisschen von diesen Problemen in dem Buch vorkommt, dann hat es schon seine Schuldigkeit getan.

Und so hat auch der Erzähler etwas von der Unbekannten Jara zu lernen?

Ja, die ist ja in dem Buch eine Zeichnerin. Die ist zunächst einmal jemand, der auf einem weißen Blatt Papier eine Welt erfindet. Die kommt in eine Welt – nämlich die Welt des Erzählers –, eine hoch gerüstete, elaborierte Welt, in der es alles gibt und wo Reisen kein Problem ist und Pass und Altersversicherung inklusive. Und sie hat gar nichts und bekommt von ihm weißes Papier geschenkt, und dann malt sie eine Welt. Und diese Welt ist weit davon entfernt, eine ideale zu sein, aber es ist doch eine, die nur ihr gehört. Und die durch keinen – durch keine Erziehung, durch keine Reglementierung, durch keine Schule, Universität oder sonst irgendwas, Familie – beeinflusst ist; das ist ihre Welt, die sie, so gut sie kann, aufs Papier bringt. Und ganz offensichtlich ist sie so begabt, dass tatsächlich etwas entsteht, was eine andere Welt darstellt. Ich bin natürlich immer versucht, – selber – mir vorzustellen, was eigentlich auf den Blättern ist. Ich würde wahnsinnig gerne haben, dass jemand das einmal ernst nimmt und sagt: „Ich lese dieses Buch und werde mir jetzt einen Block anschaffen und einmal versuchen, ob ich etwas auf das Papier bekomme, was sozusagen äquivalent ist zu dem, das diese Jara macht.“ Denn die meisten von uns haben ja viele Probleme, die sie nicht bewältigen können. Aber vielleicht ist das … Das klingt jetzt ein bisschen hochtrabend, ich meine es aber ganz konkret, simpel. So, wie man … – glaube ich – sich besser erfährt, wenn man alle Texte, die man sehr liebt, mit der Hand abschreibt: Alle Gedichte, die man gernhat, in ein Buch „Gedichte“. So entsteht eine eigene Welt in der Zusammensetzung. Und so, denke ich mir, ist dieses, dieses große Projekt von dieser Jara, die keiner kennt, die keine Geschichte hat, keiner weiß, wo die genau herkommt – irgendwo vom Balkan. Keiner weiß, wo die Mutter ist, es gibt keinen Pass, es gibt gar nichts. Man weiß nicht einmal ein Geburtsdatum. Aber … Ich glaube, man würde sehr viel von ihr erfahren, wenn man diese Zeichnungen angucken würde. Und all diese Sozialarbeiter, die da immer kommen und fragen: „Was machen wir denn mit dem Mädchen?“ Die gucken natürlich nie die Zeichnungen an – die würden sagen: „Sie sind wohl verrückt geworden. Was sollen wir denn hier die Zeichnungen angucken? Das hat doch … Ich brauche Beweise, dass die irgendwoher kommt.“ Kurzum: Ein bisschen etwas von dieser Idee ist ja in der Umschlagzeichnung realisiert, aber ich glaube eben: Es ist eine Tragödie für den Menschen, dass er vom ersten bis zum sechsten oder zehnten Schuljahr – Kindergarten und so weiter – Zeichnungen macht – und dann nie mehr. Nie mehr! Und es ist so billig, man kann sich einen Block kaufen und anfangen … Keiner macht das. Warum?

Vorübergehende. Ein Roman, der im Gedächtnis verweilt.

 

 

Ein erfolgreicher Mann vor dem Ruhestand auf der Suche nach dem Sinn seines erschreckend gelungenen Lebens: Hier trifft einer, der alles hat und doch nur die Leere kennt, auf eine, die gar nichts hat, und dennoch an Leben ungleich reicher ist. Diese Konstellation schildert Michael Krüger mit der größten Lust, davon abzuschweifen. Denn wenn sein Erzähler seine Gedankenfahrt aufnimmt, bleibt keiner geschont: nicht die Menschen um ihn herum, nicht die deutschen Landsgenossen, am wenigsten er selbst.

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